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Maurice Höfgen zur Rente: "Das aktuelle Problem sind die Babyboomer"

Deutschland kommt nicht aus der Krise. Der Ökonom Maurice Höfgen erklärt im Interview, warum das deutsche Exportmodell gescheitert ist und was eine Erbschaftsteuer mit gerechter Marktwirtschaft zu tun hat. Die deutsche Wirtschaft tut sich schwer. Während die Wirtschaft seit Jahren kaum wächst oder sogar schrumpft, steigen die Arbeitslosenzahlen auf den höchsten Stand seit zehn Jahren. Woran das liegt, warum es gerade jetzt falsch ist, bei den Sozialleistungen zu sparen, und warum Deutschland sich langfristig auf höhere Staatsausgaben einstellen muss, erklärt der Ökonom Maurice Höfgen im Gespräch mit t-online. Ende des Booms in Sicht?: BaFin warnt vor Einbruch der Finanzmärkte "Schraubenkönig" Würth kritisiert Arbeitsmoral: "Da kann einem angst und bange um Deutschland werden" t-online: Herr Höfgen, vergangene Woche meldete das Statistische Bundesamt, dass die Wirtschaft 2025 doch um 0,2 Prozent gewachsen ist. Wird jetzt alles gut? Maurice Höfgen: Nein, nach fünf Jahren Krise ist das kein Wachstum im eigentlichen Sinne. Außerdem ist diese frühe Schätzung vom Statistischen Bundesamt noch mit Unsicherheit verbunden, weil das vierte Quartal da noch nicht in Gänze berücksichtigt werden kann. Und was meinen Sie damit, dass es kein wirkliches Wachstum sei? Die deutsche Wirtschaft ist in den vergangenen zwei Jahren – nach dem Corona-Tief – wieder geschrumpft. Sie läuft nicht, sie krebst herum. Denn: Selbst mit einem Plus von 0,2 Prozent liegen wir noch immer auf dem Niveau von 2019. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Da muss man zwischen internen und externen Faktoren unterscheiden. Gerne erst mal die externen. Also die Probleme, für die Friedrich Merz nichts kann, sind, dass Wladimir Putin Krieg in der Ukraine führt, Donald Trump uns mit Zöllen überzieht und die Chinesen jetzt selbst Autos bauen und verkaufen. Das alles stellt unser auf Export ausgelegtes Wirtschaftsmodell infrage, und das lässt sich kurzfristig auch nicht ändern. Und woran krankt es im Inneren? Vor allem daran, dass sich die Binnenwirtschaft nicht von Corona und dem Energiepreisschock erholt hat. Die Menschen in Deutschland haben immer noch so wenig Kaufkraft wie 2019. Die Reallöhne sind zuletzt zwar gestiegen, aber die Verluste aus den Vorjahren sind noch nicht wettgemacht. Kein Wunder, dass sie also nicht mehr shoppen als 2019. Seit knapp einem Dreivierteljahr ist die neue Bundesregierung im Amt. Wie beurteilen Sie ihre Arbeit im Kampf gegen die Wirtschaftskrise ? Gut ist, dass es dieses große Sondervermögen gibt, dass Verteidigungsinvestitionen von der Schuldenbremse ausgeklammert sind und insgesamt mehr investiert wird als vorher. Das ist positiv. Was aber fehlt, ist ein echtes Konjunkturprogramm. Damit meine ich handfeste, milliardenschwere Entlastungen für die Verbraucher, um die Konsumkrise anzugehen. Und dafür trägt Merz sehr wohl Verantwortung. Die Regierung hat doch bereits Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise ergriffen. Aber das ist alles Stückwerk: Die Stromsteuer etwa wird nicht für Verbraucher gesenkt. Zwar gibt es kleinere Maßnahmen wie Mütterrente , Gastrosteuer, Agrardieselrückvergütung oder ein bisschen mehr Pendlerpauschale – immerhin! Aber lässt sich damit die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ankurbeln? Sicher nicht. Meine Wahrnehmung ist: Deutschland hat sich diese handfeste Konsumkrise noch nicht vollständig eingestanden. Alle reden über Bürokratie, Wettbewerbsfähigkeit und Strukturreformen, aber keiner über Konsum und Kaufkraft. Würde man das tun, wäre schnell klar: Es braucht ein echtes Konjunkturprogramm – ob das am Ende Bazooka, Wumms oder Doppelwumms heißt. Wie könnte ein solches Konjunkturprogramm denn konkret aussehen? Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Man könnte zum Beispiel den Sozialversicherungen, etwa den Krankenkassen, Geld zuschießen, damit die Sozialabgaben nicht steigen. So würde mehr Netto vom Brutto bleiben. Und sonst? Eine weitere Möglichkeit wäre, die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel zu streichen. Spanien hat das vorgemacht, das wäre eine Entlastung von rund 13 Milliarden Euro. Das würde den Konsum sofort beleben. Man könnte das sogar auf Bus- und Bahnfahrten ausweiten. Dann läge man bei rund 18 Milliarden Euro Entlastung, die unmittelbar wirken – genau dort, wo der Inflationsschmerz sitzt: beim Griff ins Supermarktregal oder an der Kasse. Das wäre populär, ist ein erprobtes Instrument und würde schnell Wirkung entfalten. Aber erreicht eine Mehrwertsteuerentlastung wirklich die Verbraucher? Ja. Während der Corona-Krise wurde die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr von 19 auf 16 und von 7 auf 5 Prozent gesenkt. Studien des ZIW und des Ifo-Instituts zeigen, dass diese Entlastung fast vollständig an die Verbraucher weitergegeben wurde. Über Firmen haben Sie noch nicht gesprochen. Dabei ist die Belastung für Unternehmen in Deutschland im internationalen Vergleich hoch. Das stimmt vor allem für die energieintensive Industrie. Sie leidet immer noch unter hohen Energiekosten und dem Verlust internationaler Absatzmärkte. Deshalb ist der Industriestrompreis ein richtiges Instrument. Und die Unternehmenssteuersenkung ? Die Unternehmenssteuer ist aktuell wirklich nicht das größte Problem der Industrie. Unternehmen leiden derzeit unter leeren Auftragsbüchern – und weniger Gewinnsteuer hilft nicht, wenn es keine Aufträge gibt. Außerdem haben Unternehmenssteuersenkungen auch in der Vergangenheit kaum Wirkung gezeigt. Das würde aber die Haushaltslöcher weiter vergrößern. Können wir uns das leisten? Natürlich kostet das Geld. Aber so ist das in einer Krise. Um die Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen, muss der Staat mehr Schulden machen. Wir machen zwar schon mehr als früher, aber noch nicht genug. Dafür braucht es mehr Mut. Wenn die Menschen mehr ausgeben, füllen sich die Auftragsbücher der Unternehmen, sie stellen wieder mehr Leute ein. Die Arbeitslosigkeit ist zuletzt drastisch gestiegen – heute sind rund 600.000 Menschen mehr arbeitslos als 2022. Unter Akademikern hat sich die Arbeitslosenquote seit 2019 sogar fast verdoppelt. Würden die von Ihnen vorgeschlagenen Reformen denn tatsächlich die Wirtschaft ankurbeln? Die Menschen kaufen dann ja nicht plötzlich mehr Butter oder Salz. Das stimmt, aber was die Leute im Supermarkt sparen, können sie an anderer Stelle ausgeben. Oder sie sparen es angesichts der Krise komplett. Gerade kleine und mittlere Einkommen haben ihre Ersparnisse vielerorts aufgebraucht. Sie verzichten am Monatsende, haben Anschaffungen aufgeschoben – und würden diese nachholen, wenn sie wieder mehr Spielraum hätten. Bei sehr hohen Einkommen oder Vermögen ist das anders: Dort ist die Sparquote hoch, zusätzliche Kaufkraft wird eher zurückgelegt. Deshalb kommt es schon darauf an, wen man entlastet. Sie setzen also vor allem auf kleine und mittlere Einkommen als Konjunkturmotor? Ja. Deshalb sind Sozialkürzungen derzeit auch ökonomisch falsch. Wenn man sich beim Bürgergeld damit rühmt, 1,5 Milliarden Euro einzusparen, dann fehlen genau diese 1,5 Milliarden Euro in der Wirtschaft. Denn wer Bürgergeld