Formel 1: Verstappen und Mercedes-Boss Wolff im Streit über neue Regeln
Die neue Formel-1-Saison ist erst zwei Rennen alt, doch der Streit über die neuen Regeln tobt. Geprägt ist er von gegenseitigen Unterstellungen. Der momentane Chefkritiker der Formel 1 ist eines ihrer prominentesten Gesichter. Max Verstappen wird nicht müde, das neue Reglement der Rennserie und allen voran die neuen Motoren zu kritisieren. Der Überholmodus in den neuen Antrieben, die ab diesem Jahr ihre Energie zur Hälfte aus der Batterie beziehen, ermöglicht zwar immer wieder plötzliche Überholchancen. Um den Akku zu laden, müssen die Piloten allerdings in eigentlich schnellen Streckenabschnitten auch Tempo herausnehmen. Dieser neue Stil gefällt Verstappen überhaupt nicht. Auf der anderen Seite stehen Mercedes-Teamchef Toto Wolff und Ferrari-Pilot Lewis Hamilton , die aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskommen. Das Racing mit dem neuen Überholmodus sei hervorragend, die Fans seien begeistert. Sie wittern hinter den Beschwerden von Verstappen Eigeninteresse. Der Niederländer wirft ihnen wiederum Ähnliches vor. Die Fronten im Streit über die neuen Regeln sind verhärtet. Mario Kart statt Formel 1? Schon vor Saisonbeginn hatte Vierfach-Weltmeister Verstappen die Formel 1 kritisiert. Die neuen Autos fühlten sich an wie "Formel E auf Steroiden" und ihm mache das Rennfahren darin überhaupt keinen Spaß. Im Rahmen der ersten zwei Läufe in Australien und China, die für ihn enttäuschend verliefen, wurde er nicht müde, seine Kritik zu wiederholen. "Es ist furchtbar", polterte nach dem Rennen in Shanghai, das er aufgrund eines technischen Defekts vorzeitig beenden musste. "Es macht überhaupt keinen Spaß. Das ist Mario Kart spielen. Das ist kein Racing", so Verstappen. Der Vergleich mit dem beliebten Videospiel wird in der Königsklasse dieser Tage gerne gezogen. Damit versuchen die Fahrer den elektrischen Boost zu beschreiben, den sie für das Überholen zur Verfügung haben – ähnlich wie der Turbo-Pilz, der in Mario Kart einen Geschwindigkeitsschub verleiht. "Für mich ist das einfach ein Witz" Verstappen ist davon kein Fan. Er will, dass der Fahrer selbst den Unterschied ausmachen kann. "Schau dir das Racing doch an", schimpfte er. "Du boostet vorbei, dann geht dir auf der nächsten Geraden die Batterie aus und sie boosten wieder an dir vorbei", so Verstappen weiter. "Für mich ist das einfach ein Witz." Verstappen forderte eine bessere Beteiligung der Fahrer an den Regeln und war sich darüber hinaus sicher, dass die meisten seiner Kollegen ihm zustimmen würden, dass es nicht das Racing sei, "das wir wollen". Er ging sogar noch weiter: "Ich glaube auch nicht, dass es das ist, was die echten F1-Fans wollen." Bestimmt gebe es auch Fans des neuen Reglements, "aber die verstehen dann nichts von Racing", so seine Theorie. Änderungen noch während der laufenden Saison hält jedoch selbst er für schwierig: "Man kann ein bisschen nachhelfen, aber es ist im Kern fehlerhaft", sagte der Niederländer. Dennoch wolle er weiter mit der Führung im Austausch bleiben, um an Lösungen zu arbeiten. "Es wird natürlich auch sehr schwer, alle unter einen Hut zu bringen. Es müssen nicht alle zustimmen, aber die Mehrheit muss einverstanden sein, um Änderungen durchzudrücken." Hamilton schwärmt Dass sich eine Mehrheit hinter Verstappens Kritik versammelt, ist auch deshalb zweifelhaft, weil er prominente Gegenredner hat. Zu diesen zählt unter anderem Rekordweltmeister Lewis Hamilton, der sich in China einen spannenden Kampf