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Straße von Hormus im Iran-Krieg: Dieses Nadelöhr bringt die Welt ins Wanken

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, stellen Sie sich vor, Sie fahren auf einer perfekt ausgebauten Autobahn. Drei Spuren, der Verkehr rauscht dahin, alles ist auf Geschwindigkeit optimiert. Lkw, Pendler, Lieferwagen – Tausende Fahrzeuge pro Stunde, alles greift ineinander. Doch plötzlich müssen Sie den Fuß vom Gas nehmen. Erst von 130 auf 80. Dann auf 50. Sie runzeln die Stirn, fluchen vielleicht schon etwas. Wenige Minuten später stehen Sie ganz still. Nichts geht voran. Blaulicht vor Ihnen, Absperrungen, ein Stau, der sich kilometerweit nach hinten schiebt. Die Straße ist dicht – und schnell wird klar: Es gibt keine Umleitung. Sie sitzen fest. Genau in einer solchen Situation steckt derzeit ein Teil der Weltwirtschaft. Nur dass es diesmal nicht um eine Autobahn geht, sondern um eine der wichtigsten Handelsrouten der Erde: die Straße von Hormus – durch die seit mehr als einer Woche praktisch kein Schiff mehr fährt. Dutzende Schiffe stauen sich bereits, auch deutsche Reeder sind betroffen. Ein paar Kilometer Meer zwischen dem Iran und den Golfstaaten entscheiden plötzlich über Benzinpreise, Lebensmittelkosten und die globale Industrieproduktion . Die Weltwirtschaft hängt an wenigen Nadelöhren. Und jedes davon ist ein geopolitisches Risiko – mit im Zweifel fatalen Folgen. Seit den US-israelischen Angriffen auf das iranische Mullah-Regime ist der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus praktisch zum Erliegen gekommen. Die schmale Passage am Persischen Golf zählt zu den wichtigsten Energierouten der Welt. Normalerweise passieren hier täglich Tanker mit rund einem Fünftel des global gehandelten Öls – etwa 20 Millionen Barrel pro Tag. Doch jetzt bleiben Schiffe stehen, Reedereien ziehen ihre Tanker ab, Versicherungen verweigern Deckung für Fahrten durch die Kriegszone. Der Effekt ist sofort spürbar. Die Öl- und LNG-Preise schossen sogleich in die Höhe , Energiehändler kalkulieren mit neuen Risiken, und wichtige Ölstaaten am Golf reduzieren bereits ihre Fördermengen, weil sie ihre Rohstoffe kaum noch exportieren können. Hierzulande spüren die Deutschen das an stark gestiegenen Spritpreisen, nicht zuletzt, weil sich die Tankstellenriesen nebenbei die Tasche vollstopfen ( meine Kollegin Camilla Kohrs hat das für Sie hier in ihrem Tagesanbruch notiert ). Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat nun einen beispiellosen Schritt angekündigt, mehr dazu lesen Sie unten. Bei einer längeren Sperrung droht gar ein neuer Preisschock. Insbesondere Lebensmittel dürfte das treffen, fürchten Experten. "Die Agrarwirtschaft ist energieintensiv. Ein Angebotsschock bei Gas, Diesel oder Öl wirkt sich auch auf diese Bereiche aus", sagte mir Ökonom Thomas Obst vom Institut der deutschen Wirtschaft kurz nach Ausbruch des Iran-Kriegs. "Teurere Kraftstoffe wie Benzin und Diesel erhöhen auch die Transportkosten für Lebensmittel vom Erzeuger über den Großhandel bis in den Supermarkt." Für eine Blockade der Meerenge braucht es nicht einmal eine formale Sperre. Kriegsschiffe, Drohnenangriffe, Raketenbeschuss reichen aus, um den Schiffsverkehr fast vollständig zum Erliegen zu bringen. Zuletzt haben Berichte über angeblich vom Iran in der Straße von Hormus verlegte Seeminen die Sorge um die Sicherheit der internationalen Energieversorgung befeuert. Darauf hat sich der Iran über Jahre vorbereitet, schreibt mein Kollege Finn Michalski. Wenn Containerriesen damit rechnen müssen, attackiert zu werden, fährt niemand mehr durch die Meerenge. Und es kommt bereits zu Zwischenfällen: Ein "unbekanntes