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EU-Handelsabkommen mit Australien: Warum der Deal seit Jahren stockt

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, cremig, mild, ein wenig säuerlich – perfekt auf Schwarzbrot, mit Marmelade genauso wie mit Schnittlauch: In meiner Wahlheimat Australien ist Quark ein seltenes Gut. Wenn überhaupt, wird man im Feinkostladen fündig – acht Dollar für ein kleines Pöttchen, rund fünf Euro. Ich kaufe ihn nur für das Heimatgefühl. Dann gönne ich mir Pellkartoffeln mit Kräuterquark oder einen echten Käsekuchen. Der Mangel an Quark ist ein Luxusproblem. Doch hinter der auffälligen Leerstelle im australischen Kühlregal verbirgt sich (neben unterschiedlichen Essgewohnheiten) auch ein handfester politischer Krimi. Trotz Millionen Milchkühen im Land und Aldi-Supermärkten in den meisten Städten zeigt sich, dass globaler Handel sowie die universelle Verfügbarkeit von Produkten keine Selbstläufer sind. Der Teufel steckt im Detail: Seit fast einem Jahrzehnt ringen Brüssel und Canberra um ein Freihandelsabkommen. 2023 scheiterten die Gespräche spektakulär am Widerstand der australischen Agrarlobby, die den damaligen Entwurf der Europäer für ein Abkommen als "beleidigend" zurückwies. Canberra legte die Gespräche auf Eis. Heute ist der Druck für ein Abkommen auch wegen der unberechenbaren US-Handelspolitik so groß wie nie zuvor. Erst am Dienstag bekräftigte US-Präsident Trump seinen harten Zollkurs bei einem Treffen mit Kanzler Merz im Weißen Haus. Augenzwinkernd sagte er zu dem ebenfalls anwesenden US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer: "Wie behandeln wir Deutschland? Ich denke, bei denen solltest du sehr, sehr hart zuschlagen". Dem EU-Land Spanien drohte Trump beim Besuch von Merz sogar, die Handelsbeziehungen komplett abzubrechen. Umso wichtiger ist es, dass Europa neue starke Handelspartner findet. Die Verhandlungen mit Australien haben wohl auch vor diesem Hintergrund wieder Fahrt aufgenommen. Doch trotz neuer Offensiven und diplomatischer Durchbrüche in Brüssel droht der Deal erneut zu versanden. Ein zentraler Streitpunkt ist der Schutz geografischer Herkunftsbezeichnungen, den die EU durchsetzen will. So fordern die Europäer etwa, dass australische Winzer die Bezeichnung Prosecco aufgeben – für eine Industrie mit einem Marktwert von über 200 Millionen Dollar ein massiver Einschnitt. In Regionen wie dem King Valley, wo italienische Einwanderer den Weinbau einführten, wird diese Forderung als " kulinarischer Kolonialismus" verspottet. Einen ähnlichen Konflikt gibt es beim Feta : Die EU fordert, dass nur in Griechenland hergestellter Käse "Feta" heißen darf. Australien hält dagegen, dass die Bezeichnung durch Generationen griechischer Migranten Teil der australischen Identität geworden ist. Der eigentliche Machtkampf bleibt aber die Rindfleischquote: Während Brüssel die Obergrenze offenbar bei rund 30.000 Tonnen ziehen will, fordert Australien mindestens 40.000 Tonnen für den zollreduzierten Export. Was wie eine überbrückbare Differenz klingt, ist für Ursula von der Leyen wohl so brisant, dass sie ihre für Mitte Februar geplante Reise nach Australien kurzfristig verschob. Offiziell hieß es, man wolle erst weitere Fortschritte in den Verhandlungen abwarten – ein Signal dafür, dass die EU-Kommission den Zorn der europäischen Landwirte fürchtet, sollte sie den Australiern auch nur eine Tonne zu viel zugestehen. Stattdessen flog der australische Handelsminister Don Farrell nach Brüssel, um die Verhandlungen voranzutreiben. Doch auch in Australien sind die Fronten verhärtet. Der dortige Bauernverband stellte jüngst klar : "Lieber gar kein Abkommen als ein Abkommen, das unserer Landwirtschaft schadet." Während man sich also in Brüssel über rund zehntausend Tonnen Rindfleisch und die Namensrechte an Schaumwein streitet, droht ein anderes Herzstück des Abkommens im Gezerre unterzugehen. Für die EU steht weitaus mehr auf dem Spiel als die Auswahl im Supermarktregal: Es geht nicht nur um strategische Souveränität, sondern auch um die langfristige Sicherung wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Denn Australien ist die Schatzkammer der modernen Industrie: Es ist der