mit seinem Teamkollegen Charles Leclerc inklusive zahlreicher Überholmanöver lieferte. "Ich glaube, das ist das beste Racing, das ich in der Formel 1 miterlebt habe", schwärmte er nach dem Rennen – und sagte damit das genaue Gegenteil Verstappens. "Das hat sich angefühlt wie im Go-Kart, hin und her, hin und her", berichtete Hamilton weiter. Auch die veränderte Aerodynamik an den Autos gefällt dem Briten. Engere Duelle seien jetzt besser möglich als in den vergangenen Jahren. "Du kannst sehr nah heranfahren. Es gibt keinen schlechten Windschatten, bei dem du zu viel Abtrieb verlierst. Du kannst dich wirklich gut platzieren, manchmal passt nur ein dünnes Blatt Papier zwischen die Autos", sagte er. "Max steckt in einer Horror-Show" Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff äußerte sich positiv: "Aus Unterhaltungssicht war das heutige Duell zwischen Ferrari und Mercedes meiner Meinung nach ein gutes Rennen – mit vielen Überholmanövern", sagte er mit Blick auf das Rennen in China. "Wir alle haben die Formel 1 noch miterlebt, als es buchstäblich keine Überholmanöver gab. Manchmal sind wir etwas zu nostalgisch, was die guten alten Zeiten angeht, aber ich denke, das Produkt an sich ist gut", so Wolff weiter. "Wenn man vor dem Fernseher oder Bildschirm sitzt, würde selbst Max sagen, dass das Rennen an der Spitze interessant war", wies er Verstappens Kritik zurück. "Alle Daten zeigen, dass die Fans es lieben." Für ihn ist die Meinung der Fahrer im Gegensatz zu den Fans zweitrangig. Er sieht Verstappens Frust über die neuen Regeln eher in der schlechten Performance seines Red Bulls begründet. "Ich meine, Max steckt wirklich in einer Horror-Show", sagte er. "Wenn man sich die Onboard-Aufnahmen vom gestrigen Qualifying ansieht, ist das einfach nur grauenhaft zu fahren", lautete seine deutliche Analyse zur Leistungsfähigkeit des Red Bulls. Generell vermutete er, dass die aktuell unterlegenen Teams noch einige Tricks nutzen könnten, um ihre Situation zu verbessern. "Mal sehen, welche politischen Messer in den nächsten Wochen und Monaten noch gezogen werden", sagte er. "Einige werden natürlich sagen, dass es großartig ist" Zu derartigen Vermutungen hat der Chef des Teams, das die ersten beiden Rennen jeweils auf Platz eins und zwei beendet hatte, durchaus guten Grund. Rund um ein angebliches Schlupfloch in den Regeln, das Mercedes beim Bau des Motors für ein paar Extra-PS genutzt haben soll, protestierten bereits einige Teams erfolgreich. Ab Juni verschärfen die Regelhüter der Fia ihre Tests an den Motoren, um das angebliche Schlupfloch zu schließen. Teamchef Wolff ist also vor weiteren Regeländerungen aufgrund von Meckereien seiner Konkurrenz gewarnt. Verstappen bestritt jedoch, nur aufgrund der mangelnden Leistungsfähigkeit seines Red Bulls zu meckern. Er würde das Gleiche sagen, wenn er Rennen gewönne, "weil mir das Produkt Rennsport am Herzen liegt", so der 28-Jährige. Er vermutete wiederum in den Lobeshymnen der Konkurrenz ähnliche Motive: "Einige werden natürlich sagen, dass es großartig ist, weil sie Rennen gewinnen, was ja auch völlig legitim ist. Wenn man einen Vorteil hat, warum sollte man ihn aufgeben?" Die Fronten im Streit über die neuen Regeln werden also wohl auch zum kommenden Rennen in Japan am letzten März-Wochenende verhärtet bleiben. Immerhin: Aufgrund der wegen des Kriegs im Nahen Osten abgesagten Termine in Bahrain und Saudi-Arabien wird es im ganzen April keine weiteren Rennen mehr geben. Zeit genug also für die Streithähne, eine Einigung zu erzielen.
