Merz in Indien: Darum geht es in der großen Kanzler-Reise
Nicht China, sondern Indien ist das erste Ziel von Friedrich Merz in Asien. Das ist bemerkenswert, hat aber einen guten Grund. Was den Kanzler im bevölkerungsreichsten Land der Erde erwartet. Grüne Bäume, bunte Papierdrachen, lächelnde Menschen in farbenfrohen Kleidern – und das alles bei Sonne und 29 Grad im Schatten: Der Kontrast zur klirrenden Kälte im schneesturmweißen Deutschland könnte kaum größer sein, wenn Friedrich Merz am Montagmorgen im indischen Ahmedabad aus dem Regierungsflieger steigt. Zwei Tage wird der Kanzler Indien bereisen. Geplant ist neben seinem Antrittsbesuch bei Premierminister Narendra Modi auch ein Abstecher in den Staat Bangalore, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, wo auch zahlreiche deutsche Firmen mit Produktionsstätten ansässig sind. Begleitet wird Merz erstmals von einer großen Wirtschaftsdelegation. Es ist Merz' erste bilaterale Reise in diesem Jahr. Zugleich ist Indien sein erstes Ziel als Kanzler nach Asien. Ein bemerkenswerter Schritt: Sein Vorgänger Olaf Scholz reiste 2023 zunächst nach Japan, Angela Merkel 2006 fast selbstverständlich nach China . Merz setzt damit bewusst andere Prioritäten. Ins Land der Mitte soll es erst ein paar Wochen später gehen, jetzt erst einmal Indien. Merz setzt andere Prioritäten als Scholz und Merkel Gründe dafür gibt es viele. Der wichtigste lässt sich in einem Wort zusammenfassen, auch wenn es ein sperriges ist: Diversifizierungsagenda. Gemeint ist damit eine Strategie der Bundesregierung , die Deutschland angesichts der internationalen Machtverschiebungen nicht länger an nur eine Handvoll internationaler Partner jenseits der EU und den USA binden will, sondern bewusst den Draht auch zu weiteren Ländern sucht, die Potenzial haben, sowohl für den Handel als auch für die geopolitischen Interessen Deutschlands. Setzte Merkel noch voll und Scholz noch mindestens so halb auf China als Handelspartner und Absatzmarkt für Waren made in Germany, will Merz darum Indien stärker in den Fokus nehmen. Das Land ist zwar längst nicht so weit entwickelt wie China. In Indien leben noch immer Millionen Menschen in Armut. Und auch wenn das Land bald eine Million Millionärsfamilien zählt, können sich gemessen an der Einwohnerzahl von fast 1,5 Milliarden dort nur wenige etwa ein Auto, geschweige denn ein deutsches leisten. Doch Indien kämpft sich wirtschaftlich nach vorn, verzeichnet traumhafte Wachstumsraten und wird auch für die Fachkräftegewinnung immer wichtiger, etwa für das deutsche Gesundheitswesen. Die Bundesregierung misst Indien also eine große Bedeutung bei. Und Indien scheint an Deutschland ebenso interessiert zu sein. So jedenfalls erklären deutsche Regierungsvertreter den besonderen Empfang, den Modi Merz am Montag macht. Modi hat Merz nämlich nicht in die Hauptstadt Neu-Dheli eingeladen, sondern in die Millionenstadt Ahmedabad im Staat Gurjara, Modis Heimatregion im Westen des Landes. Eine Aufmerksamkeit, die, so heißt es in Kreisen der Bundesregierung "bislang nur ausgewählten Regierungschefs zuteilwurde": "Dies sendet ein starkes Signal der deutsch-indischen Verbundenheit." Russland-Beziehungen bleiben heikles Thema Erwartbar freundlich dürfte so der Ton in den Gesprächen der beiden Regierungschefs werden. Und doch ist damit zu rechnen, dass der Kanzler neben einem Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen auch das aktuell brennendste geopolitische Thema anschneiden wird: Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Bemühungen um einen Frieden im Osten Europas. Indien fällt in diesem Zusammenhang