Energie-Krise: IEA warnt vor Folgen und fordert Tempolimit und Fahrverbot
Da sich im Iran-Krieg noch immer keine Entspannung abzeichnet, warnt die Internationale Energieagentur vor der größten Energiekrise der Geschichte. Und sie ruft Regierungen zum Handeln auf. Der Krieg der USA und Israel gegen den Iran hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Auch zu Beginn der vierten Kriegswoche zeichnet sich keine Entspannung ab, die Märkte reagieren entsprechend. Der Ölpreis für die Sorte Brent bleibt über der Marke von 110 US-Dollar, der europäische Gaspreis klettert auf über 61 Euro pro Megawattstunde. Dabei werden sich die realen Engpässe erst in den kommenden Tagen erstmals bemerkbar machen. Die letzten Tanker, die vor Kriegsbeginn die Straße von Hormus durchquert haben, erreichen in diesen Tagen noch ihre anvisierten Ziele. Vieles spricht dafür, dass nach dieser Woche kein oder kaum noch Nachschub kommt und die Preise noch einmal deutlich steigen, wenn sich keine Lösung im Konflikt abzeichnet. Schwerste Energiekrise der Geschichte Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt vor der schwersten Energiekrise der Geschichte und bereitet sich darauf vor, noch mehr Öl aus den strategischen Reserven freizugeben. Vor zwei Wochen hatten die IEA-Mitgliedsländer bereits eine historische Menge an Öl freigegeben – doch der Effekt verpuffte an den Märkten. IEA-Chef Fatih Birol erklärte am Montag, die Energiekrise könnte schwerer ausfallen als die beiden Ölschocks der 1970er-Jahre und die Ukraine-Krise zusammen. Noch dazu droht US-Präsident Donald Trump mit Angriffen auf Energieanlagen im Iran – der wiederum kündigt Vergeltung an. Aufgrund der sich hochschaukelnden Rhetorik legte die IEA am Wochenende einen Zehn-Punkte-Plan vor, wie Regierungen jetzt handeln könnten, um möglichst viel Öl und Gas einzusparen. Die Empfehlungen basieren zum Teil auf Erfahrungen aus vorangegangenen Energiekrisen, wie dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Jahr 2022 oder den Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre, die ebenfalls durch Konflikte im Nahen Osten verursacht wurden. Tempolimits, mehr Homeoffice und Einschränkung von LPG Diese zehn Maßnahmen sollten Regierungen weltweit nach Ansicht der Energiebehörde so schnell wie möglich umsetzen: Mehr Homeoffice ermöglichen Tempolimits auf Autobahnen einführen Das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel fördern Private Autonutzung nur an bestimmten Tagen zulassen Carsharing fördern Informationskampagnen zu effizienterem Fahren starten (v.a. für gewerblichen Verkehr) Nutzung von LPG (Autogas) einschränken Flugverkehr reduzieren Auf elektrische Kochfelder umsteigen, statt Gas zum Kochen zu verwenden Industrieanlagen, die ihren Öl- und Gasverbrauch anpassen können, sollten unterstützt werden, zum Beispiel mit Informationskampagnen zur effizienteren Nutzung. Die meisten Vorschläge beziehen sich auf den Straßenverkehr , der rund 45 Prozent des globalen Ölverbrauchs ausmacht. Die Empfehlung für mehr Homeoffice könnte den privaten Ölverbrauch um bis zu 20 Prozent reduzieren, so die IEA. Weitere fünf bis zehn Prozent könnten durch die Einführung von Tempolimits auf Autobahnen eingespart werden; die Energiebehörde empfiehlt hier eine Reduktion um 10 km/h. Auf vielen deutschen Autobahnen würden also beispielsweise 120 km/h statt 130 km/h als Tempolimit gelten - oder überhaupt ein Tempolimit . Diese Maßnahme ist auch schon erprobt: In der Ölkrise 1973 haben Länder wie Frankreich und Deutschland solche Tempolimits eingeführt. In Deutschland hingegen gab es die sogenannten Sonntagsfahrverbote, als an vier aufeinanderfolgenden Sonntagen Ende 1973 nicht gefahren werden durfte. Der private Ölverbrauch könnte um weitere drei Prozent sinken, wenn mehr Menschen in Städten auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Die