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Baden-Württemberg: Autokrise – So geht es Zulieferer PWO aus Oberkirch

Die Automobilbranche in Baden-Württemberg befindet sich in der Krise. Vor welchen Problemen stehen die Unternehmen? Ein Besuch vor Ort. Carlo Lazzarini sitzt im Konferenzraum und schaut durch das große Panoramafenster. "Bis zur vergangenen Woche lag dort noch Schnee", schwärmt er von der Aussicht. Nach dem harten Winter scheint in diesen Tagen erstmals für mehrere Stunden die Sonne auf die mit Weinreben bedeckten Hügel des Schwarzwalds und taucht die Landschaft in ein warmes Licht. Doch so sonnig wie der Blick aus Lazzarinis Panoramafenster ist die Situation des Progress-Werks Oberkirch, kurz PWO, aktuell nicht – zumindest nicht am Stammwerk im baden-württembergischen Oberkirch. Dabei liegen Rekordjahre hinter dem Automobilzulieferer. Hochspezialisierte Metallteile stellt das Unternehmen her, nach eigener Angabe sind sie in jedem zweiten Auto weltweit verbaut. Newsblog zur Wahl in Baden-Württemberg: Die aktuellen Entwicklungen Wahl in Baden-Württemberg: Hier sind die Grünen anders Lazzarini, Vorstandsvorsitzender von PWO, betont zwar, dass das Unternehmen auch jetzt profitabel sei. Elf Standorte gibt es weltweit: "An zehn davon wachsen wir und sind profitabel, an einem nicht – ausgerechnet an unserem Stammsitz in Oberkirch." Seit mehr als 100 Jahren ist das Unternehmen hier in der 20.000-Einwohner-Stadt ansässig. Mittlerweile ist PWO zwar an der Börse, die Besitzmehrheit liegt aber noch immer in Familienhand. Autoindustrie in der Krise – auch in Oberkirch Die Autoindustrie hatte hier im Ländle schon immer einen besonderen Stellenwert. Im Schatten der Autobauer Mercedes und Porsche hat sich hier eine riesige Zulieferindustrie entwickelt. Unternehmen wie Bosch und Mahle aus Stuttgart beschäftigen Zehntausende Mitarbeiter. Doch auch abseits der großen Städte finden sich Hunderte Unternehmen, die Teil der Lieferkette sind. Insgesamt sitzen über 1.000 Automobilzulieferer in dem Bundesland, 235.000 Menschen sind in dem Sektor beschäftigt. Bei PWO in Oberkirch sind es noch rund 900. Gut 500 Stellen wurden in den vergangenen Jahren abgebaut. Die Zeit der Sicherheit scheint vorbei. Viele Unternehmen sind in die Krise gerutscht, schreiben Verluste und entlassen Mitarbeiter. Einer vom Land beauftragten Studie zufolge könnten in der Automobilindustrie in Baden-Württemberg bis 2030 bis zu 66.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am Sonntag ist die Automobilkrise daher ein entscheidendes Thema. Sowohl der Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir als auch CDU-Mann Manuel Hagel wollen der Industrie mehr Freiheiten verschaffen, damit sie sich wieder auf die Produktion konzentrieren kann. Doch die Probleme sind tiefgreifender. Und haben Auswirkungen auf eine ganze Region. Carlo Lazzarini erzählt von der Entwicklung der vergangenen fünf Jahre. Der 59-jährige Luxemburger ist seit 2020 Vorstandsvorsitzender bei PWO. Damals steckte das Unternehmen tief in der Krise, Lazzarini konnte wegen der Corona-Pandemie zunächst nicht reisen. Doch er verstärkte die internationale Ausrichtung und schaffte die Wende für das Gesamtunternehmen. Schlechte Aussichten für 2026 Doch nun sind die Aussichten von PWO in Oberkirch für 2026 nicht gut. Daher wurde Anfang des Jahres eine Betriebsvereinbarung getroffen. Arbeitszeit und Löhne sollen um 7,63 Prozent sinken, dafür soll es keine betriebsbedingten Kündigungen geben – zumindest in diesem Jahr. Für 2027 gibt es noch keinen Plan. Für manche