bezieht, kann nichts zurücklegen. Jeder Euro dort findet schnell wieder in den Wirtschaftskreislauf. Aber um sich das alles leisten zu können, müsste Deutschland mehr Kredite aufnehmen. Ja. Genauer gesagt: mehr Staatsanleihen verkaufen. In einer Wirtschaftskrise nicht zu investieren, aus Angst vor Schulden, ist die falsche Priorität. Wirtschaftswachstum muss Vorrang haben – das sagt ja Kanzler Merz auch. Nur: Dafür muss der Staat in Vorleistung gehen – durch höhere Ausgaben oder Steuersenkungen. Sind die momentan hohen Zinsen für Sie etwa kein Argument gegen neue Schulden? Nein, auch die Ratingagenturen sagen: Das AAA-Rating Deutschlands hängt viel weniger vom Schuldenstand ab als vom Wirtschaftswachstum. Würde die Wirtschaft wieder wachsen, bekämen wir keine Probleme mit unserem Rating, auch wenn der Schuldenstand wachsen würde. Das eigentliche Problem ist die Schuldenbremse. Höhere Zinskosten blockieren Spielräume für Rente , Bürgergeld oder Infrastruktur, weil die Schuldenbremse zu eng konstruiert ist. Also? Polemisch gesagt: Schuldenbremse abschaffen. Rechtlich und praktisch gehen nur Reformen. Selbst ohne Schuldenbremse gäbe es ja noch europäische Fiskalregeln. Aber man braucht mehr Spielraum – national und europäisch. Wollen sie etwa griechische Verhältnisse in Deutschland? Nein. Griechenland ist kein Beispiel für gescheiterte Schuldenpolitik, sondern für gescheiterte Sparpolitik. Das Spardiktat hat die Arbeitslosigkeit in Griechenland explodieren lassen, und die Wirtschaftsleistung liegt bis heute unter Vorkrisenniveau. Warum wehrt sich Deutschland dann so hart gegen die Aufnahme neuer Schulden? Weil wir uns 20 Jahre lang eingeredet haben, wir bräuchten keine Staatsschulden, um zu wachsen. Wir haben von Exportüberschüssen gelebt – teils EU-rechtswidrig hoch. Dieses Modell trägt nicht mehr. Warum nicht? Trump macht deutsche Exporte mit Zöllen teurer, unsere Autos sind auf den Weltmärkten weniger gefragt, China baut selbst immer bessere E-Autos. Ergo: Der Exportüberschuss schrumpft. Wenn das Ausland also weniger Schulden für Deutschland macht, stellt sich die zentrale Frage: Wer macht sie dann? Der Staat oder die privaten Unternehmen? Wenn man sagt, die Privaten sollen es nicht sein, bleibt nur der Staat. Irgendwer muss Schulden machen! Sind die USA entspannter im Umgang mit Schulden? Ja. Die USA sind Schulden schlicht gewohnt. Während Corona hatten sie in einem Jahr ein Staatsdefizit von 15 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auf Deutschland übertragen wären das rund 600 Milliarden Euro Defizit in einem Jahr. Die Debatte darüber wäre hier unvorstellbar gewesen – aber die USA haben es gemacht. Mit welchem Ergebnis? Die Wirtschaft der USA läuft heute besser als die deutsche. Und wir müssten nicht einmal so viele Schulden aufnehmen, weil wir immer noch einen Exportüberschuss haben, auch wenn er kleiner wird. Aber diese Vorstellung, dass Schulden per se schlecht seien und Sparen immer tugendhaft, das gilt vielleicht für Einzelpersonen, aber nicht für eine Volkswirtschaft. Heißt das, Deutschland muss sich dauerhaft an höhere Schulden gewöhnen? Ja. Wenn wir keinen riesigen Exportüberschuss mehr haben, dann muss der Staat in den nächsten Jahren dauerhaft mehr Schulden machen. Das ist unausweichlich. Kann dieses Exportmodell noch einmal zurückkommen? Kurzfristig eher nicht. Die deutsche Industrie ist zwar weiterhin in vielen Exportmärkten wichtig. Aber dass Deutschland Exportweltmeister wurde, lag nicht nur an tollen Produkten. Es lag auch daran, dass der Euro für Deutschland sehr günstig war – gemessen an unserer Wettbewerbsfähigkeit unterbewertet. Hinzu