Fehlermeldung

Deprecated function: Array and string offset access syntax with curly braces is deprecated in include_once() (line 20 of /mnt/web715/a0/94/5496894/htdocs/automotivemedia-cms/includes/file.phar.inc).

Kann Inklusion Behinderten wirklich helfen?

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, ein "Tag der Befreiung" soll dieser Mittwoch für die Amerikaner werden, findet Herr Trump. Deshalb will er heute seine aggressive Zollpolitik verschärfen: Sämtliche Importprodukte könnte der Präsident mit denselben Aufschlägen belasten, die beim Export eines vergleichbaren US-Produkts anfallen. Das kann vom Auto bis zur Bierflasche alles betreffen und klingt nur vordergründig gerecht. Denn erstens will Trumps Team bei der Berechnung auch "andere Faktoren" wie etwa Subventionen oder nationale Regularien einbeziehen, was der Willkür Tür und Tor öffnet. Zweitens sind Zölle, das lernen Wirtschaftswissenschaftler schon im ersten Semester, nie gut: Die Firmen holen sich das Geld zurück, indem sie ihre Produkte teurer verkaufen. Ergo müssen alle Kunden dies- und jenseits des Atlantiks mehr bezahlen, folglich kaufen sie weniger, die Wirtschaft schwächelt, die Staaten nehmen weniger Steuergeld ein und können weniger in Krisenbekämpfung investieren. Die EU-Staaten wären von Trumps "Befreiungstag" massiv betroffen, weshalb Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen "starken Plan" als Reaktion angekündigt hat. Sehr viele Leute wünschen sich heute vermutlich, die Welt möge lieber von diesem Donald befreit werden. Bei diesem Gedanken möchte ich die heutige Portion Donaldismus belassen und auf ein anderes Thema umschwenken. Das betrifft ebenfalls sehr viele Menschen, doch anders als der Lautsprecher in Washington stehen sie fast nie im Rampenlicht. Nur heute ist das anders, jedenfalls ein bisschen. Weltweit gibt es 1,3 Milliarden Menschen mit Behinderung. Manche sagen auch: Menschen mit Assistenzbedarf. In Deutschland sind es fast 8 Millionen Menschen mit schwerer Behinderung, was 9,3 Prozent der Bevölkerung entspricht. Bei einem großen Treffen in Berlin soll es heute und morgen um konkrete Verbesserungen für sie gehen: Mehr als 3.000 Vertreter von Regierungen und Zivilorganisationen kommen zum 3. Weltgipfel für Menschen mit Behinderung zusammen. Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz und Jordaniens König Abdullah II. eröffnen die Konferenz. "Mit dem Weltgipfel wollen wir nicht nur in Berlin Inklusion voranbringen, sondern auch konkrete Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen weltweit anstoßen", verspricht die geschäftsführende Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD). Gemeint ist damit, dass die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen umgesetzt werden soll . Diese vor 17 Jahren in Kraft getretene Konvention hat weitreichende Folgen: Im Kern verlangt sie, dass Menschen mit Behinderung autonom und selbstbestimmt leben und voll in die Gesellschaft integriert werden sollen. Fachleute sprechen von Inklusion. Das klingt gut und hat für die Betroffenen vielerorts Verbesserungen gebracht, auch hierzulande. Wie so oft, wenn Dinge gut gemeint sind, hat die Sache aber auch einen Haken. Inklusion sagt sich leicht, setzt jedoch einen gigantischen Umbauprozess der Sozialversorgung voraus und produziert enorme Kosten. Alle Menschen mit Assistenzbedarf vollständig zu integrieren würde bedeuten, möglichst viele gesellschaftliche Einrichtungen entsprechend auszustatten – von Kitas, Schulen und Universitäten über Arbeitsplätze in Büros, Handwerksbetrieben und Fabriken bis zu Geschäften, Straßen und Verkehrsmitteln. Fast überall, wo das ernsthaft versucht wird, tauchen Probleme auf. Immer mehr Kommunen schlagen Alarm, weil sie den organisatorischen und finanziellen Aufwand nicht stemmen können und sich von der Politik alleingelassen fühlen. Zugleich sehen langjährige Behinderteneinrichtungen ihre Existenz infrage gestellt: Sie müssen damit rechnen, dass der Staat ihre Unterstützung kürzt oder gar streicht, weil die Bewohner dort nicht länger "separiert" leben sollen. Vielen Häusern droht die Schließung, ohne dass es für die Betroffenen adäquate Auffanglösungen gibt. Die wohlklingende Theorie der Vereinten Nationen und der deutschen Bundespolitik ist das eine – die Praxis vor Ort das andere. Als ich noch zur Schule ging, hatten wir einen blinden Mitschüler. Wir versuchten ihn in der Klasse so gut wie möglich zu integrieren, aber im Sport, im Handwerksunterricht, beim schnellen Wechsel der Räume und bei den Abiturklausuren zeigten sich die Grenzen. Wenn ich heute daran denke, meine ich: Wir alle haben damals von der Anwesenheit dieses Schülers profitiert. Er lernte, sich in einem Umfeld von Sehenden zurechtzufinden, und wir anderen wurden für die Lebensumstände von Blinden sensibilisiert. Aber leicht gemacht hat man es weder ihm noch uns. Schaue ich mich mehr als 30 Jahre später in unserer heutigen Gesellschaft