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Hamburg Block-Prozess: Angeklagter sagt aus und gesteht Entführung

Am siebten Verhandlungstag sagt Tal S. aus – und schildert die Nacht der mutmaßlichen Entführung mit ausführlichen Details. Christina Block und die weiteren Angeklagten sind im Gericht eingetroffen. Ein Platz im Saal 237 des Gerichts in Hamburg bleibt am Donnerstag leer: Stephan Hensel, der Ex-Mann und Christina Block, der in dem Prozess als Nebenkläger auftritt, ist nicht da. Nachdem Pressevertreter Fotos und Videos gemacht haben, erscheint der Mann, dem heute das Wort gehören wird: Tal S. Es ist 9.40 Uhr, die Richterin erteilt ihm das Wort. "Guten Morgen an uns alle", begrüßt er die Anwesenden, sein Dolmetscher übersetzt. Er würde darlegen, dass sein Mandant kein muskelbepackter Ex-Mossadagent sei, so hatte es der Strafverteidiger Sascha Böttner in seinem Eingangsplädyoer angekündigt. Nachdem schon am vergangenen Prozesstag sein Mandant Tal S. mit seiner Einlassung begonnen hatte, soll es heute am Hamburger Landgericht weitergehen. Angeklagter Tal S. soll einer der mutmaßlichen Entführer sein Der Israeli steht vor Gericht, weil ihm vorgeworfen wird, einen wichtigen Teil in der mutmaßlichen Entführung der Bock-Kinder gespielt zu haben. Mit ruhiger, aber fester Stimme spricht der 36-Jährige: zunächst redet er über die Staatsanwaltschaft. Einige Menschen würden dieser vorwerfen, Fehler zu machen und sich von Medien beeinflussen zu lassen. Diesen Eindruck teilt er keineswegs: Er habe die Anklageschrift mehrmals gelesen und finde, die Staatsanwaltschaft mache einen sehr guten Job. Tal S. schildert mutmaßliche Entführung Er möchte chronologisch über das Geschehen sprechen, was ab Ende 2023 geschah: Er sei am 28. Dezember 2023 in Hamburg angekommen. Zuvor sei er nicht in der Hansestadt gewesen. Am Tag danach habe er sich mit anderen Mitarbeitern der Sicherheitsfirma ein Auto gemietet und habe sich auf den Weg nach Dänemark gemacht, "um die Lage zu prüfen". Er spricht des Öfteren von dem "Plan", von "der Operation" – der mutmaßlichen Entführung. Mutter, Mossad, TV-Star: Die vielen Gesichter hinter dem Block-Prozess Ingo Bott legt nach: Warum Christina Block schweigt – und wann sie wieder antworten möchte Der Plan sei folgender gewesen, führt S. aus: In der Silvesternacht "aktiv zu werden". Dafür habe man die Familie in Dänemark genau beobachtet: Stephan Hensel und seine Frau Astrid sowie seine Kinder. "Wenn sie von der Silvesterfeier zurückkommen – wenn alle ein wenig müde und betrunken sind, wollten wir die Kontrolle übernehmen", erzählt Tal S. Der Plan sei es gewesen, die Erwachsenen zu "neutralisieren", und dann die Kinder in ihre Obhut zu nehmen. "Schnell und sauber", so beschreibt es der 36-Jährige. Tal S. konkretisiert zum "Neutralisieren" des Vaters Hensel, dass er außer Kraft gesetzt werden sollte – mit "Tesafilm", so sagt er aus. Weg wurde ausgekundschaftet Geplant sei gewesen, dass sie durch den Wald über die Grenze nach Deutschland gehen, wo ein Wohnmobil sie abholen sollte. Um die Route auch nachts zu finden, seien sie diese zuvor mit dem Auto abgefahren. In der Silvesternacht hätten sie beobachtet, wie die Familie gemeinsam mit den Kindern das Haus verließ. "Man hört nicht, wenn die Leute schreien, wenn es ein lautes Feuerwerk gibt", sagt Tal S. Doch sie rechneten nicht damit, dass es dort, wo Hensel mit seinen Kindern war, ungewöhnlich ruhig blieb – die Straßen waren nahezu leer, kaum jemand war unterwegs. Schließlich stand die Familie allein neben einem Gebüsch. "Da haben wir unsere goldene Chance gesehen, mit der Operation zu starten", erinnert sich der Israeli. Die Beteiligten der "Operation" hätten während der gesamten Zeit Masken getragen. Erst im Wald hätten sie diese abgenommen, um die Kinder zu beruhigen. Ihnen sei gesagt worden, dass sie nach Hause kämen – zu ihrer Mutter, die sie liebt. An die genauen Worte könne er sich