Geschoss" habe ein Frachtschiff in der Meerenge getroffen und einen Brand ausgelöst, meldete etwa die britische Behörde für Sicherheit der Handelsschifffahrt (UKMTO) gestern. Moderne, global vernetzte Volkswirtschaften – so wie die deutsche – funktionieren nur, solange diese Lebensadern offen bleiben. Die Folgen zeigen sich bereits weit entfernt vom Persischen Golf. In Bangladesch etwa standen Autofahrer zuletzt stundenlang an Tankstellen Schlange, aus Sorge, dass der Krieg die Treibstoffversorgung unterbrechen könnte. In Vietnam ruft die Regierung Unternehmen dazu auf, ihre Mitarbeiter möglichst von zu Hause arbeiten zu lassen – schlicht um Treibstoff zu sparen. Und selbst am anderen Ende der Welt wächst die Nervosität: in Australien und Neuseeland. Die Staaten sind stark von Ölimporten aus asiatischen Raffinerien abhängig. Doch wenn der Ölfluss aus dem Nahen Osten stockt, hat das Folgen für die globale Lieferkette – immerhin behalten Staaten in Krisenzeiten ihre Energieversorgung zunächst einmal für sich. Die Straße von Hormus ist allerdings nur das jüngste Beispiel dafür, wie verletzlich die Infrastruktur der Weltwirtschaft geworden ist. Etwas weiter westlich liegt bereits das nächste Nadelöhr: das "Tor der Tränen" , die Meerenge "Bab al-Mandab" zwischen dem Jemen und Ostafrika. Wer vom Indischen Ozean in Richtung Mittelmeer will, muss hier hindurch – und damit auch durch das Rote Meer . Normalerweise laufen hier etwa 10 bis 12 Prozent des weltweiten Seehandels und rund 30 Prozent des globalen Containerverkehrs. Genau dort greifen seit Monaten die vom Iran unterstützten Huthi-Terroristen Handelsschiffe an. Raketen, Drohnen, Schnellboote: Für Reedereien ist die Route zu einem Hochrisikogebiet geworden. Viele Containerschiffe meiden deshalb den Weg durch das Rote Meer komplett und fahren stattdessen um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas herum. Das verlängert die Reise um Tausende Kilometer und katapultiert Transportkosten nach oben. Hier zeigt sich ebenfalls: Ein paar bewaffnete Milizen an einer schmalen Meerenge reichen aus, um eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt ins Wanken zu bringen. Auch im Krieg mit dem Iran könnten die Terroristen aktiv werden. Der Suezkanal selbst, der quasi hinter dem "Tor der Tränen" liegt, hat bereits gezeigt, wie fragil dieses System ist. Im Jahr 2021 genügte ein einziges Containerschiff, das quer über den Kanal auf Grund lief, um einen erheblichen Teil des Welthandels für Tage zu blockieren. Die Bilder der "Ever Given" gingen um die Welt – und sie waren ein Symbol für ein System, das erstaunlich praktisch, aber auch erstaunlich anfällig geworden ist. Noch größer wäre der Schock, wenn sich eine andere Meerenge in eine Konfliktzone verwandeln würde: die Taiwanstraße. Über sie laufen wichtige Handelsrouten zwischen Ostasien, Europa und Nordamerika. Gleichzeitig sitzt in Taiwan mit TSMC einer der wichtigsten Hersteller moderner Halbleiter – jener Chips, ohne die heute kein Auto, kein Smartphone und kaum eine Industrieanlage funktioniert. Taiwan produziert heute mehr als 60 Prozent der weltweiten Chips und mehr als 90 Prozent der Halbleiter. Ein Krieg mit China, der der kleinen Inselrepublik seit Jahren droht, würde nicht nur den Handel stören, sondern ganze Industrien treffen. Die Weltwirtschaft gleicht einem Hochleistungsmotor. Jahrzehntelang wurde er immer schneller, besser gemacht – nur leider ohne Reserverad konstruiert. Und dieses Muster zeigt sich längst nicht nur auf dem Meer. Auch der Himmel wird plötzlich kleiner: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine können westliche Airlines den russischen Luftraum nicht mehr nutzen. Das hat viele Flüge