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Seltene Erden: Europa ist "extrem verletzlich" – Rohstoffexperte warnt

Die EU will bei Seltenen Erden unabhängiger von China werden. Doch die neue Rohstoffstrategie reicht nicht aus, warnt Philipp Buddemeier im t-online-Interview. Seltene Erden sind ein unscheinbarer, aber entscheidender Faktor für Millionen Arbeitsplätze in Deutschland und Europa. Sie sind eine Untergruppe der kritischen Rohstoffe, ohne die sich weder Autos noch Windräder, Maschinen oder Haushaltsgeräte herstellen lassen. Obwohl ihr Name anderes vermuten lässt, sind sie nicht unbedingt selten – wohl aber schwer zu fördern und zu verarbeiten. Genau darin liegt das Problem: Bei vielen dieser Rohstoffe ist Europa stark abhängig von wenigen Ländern, allen voran China . Fällt der Nachschub aus oder wird er politisch eingeschränkt, drohen weitreichende Produktionsstopps. Wie groß diese Risiken sind und warum sie politisch lange unterschätzt wurden, erläutert Rohstoffexperte Philipp Buddemeier im Interview mit t-online. Außerdem erklärt der Berater, warum Nachhaltigkeit für viele Firmen keine Rolle mehr spielt. Neuer Antrieb für die Wirtschaft: In der Pfalz liegt ein "Riesenschatz" Analyse: Chinas dominante Rolle auf dem Markt für Schlüsselelemente t-online: Herr Buddemeier, ist Deutschland bei Seltenen Erden ähnlich naiv abhängig wie früher beim russischen Gas? Philipp Buddemeier: Ja, wir sind extrem verletzlich in diesem Bereich. Wir sehen schon heute, dass Produktionsbänder stillstehen können, wenn Exportbeschränkungen verhängt werden. China spielt dabei eine zentrale Rolle, weil es bei Förderung und Verarbeitung vieler kritischer Rohstoffe dominiert. Die wirtschaftliche Verwundbarkeit Europas ist entsprechend hoch. Welche dieser Rohstoffe sind für Deutschland besonders wichtig? Im Grunde alle strategisch kritischen Rohstoffe wie Lithium , Kupfer und seltene Erden. Sie sind aus zwei Gründen problematisch: Erstens ist ihre wirtschaftliche Relevanz sehr hoch – etwa für Batterien, Elektrifizierung oder Industriemagnete. Zweitens sind wir bei vielen dieser Stoffe extrem abhängig von wenigen Ländern. Diese Kombination aus hoher Bedeutung und hoher Abhängigkeit ist gefährlich. Die EU hat darauf mit dem Critical Raw Materials Act reagiert: 10 Prozent des Bedarfs soll in der EU gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 recycelt werden. Reicht das aus? Überhaupt nicht. Der Beschluss formuliert Ziele, aber nur Ziele zu setzen, ist aus meiner Sicht nicht ambitioniert genug. So ist das nur Symbolpolitik. Wenn ich sage, ich will 25 Prozent meines Bedarfs durch Recycling decken, muss ich erklären können, wie ich dahin komme. Welche Anlagen werden gebaut? Wer finanziert sie? Warum sollte ein Wirtschaftsakteur daran glauben, dass diese Ziele tatsächlich umgesetzt werden? Genau diese Antworten fehlen. Warum baut Europa nicht bereits jetzt viel mehr kritische Rohstoffe selbst ab? Zum einen gibt es einige Rohstoffe in Europa schlicht nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang. China hatte bei manchen Rohstoffen einfach geologisches Glück. Doch die Volksrepublik hat vor allem jahrzehntelang strategisch investiert und Verarbeitungskapazitäten aufgebaut. Jetzt profitieren sie enorm von dieser strategischen Weitsicht: Mehr als 90 Prozent der Seltenen Erden weltweit werden in China verarbeitet. Es gibt aber auch in Deutschland und Europa Funde, etwa von Lithium . Ja, es gibt auch Vorkommen von Seltenen Erden, doch die Konzentration ist häufig zu gering, um das wirtschaftlich abzubauen. Zusätzlich fehlen neben Lagerstätten hierzulande aber vor allem Verarbeitungskapazitäten. Genau hier könnte Europa ansetzen. Was heißt das konkret? Viele Rohstoffe werden zum Beispiel im Kongo gefördert, aber anschließend in China aufbereitet. Diese Verarbeitung könnte grundsätzlich auch in Europa stattfinden. Förderung und Verarbeitung sind zwei unterschiedliche Schritte. Bei der Verarbeitung hat die EU deutlich mehr Handlungsspielraum, als oft angenommen wird. Warum passiert das bislang nicht? Weil es teuer ist und Zeit braucht. Wer neu in diese Industrien einsteigt, hat zunächst keine Skaleneffekte und keine Erfahrung. Damit ist man zunächst teurer als der Weltmarktpreis. Solange diese Rohstoffe günstig und frei verfügbar sind, ist es für Unternehmen schwer, diesen Schritt zu gehen. Die EU setzt stark auf Recycling. Doch bei vielen kritischen Rohstoffen liegen die Quoten im Promillebereich. Warum? Weil Recycling in vielen Fällen wirtschaftlich