kamen gedrückte Löhne und niedrige Inflationsraten durch die Agenda-Reformen. Dadurch wurde Deutschland günstiger als andere Industrieländer wie Frankreich oder Italien und hat sie auf Weltmärkten verdrängt. Dieses Modell lässt sich nicht wiederholen. Die logische Konsequenz ist, dass Deutschland sich stärker auf die Binnenwirtschaft konzentrieren muss. Dann ist man auch weniger abhängig von Trump, Putin und Konsorten. Wie könnte Deutschland denn die Binnenwirtschaft stärken? Zum Beispiel, indem wir massiv bauen und sanieren: Infrastruktur erneuern, Gebäude energetisch sanieren. Da gibt es enorm viel zu tun. Ganz platt gesagt: Deutsche Ingenieure werden künftig eher gebraucht, um Solarpaneele auf Dächer zu bringen und Windparks zu betreiben, als Autos für ausländische Märkte zu bauen. Würde zum Ankurbeln der Wirtschaft nicht auch ein massiver Bürokratieabbau gehören? Natürlich wünschen sich alle einen schlankeren Staat. Wir müssen ihn auch schlanker machen, weil wir eine alternde Gesellschaft sind. Bis 2030 geht etwa ein Drittel der Finanzbeamten in Ruhestand. Ein komplexes Steuersystem mit vielen Bagatellsteuern können wir uns dann gar nicht mehr leisten. Ich wäre sofort dafür, die Kaffeesteuer abzuschaffen oder hohe Freibeträge einzuführen, um weniger Steuerfälle zu erzeugen. Aber dass die deutsche Wirtschaft seit fünf Jahren wegen zu viel Bürokratie nicht läuft – das kaufe ich nicht. Kommen wir zu einem anderen Thema: die Rente. Sie sind noch relativ jung. Machen Sie sich Sorgen um Ihre eigene Rente? Ich verstehe nicht, warum Änderungen am Rentensystem heute immer mit der Rente der Jungen begründet werden. Das aktuelle Problem sind die Babyboomer, die jetzt in Rente gehen. Meine Rente wird in 40 Jahren von Menschen gezahlt, die heute noch gar nicht geboren oder gerade in der Kita sind. Viele Junge haben trotzdem Angst, nichts mehr zu bekommen. Diese Sorge halte ich für übertrieben. Wie gesagt, das Problem besteht aktuell, weil mit den Babyboomern auf einen Schlag sehr viele Menschen in Rente gehen. Also glauben Sie, unser heutiges Umlagesystem wird auch noch in 40 Jahren funktionieren? Ja. Der große Fehler war, dass das Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte nicht bei den Löhnen angekommen ist. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt, die Durchschnittslöhne aber nicht. Welche Folge hatte das auf die Renten? Da Renten an Löhne gekoppelt sind, bedeuten niedrige Löhne niedrige Renten. Die dann aus dem Bundeshaushalt subventioniert werden müssen. Das Rentenproblem ist daher vor allem eine Verteilungsfrage. Mit einer gut laufenden Wirtschaft, vernünftigen Löhnen und Vollbeschäftigung können wir uns ein solides Rentensystem leisten – 2030 und auch 2070. Ihre Kernaussage ist: In Zukunft kann es besser werden. Aber was ist mit den Rentnern von heute und der Boomer-Generation? Ich fände es gut, das Rentenniveau anzuheben, aber dazu bedarf es zumindest kurzfristig höherer Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt – wegen der Schuldenbremse dann finanziert mit höheren Steuern auf Spitzenverdiener und Reiche. Weil die Verteilung in den letzten 30 Jahren schiefgelaufen ist, müsste man heute eben stärker korrigieren. Die Beitragsbemessungsgrenze anzuheben hingegen ist kein guter Hebel, weil höhere Beiträge auch höhere Rentenansprüche erzeugen. Auch mehr Einzahler allein lösen das Problem nicht. Wenn man Beamte oder Abgeordnete einbezieht, haben sie später ebenfalls Ansprüche. Und was halten Sie von einer Idee wie der Aktienrente? In einigen skandinavischen Ländern hat man damit gute Erfahrungen gemacht. Das kann man schon machen. Ich fand auch