"El Mencho": Der Polizist, der durch Heirat zum Kartellkönig wurde
Die USA schicken Geheimdienstinformationen, ein Drogenboss wird getötet, eine Welle der Gewalt erfasst Mexiko. Die deutsche Botschaft fordert Urlauber auf, in Hotels zu bleiben. Wer war "El Mencho" – und was kommt jetzt? Hubschrauber in der Luft, Trucks mit Geschützen auf der Ladefläche in den Straßen, schwarze Rauchsäulen und Schüsse: In Mexiko explodiert die Gewalt, nachdem am Sonntag bei einem Militäreinsatz im Bundesstaat Jalisco der Drogenboss Nemesio Oseguera Cervantes alias "El Mencho" getötet wurde. In mehreren Bundesstaaten brennen Autos, Banken, Tankstellen und Geschäfte, die mutmaßlich von Anhängern "El Menchos" in Brand gesteckt wurden. Mindestens 74 Menschen starben, darunter 25 Mitglieder der Nationalgarde sowie ein Justizvollzugsbeamter und ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft. Auch in Urlaubsorten wie Puerto Vallarta an der Pazifikküste herrscht Chaos. Chaos in Urlaubsort: Lebensmittel gehen in Hotel zur Neige Die deutsche Botschaft in Mexiko warnte Urlauber über den Kurznachrichtendienst X : "Wenn Sie sich an einem sicheren Ort aufhalten, beispielsweise in einem Hotel, bleiben Sie bis auf Weiteres dort." Der US-Sender NBC News zitierte einen Urlauber, der seit mehr als 20 Jahren nach Puerto Vallarta reise: "Alle rannten in Panik und Angst durch die Straßen, weil überall Autos explodierten." "El Mencho": Sein Tod stürzt ein Land ins Chaos Drogenboss getötet: Gewaltwelle erschüttert Urlaubsparadies Mexiko Nachdem er einen ausgebrannten Bus gesehen habe, habe er sich ins Hotel zurückgezogen, sagte der Urlauber. Dort seien inzwischen die Lebensmittel aufgebraucht. Vom Dach aus habe er mit anderen Gästen verfolgt, wie etwa 20 kleinere Geschäfte in der Umgebung angezündet wurden. "Wir mussten mitansehen, wie diese wunderschöne, romantische Gegend in Rauch aufging." Trump-Sprecherin: "El Mencho" war Top-Ziel der USA Die Dimensionen des Gewaltausbruchs sind enorm: Nicht einmal nach der Festnahme des berüchtigten Drogenbosses Joaquín Guzmán alias "El Chapo", dem Anführer des Sinaloa-Kartells, war es zu vergleichbaren Vorfällen gekommen. Karoline Leavitt, die Pressesprecherin von US-Präsident Donald Trump , bezeichnete "El Mencho" nach seiner Tötung als "Top-Ziel" der USA . Der Drogenboss sei "einer der größten Fentanyl-Schmuggler in unserem Land" gewesen. Trump habe sein Kartell im vergangenen Jahr zu Recht als ausländische Terrororganisation eingestuft. Die USA hätten Mexiko nun mit Geheimdienstinformationen versorgt und so die Operation gegen "El Mencho" unterstützt. Mexikos Verteidigungsminister Ricardo Trevilla nannte am Montag Details zu dem Zugriff: Die Informationen, die zur Festnahme und zum Tod des Kartellbosses führten, stammten demnach von einer Vertrauensperson einer Geliebten Osegueras. Die Geliebte habe "El Mencho" kurz vor der Polizeioperation besucht. Bei den Ermittlungen wurde laut Verteidigungsminister Trevilla zunächst ein Mann als Vertrauensperson der Geliebten identifiziert. Zwei Tage vor dem Militäreinsatz brachte der Mann die Frau zu dem Drogenboss in einen Hüttenkomplex am Wald nahe Tapalpa im Bundesstaat Jalisco. Die Frau verließ den Ort am nächsten Tag. "El Mencho" blieb in der Hütte. Dann erfolgte der Zugriff: Schwer bewaffnete Leibwächter des Drogenbosses hätten erbitterten Widerstand geleistet, sagte Trevilla. Es kam zu heftigen Kämpfen. Mit seinem engsten Kreis an Gefolgsleuten sei "El Mencho" schließlich in den Wald geflohen. Er habe sich im Gebüsch versteckt, sagte Trevilla. Dort sei es wieder zu einer Schießerei gekommen. Ein Militärhubschrauber sei von Schüssen getroffen worden. Der "Herr der Hähne": Früher war "El Mencho" Polizist "El Mencho" wurde 59 Jahre alt. Geboren am 17. Juli 1966 in Aguililla, einer armen Gemeinde im westlichen Bundesstaat Michoacán, führte er das von ihm gegründete Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG) an. In der mexikanischen Unterwelt wurde er wegen seiner Vorliebe für Hahnenkämpfe der "Herr der Hähne" genannt. Zahlreiche Narco-Lieder, "narcocorridos" genannt, feiern seine kriminellen Machenschaften. Nach Angaben des US-Finanzministeriums ist der 1,70 Meter große "El Mencho" seit den 1990er Jahren in den Drogenhandel verwickelt. 