Autoindustrie in der Krise: VDA warnt vor Jobverlusten durch Abwanderung
Die Autoindustrie zieht zunehmend Jobs aus Deutschland ab. Investitionen fließen vermehrt ins Ausland. Jetzt sendet der Branchenverband ein Warnsignal. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat vor einer Abwanderung von Investitionen und Arbeitsplätzen aus Deutschland gewarnt. VDA-Präsidentin Hildegard Müller sprach bei der Jahrespressekonferenz in Berlin von einer "tiefen Standortkrise" und forderte Hilfe von der EU. "Das Abwandern von Investitionen und Beschäftigung wird nicht ohne Konsequenzen für den Wohlstand unseres Landes und für dessen gesellschaftliche und politische Stabilität bleiben", sagte sie. Als Nachweis legte der Verband eine Umfrage unter 124 Unternehmen der Zulieferindustrie vor. Demnach passen 72 Prozent ihre Investitionstätigkeit in Deutschland an – sie verschieben, streichen oder verlagern Vorhaben. Nur 24 Prozent belassen Investitionen wie geplant, 4 Prozent erhöhen sie. Volkswagen : Modelloffensive gegen den drohenden Abstieg in China E-Auto-Prämie : "Damit werden faktisch Verbrenner subventioniert" Auch der Standort Europa verliert an Attraktivität. Jedes dritte Unternehmen (33 Prozent) will seine Investitionen in der EU zurückfahren. Für die USA gilt das nur für 3 Prozent, für China für 5 Prozent. Umgekehrt planen 18 Prozent, ihr Engagement in der EU auszuweiten – in den USA sind es 28 Prozent, in China 22 Prozent. Viele Firmen sparen zuerst zu Hause Die Umfrage zeigt laut VDA auch Folgen für Beschäftigte. Zweidrittel der befragten Unternehmen haben 2025 Stellen in Deutschland abgebaut. Für 87 Prozent der Firmen, die Personal reduziert haben, war die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standorts ein großer oder sehr großer Grund. Auffällig ist die Verschiebung ins Ausland: Von den Unternehmen, die in Deutschland Jobs abbauen, baut die Hälfte gleichzeitig im Ausland Beschäftigung auf. Jedes vierte Unternehmen reduziert in Deutschland und stellt im Ausland ein, nur 6 Prozent bauen in beiden Regionen ab. Kein einziges Unternehmen verlagert Beschäftigung vom Ausland nach Deutschland. Das führt nun zu dem Ende eines lange beklagten Problems: Der Fach- und Arbeitskräftemangel ist in der Umfrage auf einen Tiefstand gefallen. Nur noch 19 Prozent der Unternehmen fühlen sich dadurch belastet. VDA-Chefvolkswirt Manuel Kallweit sagte dazu: "Das ist eine schlechte Nachricht und ein Warnsignal für die Branche." Laut VDA sank die Beschäftigung in der Automobilindustrie in Deutschland von 833.000 im Jahr 2019 auf 726.000 im Jahr 2025. Forderungen an die EU Müller machte für die Entwicklung vor allem Kosten und Bürokratie verantwortlich. Sie verwies auf deutlich höhere Energiepreise: Gas sei in Deutschland viel teurer als in China und den USA; auch der Strompreis liege teils bis zu dreimal so hoch. Hinzu kämen hohe Steuer- und Arbeitskosten sowie langsame Verfahren. Der VDA fordert die Bundesregierung auf, sich in Brüssel für Entlastungen einzusetzen – vor allem bei den Klimavorgaben. Müller sagte, die angekündigte technologische Öffnung dürfe von der EU nicht nur versprochen, sondern müsse "auch praktisch ermöglicht werden". Mit den aktuellen Vorschlägen könne Deutschland als Automobilnation nicht zufrieden sein: "Eine Anpassung der CO2-Minderungsziele, die gleichzeitig an Bedingungen und neue Auflagen gekoppelt wird, ist keine Entlastung und gibt auch keinerlei Planungssicherheit." Hintergrund ist ein Kommissionsvorschlag, das für 2035 geplante faktische Ende neuer Verbrenner zu lockern: Die CO2-Flottenemissionen sollen bis 2035 um 90 Prozent sinken. Emissionen müssten aber über zusätzliche Vorgaben ausgeglichen werden, etwa durch grünen Stahl oder klimaneutrale Kraftstoffe; zudem sollen Flottenbetreiber strengere Regeln erfüllen. Müller warb für "echte Technologieoffenheit" und nannte neben Elektroautos auch Plug-in-Hybride, Range-Extender und "moderne Kraftstoffe, CO2-neutral". Die Industrie investiere weiter, sagte sie – offen sei aber, ob diese Wertschöpfung hierzulande bleibe: "Die deutsche Autoindustrie wird weiter Autos bauen – aber ob sie sie in Deutschland oder in Europa bauen kann, das ist die Frage." Zugleich wandte sich Müller gegen in Brüssel diskutierte Abschottungspläne der EU. Für eine exportstarke Branche seien offene Märkte zentral; der VDA verweist darauf, dass rund 70 Prozent der Arbeitsplätze der deutschen Automobilindustrie am Export hängen. In Brüssel fehle es häufig an Problemlösungen, dort begegne der Wirtschaft "noch zu oft" ein Mix aus "Realitätsverweigerung und Relevanzillusion". Hildegard Müller über Teilzeit-Debatte Müller wurde in der Pressekonferenz auch sehr grundsätzlich und kritisierte die Debattenkultur in Deutschland. "Oft erlebt man ein ganz bewusstes Missverstehen von Vorschlägen", sagte sie. Reformen ließen sich nur durchsetzen, wenn politische Vorschläge nicht reflexhaft moralisch aufgeladen würden. Als Beispiel nannte Müller die Teilzeit-Debatte. "Fast 30 Prozent der Arbeitnehmer, die sich für Teilzeit entscheiden, machen dies ohne Begründung", sagte sie. Das sei eine private Entscheidung – sie werde aber teils über staatliche Leistungen mitgetragen, wenn Einkommen sinke. Darüber müsse man sachlich sprechen dürfen, betonte Müller, ohne es automatisch als Angriff auf den Sozialstaat zu deuten.
