Frankreich: Dorf Saint-Guilhem-le-Désert kämpft gegen Touristenmassen
Ein malerisches Dorf in den Schluchten des Hérault zieht Hunderttausende Touristen an – und stößt an seine Grenzen. Die Einwohner zeigen sich zunehmend genervt. Enge Gassen aus Naturstein, eine romanische Abtei am Jakobsweg und eine Kulisse aus wilden Kalksteinfelsen: Saint-Guilhem-le-Désert zählt zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Nur 30 Autominuten von Montpellier entfernt, ist der Ort für viele eine sehenswerte Attraktion. Bis zu 800.000 Menschen reisen jedes Jahr an – dabei leben hier gerade einmal 250 Einwohner. Die meisten empfinden die Touristenströme als Last und fühlen sich in ihrem Alltag eingeschränkt. Rentner Gérard Vareilhes klagte dem Radiosender "franceinfo": "Man geht nicht raus, wann man will. Einkaufen muss man genau planen. Abends kann man die Fenster nicht offenlassen, weil es zu laut ist." Tipps: 10 Reiseziele am Mittelmeer, die nicht jeder kennt Touristenmassen: Schottlands schönste Route droht im Müll zu versinken Ein großes Problem: der Verkehr Die engen Gassen des mittelalterlichen Dorfes sind den Massen an Autos nicht gewachsen. Schon vor über 15 Jahren zog die Gemeinde die Notbremse: Der Zugang zum Ortskern wurde gesperrt, stattdessen entstand ein großer Parkplatz außerhalb. In der Hochsaison stehen dort bis zu 550 Plätze bereit. Von dort bringen Shuttlebusse die Besucher in den Ort. Bürgermeister Robert Siegel ist überzeugt, dass diese Maßnahme nötig war: "Wenn zu viele Menschen auf engem Raum sind, macht das niemandem Freude, weder den Bewohnern noch den Gästen", sagte er "franceinfo". Saint-Guilhem-le-Désert und der "Instagram-Effekt" Doch die Verkehrsfrage ist nicht das einzige Problem. Wie viele andere Orte in Europa leidet Saint-Guilhem-le-Désert unter dem "Instagram-Effekt". Fotos in sozialen Netzwerken machen das Dorf zu einem Hotspot und ziehen noch mehr Menschen an. Um den Druck zu verringern, setzt die Gemeinde jetzt auf eine neue Strategie: Bestimmte Sehenswürdigkeiten und Wanderwege werden bewusst nicht mehr beworben. Das Ziel ist es, die Besucherströme zu entzerren, die Aufenthalte zu verlängern und gleichzeitig die Region als Ganzes zu stärken. Statt dass alle Touristen nur das berühmte Dorf ansteuern, sollen auch umliegende Ziele profitieren. Wenn die Idylle zur Last wird Für viele Einwohner bleibt die Situation dennoch schwierig. Rein rechnerisch kommen auf jeden Dorfbewohner über 3.000 Touristen pro Jahr. Das verändert den Alltag massiv. Cafés und Plätze im Schatten der uralten Platanen sind für Gäste reserviert, Einheimischen bleibt oft nur der Rückzug. Gleichzeitig sichert der Tourismus Arbeitsplätze und Einnahmen. Ohne Besucherströme könnten viele Betriebe im Hérault kaum überleben. Die Gemeinde versucht daher, einen Mittelweg zu gehen: Sie möchte das Kulturerbe schützen, die Infrastruktur entlasten und den Menschen vor Ort ein lebenswertes Umfeld erhalten.