1994 wurde er in Sacramento im US-Bundesstaat Kalifornien wegen Heroinschmuggels verhaftet. Nach drei Jahren Gefängnis wurde er nach Mexiko abgeschoben – und heuerte im westlichen Bundesstaat Jalisco als Polizist an. US-Forschungszentrum: So reich ist das CJNG Doch auch als Beamter blieb er ein Krimineller: Er schloss sich dem Milenio-Kartell an, das als eines der ersten mexikanischen Verbrechersyndikate gilt, die mit synthetischen Drogen handelten. Dabei arbeitete er mit "El Chapos" Sinaloa-Kartell zusammen, bevor es zur Abspaltung und Gründung des CJNG kam. Das Terrorismusforschungszentrum Start an der University of Maryland, das auch mexikanische Kartelle als relevante Sicherheitsbedrohung für die USA untersucht, bezeichnet das CJNG als das möglicherweise mächtigste und gewalttätigste Kartell Mexikos, obwohl es eines der jüngsten sei. Das Kartellvermögen wird laut Start auf mehr als 20 Milliarden Dollar geschätzt. Unter anderem seine Expertise in sozialen Medien und seine quasi-militärischen Taktiken hätten das CJNG so erfolgreich gemacht. Das Kartell habe die "traditionellen Strukturen des Drogenhandels in Mexiko erfolgreich herausgefordert", heißt es in einer Analyse des Terrorismusforschungszentrums. 35 Leichen: Die "guten Mexikaner" erklären sich im Video Erstmals in Erscheinung trat das neue Kartell demnach 2009, damals noch unter dem Namen "Los Mata Zetas" ("Killer der Zetas"). Die "Zetas" waren eine von desertierten Elitesoldaten gegründete, mit dem Sinaloa-Kartell verfeindete Gruppierung. 2009 lagen in einem Van in Cancún plötzlich drei zerstückelte "Zetas" – daneben die Kampfansage auf einem Zettel: "Wir sind die neue Gruppe 'Killer der Zetas' und wir werden sie in allen Bundesstaaten bekämpfen." 2011 folgte das "Massaker von Veracruz": 35 Leichen mit Folterspuren wurden aus Lastern gekippt, direkt vor ein Hotel, in dem gerade die Generalstaatsanwälte der mexikanischen Bundesstaaten tagten. Kurz darauf tauchte ein Video im Internet auf, in dem eine Gruppe Vermummter behauptete, die "guten Mexikaner" zu sein und Recht und Ordnung in Mexiko wiederherstellen zu wollen. Was Behörden aus rechtlichen Gründen nicht dürften, das werde man jetzt selbst in die Hände nehmen. Leichen an Brücken, Militärhubschrauber abgeschossen Aus den "Killern der Zetas" wurde das CJNG – das "Unternehmen mit den vier Buchstaben", wie es seine Mitglieder nennen. Und es offenbarte sich: Die Behauptung, die Kriminalität bekämpfen zu wollen, war eine populistische Lüge. In Wahrheit stürzte sich das CJNG in den Bandenkrieg, um selbst zu einer wichtigen Größe im Drogengeschäft zu werden. "De facto erklärte das CJNG allen anderen großen Kartellen in Mexiko den Krieg und schuf sich erfolgreich ein neues Betätigungsfeld für seine einzigartige kriminelle Operationsstrategie", heißt es in der Analyse des US-Forschungszentrums Start. An der Spitze dirigierte neben "El Mencho" zunächst noch ein weiterer Mann das CJNG: Abigael González Valencia, der zuvor Chef des familiengeführten Kartells "Los Cuinis" war. "El Mencho" heiratete die Schwester von González Valencia – und sicherte sich dem Kartellexperten David Saucedo zufolge so "durch eine diplomatische Strategie" die Macht im Kartell. Sein Schwager wurde 2015 festgenommen. Heute soll das Kartell unter anderem über ein großes Waffenarsenal und gepanzerte Fahrzeuge verfügen. In Mexiko verübte es über die Jahre mehrere blutige Anschläge auf Sicherheitskräfte, hängte Leichen an Brücken auf und schoss einmal sogar einen Militärhubschrauber ab, wobei neun Menschen ums Leben kamen. Dem Kartell wird vorgeworfen, junge Menschen auch mit falschen Jobangeboten anzulocken, um sie zwangsweise zu rekrutieren. CJNG – laut US-Behörden eine transnationale Organisation "El Mencho" soll ein unauffälliges Leben geführt und Geld mit Immobilien, Viehzucht und Musikgeschäften gewaschen haben. In den sozialen Netzwerken kursieren mutmaßliche Propagandavideos des Kartells. Darin sind schwer bewaffnete Männer in Kampfuniformen zu sehen, die sich als "Leute von Señor Mencho" bezeichnen. Laut US-Behörden ist das Verbrechersyndikat mittlerweile eine transnationale Organisation mit Verbindungen bis nach China und Australien . Neben dem Handel mit Fentanyl ist das CJNG demnach auch in Erpressung, Schleusung von Migranten, Diebstahl von Öl und Mineralien sowie Waffenhandel verwickelt. Wer folgt auf "El Mencho"? In Mexiko gilt es als das gebietsweise am weitesten verbreitete Kartell. Es hat dem US-Forschungszentrum Start zufolge wichtige Schlüsselhäfen am Golf von Mexiko und am Pazifik unter seine Kontrolle gebracht, wodurch es "wichtige Komponenten (z. B. Vorläuferchemikalien) globaler Lieferketten für illegale Waren kontrollieren und konsolidieren" könne. Nach dem Tod von "El Mencho" fürchten Experten nun einen Kampf um die Nachfolge an der Spitze des mächtigen Kartells. Welche langfristigen Folgen die Tötung des Drogenbosses hat, ist noch offen. Laut dem US-Forschungszentrum Start hat die starke Zersplitterung der mexikanischen Kartelle in der Vergangenheit "zu immer anpassungsfähigeren, agileren und wettbewerbsorientierten, gewalttätigen kriminellen Organisationen geführt".