sei die Situation schwieriger als für andere, sagt der Vorstandsvorsitzende. Aber insgesamt sehe der Großteil der Mitarbeiter die Vereinbarung als gute Lösung. Verunsichert sind dennoch viele. Ein Arbeiter kommt gerade aus dem Werk, Feierabend. Er trägt eine blaue Arbeitshose und eine offene Jacke. "Die Situation ist schwierig", berichtet er. "Man fühlt sich hier nicht mehr gewollt." Es wirke so, als sei das Unternehmen froh über jeden Abgang. Um seinen eigenen Arbeitsplatz sorge er sich aber nicht, mit der Betriebsvereinbarung könne er gut leben. Zukunftsängste bei den Angestellten Der Weg zu dieser Vereinbarung war schwierig. Das erzählt Andreas Bohnert, Betriebsratsvorsitzender bei PWO. Zwar sei man mit den erreichten Beschäftigungsbedingungen für dieses Jahr zufrieden, habe sich aber echte Zugeständnisse der Konzernleitung gewünscht. "Wir wollten eine verpflichtende Erklärung, dass die Verlagerung von Produktion in das serbische Werk aufhört." Den Standort sieht der Betriebsrat mittlerweile als interne Konkurrenz. "Natürlich ist die Produktion dort günstiger, aber es gibt auch keine Umwelt- und Sicherheitsstandards", mahnt er. Grundsätzlich fehlen Bohnert die Signale für ein Bekenntnis zum deutschen Standort. Die Folge seien Zukunftsängste und Bedenken bei den Angestellten. "Viele fragen sich, wie es weitergeht." Zudem habe sich das Klima verändert, der Druck steige. "Das Unternehmen schaut genauer hin." Leistungen und Krankmeldungen stünden stärker im Fokus. Erstmals habe es auch krankheitsbedingte Kündigungen gegeben. "Unangenehme Gespräche" häuften sich. Auch in Oberkirch hat sich der Blick auf das Unternehmen gewandelt. Ein älterer Mann in Sandalen, Jeans und beigefarbener Jacke spaziert durch die Innenstadt von Oberkirch. Er habe früher bei PWO gearbeitet, das sei aber bereits 30 Jahre her. Damals sei es ein Wunscharbeitsplatz gewesen. "Meine halbe Klasse wollte dorthin. Aber wenn ich heute jung wäre, würde ich dort nicht mehr anfangen." Zu unsicher sei die Lage. OB sorgt sich um Industriemix Wenige Meter entfernt sitzt Gregor Bühler im Rathaus direkt gegenüber vom Bahnhof der Kleinstadt. Der CDU-Oberbürgermeister kommt ursprünglich selbst aus der Wirtschaft. Der 45-Jährige trägt weißes Hemd und Brille, er spricht klar und dynamisch. "PWO hat eine große Bedeutung für unsere Stadt." Neben dem Papierhersteller Koehler ist der Autozulieferer der größte Arbeitgeber der Stadt. Es gebe viele mittelständische Unternehmen, aber als Aktiengesellschaft sei PWO einer der Indikatoren, wie es um die Wirtschaft generell stehe. Zuletzt habe man die Gewerbesteuern zwar erhöhen müssen, grundsätzlich konnte der Einnahmenrückgang von PWO für die Stadtkasse aber abgefangen, erzählt Bühler. Zu Lazzarini pflege er eine gute Beziehung. Er habe den Eindruck, dem PWO-Chef fehle nicht die Bodenhaftung, er sei fürsorglich gegenüber dem Standort und der Belegschaft. Bühler macht sich dennoch Gedanken um den Industriemix der Zukunft vor Ort. "Wir ziehen unsere Schlüsse aus der aktuellen Situation." Man sei lange Zeit sehr abhängig von der Automobilbranche gewesen, das überdenke man nun. Erst mal seien dies aber nur Gedankenspiele. Im Industriegebiet sei momentan kein Platz frei. Aber künftig wolle man möglicherweise mehr auf IT und Software setzen. "Wir müssen uns fragen, ob Deutschland noch ein zukunftssicherer Standort für die Industrie ist und wie der Industriemix der Zukunft aussieht." Sorge vor einem neuen Detroit So wie Bühler geht es vielen Menschen. In Baden-Württemberg ist die Sorge groß, die Zukunft zu