nicht erinnern, da er kein Deutsch spreche, aber es sei etwas in der Art gesagt worden, um den Kindern die Situation zu erklären. Anschließend liefen sie durch den Wald. Sie hätten so schnell wie möglich über die Grenze kommen wollen. Die Kinder hätten gut Englisch gesprochen. Kinder wehrten sich gegen Tal S. Tal S. sei verwirrt gewesen: Er habe gedacht, dass sie die Kinder retten und diese dafür dankbar sein würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Kinder hätten sich gewehrt. "Sie versuchten, uns zu schlagen und sie versuchten abzuhauen", erinnert sich der 36-Jährige. Da habe sich der Israeli an die Erzählung erinnert, dass die Kinder vom Vater einer Gehirnwäsche unterzogen worden seien. "Deswegen benutzten wir das Tape auch für die Kinder, auch wenn das nie so geplant gewesen war", erinnert sich Tal S. In der Anklageschrift stehe zudem, dass die jüngere Tochter gehört habe, dass Tal S. gesagt habe, dass er die Kinder zur Not auch töten würde. "Niemals in meinem Leben, hätte ich das gesagt", stellt der Israeli klar. Bei diesem Thema wird er laut, er erhebt die Stimme, mehrmals wiederholt er das Gesagte. "Bevor ich den Kindern ernsthaft etwas angetan hätte, hätte ich mir selbst etwas angetan", betont er. "Was ist das für ein kranker Vater?" Die Truppe sei weiter entlang der geplanten Strecke gelaufen – doch plötzlich hätten sie Musik gehört: eine Party. Deshalb hätten sie umdenken und einen neuen Weg einschlagen müssen. Dieser sei anstrengender gewesen, mehrfach seien sie in den Matsch gefallen – sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen. Den körperlich schwächeren Sohn hätten sie jedoch oft auffangen können, wenn er gestürzt sei – bei der Tochter sei das schwieriger gewesen. Irgendwann habe Tal S. eine Kette an der Tochter entdeckt, die Ortungssignale aussenden könne. Er habe gedacht: "Was ist das für ein kranker Vater, der so etwas in einer Silvesternacht an seiner Tochter anbringt?" So etwas habe er bisher nur bei einem Hund gesehen. Er wisse nicht, ob das in Deutschland normal sei, um eigene Kinder zu orten – doch wo er herkomme, mache man so etwas nicht. Sein Fazit: Der Vater müsse paranoid sein. Er habe die Kette daraufhin weggeschmissen. Mutmaßliche Entführer bringen Kinder auf Hof in Deutschland Nach einiger Zeit hätten sie die Grenze überquert. Danach habe Tal S. nicht gewusst, was mit den Kindern passiere. Sie seien bei einem Wohnmobil angekommen, wo andere Menschen auf sie gewartet hätten. Dann seien sie direkt losgefahren, einige Stunden hätten sie im Auto gesessen. Die Kinder hätten die meiste Zeit geschlafen. Irgendwann seien sie auf einem Hof angekommen. "Ich wusste überhaupt nicht, wo ich in Deutschland bin", sagt Tal S. Auf dem Hof sei eine Familie gewesen, die sich um die Kinder gekümmert und ihnen Essen gegeben habe. "Dann erinnere ich mich an den Tag, als Frau Block selbst erschienen ist, mit ihrer Tochter Greta", erzählt Tal S. Er habe eine Frau gesehen, die sehr bewegt gewirkt habe, die "wie im Traum" gewirkt habe. "Diese Kinder mögen Sie wahrscheinlich nicht" Sie habe nicht sehr selbstbewusst gewirkt – wie eine Mutter, die nicht wisse, wie sie an ihre Kinder herantreten solle, die sie so lange nicht gesehen habe. "Wie im Traum", wiederholt Tal S. Er habe auch mit ihr gesprochen und ihr von der schwierigen "Operation" erzählt – und ihr gesagt, dass sie jetzt um ihre Kinder kämpfen müsse. "Diese Kinder mögen Sie wahrscheinlich nicht, wollen nicht bei Ihnen sein", habe Tal S. zu ihr gesagt. Doch sie sei ihre Mutter, deshalb müsse sie nun um die Herzen der Kinder kämpfen. Auch mit der Tochter Greta habe Tal S. gesprochen – sie sei froh gewesen, ihre Schwester und ihren Bruder wiederzusehen, zu denen sie so lange keinen Kontakt gehabt habe. Der Israeli spreche von einem "positiven Feedback" – das habe ihm ein gutes Gefühl gegeben, das Gefühl, das Richtige getan zu haben. "Kinder retten" sei das Ziel gewesen David