um, habe ich den Eindruck: Viel weitergekommen sind wir nicht. Ist vollständige Inklusion die Lösung? Vielleicht sollte sich die Politik auf realistische Ziele konzentrieren, statt etwas zu versprechen, was die Gesellschaft kaum erfüllen kann – und was am Ende mehr Probleme als Lösungen schafft. Besuch als Provokation Eigentlich hat Benjamin Netanjahu daheim genug um die Ohren. Nicht nur, weil er trotz vereinbarter Waffenruhe wieder im Gazastreifen gegen die Hamas vorgeht, wobei in den vergangenen zwei Wochen nach UN-Angaben mindestens 322 Minderjährige getötet wurden. Oder weil er die libanesische Hauptstadt Beirut bombardieren lässt, um Hisbollah-Funktionäre zu eliminieren. Da sind ja auch noch die "Katargate"-Affäre, der laufende Korruptionsprozess gegen ihn selbst und die womöglich unrechtmäßige Entlassung seines Inlandsgeheimdienstchefs Ronen Bar. Das Umfeld des israelischen Ministerpräsidenten wirkt wie ein Minenfeld . Gleichwohl nimmt Netanjahu sich heute Zeit für eine mehrtägige Auslandsreise: Es geht nach Budapest, zu seinem Kumpel Viktor Orbán. Der müsste den Besucher zwar eigentlich festnehmen lassen, weil der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag im November wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit einen Haftbefehl gegen Netanjahu verhängt hat und Ungarn das Gericht anerkennt. Dass er genau das aber nicht tun werde, hatte der ungarische Premier direkt nach Erlass des Haftbefehls verkündet und seinen Amtskollegen demonstrativ eingeladen. Bis Sonntag wollen sich die beiden Trump-Fans gemeinsam an ihrer Provokation erfreuen. Der Rest schüttelt den Kopf. Türken stehen auf Seit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu einsperren ließ, reißen die Proteste im Land nicht ab. Besonders beeindruckend waren die Bilder vom Samstag, als in Istanbul bis zu zwei Millionen Menschen für die Freilassung des wichtigsten Oppositionspolitikers demonstrierten – obwohl Erdoğans Regime mit allen Mitteln versucht, seine Kritiker einzuschüchtern . Während die türkische Regierung damit gerechnet hatte, dass die Proteste nach kurzer Zeit wieder abebben würden, hat sich die oppositionelle CHP, die Partei von İmamoğlu, zum Ziel gesetzt, die Großkundgebungen zu verstetigen. Trotz Bayram-Ferien soll die nächste Demonstration in der Bosporus-Metropole schon heute stattfinden. Zusätzlich soll der Unmut der Zivilgesellschaft nun jeden Samstag in einer anderen türkischen Großstadt auf die Straße getragen werden; zunächst in Trabzon am Schwarzen Meer. Wenn die Demokratieverteidiger durchhalten, könnte das Ende der Ära Erdoğan tatsächlich näher rücken. Bild des Tages Das Problem von Bielefeld ist, dass es diese Stadt gar nicht gibt. Das wissen auch die Bielefelder, weshalb sie bekanntlich eine Stadt gebaut haben, um zu vertuschen, dass diese eigentlich gar nicht existiert . Soweit das Allgemeinwissen. Sonderbar ist allerdings, dass es in dieser nichtexistenten Stadt einen Fußballverein namens Arminia geben soll, der angeblich (so hat es jedenfalls das Fernsehen gebracht) den weltberühmten Club Bayer Leverkusen gestern Abend in einem wichtigen Spiel besiegt haben soll. Sogar so wichtig soll dieses Spiel gewesen sein, dass die drittrangigen Bielefelder Kicker, die es eigentlich gar nicht geben kann, dank ihres Erfolgs nun das Endspiel des DFB-Pokals erreicht haben. Dort würden sie entweder auf den famosen VfB Stuttgart oder auf die Marketingmannschaft aus Leipzig treffen, was hitzköpfige Fußballfans so oder so als "Knaller-Finale" besingen würden. Nüchterne Zeitgenossen hingegen wissen natürlich: Das alles ist großer Humbug. Was nicht ist, kann auch nicht werden. Jetzt muss das nur noch jemand den Bielefeldern verklickern. Lesetipps Der dienstälteste SPD-Ministerpräsident tritt ab: Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil hinterlässt eine große Lücke in der Sozialdemokratie. Kann der Nachfolger sie füllen? Unser Reporter Daniel Mützel hat nachgeforscht . Frankreichs Rechtsnationalistin Marine Le Pen versucht, sich als Justizopfer zu inszenieren. Das ist lächerlich, kommentiert unser Autor Kay Walter . Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz soll in den Cum-Ex-Skandal verwickelt sein. Nun prüft die Bundestagsverwaltung eine neue Spur, berichtet unser Rechercheur Carsten Janz . Kölns langjährige Oberbürgermeisterin Henriette Reker tritt nicht wieder an. Im Interview mit meinen Kollegen Shonai Halfbrodt und Nils Frenzel bedauert sie vor allem eine politische Entscheidung . Zum Schluss Die Errungenschaften der Ampelregierung haben durchschlagenden Erfolg. Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de Gefällt Ihnen der Tagesanbruch? Dann leiten Sie diesen Newsletter an Ihre Freunde weiter. Haben Sie diesen Newsletter von einem Freund erhalten? Hier können Sie ihn kostenlos abonnieren. Alle bisherigen Tagesanbruch-Ausgaben finden Sie hier . Alle Nachrichten von t-online lesen Sie hier . Mit Material von dpa.