zwischen Europa und Asien bereits verlängert und verteuert. Nun kommt ein zweites Problem hinzu: Wegen des Kriegs mit dem Iran meiden zahlreiche Airlines auch große Teile des Luftraums über dem Persischen Golf und wichtige Drehkreuze wie Dubai. Tausende Flüge wurden gestrichen oder umgeleitet. Die Folge: Zwischen Europa und Asien bleiben nur noch wenige Korridore übrig, Umwege verlängern Flüge um mehrere Stunden. Die Flugpreise steigen ohnehin schon wegen der Kerosinpreise an. Die Globalisierung hat Lieferketten stets verbessert. Rohstoffe werden dort gefördert, wo sie am billigsten sind. Bauteile entstehen dort, wo Produktion am effizientesten, ergo: günstigsten ist. Transportiert wird entlang der schnellsten (und auch hier: kostengünstigsten) Routen. Dieses System hat Wohlstand geschaffen und Preise gesenkt. Was lange als Triumph der Globalisierung galt, wirkt zunehmend wie ein Risiko. Der Krieg im Iran führt das gerade schmerzlich vor Augen. Er erinnert daran, wie schnell aus einem regionalen Konflikt ein globaler Preisschock werden kann. Und womöglich auch daran, dass die Welt jahrzehntelang vor allem auf Effizienz gesetzt hat – und dabei unterschätzt hat, wie politisch verletzlich dieses System ist. Die vernetzte Welt ist zu einer Illusion verkommen. Einen rechten Ausweg aus der Misere gibt es nicht. Aber eine Lehre sehr wohl. Staaten und Unternehmen werden ihre Lieferketten robuster machen müssen. Mehr Lager, mehr alternative Routen, mehr Produktion in unterschiedlichen Regionen der Welt. Eine weitere Antwort wäre, die Abhängigkeit von Öl und Gas selbst zu verringern. Wind- und Solarenergie benötigen keinen dauerhaften Nachschub an Rohstoffen, wenn die Anlagen erst einmal stehen (dazu braucht es freilich wieder die Mikrochips aus Taiwan). Grüner Wasserstoff könnte derweil langfristig Öl und Gas ersetzen, zumindest in Teilen der Industrie. Effizienz und Billig-Billig allein reichen im Zweifelsfall nicht mehr. Handelswege müssen besser geschützt werden. Schon jetzt kündigte US-Präsident Donald Trump an, die USA prüften militärische Optionen, um den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus wieder zu sichern. Ein Begleitschutz für Tanker sei zwar denkbar, berichten Insider – derzeit halte die US-Marine das Risiko aber noch für zu hoch. Das kann, wenn überhaupt, nur eine kurzfristige Lösung sein. Gleichzeitig drohte Trump dem Iran mit militärischen Konsequenzen, sollte die Meerenge vermint werden. Europa muss sich mittelfristig fragen, wie abhängig es weiterhin von einzelnen Energie- und Transportkorridoren sein kann und möchte. Welche Alternativen es überhaupt gibt. Und wie die zu stemmen sind. All das kostet Geld und Zeit. D ie Alternative wäre indes noch teurer: eine Erde, in der ein paar Raketen, eine blockierte Meerenge oder ein gesperrter Luftraum genügen, um ganze Volkswirtschaften aus dem Takt zu bringen. Den Preis zahlt die moderne Welt. Und so auch Sie. SPritpreise Ist das schon Kommunismus? Es ist ein einmaliger Schritt, der – zugegeben – auch mit meinem ersten Thema im Tagesanbruch zu tun hat: dem Iran-Krieg und den Folgen für die global-vernetzte Weltwirtschaft. Denn hierzulande spüren die Deutschen den Krieg gegen das Mullah-Regime vor allem im Portemonnaie: beim Tanken. Die Mitgliedsländer der Internationalen Energie-Agentur (IEA) haben die bislang größte Freigabe von Notfall-Ölvorräten beschlossen, um die Ölmärkte zu beruhigen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat zudem Pläne angekündigt, wonach Tankstellen in Deutschland nur noch einmal am Tag ihre Spritpreise erhöhen dürfen. Dieses Modell wolle die Bundesregierung im Hinblick auf die wegen des Iran-Kriegs enorm gestiegenen Preise