VW: Ex-Chef Matthias Müller spricht über Dieselskandal und sein Gehalt
Matthias Müller führte Volkswagen während des Dieselskandals durch die Krise. Im Interview mit t-online gesteht der Ex-Chef Fehler ein, teilt gegen die Justiz aus und erklärt, was er mit seinem Millionengehalt gemacht hat. Ein Team der West Virginia University in den USA machte vor über zehn Jahren eine ungeheuerliche Entdeckung. Ein VW Passat stieß auf der Straße bis zu 40-mal mehr Stickoxide aus als erlaubt und zeigte massive Abweichungen zu den Laborwerten. Nach Ermittlungen von US-Behörden räumte Volkswagen ein, in rund 11 Millionen Dieselautos weltweit eine Manipulationssoftware eingebaut zu haben, die Abgastests erkannte und kurzzeitig Emissionen senkte. Die Folgen waren gewaltig: milliardenschwere Strafzahlungen, ein massiver Vertrauensverlust und eine Krise, die den Konzern bis heute beschäftigt. Kurz nach dem Auffliegen des Dieselskandals übernahm Matthias Müller den Vorstandsvorsitz bei Volkswagen und wurde zum Krisenmanager eines Unternehmens, das um seinen Ruf kämpfte. Im Interview mit t-online blickt der Ex-Chef nicht nur auf die Affäre zurück, sondern kommentiert auch die aktuelle Lage des Konzerns. Traditionsfirma baut Jobs ab : "Das war ein Schlag in die Magengrube" Automobilkrise : "Wir verdienen in Deutschland kein Geld mehr" t-online: Volkswagen hat für das Jahr 2025 einen drastischen Gewinneinbruch vermeldet. Befindet sich der Konzern nur in einer schwierigen Phase – oder hat er ein grundlegendes Problem? Matthias Müller: Die Autoindustrie ist jetzt über 100 Jahre alt und hatte immer mal Probleme. Doch die aktuelle Lage ist tatsächlich extrem schwierig. Die externen Rahmenbedingungen für die deutsche Autoindustrie haben sich verändert – nicht nur für Volkswagen. Wenn Sie sich die Zahlen von Mercedes oder BMW anschauen, sehen Sie auch Gewinneinbrüche und Umsatzrückgänge. Dazu kommen der Wettbewerb aus China und die Zollpolitik, insbesondere in Amerika. Jammern hilft aber nicht. Das sind Umstände, die jetzt da sind, und die Unternehmen müssen darauf flexibel reagieren. Volkswagens Exporte nach Nordamerika sind sogar noch stärker eingebrochen als die nach China. Wie sehr schadet US-Präsident Donald Trump der deutschen Industrie? Er schadet nicht nur der deutschen Industrie, sondern auch seiner eigenen. Große Unternehmen haben lange Vorlaufzeiten und brauchen Planungssicherheit. Doch das erratische Verhalten der Trump-Regierung lässt das im Moment nicht zu. Durch die Eskalation im Nahen Osten ist die Lage extrem volatil. Der Iran blockiert die Straße von Hormus, durch die auch viele Schiffe mit Autoteilen und fertigen Fahrzeugen fahren. Das ist eine riesige Herausforderung. Was heißt das konkret für Volkswagen? Volkswagen hat zu viele teure Mitarbeiter und verkauft dabei zu wenige Autos. Der Konzern muss an der Kostenspirale drehen. Außerdem braucht Volkswagen mehr attraktive Autos, die sich gut verkaufen. Dafür ist Kreativität gefordert. Nicht zuletzt muss sich Volkswagen in China neu aufstellen, weil dort inzwischen über 100 Wettbewerber auf dem Markt sind. Oliver Blume, der aktuelle Vorstandschef, hat erklärt, dass das Geschäftsmodell, das Volkswagen jahrzehntelang getragen hat, so nicht mehr funktioniert. Hat der Konzern einen Wendepunkt verschlafen? Volkswagen hat überhaupt nichts verschlafen. Volkswagen war bei vielen Dingen Erster oder mindestens Zweiter, wenn es darum ging, Entwicklungen voranzutreiben. Natürlich wurden Fehler gemacht, das will ich gar nicht verneinen. Aber es hilft nichts, immer nur nach hinten zu schauen. Wichtig ist, die Gegenwart zu analysieren und das Geschäftssystem zu reformieren, wenn es notwendig ist. Das macht Oliver Blume . Trauen Sie ihm zu, den Konzern wieder aus der Krise zu führen? Ja, meines Erachtens schon, aber natürlich nicht alleine. Der Volkswagen-Konzern ist ein komplexes Gebilde, auch mit seinen Besitzstrukturen. Ich kenne Oliver Blume aus langjähriger Zusammenarbeit persönlich gut und schätze ihn. Er wird den Volkswagen-Konzern wieder in die richtige Richtung führen. Volkswagen will bis 2030 konzernweit 50.000 Stellen abbauen. Ist das notwendig – oder ein Desaster? Für jeden Betroffenen ist das natürlich ein Desaster. Aber