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Digitale Souveränität: KI-Experte warnt vor Abhängigkeit Europas

Europa ist bei Künstlicher Intelligenz abhängig von den USA und China. KI-Investor Fabian Westerheide erklärt, warum das gefährlich ist – und was sich ändern muss. Ob WhatsApp , Google oder ChatGPT: Im digitalen Alltag nutzen die meisten Deutschen fast ausschließlich amerikanische Produkte . Die Daten landen auf Servern in den USA , die Wertschöpfung wandert ab und die Abhängigkeit wächst. Fabian Westerheide kennt beide Seiten dieser Entwicklung. Der Berliner Unternehmer investiert seit Jahren in KI-Firmen, berät die Politik und organisiert mit der "Rise of AI" eine der wichtigsten KI-Konferenzen Europas. Im Interview mit t-online spricht er über die Gefahren der digitalen Abhängigkeit und die Frage, ob Europa im KI-Rennen überhaupt noch eine Chance hat. t-online: Herr Westerheide, wenn Sie alle amerikanischen und chinesischen Apps von Ihrem Handy löschen – was bleibt dann übrig? Fabian Westerheide: Ziemlich wenig. Und das ist schockierend. Natürlich gibt es auch europäische Alternativen, aber sie spielen im Alltag vieler Menschen bisher kaum eine Rolle. Wir benutzen heute fast nur amerikanische Anwendungen. Die bekommen unsere Daten, trainieren ihre Modelle damit und zahlen in Europa meist einen sehr optimierten Steuersatz. Das variiert im Detail, aber die grundsätzliche Verschiebung der Wertschöpfung ist klar erkennbar. Die Wertschöpfung wandert in die USA ab. Was genau bedeutet vor diesem Hintergrund digitale Souveränität? Im Grunde das Gleiche wie für einen einzelnen Menschen: Ich kann mich selbst am Leben erhalten. Was kritisch ist, stelle ich selbst her. Was nicht kritisch ist, hole ich vom Markt. Das ist natürlich vereinfacht – in der Realität sind wir wirtschaftlich immer voneinander abhängig. Die Chinesen machen das konsequent: Alles Wichtige – von Halbleitern über Autos bis zu Solaranlagen – produzieren sie selbst. Auch dort gibt es noch Abhängigkeiten, zum Beispiel bei High-End-Chips, aber die strategische Richtung ist klar. Und sie haben ihre Abhängigkeit von amerikanischen Chip-Konzernen in den vergangenen zehn Jahren massiv reduziert, weil sie wussten, dass der Tag kommt, an dem die USA den Hahn zudrehen. Was heißt das auf Europa übertragen? Dass unsere Daten auf europäischen Servern laufen, gehostet von europäischen Firmen, mit europäischen Werten und Gesetzen. Das wäre die erste Stufe der Souveränität. Ich nenne es modulare Souveränität: Ich muss nicht überall unabhängig sein. Aber bei allem, was kritisch ist – Gesundheitsdaten, Finanzdaten, Staatsprozesse –, brauche ich eine europäische Lösung. Das ist aus meiner Sicht ein pragmatischer Mittelweg zwischen kompletter Abhängigkeit und unrealistischer Autarkie. Können Sie ein Beispiel nennen, wo diese Abhängigkeit heute schon für die Menschen ganz individuell spürbare Folgen hat? Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt: Jeder vierte Chatbot-Nutzer in Deutschland empfindet die KI manchmal wie eine digitale Bezugsperson. Elf Prozent fühlen sogar eine emotionale Verbundenheit – und jeder zehnte Mann kann sich vorstellen, dass KI echte Liebe ersetzt. Das zeigt eine Entwicklung, auch wenn man daraus noch keine eindeutigen langfristigen gesellschaftlichen Schlüsse ziehen kann. Wohlgemerkt: Das sind die, die es offen zugeben. Die Dunkelziffer ist höher. Das lässt sich schwer messen, aber vieles deutet darauf hin, dass solche Effekte unterschätzt werden. Und grundsätzlich kann man sagen: Die Menschen sind dadurch erst mal glücklicher, sie fühlen sich verstanden, sie haben sogar Trennungsschmerz. Das klingt erst mal harmlos. Ja, aber diese Modelle warnen uns nicht. Sie sagen nicht: Achtung, ich mache dich süchtig. Achtung, ich will dir immer gefallen. Achtung, ich bin kein Mensch, ich simuliere das nur. Zumindest nicht konsequent und nicht so, dass Nutzer die Risiken wirklich verstehen. Und im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass eine KI jemanden mit Suizidgedanken in diesen Gedanken bestärkt. Das ist selten, aber genau deshalb gefährlich, weil solche Fälle oft erst sehr spät erkannt werden. Würde eine europäische KI das anders machen? Nach deutschem Recht und deutschem Moralsystem würde sie irgendwann einen Warnhinweis geben. Das wäre zumindest der Anspruch – wie konsequent das umgesetzt wird, hängt von Regulierung und konkreter Produktgestaltung ab. Was schlagen Sie konkret vor? Wir brauchen Medienkompetenz an Schulen. TikTok ist eine Suchtdroge, das ist wie Heroin. Die Mechaniken dahinter sind gezielt darauf ausgelegt, maximale Bindung zu erzeugen – genau solche Mechaniken standen in den USA gerade vor Gericht , wo eine Klägerin gegen Meta und Google Recht bekommen hat. Instagram und Snapchat machen ebenfalls abhängig. Die KIs sind dann noch mal krasser, weil sie alles nur simulieren – der perfekte Freund, die perfekte Beziehung, aber komplett verfälscht. Nicht jeder erlebt das so, aber das Risiko ist real. Ich bin außerdem für ein Handyverbot an Schulen sowie ein einheitliches Social-Media-Verbot für Kinder, damit diese Netzwerkeffekte aufhören. Was meinen Sie mit Netzwerkeffekten? Wenn zehn Kinder auf Instagram sind und zwei nicht, haben die zwei ein Problem. Wenn aber alle nicht mehr reinkönnen, ist das was ganz anderes. Und noch etwas: Eltern und Großeltern sollten keine Bilder ihrer Kinder hochladen. Die gehen in die KI-Systeme rein und werden zum Training genutzt. Und dann entstehen im schlimmsten Fall Erotikaufnahmen der eigenen Tochter oder Enkelin, ohne dass man es mitbekommt. Das ist ein Extremfall, aber genau solche Szenarien zeigen die Risiken. Eltern können diese Probleme nicht allein lösen. