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Großbritannien nach dem Brexit: Die Probleme auf der Insel

Die Britinnen und Briten müssen derzeit mit etlichen Ärgernissen klar kommen. Was auf der Insel nicht recht funktioniert, hat häufig auch mit dem Brexit zu tun.Die wirtschaftliche Lage in Großbritannien ist mies wie lange nicht mehr: Die Rezession hat offiziell begonnen, die Inflation liegt bei mehr als elf Prozent, die Reallöhne sinken. Finanzminister Jeremy Hunt will mit rund 55 Milliarden Pfund (63 Milliarden Euro) Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen die leere Kasse auffüllen.Über den Winter federt die Regierung immerhin die besonders explodierten Verbraucherpreise für Strom und Gas ab – ab April müssen die Briten jedoch wohl selbst deutlich tiefer in die Tasche greifen.Ohne Strom im Winter?Während man in Deutschland im Sommer über kaum etwas so hitzig diskutierte wie den Füllstand der Gasspeicher, war Großbritannien von politischem Chaos abgelenkt: Erst musste Premierminister Boris Johnson gehen, dann starb die Queen und nach knapp sechs Wochen im Amt war auch für Johnsons Nachfolgerin Liz Truss Schluss. Die Warnung der britischen Stromnetzbetreiber dürfte für viele daher sehr plötzlich gekommen sein: Sollte im Winter nicht genug Gas eingelagert sein, müsse schlimmstenfalls der Strom abgestellt werden - zumindets vorübergehend.In einem "unwahrscheinlichen Szenario" könnten Haushalte und Unternehmen teilweise mit geplanten dreistündigen Stromausfälle konfrontiert sein, um die Stabilität des Netzes gewährleisten zu können, hieß es vom National Grid Electricity System Operator (ESO).Züge stehen stillVor einigen Monaten schrieben britische Medien von einem "Sommer der Streiks". Dieser ist nun längst vorbei, doch gestreikt wird noch immer. Regelmäßig stehen etliche Züge still, weil sich die Beschäftigten der weitgehend privatisierten Bahnunternehmen nicht mit den Arbeitgebern einig werden. Auch die Beschäftigten der Royal Mail sind im Arbeitskampf, so dass Post oft auf sich warten lässt.Die Preise steigen und steigenMehr als elf Prozent sind die durchschnittlichen Preise für frische Lebensmittel, Brot, Milch und Teebeutel in Großbritannien im Vergleich zum vergangenen Jahr schon gestiegen. Die Bank of England warnt vor einer "historischen Rezession", doch bereits jetzt treffen die hohen Kosten für Nahrungsmittel die Briten und Britinnen im Alltag.Inzwischen zählt das Land fast doppelt so viele Tafeln wie Filialen der Fast-Food-Kette McDonalds. Der größte Betreiber des Nothilfe-Angebots, der Trussell Trust, berichtet, dass die Nachfrage um mehr als 80 Prozent gestiegen sei. Einige Geschäfte bieten freiwillig Sonderrabatte für systemrelevante Berufe an - beispielsweise ein Fischhändler in Bristol, der seine Preise für Ärzte und Krankenschwestern des öffentlichen Gesundheitssystems NHS um 20 Prozent senkt.Andere Unternehmen bitten derweil die Bevölkerung darum, ihre eigenen Beschäftigten zu unterstützen: So ruft einer der größten Bus- und Bahnanbieter Großbritanniens, "National Express", die Fahrgäste in einigen Bussen dazu auf, sich bei den Fahrerinnen und Fahrern mit einem Trinkgeld zu bedanken.Fehlende FachkräfteWirtschaftlicher Aufschwung geht nicht ohne Fachkräfte: Gerade in Dienstleistungsbranchen – etwa in der Gastronomie oder Logistik – fehlen Großbritannien jedoch Arbeitskräfte, auch weil es für sie keine einfachen Visa gibt, die den Weg auf den britischen Arbeitsmarkt ebnen.Vor dem Brexit arbeiteten oft EU-Bürger in diesen Jobs, viele von ihnen haben mittlerweile aber die Insel verlassen. "Was wir brauchen, sind Menschen, die die Jobs machen, die die Bevölkerung nicht machen will", sagte der Ökonom Charles Goodhart kürzlich der "Financial Times". Die nächste SeucheDie Corona-Pandemie haben die Briten – unabhängig von der Infektionslage – weitgehend für beendet erklärt, nun macht die nächste Seuche dem Land zu schaffen. Mit mehr als 200 bestätigten Fällen erleidet Großbritannien nach Angaben des Umweltministeriums den bisher größten Ausbruch von Vogelgrippe. Das Virus trifft unter anderem Truthähne – und damit eine traditionelle Weihnachtsmahlzeit.Fast ein Drittel der jährlichen Truthahnproduktion von 11 Millionen Tieren sei gekeult worden, berichtete die Zeitung "Daily Mail" bereits Ende Oktober. Außerdem sind seit Anfang Oktober nach Angaben des Verbands British Free Range Egg Producers Association (BFREPA) mehr als 750.000 Hennen getötet worden, weshalb die Eier knapp werden. Supermärkte rationieren daher bereits den Verkauf.Abwasser an der KüsteWer an die britische Küste reist, muss sich hier und dort auf eine unangenehme Erfahrung gefasst machen, die in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder für Entrüstung sorgte: Überschüssiges Abwasser darf, wenn nach starken Regenfällen die Rohre zu den Kläranlagen zu voll sind, direkt in das Meer und die Flüsse geleitet werden - diese Option nutzten zuletzt etliche Kläranlagen. Dutzende Strände wurden daraufhin wegen Verschmutzung gesperrt.Baufällige WohnungenWährend die Mietpreise insbesondere in der Hauptstadt London in ungekannte Höhen schießen, tut sich bei der Instandhaltung und Isolierung der Immobilien wenig: "Mindestens" Zehntausende Wohnungen im Land seien wegen Feuchtigkeit und Schimmel nicht sicher, gab Bauminister Michael Gove in einem BBC-Interview zu."Wir wissen, dass es eine beträchtliche Anzahl von Immobilien gibt, von denen einige in den 1960er und 1970er Jahren gebaut wurden und sich in einem schlechten Zustand befinden", sagte der konservative Politiker. Sie müssten dringend renoviert oder repariert werden.Das Problem mit dem BrexitDass der Handel mit der EU eingebrochen ist und Post-Brexit-Handelsdeals wie jene mit Japan oder Australien bislang nicht halten, was man sich von ihnen versprochen hat, macht klar: Der Brexit lähmt das Königreich. Die unabhängige Wirtschaftsaufsicht OBR betont, der Brexit habe "erhebliche nachteilige Auswirkungen auf den Handel" mit der EU gehabt und schädige die Wirtschaft nachhaltig. Die öffentliche Unterstützung ist einer Umfrage zufolge auf ein Rekordtief gesunken. 56 Prozent der Menschen in Großbritannien halten den Brexit mittlerweile für einen Fehler, wie das Meinungsforschungsinstituts Yougov herausfand. Von denjenigen, die selbst für den Austritt gestimmt haben, halten nur noch 70 Prozent an ihrer damaligen Meinung fest – so wenige wie noch nie.