verpassen, den Wohlstand zu verlieren und zu enden, wie die einstige US-Autostadt Detroit; deren Niedergang verlief parallel zum Sterben der dortigen Industrie. Läuft man durch Oberkirch, ist eine solche Zukunft im Moment schwer vorstellbar. Denkmalgeschützte Fachwerkhäuser finden sich überall, es gibt wenig sichtbaren Leerstand, die Restaurants sind voll. Es gibt ein reiches Angebot an Kultur, in diesem Jahr finden die baden-württembergischen Heimattage hier statt. Doch was muss passieren, damit dies so bleibt? Konzernchef Lazzarini und Oberbürgermeister Bühler sehen den Staat in der Verantwortung. Es brauche dringend Reformen. Der PWO-Vorsitzende setzt auf klassische Arbeitgeberforderungen: längere Arbeitszeiten, Anreize für weniger Krankheitstage, niedrigere Unternehmenssteuern. Anders gebe es keine Zukunft für den deutschen Industriestandort, mahnt er. Deutschland verliere sonst weiter und werde von anderen Ländern abgehängt. Er verweist auf PWO-Standorte in China , Mexiko oder Serbien . Dort könne man mit deutlich geringeren Kosten Produkte in der gleichen Qualität herstellen. Zu viel Mitbestimmung als Problem? Oberbürgermeister Bühler sieht vor allem den schleppenden Ausbau des Stromnetzes in der Region als Hindernis. Unternehmen könnten teilweise nicht ihren Strombedarf decken. Als Gründe nennt er Unsicherheit durch die bundespolitische Führung, verbunden mit mehreren Richtungswechseln – aber auch zu viele Mitbestimmungsrechte der Bürger. So verweist er auf einen Bürgerentscheid, bei dem die Oberkircher einem Unternehmen untersagt haben, Windräder auf dem eigenen Unternehmensgelände zu bauen, um Strom für den Produktionsbetrieb zu gewinnen. Das Resultat sei "niederschmetternd" gewesen, vor allem für Unternehmen, die auch in Zukunft im ländlichen Raum produzieren, Arbeitsplätze anbieten und gleichzeitig unabhängig sein wollen. Er folgert daraus: "Das Mitbestimmungsrecht ist in Deutschland zu stark ausgeprägt, auch in den Unternehmen, wenn es darum geht, sich an den Wandel anzupassen." Zentraler organisierte Firmen und Staaten könnten schneller entscheiden. Dem widerspricht Arbeitnehmervertreter Bohnert. Auch er fordert Reformen und sieht die Energiepreise als Problem. Zudem brauche es weniger Bürokratie. Doch die Mitbestimmungsrechte will er nicht antasten. Nur weil es in anderen Ländern schlechtere Bedingungen für Arbeitnehmer gebe, dürfe dies nicht als Vergleichswert dienen. Keine Hoffnung auf die Landesregierung Aber was passiert, wenn all das nicht kommt oder nicht hilft? Für das PWO-Werk in Oberkirch soll das laut Lazzarini zumindest keine existenziellen Konsequenzen haben. "Der Standort steht nicht zur Debatte. Hier liegen das Herz und die Seele des Unternehmens." Dennoch müsse man schauen, in welcher Größe man sich hier noch die Produktion leisten könne. Von der neuen Landesregierung wünscht sich Oberbürgermeister Bühler, dass die Probleme des ländlichen Raums deutlicher thematisiert werden. Grüne oder die CDU – für PWO-Chef Lazzarini macht es kaum einen Unterschied, wer am Ende gewinnt. Für ihn steht ohnehin fest: "Jeder Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird sich für die Automobilbranche einsetzen. Der neue Ministerpräsident wird das genauso tun, wie es der alte getan hat." Dennoch macht er sich keine Illusionen. Man brauche zwar einen starken Fürsprecher für die Industrie des Landes, "aber die Themen, die es zu lösen gilt, werden nicht auf Landesebene entschieden". Über die Zukunft von Oberkirch, da sind sich alle drei einig, entscheide die schwarz-rote Koalition in Berlin .