Carsharing: Versicherungskosten bedrohen kleine Anbieter
Carsharing soll Verkehr reduzieren und Städte entlasten, doch vor allem für kleinere Anbieter rechnet sich das Modell kaum. Es gibt dennoch Lichtblicke. Carsharing gilt als wichtiger Baustein der Mobilität. In vielen Städten soll es Haushalten ermöglichen, auf ein eigenes Auto zu verzichten, Parkraum zu entlasten sowie Bus und Bahn zu ergänzen. Die Zahl der Nutzer wächst seit Jahren, besonders in Metropolen. Neun Prozent der Haushalte in Deutschland hatten 2023 laut Bundesverband Carsharing eine Mitgliedschaft, das entspricht rund 3,7 Millionen Haushalten. In Berlin und Hamburg ist rund jeder dritte Haushalt beim Carsharing angemeldet. Doch hinter den Nutzerzahlen gerät das Modell wirtschaftlich unter Druck: Anbieter ziehen sich zurück oder stellen Angebote ein. Besonders kleinere und kommunale Betreiber kämpfen mit hohen Kosten – allen voran für Versicherungen. Zu schnell in der 30er-Zone: Diese Details entscheiden über die Strafe E-Mobilität: Neue Prämie lässt Interesse an E-Autos sprunghaft steigen Zum Jahreswechsel haben die Stadtwerke Brühl ihr Carsharing-Angebot eingestellt. Der Grund lag nicht in mangelnder Nachfrage, sondern bei den Kosten: Die bestehende Kfz-Versicherung kündigte den Vertrag, alternative Angebote hätten die Prämien mehr als verdoppelt. Für sieben Fahrzeuge wären künftig rund 60.000 Euro im Jahr fällig geworden. Ein wirtschaftlicher Betrieb war nach Angaben des Unternehmens nicht mehr möglich. Kosten sind für kleinere Anbieter ein Problem Brühl ist kein Einzelfall. Ende November 2025 stellten auch die Stadtwerke Tübingen ihr E-Carsharing "COONO" ein. Das Projekt war gut fünf Jahre zuvor gestartet, um Elektromobilität in der Universitätsstadt voranzubringen. Zwar sei das grundsätzlich gelungen, wirtschaftlich tragfähig war das Angebot nach Angaben der Stadtwerke jedoch zu keiner Zeit. Trotz wachsender Flotte, neuer Nutzungsmodelle und leicht steigender Umsätze blieb das Projekt defizitär. Als Gründe nannten die Stadtwerke unter anderem die hohen Betriebskosten einer reinen E-Auto-Flotte. Diese lägen weiterhin deutlich über denen von Carsharing-Angeboten mit kleineren Verbrennerfahrzeugen. Auch in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben sich Stadtwerke aus dem Carsharing zurückgezogen. Häufig ist von einem ungünstigen Verhältnis von Aufwand, Kosten und Ertrag die Rede. Versicherungen als Kostentreiber Eine Herausforderung bei den Kosten sind die Versicherungen. Carsharing-Fahrzeuge sind deutlich häufiger in Schäden verwickelt als private Pkw. Viele Nutzer fahren nur gelegentlich Auto, hinzu kommen Parkrempler, Vandalismus und unsachgemäße Nutzung. Branchenkenner sprechen bei kleineren Anbietern von besonders hohen Schadenquoten. Der wichtigste Versicherer des Segments, die BGV Badische Versicherungen, hat einzelne Verträge gekündigt und in anderen Fällen die Beiträge erhöht. Das Kfz-Geschäft des Versicherers steht seit Jahren unter Druck. 2024 und 2025 schrieb die BGV im Kfz-Segment Verluste. Für 2026 zeigt sich das Unternehmen vorsichtig optimistisch, schließt aber weitere Beitragserhöhungen nicht aus. Auch große Anbieter in Europa ziehen sich zurück Dass nicht nur kleine Anbieter kämpfen, zeigt der Blick ins Ausland. Der Carsharing-Anbieter Zipcar zieht sich komplett aus Großbritannien zurück und beendet sein Angebot in London . Angaben zu einzelnen Gründen macht das Unternehmen nicht, verweist aber auf einen Umbau des internationalen Geschäfts. In Europa haben sich zuletzt auch andere Anbieter aus Metropolen wie Paris , Madrid oder Mailand verabschiedet. Wachstum bei Nutzern – geringe Nutzung im Alltag Bundesweit waren zu Beginn des vergangenen Jahres rund 45.400 Carsharing-Fahrzeuge in mehr als 1.300 Städten im Einsatz. Innerhalb von zwei Jahren wuchs der Fahrzeugbestand um mehr als 20 Prozent. Im Alltag spielt Carsharing dennoch eine geringe Rolle: Der Anteil an allen Wegen liegt bei unter 0,1 Prozent. Das liegt auch daran, dass Carsharing-Nutzer ihr Auto bewusst seltener nutzen. Haushalte mit stationsbasiertem Carsharing besitzen häufig gar keinen eigenen Pkw und sind deutlich öfter mit Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr unterwegs. Markt wächst – und sortiert sich neu Der Mobilitätsdienstleister Invers stellt fest: Zwar wachse der europäische Carsharing-Markt weiter, Betreiber zögen sich jedoch gezielt aus schwächeren Regionen zurück. Trotzdem entstehen neue Carsharing-Projekte. In der münsterländischen Stadt Ochtrup sind zum Monatswechsel erstmals Carsharing-Fahrzeuge an den Start gegangen. Anders als bei vielen Stadtwerken setzen Kommunen dabei zunehmend auf Kooperationen mit privaten Betreibern. Gleichzeitig könnten auf die Carsharing-Anbieter in den kommenden Monaten weitreichende Veränderungen zukommen, wie unter anderem "heise.de" berichtet. Ein aktueller Gesetzentwurf zur verpflichtenden Bereitstellung von Mobilitätsdaten löst Verunsicherung in der Branche aus. Der Bundesverband Carsharing (bcs) hält die Vorlage für existenzbedrohend, weil sie Geschäftsgeheimnisse offenlegen und damit die bisherigen Geschäftsmodelle untergraben könnte. Nun fürchten viele Betreiber, dass neue Datenpflichten und die damit verbundenen bürokratischen und finanziellen Belastungen ihre wirtschaftliche Grundlage gefährden könnten.
