Tödlicher Jahrhundertwinter: Schneekatastrophe 78/79 frostete den Norden
Aktuell sorgt Winterwetter für Probleme im Norden – doch 1979 war das Chaos noch deutlich schlimmer. Die Jahrhundertkatastrophe forderte mehr als 20 Tote. Seit Tagen hält der Winter den Norden Deutschlands fest im Griff. Glatte Straßen, Schnee und Eis sorgen vielerorts für Einsätze der Räumdienste. Noch mindestens bis zum kommenden Wochenende soll die winterliche Wetterlage mit teils kräftigen Schneefällen anhalten. Zwar mussten Regionalbahnen und Busse in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein vorübergehend den Betrieb einstellen. Doch mit dem Chaos, das im Winter vor fast 50 Jahren im Norden Deutschlands herrschte, ist die aktuelle Situation nicht vergleichbar. Zum Jahreswechsel 1978/79 traf eine außergewöhnliche Wetterlage die Region: Rund 150 Orte waren wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Der Schaden lag bei weit über 100 Millionen Mark, mehr als 20 Menschen starben. Unerwartetes Wetterchaos in Norddeutschland Der Wetterbericht der ARD-"Tagesschau" für den 29. Dezember 1978 ließ die heraufziehende Katastrophe noch nicht erahnen. Angekündigt waren "zum Teil länger anhaltende Niederschläge, östlich der Elbe Schnee, sonst Regen". Die Temperaturen sollten zwischen minus 3 und 2 Grad liegen, dazu ein "mäßiger bis frischer und böiger Wind". Nur wenige Stunden später kam das öffentliche Leben in weiten Teilen Norddeutschlands nahezu vollständig zum Erliegen. Über der Ostsee trafen eisige, trockene Luft aus Skandinavien und feuchte Warmluft aus dem Rheinland aufeinander. Daraus entwickelte sich eine seltene Kaltwetterfront, die sich rasch nach Süden ausbreitete. Meterhohe Schneeverwehungen und orkanartige Stürme zerstörten Stromleitungen, ganze Ortschaften waren plötzlich ohne Versorgung. Der Bahnverkehr wurde eingestellt. Auf der A7 blieben zahlreiche Silvesterurlauber auf dem Weg nach Dänemark stundenlang liegen, ebenso auf vielen weiteren Straßen im Norden. Teilweise wurden Autofahrten komplett untersagt. Heftiger Kälteeinbruch mit Eisbergen Die Temperaturen fielen innerhalb kürzester Zeit auf rund minus 20 Grad. An den Küsten bildeten sich meterhohe Eisberge, in Ostholstein lagen bis zu 70 Zentimeter Schnee. In mehreren Regionen riefen die Behörden den Katastrophenalarm aus. Ulrich Cramer war damals als Bundeswehrpilot im Einsatz, vor allem im östlichen Schleswig-Holstein und im Raum Angeln. "Damals gab es zu viel Schnee an zu vielen Stellen", erinnerte er sich 2021 im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Hubschrauber der Bundeswehr warfen Futtersäcke über Bauernhöfe ab, lieferten Windeln für Babys, Medikamente und Lebensmittel. Kranke, Schwangere und Dialysepatienten wurden in Krankenhäuser geflogen. "Mit unserem Funk konnten wir auch die Meldungen der Feuerwehr und der Polizei hören", erinnert sich Cramer. Auch dort, wo Schneewehen Straßen blockierten, kamen die Hubschrauber zum Einsatz. "Fliegerisch war das für uns kein Problem. Es war klare Luft, sehr gute Sicht, keine tiefen Wolken, kein Niederschlag." Zwei oder drei Frauen habe er damals zur Entbindung geflogen. Panzer räumten Schnee und halfen Kranken In Niedersachsen prägten zum Jahreswechsel 1978/79 Panzer das verschneite Straßenbild. Weil Räumfahrzeuge die Schneemassen nicht bewältigten, versuchten Soldaten der Bundeswehr, die Autobahn zwischen Hamburg und Hannover mit Bergepanzern freizumachen. In einem dieser Panzer kam sogar ein Kind zur Welt. Zu den Eltern von Anica Ehlers im Ort Hellingst im Kreis Osterholz-Scharmbeck konnte kein Krankenwagen mehr gelangen. Für einen Hubschrauberflug war das Schneetreiben zu dicht. Ein gepanzerter Mannschaftstransporter aus der Kaserne in Schwanewede kämpfte sich schließlich zu den werdenden Eltern durch. Mitten auf einer Kreuzung wurde das Mädchen geboren. Experten und Politik erkannten bald, dass die eigentliche Katastrophe weniger der Wetterlage selbst geschuldet war als der Infrastruktur, die dafür ungeeignet war. Allein in Schleswig-Holstein waren mehr als 500 Stromleitungen unterbrochen – unterirdische Netze galten damals noch als zu teuer. Erst als Folge des Winters 1978/79 wurden zunehmend Stromkabel unter der Erde verlegt. Zudem zeigte sich, dass die zuständigen Krisenstäbe auf derart extreme Notlagen nicht vorbereitet waren. Zweite Schneewelle legte den Norden lahm Erst Anfang Januar 1979 ließ der Schneefall wieder nach. Doch nur wenige Wochen später wurde der Winter erneut lebensgefährlich: Im Februar brachte ein Oststurm viel Schnee über Schleswig-Holstein, den Norden Niedersachsens und die benachbarte DDR. Verkehr und Infrastruktur brachen zusammen. Ganze Dörfer waren tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, in manchen Orten wurden Lebensmittel knapp. Vom 13. bis zum 18. Februar galt wieder Katastrophenalarm. Allein in der Bundesrepublik starben insgesamt 17 Menschen in direkter Folge des Jahrhundertwinters 1978/79. In der damaligen DDR kamen mindestens fünf weitere Todesopfer hinzu. Das Ausmaß der Katastrophe wurde offenbar zu spät erkannt. Teilweise vergingen bis zu sieben Tage, ehe erste Hilfsmaßnahmen die Betroffenen erreichten. 67 Tage geschlossene Schneedecke Vielerorts blieb der Schnee bis Anfang März liegen. Als Tauwetter einsetzte, kam es häufig zu Überschwemmungen, weil das Wasser kaum abfließen konnte. Mit einer 67 Tage andauernden geschlossenen Schneedecke gilt der Winter 1978/79 als nahezu beispiellos. Vergleichbar harte Winter verzeichnete der Deutsche Wetterdienst (DWD) in den Jahren 1928/29, 1962/63 sowie 1984/85 und zuletzt 1986/87. So heftig wie in den Tagen nach dem 28. Dezember 1978 hat es in Norddeutschland jedoch bis heute nicht wieder geschneit.