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Arbeit des neuen Digitalministeriums? Als sehr gut. Vorbildlich. Das Ministerium ist fachlich besetzt, nicht nach Proporz, sondern nach Kompetenz. Und sie arbeiten genau daran: Innovationen reinholen, Start-ups fördern, Ausschreibungen machen, mit den Ländern koordinieren, Bürokratie abbauen. Zum ersten Mal wird Politik ohne Politik gemacht. Ich sehe hier tatsächlich eine neue, sehr pragmatische Arbeitsweise. Es wird nicht gejammert, sondern umgesetzt. Gibt es denn in Europa überhaupt Unternehmen, die mit den großen US-Konzernen mithalten können? Ja, durchaus. Die Schwarz-Gruppe – also der Lidl-Mutterkonzern – bietet mit dem "EuroStack" ein Produkt an, das auf europäischen Rechenzentren läuft. Die Telekom hat in München innerhalb von sechs Monaten ein eigenes europäisches Rechenzentrum aufgebaut. Es gibt Hetzner, Ionos, Chip-Domain und viele kleinere Anbieter. In London , Berlin und München sitzen europäische KI-Firmen, die richtig gute Produkte machen. Viele davon sind technologisch stark, erreichen aber oft noch nicht die gleiche Skalierung wie US-Anbieter. Das Problem ist: Sie haben weniger Marketingbudget und weniger Bekanntheit. Man muss danach suchen, und es ist manchmal teurer und unbequemer. Wenn es diese Alternativen gibt – warum nutzen sie so wenige? Das hat zum Teil mit unserer Regulierung zu tun. Zum Beispiel der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO): Der Kern des Gesetzes ist richtig, Datenschutz ist wichtig. Aber die, die das Gesetz eigentlich einschränken sollte – die großen US-Konzerne –, haben andere Wege gefunden. An Google hat sich nichts geändert, an Microsoft nichts, an Meta nichts. In der Praxis gab es Anpassungen, aber die grundlegende Marktmacht ist geblieben. Wir benutzen die Produkte genauso und haben vielleicht einen Haken mehr in den AGB gesetzt. Dafür werden wir auf jeder deutschen Webseite von Cookie-Bannern erschlagen. Warum trifft die DSGVO die europäische Konkurrenz härter als die Großkonzerne? Weil sie oft als Ausrede genutzt wird, um gar nicht mehr mit Daten zu arbeiten. Gerade in der medizinischen Forschung ist seit der DSGVO einiges eingebrochen. Weniger Daten werden geteilt, die Forscher sind gehemmt, die Klinikbetreiber auch. Keiner traut sich mehr so richtig, weil niemand etwas falsch machen will. Gleichzeitig schafft die DSGVO Vertrauen und Schutz, aber sie hat eben Nebenwirkungen. Damit schießen wir uns ins eigene Bein, weil wir selbst nicht mehr so innovativ sein können. Sie investieren selbst in KI-Firmen und beraten die Politik. Haben Sie sich schon mal gefragt, ob Sie Teil des Problems sind? Oh ja, schon oft. Bin ich der Gute oder der Böse? Aber meine Frau und ich veranstalten jedes Jahr die KI-Konferenz "Rise of AI" und noch gab es nie eine Demonstration. Und das liegt daran, dass wir einen Raum füllen mit 300 Optimisten. Da kommen Journalisten, Politiker, Investoren, Gründer – und fast alle haben das Bedürfnis, KI zum Guten zu verwenden. Wir reden über Verteidigung mit Generälen, über feministische KI, über Ethik. Wir thematisieren das und reflektieren es. Dann sind wir mal optimistisch: Was müsste passieren, damit Deutschland in fünf Jahren anders dasteht? Ein großer Zusammenschluss der demokratischen Parteien für eine echte Umwälzung. Radikal reformieren, nicht in kleinen Schritten, denn die scheitern oft am Lobbyismus. Wenn man nur die Rente reformiert, kommen die Rentenverbände. Wenn man nur die Gesundheit reformiert, kommen die Gesundheitslobbyisten. Aber wenn man alles gleichzeitig umbaut, kann man wirklich etwas verändern. Und gleichzeitig müssen die 1.000 reichsten Familien in Deutschland mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Mehr Steuern zahlen? Nein, der Staat ist viel zu ineffizient im Ausgeben von Steuergeldern. Ich denke an Stiftungen, an Bildung, an Unternehmertum. Nehmen Sie Dieter Schwarz: Der baut Universitäten, investiert in Infrastruktur und Bildung in der Region. Da fließt das erwirtschaftete Vermögen zurück in den Kreislauf. Das wünsche ich mir von den Vermögendsten in Deutschland. Warum muss die breite Masse immer die Last tragen, wenn es Leute gibt, die viel größere Hebel haben? Herr Westerheide, vielen Dank für das Gespräch.