IEA nennt als Beispiel das 9-Euro-Ticket, das Deutschland in der Energiekrise 2022 eingeführt hat und das sich großer Beliebtheit erfreute. Ähnliche Wirkung entfalten könnte eine Rotation der Nutzung privater Autos: So könnten Regierungen bestimmen, dass die Hälfte aller privaten Autos nur an bestimmten Tagen der Woche fahren dürfen – und an anderen Tagen die andere Hälfte. Das habe sich 1973 in Italien bewährt: Damals galten Sonntagsfahrverbote abwechselnd für Autos mit geraden Zahlen und ungeraden Zahlen im Kennzeichen. All diese Maßnahmen sollten durch Informationskampagnen für effizientes Autofahren flankiert werden. In Chile etwa gibt es kostenlose Kurse, in denen Autofahrer lernen, sparsamer zu fahren. Grundsätzlich müsste der IEA zufolge die Öffentlichkeit auf Energiesparmaßnahmen aufmerksam gemacht werden. In Asien schließen Schulen und öffentliche Gebäude Einige Vorschläge wurden bereits umgesetzt, vor allem von Ländern im asiatischen Raum, die am stärksten von einem vollständigen Ausfall der Öllieferungen aus der Golfregion betroffen sind. In mehreren dieser Länder gelten mittlerweile Viertagewochen und Homeoffice-Regeln. In Bangladesch und Pakistan sind Schulen und Universitäten geschlossen, stattdessen soll zu Hause gelernt werden. In Asien sind Unternehmen und öffentliche Gebäude angehalten, Energie zu sparen. In Ägypten müssen Läden ab 21 Uhr schließen und das Licht ausschalten. In einigen Ländern wie Thailand und den Philippinen ist auch die Nutzung von Klimaanlagen eingeschränkt. Aber auch in Europa werden viele Maßnahmen gegen steigende Energiepreise diskutiert: In Italien werden Steuern gesenkt, Griechenland führt eine Übergewinnsteuer ein und in Kroatien werden Spritpreise gedeckelt. In Deutschland werden solche Maßnahmen noch nicht ergriffen, es tagt aber eine Taskforce, die die Lage ständig neu bewerten soll. Umstieg auf E-Autos und Wärmepumpen soll gefördert werden Grundsätzlich muss die vom Iran-Krieg ausgelöste Energiekrise nach Ansicht der IEA zu einem Umdenken in vielen Bereichen führen. In ihrem Energiereport fordert sie Regierungen zu langfristigen Maßnahmen auf, die ergänzend zum Zehn-Punkte-Plan in Betracht gezogen werden müssten. Breite Subventionen für alle – wie in Deutschland mit der Energiepreispauschale 2022 umgesetzt wurde – lehnt sie ab. Stattdessen sollten insbesondere Haushalte mit kleineren Einkommen Unterstützung bekommen. Eine Deckelung der Preise sei unter Umständen sinnvoll, wenn diese besonders stark steigen. Die IEA warnt jedoch, dass dies für öffentliche Haushalte teuer werden könnte. Eine Senkung der Energiesteuern sollten laut den IEA-Experten alle Regierungen prüfen. Darüber hinaus empfiehlt die Energieagentur: Den Umstieg auf Elektroautos zu fördern, Ladeinfrastrukturen auszubauen. Den Einbau und die Nutzung von Energiemanagementsystemen in der Industrie: Untersuchungen hätten gezeigt, dass Unternehmen bis zu 30 Prozent weniger Energie verbrauchen, wenn sie Energiemanager nutzen. Den Austausch von Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen zu fördern. Mehr Müll zu trennen und vor allem die Mehrfachnutzung von Plastik und Plastikprodukten zu unterstützen. Den Hochlauf von biogenen Kraftstoffen zu fördern, zum Beispiel aus Reststoffen, insbesondere für Bereiche, die nicht elektrifiziert werden können. Eines ist klar: Selbst bei einem baldigen Ende des Kriegs wird die aktuelle Energiekrise nicht schnell vorübergehen. Zentrale Energieinfrastrukturen wurden bereits zerstört und das Vertrauen in die Golfregion ist stark belastet. In Deutschland scheint das bei vielen Haushalten auch anzukommen: Clean-Tech-Unternehmen wie Solar-, Elektroauto- und Wärmepumpenhändler stellten zunächst eine deutlich erhöhte Nachfrage fest. Der US-Präsident und der Iran-Krieg könnten am Ende Auslöser eines neuen Schubs für die Energiewende sein.
