Formel 1: Kritik von Verstappen – hat die "Königsklasse" ein Problem?
Die Regelrevolution in der Formel 1 soll gleichzeitig mehr Nachhaltigkeit und Spannung bieten. Doch nicht alle Fahrer sind von den neuen Autos begeistert. Wie immer nahm er kein Blatt vor den Mund. Als der viermalige Weltmeister Max Verstappen nach den ersten Testfahrten der Formel 1 in Bahrain vor dem Saisonauftakt im März die neue Generation von Autos bewertete, fand er deutliche Worte: "Um ehrlich zu sein, machte das Fahren gerade gar keinen Spaß", klagte der Niederländer. "Es hat mit der Formel 1 eigentlich nichts zu tun", so seine Beschwerde: "Es fühlt sich eher an wie die Formel E auf Steroiden." Der 28-Jährige ist absolut kein Fan vom neuen Reglement, das sich die Formel 1 zur neuen Saison gegeben hat. Vor allem die Motoren der Boliden sind ganz neu aufgebaut: Rund 50 Prozent der Leistung kommt nun vom elektronischen Teil der V6-Hybridmotoren. Für die Fahrer bedeutet das jedoch, dass sie ihre Fahrweise komplett ändern müssen. Die Formel 1 wird deutlich anders werden. Positiv oder negativ. Fahrer müssen Energie verwalten Hybridmotoren an sich sind in der Formel 1 nichts Neues. Schon seit 2014 setzt die "Königsklasse des Motorsports" auf die Mischung aus einem V6-Verbrenner und Elektro. Doch bislang machte der Verbrenner rund 80 Prozent der Leistung aus, der Elektroanteil lag bei nur 20 Prozent. Das neue 50/50-Verhältnis ist also ein deutlicher Entwicklungsschritt. Eine zusätzliche Änderung, die genau diesen Schritt erschwert: Die Motoren sind simplifiziert worden. Eine der beiden Komponenten, die bislang für die Energierückgewinnung und damit das Laden des Elektromotors während der Fahrt zuständig waren, fällt komplett weg. Für die Fahrer bedeutet das, dass sie die zur Verfügung stehende elektronische Energie noch besser verwalten müssen. Bei Vollgas steht der Elektroschub nämlich nur kurzzeitig zur Verfügung, bevor die Batterie durch sogenanntes "Lift and Coast", bei dem die Fahrer Gas wegnehmen und das Auto rollen lassen, wieder aufgeladen werden muss. Für die Fahrer und Teams gilt es, die richtigen Momente zum Abrufen und zum Laden der Energie zu finden. "Erleben einen großen Rückschritt" Bei den Testfahrten führte das dazu, dass die Fahrer nicht mehr so schnell wie möglich durch die Kurve fuhren, um sich Energie für die Geraden zu sparen. Ganz zum Missvergnügen Verstappens: "Ich liebe es, Vollgas zu fahren, aber im Moment kannst du so nicht fahren", meckerte er. "Ich will einfach nur normal fahren. Jetzt erleben wir aber einen großen Rückschritt." Auch Altmeister Fernando Alonso äußerte Frustration. Er erklärte, dass man unter dem neuen Reglement in manchen Kurven teils 50 km/h langsamer fahre als früher und kritisierte, dass dies keine fahrerische Qualität mehr erfordere: "Selbst unser Koch kann das Auto mit dieser Geschwindigkeit fahren", so der 44-Jährige. Für Verstappen äußerte er deshalb Verständnis: "Ich kann die Kommentare von Max nachvollziehen, weil du als Fahrer den Unterschied in der Kurve machen willst, wenn du fünf km/h schneller fährst", sagte der Aston-Martin-Pilot. "Jetzt musst du dich aber danach richten, wie viel Energie dein Motor auf der nächsten Geraden noch haben wird." "Es ist so lächerlich komplex" Einen weiteren Kritikpunkt am neuen Reglement äußerte Rekordweltmeister Lewis Hamilton . Ihm missfällt, wie komplex das Energie-Management ist. "Kein Fan wird das verstehen. Es ist so komplex, so lächerlich komplex", beschwerte er sich. Die Teams verwenden komplizierte Software-Algorithmen, um zu entscheiden, wann Energie am besten abgerufen und wann geladen werden kann. Auch für die Fahrer eine Herausforderung, wie Hamilton berichtet: "Ich hatte an einem Tag sieben Meetings. Es ist, als bräuchten wir einen Abschluss, um das alles komplett zu verstehen", so der 41-Jährige. Besonders besorgniserregend ist jedoch für einige Beteiligte, dass die neuen Regeln auch ein Sicherheitsrisiko darstellen könnten. Denn beim Rennstart müssen die Fahrer es schaffen, den richtigen Ladedruck im Motor aufzubauen. Schon minimale Fehler können dabei dazu führen, dass die Fahrer nicht von der Stelle kommen. Während der Tests in Bahrain passierte genau das gleich mehreren Piloten. Im Rennkontext könnte dies zu schlimmen Auffahrunfällen führen. "Alle Teams und die Fia sollten Verantwortung übernehmen, wenn es um die Anforderungen an das Startverfahren geht", sagte deshalb Andrea Stella, Teamchef des Weltmeister-Rennstalls McLaren, und forderte konkrete Änderungen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, die Ampel-Sequenz zu verlängern, um den Fahrern genügend Zeit für den Ladevorgang zu geben. "Ich habe nichts zu beklagen" Ursprünglich eingeführt wurden die neuen Regeln, um die Formel 1 nachhaltiger und spannender zu machen. Vor allem mehr Überholmanöver sollen ermöglicht werden. Ob das gelungen ist, wird dann wohl erst der Saisonauftakt im australischen Melbourne am 8. März zeigen. Sollte es am Ende tatsächlich mehr Überholmanöver geben und die Formel 1 so spannender werden, dürfte zumindest die Fans kaum noch interessieren, wie schnell die Autos durch die Kurven fahren. Sollte das jedoch nicht gelungen sein, werden sich wohl auch die Fans bald bitterlich über die langsamere Formel 1 beklagen. Dann hätte die Rennserie, die sich in den letzten Jahren einer enormen Popularität und eines großen Zuschauerwachstums erfreute, ein großes Problem. Nicht alle Fahrer sind jedoch so pessimistisch wie Verstappen und Co. So gab sich allen voran Weltmeister Lando Norris angesichts der neuen Herausforderungen recht unbekümmert: "Ich habe es genossen", sagte der Engländer nach seinen ersten Testkilometern sogar und meinte spitz in Richtung Verstappens: "Wenn er zurücktreten will, kann er zurücktreten. Die Formel 1 wandelt sich die ganze Zeit. Manchmal fährt man dabei besser, manchmal nicht so gut." Norris mag die Herausforderung, seinen Fahrstil neu auszurichten. Außerdem bekomme er eine Menge Geld bezahlt, dürfe weiter schnelle Autos fahren, "um die Welt reisen und viel Spaß haben. Ich habe nichts zu beklagen." Ob die Fans am Ende mehr auf seiner oder auf Verstappens Seite stehen werden, bleibt abzuwarten.