so rasch wie möglich einführen, so die CDU-Politikerin. Preissenkungen seien derweil jederzeit möglich. Das Modell soll Autofahrerinnen und -fahrern bei der Suche nach der günstigsten Tankstelle helfen, ohne dass sie mehrfach täglich Preise vergleichen müssen. Man erwarte aber auch preisdämpfende Effekte, sagte Reiche. Der ADAC zeigte sich skeptisch, ob die "Einmal-täglich-Regel" wirklich Preisanstiege dämpft. Die Frage ist, wie schnell die Änderung kommt und ob sie in der aktuellen Lage noch wirkt. Sofort brach in der t-online-Redaktion eine, wie ich finde, recht grundlegende Debatte los: Ist der Schritt von CDU-Ministerin Katherina Reiche bereits der erste in den Kommunismus? Oder braucht es in Krisenzeiten diesen staatlichen Dirigismus, den Eingriff in den Markt, um den Mineralölkonzernen einen Riegel vorzuschieben? Meine Kollegen Philipp Michaelis und Florian Schmidt haben sich dazu herrlich gestritten, doch lesen Sie selbst. Ukraine-krieg Warme Worte und kalte Temperaturen Die Anreise erfolgt im Nachtzug, der Empfang ist herzlich, die Botschaft klar: Julia Klöckner war gestern zum ersten Mal als Bundestagspräsidentin in der Ukraine. Im Parlament spricht sie von enger Partnerschaft, würdigt den Widerstand gegen Russland und besucht ein durch Angriffe beschädigtes Heizkraftwerk. In einem Winter, der für viele Ukrainer erneut Kälte und Dunkelheit bedeutete. Selbst Mitte März herrschen in Kiew nachts Temperaturen um den Gefrierpunkt. Solche Gesten zählen, zumal sie seltener geworden sind. Hochrangige Besuche aus Europa und den USA haben in den vergangenen Monaten abgenommen. Denn so warm die Worte sind, so kühl ist die politische Realität. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine läuft inzwischen im fünften Jahr – und droht international in den Hintergrund zu rücken. Die Aufmerksamkeit der Welt richtet sich auf neue Krisen: allen voran den Iran-Krieg. Für Kiew wird das auch in Brüssel spürbar. EU-Hilfen in Milliardenhöhe stecken fest, blockiert von Viktor Orbán . Die ukrainische Führung sucht deshalb bereits nach Auswegen. Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert offen: "Wir und Europa, wir brauchen alle einen Plan B", sagte er in einem Interview von "Politico" und "Welt". Das sei nötig, um weitere Erpressungsversuche von Ungarns Regierungschef Viktor Orbán abzuschmettern. Klöckners Reise zeigt: Die Solidarität ist noch da. Aber diese muss sich auch beweisen. Denn warme Worte allein heizen kein Kraftwerk und schützen nicht vor den brutalen Angriffen aus Russland. Wenn Europas Unterstützung glaubwürdig bleiben soll, darf sie nicht nur in Reden bestehen. Das historische Bild Der große Ölrausch der USA begann 1859 in Pennsylvania. Mehr lesen Sie hier. Lesetipps Boris Palmer könnte nach dem Sieg von Cem Özdemir im Ländle neue politische Aufgaben übernehmen. Bei den Grünen sorgt das für Aufruhr, schreibt Julia Naue. Artikel lesen Eine Festnahme setzt Russlands Ex-Verteidigungsminister Schoigu besonders unter Druck. Jetzt gibt es Hinweise auf einen möglichen Putsch gegen Putin, berichtet meine Kollegin Nilofar Breuer. Artikel lesen Nach außen jubelt die AfD über ihr gutes Ergebnis im Südwesten. Innen aber rumort es, notiert Annika Leister. Artikel lesen Beim Autozulieferer PWO aus Oberkirch laufen die Geschäfte eigentlich rund. Doch ausgerechnet der deutsche Standort kriselt. Vorstandschef Carlo Lazzarini spricht im Interview mit meinem Kollegen Julian Alexander Fischer offen über die Probleme. Artikel lesen Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen Tag ohne Engstellen. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Mauritius Kloft Ressortleiter Politik und Wirtschaft Mit Material von dpa.