B., der Chef des israelischen Sicherheitsunternehmens, habe ihn vor der Silvesternacht gefragt, ob das alles klappen könne. Er habe diese Frage bejaht. Tal S. habe die "Operation" angeführt: Weil er im Kampfsport geübt sei, habe er den Vater in der Nacht "neutralisieren" sollen. Ihm sei erzählt worden, dass Hensel groß und stark sei, dass er möglicherweise bewaffnet sei, weil er verrückt sei. Ihm sei zudem die Anweisung gegeben worden, den Vater "sanft" zu überwältigen und ihn nicht zu verletzen. "Unser Ziel war es letztendlich, die Kinder zu retten", so der Israeli. In der Nacht, als die Operation begann, sei Tal S. auf den Vater gesprungen, um ihn zu Boden zu bringen. Das sei ihm gelungen. Unerwartet sei ihm jedoch jemand zu Hilfe gekommen: ein deutscher Mann. Diesen habe er vorher nicht gekannt, auch erinnere er sich nicht an dessen Kosenamen. "Die Hilfe war nicht notwendig – er hat Hensel einfach verprügelt, auf eine Weise, die nicht gebraucht wurde", beschreibt Tal S. Er habe den Vater bereits in Gewahrsam gehabt und wollte ihn gerade mit Tesafilm sichern. "Es ist alles sehr schnell passiert, Rucki-Zucki" "Man muss verstehen: Es ist alles sehr schnell passiert, Rucki-Zucki", erzählt Tal S. Doch der ursprüngliche Plan mit dem Tesafilm habe nicht funktioniert: Der Vater sei außer sich gewesen und habe laut geschrien. Daraufhin habe man ihm eine Hand auf den Mund gedrückt, um ihn ruhig zu halten. Tal S. habe die ganze Zeit auf Hensel gesessen, um ihn am Boden zu fixieren. Irgendwann sei er von seinem Bekannten "Schlomi" gerufen worden – die Kinder seien bereits im Auto gewesen, er solle kommen. Tal S. habe den Vater losgelassen und sei in Richtung Auto gesprintet. "Und dann sind wir einfach losgefahren", erinnert sich Tal S. Er habe noch gesehen, dass der Vater dem Auto hinterhergerannt sei und versucht habe, etwas zu werfen. In der Klageschrift stehe, Tal S. habe den Kopf der jüngeren Tochter heruntergedrückt. "Doch das kann nicht sein: Ich war nicht in dem Auto, in dem sich die Kinder befanden", sagt der Israeli. Deshalb könne er nichts dazu sagen, was im Fahrzeug mit den Kindern passiert sei. Während Tal S. spricht, blickt Christina Block meist ausdruckslos in den Raum. Manchmal tauscht sie Blicke mit ihrem Anwalt Ingo Bott oder sieht zu Tal S. hinüber. "Heute denke ich: Vielleicht war der Vater gar nicht so gefährlich" Tal S. habe das gute Gefühl gehabt, seinen Teil getan zu haben, tatsächlich "geholfen" zu haben. "Heutzutage jedoch sehe ich das anders", beschreibt der 36-Jährige. Die ersten Assoziationen, die ein Israeli mit den Deutschen habe, seien der Holocaust und Hitler gewesen. Ansonsten habe er nicht viel über die Deutschen und ihre Kultur gewusst. Heute habe er die hundertprozentige Gewissheit, dass die deutschen Behörden korrekt arbeiten würden. Wenn diese das Gefühl gehabt hätten, dass es den Kindern beim Vater nicht gut ergangen sei, hätten sie die Kinder wahrscheinlich selbst dort herausgeholt. "Heute denke ich: Vielleicht war der Vater gar nicht so gefährlich, gar nicht so böse, wie er mir beschrieben wurde." "Ich möchte mich bei Herrn Hensel entschuldigen" Dann wurde es plötzlich emotional im Gerichtssaal. Tal S. blickte reuevoll in Richtung des Anwalts von Hensel und gefragt, warum dieser heute nicht anwesend sei. Der Anwalt erklärtet, dass sein Mandant heute nicht kommen könne, obwohl er die Aussage des Israelis gerne gehört hätte. Und dann sagte Tal S.: "Ich möchte mich bei Herrn Hensel entschuldigen. Ich wollte ihn nicht verletzen", sagt der 36-Jährige. Von der Meden, der Hensel vertritt, antwortete für seinen Mandanten, mit dem er dies zuvor besprochen habe: "Er nimmt ihre Entschuldigung an." Tal S. setzte fort und erklärte weiter: "Ich möchte mich auch bei den Kindern entschuldigen: Es tut mir leid." Tal S. berichtet von negativen Erfahrungen im Gefängnis Der Angeklagte beschrieb weiter, dass er es nicht für gut halte, wenn die