Winterdebatte entgleitet: Zwischen Streusalz und Staatsversagen
Vereiste Gehwege, fehlende Schneepflüge, ausgefallene Züge: Der Winter birgt Diskussionsstoff. Leider wird die Debatte so geführt, dass sie zu entgleiten droht. Deutschland hat soeben den ersten Januar seit Jahren mit einer Durchschnittstemperatur von unter null Grad erlebt. Minus 0,7 Grad reichen, um die Wetterdiskussionen heißlaufen zu lassen, als gäbe es sonst keine Möglichkeit, sich aufzuwärmen. Die Daueraufgeregten nutzen die Gelegenheit und erklären das Land zum gescheiterten Staat. Wobei eines natürlich stimmt: So richtig gut hat etliches nicht geklappt. Ein paar Flocken rieseln vom Himmel, und schon muss die Deutsche Bahn den Fernverkehr einstellen. Während Autos über geräumte Straßen fahren, sind städtische Radwege brutal vereist. Und dann streiken auch noch die Busfahrer. Wer jetzt keinen Führerschein hat, muss zu Fuß zur Arbeit, riskiert dabei aber seine Gesundheit, weil es vor den Häusern gemeingefährlich glatt ist. ÖPNV-Warnstreik: Verkehr in Deutschland – NRW meldet 500 Kilometer Stau Vereiste Hauptstadt: Berliner Bürgermeister wegen Streusalz-Vorstoß verhöhnt Es gäbe also durchaus einiges zu diskutieren. Doch für die Schlechtgelaunten wird nun sogar Streusalz zur Munition im Kulturkampf. Es heißt, das Verbot in vielen Städten sei einem verblendeten Umweltbewusstsein zuzuschreiben. Es geht um eine Ideologisierung der Winterprobleme: "Sobald ein kollektivistischer Massenwahn die Gesellschaft ergriffen hat, ist menschliches Leid nur noch Nebensache", lautet einer der zahlreichen Streusalzkommentare im Internet. Das zeige "die Geschichte". Parallelen zur Corona-Pandemie: Hauptsache, feste aufs Feindbild Darunter geht es nicht, die Folgen des Winters sind aktuell eine der Lieblingskerben der notorischen Nörgler: Hauptsache, feste drauf. Sogar die Mortalitätsrate bei Oberschenkelhalsbrüchen wird zum Thema und manche ziehen angesichts der Glatteis-Überlastung von Krankenhäusern Parallelen zur Pandemie. So werden Streusalzgegner und Coronamaßnahmenbefürworter praktischerweise zu einem Feindbild verdichtet. Wer sich konstruktiv Gedanken macht, geht unterdessen im Geschrei unter. Weniger umweltschädliche Alternativen könnten erwogen werden. Und warum ist es vor einigen Häusern eigentlich rutschiger als vor anderen? Tatsächlich haben Salz, Sand und Splitt nämlich eine Gemeinsamkeit: Sie funktionieren nur, wenn sie auch gestreut werden. Vielleicht wäre es also eine gute Idee, Hausbesitzer konsequent mit Bußgeldern zu belegen, die ihrer Pflicht zum Winterdienst nicht nachkommen? Deutschland im Winter: Darüber sollten wir reden Auch Grundsätzlicheres wäre bedenkenswert. Die Klimakrise führt offenbar dazu, dass Kommunen und Bürger die Übung im Umgang mit dem Winter verlieren. Kalte Episoden wird es aber auch in Zukunft geben. Möglicherweise nehmen sie in Mitteleuropa sogar zu, wenn die globale Erwärmung wichtige Meeresströmungen und den Polarwirbel durcheinanderbringt. Wie schaffen es die Menschen, unter diesen Voraussetzungen ein funktionierendes Zusammenleben aufrechtzuerhalten? Und was lässt sich aus dem Versagen der Deutschen Bahn lernen, die unbedingt zum profitablen Börsenunternehmen werden sollte und jetzt kaum noch Schneepflüge hat, weil diese vom Management als zu teuer eingestuft wurden? Hier wäre jeweils eine Debatte hilfreich, an der sich viele kluge Köpfe mit gerne überraschenden Impulsen beteiligen. Nur: Wenn das halbe Land damit beschäftigt ist, aus der Streusalzfrage ein linksgrünes Staatsversagen zu konstruieren, schlittert jeder Versuch, wirklich etwas zu bewegen, in den Graben.