die Idee hinter dem "Lindner-Depot" ganz charmant, also dass, wenn man privat vorsorgt, ein Teil davon steuerfrei gestellt wird. Das kann man alles machen, aber es ist halt keine wirkliche Lösung für die Probleme unseres Rentensystems. Was halten Sie vom Vorschlag der SPD zur Erbschaftsteuer? Grundsätzlich ist der Vorschlag gut. Die Ausnahmen für Betriebsvermögen sind überdimensioniert und machen die Erbschaftsteuer zur Dummensteuer. Richtig, die abzuschaffen. Die höheren Freibeträge sorgen zudem dafür, dass viele kleine Erbschaftsteuerfälle wegfallen. Dadurch wird Bürokratie abgebaut. Außerdem halte ich es für gerecht, dass der Verwandtschaftsgrad beim Erben eine geringere Rolle spielt. Was fehlt, sind bislang konkrete Steuersätze. Das ist ein großer Fehler der SPD, weil jetzt alle darüber spekulieren und die Debatte im luftleeren Raum geführt wird. Spätestens, wenn das Bundesverfassungsgericht urteilt, muss man konkret werden. Das Gericht hat ja schon mehrfach kritisiert, dass die Ausnahmen für Betriebsvermögen zu groß sind. Aber Politik wird nicht von Gerichten gemacht, sondern vom Parlament. Industrieverbände warnen, dass die Erbschaftsteuer das Ende für viele Familienunternehmen bedeuten könnte. Was entgegnen Sie? Oft werden kleine Handwerker oder Bäcker vorgeschoben, um Multimillionen- und Milliardenerben zu schützen. Denn der Freibetrag im SPD-Vorschlag für Industrievermögen liegt bei fünf Millionen Euro. Ein Unternehmen muss also rund 500.000 Euro Gewinn im Jahr machen, damit sein Wert auf rund fünf Millionen Euro taxiert wird. Das trifft auf die meisten Handwerksbetriebe nicht zu. Und in den Fällen, wo tatsächlich Erbschaftsteuer gezahlt werden muss, kann die über 20 Jahre gestundet werden. Das ist wirklich eine sehr moderate Belastung. Trotzdem könnte es sein, dass manche das geerbte Unternehmen verkaufen müssen. Selbst wenn Unternehmen verkauft werden müssten – was empirisch nicht zu erwarten ist –, wäre das kein Skandal. Auch wäre das Unternehmen samt Arbeitsplätzen nicht weg, sondern gehörte nur wem anders. Interessant: Es gibt einige Studien, die zeigen, dass Unternehmen unter Familiennachfolgern oft langsamer wachsen, weniger investieren und häufiger scheitern als unter externen Investoren. Was ist mit dem Argument, Unternehmer könnten ins Ausland abwandern? Dann greift die Wegzugsteuer – und die ist oft teurer als die Erbschaftsteuer. Außerdem verlegt man Produktionsbetriebe mit Beschäftigten nicht einfach über eine Grenze. Das ist Angstmacherei und Lobbytaktik. Geht es bei der Erbschaftsteuer eher um Einnahmen oder um Gerechtigkeit? In erster Linie um Gerechtigkeit und um eine funktionierende Marktwirtschaft. Marktwirtschaft lebt von Konkurrenz. Die Erben haben enormes Glück, durch einen biografischen Zufall ein funktionierendes Unternehmen zu erhalten. Die Steuer kann aus den laufenden Gewinnen gezahlt werden, so wie Gründer ihre Kredite samt Zinsen bedienen müssen – aber anders als Erben erst noch ein profitables Unternehmen aufbauen müssen. Natürlich können die Länder die Einnahmen auch gut für Bildung verwenden. Aber das SPD-Modell zielt nicht einmal auf große Mehreinnahmen ab, sondern auf eine gerechtere Verteilung der Steuerlast. Hat der SPD-Vorschlag in der jetzigen Regierung eine Chance? In Reinform wohl nicht. Ein Kompromiss könnte sein: höhere Freibeträge und gleichzeitig weniger großzügige Ausnahmen für sehr große Betriebsvermögen. Zum Beispiel ein Mindeststeuersatz bei der Verschonungsbedarfsprüfung, also bei Erbschaften über 26 Millionen Euro. Das wäre zumindest ein bisschen Fortschritt. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Höfgen.