Kinder vor Gericht aussagen müssten. Diese sollten nicht noch mehr leiden. Auch wenn das für Tal S. negative Konsequenzen habe, falls die Kinder nicht aussagen würden: "Ich will sie schützen, will mich vor sie stellen", beschreibt Tal S. Kinder sollten nicht vor Gericht müssen – sondern Kinder sein dürfen, nach Disneyland fahren oder Ähnliches. "Ich sitze nun seit einem Jahr hier im Gefängnis, als Israeli im deutschen Gefängnis", so Tal S. Rund 80 Prozent seiner Mitinsassen seien muslimisch, teilweise extremistisch eingestellt – er habe keine leichte Zeit dort, einige von ihnen würden ihm den Tod wünschen. "Wenn seine Kinder ihn so lieben, ist er sicherlich ein guter Mensch" "Ich war immer auf der anderen Seite, war auf der Seite des Gesetzes", beschreibt der 36-Jährige. Und nun sitze er mit Menschen zusammen, die schwere Verbrechen auf dem Gewissen hätten. Doch diese Menschen seien momentan die einzige Familie, die er habe. Dadurch habe er gelernt, das Gute in Menschen zu sehen – und im Hinblick auf Hensel sage er: "Er ist vielleicht nicht der Vater des Jahres. Doch wenn seine Kinder ihn so lieben, ist er sicherlich ein guter Mensch." Und genau das habe Tal S. in der Silvesternacht gespürt: Der Vater habe gekämpft, für seine Kinder, die er liebe, alles gegeben – auch wenn der Israeli die Angst in seinen Augen gesehen habe. Und dann wollte der 36-Jährige noch eine Botschaft an Hensel senden: "Er soll den Krieg zwischen ihm und seiner Ex-Frau beenden, für die Kinder." Warum er sich mit dieser Bitte an den Vater wende? "Weil er der Stärkere ist", so der Israeli. Kinder bräuchten beide Elternteile: ihre Mutter und ihren Vater. Der Anwalt von Hensel sieht den 36-Jährigen während seiner Worte durchgehend intensiv an, wirkte aufmerksam und zugewandt. Die Richterin unterbricht ihn schließlich behutsam und fragte, ob Tal S. noch Angaben zur Sache habe. "Hassen hat seine Zeit, Liebe hat seine Zeit" Tal S. kommt nun langsam zum Ende einer Einlassung und möchte sich an das Gericht wenden. "Ich bin kein Engel. Ich sehe auch nicht wie einer aus: aber ich bin ein Mensch, der etwas Gutes tun wollte", stellt er klar. Aber er wüsste, dass man für Fehler Verantwortung übernehmen müsse. Und dann wendet er sich mit einer Bitte ans Gericht – auch wenn das für ihn und seine Familie nicht günstig sei: "Wenn ich eine Strafe bekomme, soll dafür niemand anderes bestraft werden. Ich bin derjenige, der die alleinige Verantwortung übernimmt." Er wolle, dass andere Menschen nicht mit ihm darunter leiden sollen. Und dann zitiert Tal S. aus der Bibel und spricht auf Deutsch: "Hassen hat seine Zeit, Liebe hat seine Zeit, Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit." Und weiter: "Ich bin fertig, vielen Dank." Für einen kurzen Moment herrscht Stille im Gerichtssaal, bevor die Richterin die Mittagspause ankündigt. Ingo Bott stellt in der Mittagspause nochmal klar, dass Christina Bott von dem Geplanten nichts gewusst habe. Das zeige seiner Meinung nach auch die Aussagen von dem Israeli. "Ich finde das bemerkenswert, dass der Angeklagte auch endlich an die Kinder denkt, dass er diesen emotionalen Appell heute im Gericht verkündet hat. Ich hoffe, Herr Hensel nimmt sich das zu Herzen", sagt er zu den Journalisten. Darum geht es heute im Prozess gegen Christina Block Im Prozess um die Entführung der Kinder von "Steakhouse-Erbin" Christina Block steht heute die Aussage von Tal S. im Fokus. Der Kampfsportler und frühere Ermittler soll Teil des sogenannten "Greifkommandos" gewesen sein, das die Kinder von Block und ihrem Ex-Mann Stephan Hensel aus Dänemark verschleppte. Block selbst ist als mutmaßliche Auftraggeberin der Tat angeklagt. Tal S. will seine Einlassung heute fortsetzen – mit Unterstützung eines Dolmetschers. Der gebürtige Israeli spricht Hebräisch; sein Beitrag dürfte umfangreicher ausfallen als der anderer Mitangeklagter. Für heute kündigte er Details zur Nacht der Entführung an.