der Stellenabbau erfolgt ohne betriebsbedingte Kündigungen und es gibt ein entsprechendes Sozialpaket. Trotzdem bleibt es für jeden Betroffenen ein Einschnitt. Auf der anderen Seite hatten wir viele Jahre Hochkonjunktur. Da setzen solche Unternehmen natürlich auch Fett an. Irgendwann ist dann ein Punkt erreicht, an dem sie das wieder abnehmen müssen. Diese Phase erleben wir jetzt gerade. Gleichzeitig zahlt der Konzern Millionenboni an den Vorstand. Finden Sie das fair? Bei Volkswagen bekommt jeder Mitarbeiter einen Bonus, und der Vorstand eben auch. Der trägt dabei ein erhöhtes Maß an Verantwortung. Schon zu meiner Zeit bei Volkswagen haben die Medien sehr kritisch über die Manager-Boni berichtet. Wir haben dann einen Vorstandsbeschluss gefasst und auf ein Drittel unserer jährlichen Einkommen verzichtet. Wenn Sie sich im Übrigen mal die Gehälter von CEOs anderer weltweit agierender Großkonzerne anschauen, dann verdienen die zum Teil erheblich mehr. Und trotzdem: Warum verdienen Volkswagen-Manager mehrere Millionen Euro im Jahr? Keiner kann wirklich beurteilen, ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Es gibt eine Hierarchie in so einem Unternehmen, und diese Hierarchie ist im Wesentlichen geprägt von Verantwortung. Wenn Manager deutlich weniger verdienen würden, würden sie vielleicht nicht bei Volkswagen arbeiten, sondern in einem anderen Unternehmen. Was haben Sie mit Ihrer Millionen-Vergütung angestellt? Erst mal habe ich darauf 50 Prozent Steuern bezahlt. Dann habe ich etwa nach Ausbruch des Ukrainekriegs eine vierköpfige ukrainische Familie bei mir aufgenommen und unterstütze die Kinder weiterhin finanziell bei ihrer Ausbildung. Ich habe auch für viele andere Projekte gespendet – deshalb bin ich, was das angeht, mit mir im Reinen. Sie haben Volkswagen nach dem Auffliegen des Dieselskandals geführt. Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt? Der Fehler ist damals aus unserer Unternehmenskultur heraus entstanden. Unsere Aufgabe als Vorstand war zweierlei: Wir haben zur Aufklärung beigetragen und dafür gesorgt, dass so etwas hoffentlich nicht mehr passiert. Wir haben die Geschäftsprozesse analysiert und dann teilweise auch verändert und reformiert. Volkswagen hat damals eine Software eingebaut, um bei Abgastests zu betrügen. Bis heute wird der Konzern deshalb verklagt. Ja, diesen Fehler hat Volkswagen teuer bezahlt. Entsprechende Gerichtsurteile haben uns 30 Milliarden Euro gekostet. Es ist aber ein Unding, dass jetzt im elften Jahr nach 2015 immer noch neue Klagen zugelassen werden. In Amerika war das Thema in drei Jahren erledigt. Mich stört aber noch etwas. Was denn? Verschiedene NGOs haben den Dieselskandal seit 2015 schamlos für ihre Interessen ausgenutzt. Sie haben nicht nur die Abgasnachbehandlung infrage gestellt, sondern gleich den Verbrennungsmotor an sich. Die Umweltorganisationen haben in Brüssel in einer Art lobbyiert, gegen die wir als Industrie machtlos waren. Das hat fatale Folgen gehabt, nicht nur für die Hersteller und Zulieferer, sondern auch für die Kunden. Was meinen Sie? Das Verbrenner-Verbot. Am Ende wurde nicht technologieoffen entschieden. Wer sagt denn, dass der Verbrenner zu Ende entwickelt ist? Schauen Sie sich die CO2-Reduzierungen der vergangenen 20 Jahre an. Die sind enorm. Ich bin nicht gegen Elektromobilität, sondern habe als Vorstand viele neue E-Modelle angestoßen. Aber wir haben damals für alternative Antriebskonzepte genauso viel Geld eingeplant wie für die konventionellen Motoren. Leider wurde dann in Brüssel dieses Verbrenner-Aus formuliert, was die Bundesregierung sträflicherweise nicht verhindert hat. Die Unternehmen wurden damit in die falsche Richtung geschickt. Das hat viel Geld gekostet. Jetzt gehen sie den Weg zurück – und das kostet wieder viel Geld. Sie halten das Verbrenner-Aus also für einen Fehler? Ja, jedenfalls in dieser Form. Die Autoindustrie ist systemrelevant in Deutschland, nicht nur die Hersteller, sondern auch die Zulieferer und der Mittelstand mit Hunderttausenden Arbeitsplätzen. Im zweiten Teil des Interviews, das am Wochenende erscheint, erklärt Matthias Müller, warum er Deutschland auf dem Weg zu einer "DDR 2.0" sieht und wie die AfD entzaubert werden könnte.