eine etwas komplizierte Rolle zu. Zwar hält sich das Land aus dem Krieg und den Friedensgesprächen heraus, jedoch steht Indien – die viel beschworene "größte Demokratie der Welt" – dem autokratischen Russland noch immer weit näher als es sich viele im Westen wünschen. So bezieht Indien trotz der von Donald Trump angedrohten US-Zölle noch immer Öl und Gas aus Russland. Zudem war Indien jahrzehntelang einer der größten Abnehmer für Waffen aus russischer Produktion, auch wenn das Land unter Modi in den vergangenen Jahren die Fertigung im eigenen Land stark ausgebaut und die Abhängigkeit von Moskau so verringert hat. Merz dürfte an diesen heikleren Themen beim Austausch mit Modi kaum vorbeikommen. Fast schon vorsorglich teilte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer am Freitag in Berlin mit: "Die Bundesregierung wirkt ebenso wie die EU darauf hin, dass die indische Regierung die Umgehung von gegen Russland gerichteten Sanktionen durch indische Unternehmen unterbindet, sowie die Energieimporte aus Russland nach Indien auch reduziert werden." Viele bunte Bilder Und Merz wird – ein weiteres Ziel der Reise – weitere Unterstützung für Indiens Rüstungsindustrie mitbringen. So soll neben direkten Gesprächen zwischen Unternehmenschefs auch eine Absichtserklärung zur Stärkung der Zusammenarbeit der Verteidigungsindustrien beider Länder unterzeichnet werden – was für ähnliche Kooperationen und Militärgeräte-Deals sorgen könnte wie jener, der offenbar kurz vor dem Abschluss steht: Zuletzt hatte das "Handelsblatt" berichtet, dass der Verkauf von sechs deutschen U-Booten aus dem Hause Thyssenkrupp nach Indien schon bald unter Dach und Fach sein könnte. Bei all dem bietet die Reise für Merz aber noch etwas anderes, Wichtiges, etwas, das für ihn in der aktuellen Zeit kaum zu unterschätzen ist. Und das sind schöne, bunte Bilder. Mit Modi wird Merz den historischen Ashram Sabarmati besuchen, von dem aus einst Mahatma Gandhi den friedlichen Widerstand gegen die britische Besatzung steuerte. Anschließend wird Merz einem Drachenfest beiwohnen, später geht es zum berühmten Adalaj-Stufenbrunnen, einem architektonischen Meisterwerk Indiens, das ob seiner vielen Ornamente weltweit zu den schönsten seiner Art zählt. Merz, der Außenkanzler, der bei Reisen bislang vor allem in den Büros seiner Amtskollegen auftauchte, Hände schüttelte und wieder abflog, wird damit erstmals "nah bei de Leut'", so richtig "draußen" unterwegs sein. Es gibt also viele Möglichkeiten zur Inszenierung, die der Kanzler nutzen dürfte – und gewissermaßen auch nutzen muss: Zuhause in Deutschland sind seine persönlichen Beliebtheitswerte schlecht. In der Ferne, vor spannender Kulisse, ist es schon so manch einem Politiker gelungen, im Ansehen der Deutschen zu steigen. Am Dienstag, in Bangalore, dürfte es zwar weniger glamourös und farbenfroh zugehen, dort ist unter anderem der Besuch einer Fabrik von Bosch geplant. Doch auch diese Termine sind für Merz symbolisch sehr bedeutsam: Die deutsche Wirtschaft lahmt, fürs laufende Jahr prognostizieren Experten gerade mal ein Mini-Wachstum von um die 0,8 Prozent – da schadet es zumindest nicht, im Ausland nicht immer nur für Frieden in der Welt zu kämpfen, sondern auch etwas für die heimischen Unternehmen mitzubringen. Gelingt der EU dann nach dem historischen Mercosur-Abkommen mit Südamerika auch ein Handelsabkommen mit Indien, dürften sich in Deutschland viele an Merz erinnern, der erst kurz zuvor in Indien für die deutsche und europäische Wirtschaft geworben hatte. Der dafür anberaumte große EU-Indien-Gipfel soll Ende Januar über die Bühne gehen.