weltweit größte Produzent von Lithium und verfügt über gewaltige Vorkommen an Kobalt, Mangan und Seltenen Erden. Ohne diese kritischen Mineralien läuft in Europa kein E-Auto, kein Windrad und kein Smartphone vom Band. Derzeit ist die Europäische Union bei vielen dieser Materialien in hohem Maße von China abhängig. Auch deutsche Unternehmen sind teils massiv betroffen. Ein Abkommen mit Australien könnte daher einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, diese einseitige Abhängigkeit zu reduzieren und die materielle Grundlage der europäischen Energiewende abzusichern. Hinzu kommt, dass Australien politisch stabil ist und in zentralen Zukunftsfeldern wie Nachhaltigkeit und digitalem Handel bereits Reformprozesse angestoßen hat, die eine enge Zusammenarbeit mit der EU erleichtern würden. Während China seinen Einfluss im Pazifischen Raum kontinuierlich ausweitet und die Vereinigten Staaten mit Strafzöllen internationale Märkte unter Druck setzen, wirkt Europa in der Debatte über Fleischquoten bemerkenswert zögerlich. Wer verstehen will, warum die Fronten derart verhärtet sind, muss hinter die Kulissen blicken. Im Gespräch mit dem internationalen Handelsexperten Dr. Nathan Gray von der University of Adelaide wird klar, woran es bei dem diplomatischen Tauziehen wirklich hakt. Gray verweist auf ein "Handshake-Versprechen" der EU, das seit Jahren wie ein Schatten über den Verhandlungen liegt. Der Konflikt wurzelt in einem strategischen Zugeständnis Brüssels an die USA aus dem Jahr 2019: Um drohende Autozölle der Trump-Regierung abzuwenden, sicherte Europa den Vereinigten Staaten einen Löwenanteil der lukrativen Rindfleisch-Importquoten exklusiv zu. Australien, das bis dahin einer der Hauptlieferanten war, wurde dadurch massiv verdrängt. Im Vertrauen auf ein informelles Versprechen der EU, diesen Verlust später im Rahmen eines eigenen Freihandelsabkommens "großzügig zu kompensieren", verzichtete Canberra damals auf einen formellen Einspruch. Ein Kronzeuge aus dem Brüsseler Maschinenraum bestätigte jüngst diese Vorgänge: Der ehemalige EU-Direktor für internationale Angelegenheiten, John Alistair Clarke , räumte Ende Februar in einem Beitrag auf LinkedIn unmissverständlich ein, dass dieses informelle Abkommen existiert. Mehr noch: Clarke zufolge sei das Versprechen damals innerhalb der EU-Kommission inoffiziell anerkannt worden. Er hoffe, dass dieses "Gentleman's Agreement" noch Bestand habe und der EU bei den aktuellen Verhandlungen als Begründung dienen könne, um Australien entgegenzukommen. Dass dieses Versprechen jahrelang von der EU ignoriert wurde, wird in Canberra heute wohl als Wortbruch gelesen. Die Einlösung dieser Absichtserklärung ist offenbar die Bedingung für jede weitere Kooperation. Handelsexperte Gray bringt die australische Sturheit im Gespräch mit t-online auf den Punkt: "Australier beharren auf Prinzipien, auch wenn es um die lächerlichsten Kleinigkeiten geht." Die Ironie dabei: Tatsächlich könnte Australien die geforderten Quoten für Rindfleisch kurzfristig kaum voll ausschöpfen. Die Mastbetriebe im Land laufen bereits am Limit. Es geht also nicht nur um ökonomische Notwendigkeiten, sondern wohl auch um das Einhalten eines Versprechens – und um nationalen Stolz. Der Polit-Krimi um das Abkommen dauert an. Darin steckt eine für die EU unbequeme Wahrheit: Dass sie einen Partner auf Augenhöhe wie einen zweitklassigen Bittsteller behandelt, entlarvt eine gefährliche Kurzsichtigkeit . Ein Handelsabkommen könnte die Zölle senken, den Investitionsschutz stärken und klare Rahmenbedingungen für langfristige Partnerschaften bei kritischen Rohstoffen schaffen. Und auch Australien benötigt den Zugang zum europäischen Markt dringend – nicht damit künftig mehr deutscher Quark in australischen Kühlregalen steht, sondern um auch die eigene Abhängigkeit von China und die Unberechenbarkeit der USA auszubalancieren. In einer Weltordnung, in der Demokratien zwischen autokratischen Machtblöcken zerrieben zu werden drohen, können wir es uns schlicht nicht länger leisten, wichtige Allianzen an gebrochenen Versprechen scheitern zu lassen. MERZ BEI TRUMP Die heiklen Fragen bleiben Die Nachrichtenlage ist geprägt vom Krieg im Nahen