nicht attraktiv ist. Die Stoffe stecken in komplexen Produkten wie Kühlschränken oder Fernsehern und gehen in der Abfallverwertung verloren. Und selbst wenn sie Zugang zu diesem technischen Abfall hätten, ließen sich die Rohstoffe nur mit sehr hohem Aufwand zurückgewinnen. Solange das nicht profitabel ist, investiert niemand in großem Stil. Fehlen die Technologien – oder der politische Wille? Teilweise fehlen wettbewerbsfähige Technologien, teilweise fehlt die Absicherung der Anfangsphase. Neue Recyclingverfahren sind zunächst teurer. Ohne Instrumente, die diese Hochlaufphase unterstützen, wird sich daran wenig ändern. Was wäre aus Ihrer Sicht notwendig? Zum einen mehr Kapital für Innovationen, etwa über professionelle Fonds. Zum anderen staatlich unterstützte Abnahmeverträge, um die Hochlaufphase abzusichern. Wenn ein Unternehmen weiß, dass es seine Produkte zu einem garantierten Preis absetzen kann, lohnt sich der Aufbau neuer Kapazitäten. Genau so wurden auch die erneuerbaren Energien groß. China hat zuletzt Exportkontrollen eingeführt, dreht uns das Land den Rohstoff-Hahn ab? Exportkontrollen bedeuten, dass der Staat festlegt, welche Rohstoffe nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr ins Ausland verkauft werden dürfen. Für Abnehmer heißt das: Lieferungen verzögern sich, werden teurer oder fallen ganz aus – selbst dann, wenn formal kein vollständiges Exportverbot besteht. China hat die Voraussetzungen geschaffen, um seine Marktmacht jederzeit zu nutzen. Wann und wie stark China die Exporte einschränken wird, weiß niemand. Aber ich bin überzeugt, dass das in absehbarer Zeit passiert. Wir können uns garantiert darauf vorbereiten, dass China seine Dominanz nutzen wird, um sich in Verhandlungen einen Vorteil zu verschaffen mit dem Potenzial, die Wirtschaftsleistung anderer Länder massiv zu schädigen. Was würde das konkret für Europa bedeuten? Dann stehen Produktionsanlagen still – überall dort, wo Hochleistungsmagnete oder andere kritische Materialien verbaut sind. Das betrifft Automobilindustrie , Maschinenbau, Haushaltsgeräte, Windkraftanlagen. Die Bandbreite ist enorm. Kann sich Europa dagegen absichern, etwa durch Einlagerung von Rohstoffen? Lagerhaltung kann kurzfristig helfen, aber sie ist keine langfristige Lösung. Niemand kann Vorräte für Jahre anlegen. Das wäre extrem teuer, und die Mengen sind oft gar nicht verfügbar. Langfristig helfen nur neue Bezugsquellen, Recycling und vor allem die Suche nach Substituten. Was meinen Sie mit Substituten? Es geht um die Funktion, nicht um den Rohstoff. Wenn ich Energie speichern will, muss ich nicht zwingend Lithium oder Kobalt verwenden. Es gibt alternative Technologien, die mit anderen Materialien arbeiten oder ganz anders funktionieren. Dort, wo Substitution möglich ist, sollten wir viel aggressiver investieren. Sie sind nicht nur Investor für Startups aus der Kreislaufwirtschaft, sondern auch Nachhaltigkeitsberater für Unternehmen. Hat dieses Thema an Bedeutung verloren? Im Business-Mainstream ja. In der Politik und bei einem Teil der Konsumentinnen und Konsumenten auch. Es gibt weiterhin Vorreiterunternehmen, die das ernst nehmen. Aber viele Firmen haben andere Prioritäten: Kosten, Digitalisierung, Krisenbewältigung. Woran liegt das? Nachhaltigkeit erfordert langfristiges Denken, Investitionen und neue Ideen. Viele Firmen haben sich mit ambitionierten Klimazielen weit aus dem Fenster gelehnt – aber dann ist kaum etwas passiert und der Umbau der Wirtschaft steht noch aus. Gleichzeitig ist es bestimmten Interessengruppen gelungen, die Transformation zu einer dekarbonisierten Kreislaufwirtschaft als etwas darzustellen, das gegen die Interessen der Menschen gerichtet sei. Ist dieser Vorwurf nicht berechtigt, wenn massenhaft Arbeitsplätze verloren gehen? Arbeitsplätze gehen verloren, wenn man an alten, schädlichen Geschäftsmodellen festhält. Nachhaltigkeit kann Wachstum bedeuten, wenn man Geschäftsmodelle neu erfindet. Dann entstehen neue Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze – nur eben an anderer Stelle. Es gibt eine starke politische Gegenbewegung, angeführt von Donald Trump in den USA . Wirkt sich das auch bei uns aus? Ja. Wer ohnehin nichts verändern wollte, hat heute viele Argumente, nichts zu tun. Früher gab es zumindest regulatorischen Druck, jetzt ist die Bereitschaft im Mainstream gesunken. Das ist fatal. Denn wenn ich mir die ökologischen Daten anschaue, dann ist ambitioniertes und zügiges Handeln heute wichtiger denn je. Herr Buddemeier, vielen Dank für das Gespräch.