Osten. Die USA und Israel fliegen Luftangriffe gegen das iranische Regime, Teheran antwortet mit Drohnen und Raketen auf Ziele in der gesamten Region. Doch je länger die Angriffe dauern, desto drängender wird die Frage: Was kommt danach? Wer übernimmt in Teheran – und mit welchem Plan? Mitten im Krieg besuchte nun Kanzler Merz den US-Präsidenten im Weißen Haus – und ausgerechnet dort sprach Donald Trump außergewöhnlich offen. Während des Treffens räumte der Präsident ein, die Bombardierungen hätten auch iranische Funktionäre getroffen, die Washington als mögliche neue Führungspersönlichkeiten betrachtet habe. "Die meisten, die wir im Sinn hatten, sind tot", sagte Trump. "Jetzt haben wir eine andere Gruppe, vielleicht sind die auch tot." Und weiter: "Bald kennen wir womöglich überhaupt niemanden mehr." Merz versuchte den Eindruck zu erwecken, dass er mit Trump bei den Zielen der Operation gegen den Iran weitgehend auf einer Linie ist. "Wir sind uns einig, dass dieses schreckliche Regime in Teheran beseitigt werden muss", sagte er und äußerte zumindest die Hoffnung, dass der Krieg "so bald wie möglich" ende, da er der Wirtschaft schade. Stunden später machte Merz im ZDF-"heute-journal" schließlich klar, dass er nach dem Treffen noch viele offene Fragen habe, wie es nach dem Krieg weitergehen soll. In Deutschland befasst sich heute auch der Bundestag in einer Aktuellen Stunde mit der Lage im Iran – auf Antrag der Regierungsfraktionen. Teile der SPD-Fraktion sehen im Angriff der USA und Israels auf den Iran einen Völkerrechtsbruch. Die schwarz-rote Bundesregierung hat es dagegen bisher vermieden, sich in dieser Frage eindeutig zu positionieren. Auch in Washington umschiffte der Kanzler das heikle Thema. Auftakt in Italien Deutschland boykottiert Paralympics-Eröffnung Nach ereignisreichen Olympischen Winterspielen beginnt in Mailand und Cortina das nächste Großereignis: Am Freitag werden die Paralympics in der Arena di Verona eröffnet. Doch statt unbeschwerter Vorfreude setzt Deutschland ein politisches Zeichen – das Team verzichtet auf die Teilnahme am traditionellen Einmarsch bei der Eröffnungsfeier. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) protestiert damit gegen die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), russische und belarussische Athleten wieder unter eigener Flagge starten zu lassen – anders als bei Olympia, wo sie nur als neutrale Athleten zugelassen waren. Das deutsche Team will stattdessen per Videobotschaft vertreten sein, auch Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein bleibt der Feier fern. Zuvor hatten bereits die Ukraine und Estland angekündigt, der Eröffnungszeremonie aus Protest komplett fernzubleiben. Damit steht die Frage nach politischer Haltung und Verantwortung im Mittelpunkt – noch bevor der erste Wettkampf beginnt. Lesetipps Beim Besuch im Weißen Haus setzte Kanzler Merz auf eine leise, aber präzise Strategie: nicht widersprechen oder provozieren, aber deutlich die eigenen Anliegen platzieren. Wie dieser Balanceakt wirkte und warum ein Satz des Treffens besonders hängen blieb, berichten Florian Schmidt und Bastian Brauns aus Washington. Artikel lesen. Zapfsäulen sind wie Seismografen: Der Iran-Krieg lässt die Benzinpreise hierzulande steigen. Doch die Empörung über angebliche Abzocke beruht auf einem gewaltigen Irrtum, kommentiert mein Kollege Markus Abrahamczyk. Artikel lesen. Iranische Raketen schlagen in Dubai ein – und gelöschte Posts deutscher Influencer nähren Spekulationen über einen Maulkorb. Dubai-Berater Gerhard Strasser widerspricht im Gespräch mit t-online – und erklärt, welche Regeln in den Emiraten wirklich gelten. Artikel lesen. Ohrenschmaus Der 80er-Jahre-Hit "Great Southern Land" von Icehouse fängt die endlose Weite des australischen Outbacks so perfekt ein wie kaum ein anderer Song. Frontmann Iva Davies schrieb die Hymne auf Australien jedoch in seinem Wohnzimmer in Sydney, direkt unter den dröhnenden Einflugschneisen des Flughafens. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen eine Woche voller kluger Entscheidungen und vielleicht ein Stück Schwarzbrot mit Quark. Herzliche Grüße Ihre Anna-Lena Janzen Leitende Chefin vom Dienst Mit Material von dpa.