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Menschen verstummen: digitale Kommunikation verdrängt Worte – und mehr

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, der Mensch besitzt mehr Kommunikationskanäle als je zuvor in der Weltgeschichte – und beginnt trotzdem zu verstummen. Zwischen Iran-Krieg, Collien Fernandes und dem Ostsee-Wal ist eine kleine Meldung untergegangen, deren Bedeutung man kaum überschätzen kann. Sie offenbart, was schiefläuft in der heutigen Welt, wie der Homo sapiens sich zum Sklaven von Technologien macht, die er selbst erfunden hat. "Die ich rief, die Geister / Werd' ich nun nicht los" dichtete Goethe 1797 in seiner Ballade vom Zauberlehrling. Im Jahr 2026 ist die Welt übervölkert von Zauberlehrlingen. Der Reihe nach. Vergangene Woche besuchte ich Shenzhen, um mir die Welt von morgen anzuschauen. Die 18-Millionen-Einwohner-Metropole im Süden Chinas gilt als modernste Stadt der Welt. In den Parks kann man dort Kaffee und Sandwiches bei Robotern bestellen, wenig später wird das Gewünschte von einer Drohne geliefert. Obwohl über die Straßen unzählige Vehikel rollen, ist es ruhig, weil die meisten Autos mit Elektroantrieb fahren. Im Viertel Huangqiang bummelt man durch den größten Elektromarkt der Welt und findet dort von der Datenbrille bis zum Elektrodackel jedes erdenkliche Gerät. Shenzhen ist eine Sonderwirtschaftszone, im Jahr 1980 von Deng Xiaoping gegründet. Wo es vor 45 Jahren nur Sümpfe und ein paar Hütten gab, thront heute die drittgrößte Stadt Chinas. Zwischen bunt blinkenden Wolkenkratzern schmieden Milliardenkonzerne und Startup-Gründer Produkte, die rund um den Globus reißenden Absatz finden. Hier entwickelte, in den umliegenden Orten zusammengebaute Computer, Batterien, Kameras, Fernseher und Kühlschränke werden millionenfach nach Asien, Afrika, Europa und Amerika exportiert. Beim Milliardenkonzern Huawei besichtigten wir eine Werkhalle, in der fast 30.000 Smartphones produziert werden – täglich. Die Arbeitsschritte sind weitgehend automatisiert, Künstliche Intelligenz optimiert die Abläufe. Deshalb braucht es in der ganzen Halle nur noch 40 Arbeiter. An der Wand hängt eine Tafel mit den "Helden der Arbeit". Eine Mitarbeiterin hat den Produktionsprozess mit einem Verbesserungsvorschlag pro Smartphone um 2,8 Sekunden beschleunigt: Bonuszahlung und Sonderurlaub! Effizienz ist Chinas neue Ersatzreligion. Die großen Konzerne investieren bis zu 50 Prozent ihrer Ausgaben in Forschung und Entwicklung. Täglich melden sie neue Patente an. Ich fuhr in einem Auto, das in einer Box auf dem Dach eine Drohne trägt. Die kann man im Fall eines Verkehrsstaus losschicken, um nachzusehen, wie lang der Stillstand noch dauert. Crazy. Luxuslimousinen wie der nagelneue Maextro bieten von Massagesesseln bis zur Kinoleinwand jeden erdenklichen Komfort – kosten aber nur halb so viel wie die S-Klasse von Mercedes. Überhaupt verläuft das Leben in Shenzhen weitgehend digital. Bargeld ist fast vollständig aus dem Alltag verschwunden, die Leute bezahlen alles per App. Wenn sie Lust auf Obst haben, schauen sie auf Social Media, was die Bauern Hunderte Kilometer entfernt gerade anbieten – ein Klick, und am nächsten Tag werden die Früchte nach Hause geliefert. Viele Kleinhändler in der Provinz haben so ein florierendes Geschäft aufgezogen. Das nächste große Ding sollen Flugtaxis werden, die ersten Prototypen surren bereits über ein Testgelände in der Nachbarmetropole Guangzhou. Derzeit noch ziemlich laut und ein bisschen wackelig, aber das dürfte in ein, zwei Jahren gelöst sein. Es heißt, die Behörden würden bereits Flugrouten ausweisen, ähnlich den Straßen am Boden. Gut möglich, dass das funktioniert. Sieht man von der allgegenwärtigen Korruption ab, halten sich chinesische Stadtbewohner penibel an Regeln; Kriminalität ist praktisch inexistent. Den Grund sieht man allerorten: Jeder Quadratmeter wird von Kameras überwacht, als naiver Europäer kommt man sich vor wie in der "Truman Show". Gehen Einheimische bei roter Ampel über die Straße oder lassen sich sonst etwas zuschulden kommen, riskieren sie einen Punktabzug auf ihrem Sozialkreditkonto. Wer zu wenig Punkte hat, bekommt keine Tickets für Bahn oder Flugzeug, kein schnelles Internet oder keinen Bankkredit. Nicht schön. Wer so tief sinkt, dass er als "nicht vertrauenswürdig" gilt, wird öffentlich angeprangert. Noch unschöner. Eine Woche in Shenzhen bietet intensive, inspirierende und auch erschreckende Einblicke. Ich habe einiges darüber gelernt, was mit technologischen Mitteln heutzutage möglich ist. Und ich war froh, als ich nach 13 Stunden Flug wieder im guten, alten Deutschland landete. In einem Land, das zwar Patina angesetzt hat und sich schwertut mit Modernisierung und Reformen, in dem aber Freiheit, Datenschutz und Demokratie großgeschrieben werden. Am Handy hänge ich natürlich trotzdem. Kaum war ich gelandet, griff ich zum Smartphone, um meine Zeitungen herunterzuladen. Ohne die bin ich nur ein halber Harms. Und dort las ich die Meldung, die ich zu Beginn dieses ausufernden Reiseberichts erwähnte: In mehreren Studien mit Teilnehmern aus den USA, Mexiko, Australien und Europa haben Psychologen herausgefunden, dass Menschen immer weniger sprechen. Um durchschnittlich 28 Prozent ist die Zahl der gesprochenen Wörter zwischen 2005 und 2019 gesunken. "Jahr für Jahr haben täglich 338 Wörter weniger die Münder verlassen", resümiert die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Bericht. "In Zeit umgerechnet bedeutet dies, dass täglich eineinhalb bis zwei Minuten mehr geschwiegen wird." Unter Jugendlichen ist das Phänomen am stärksten ausgeprägt. Auch eine Erklärung für das fortschreitende Verstummen liefern die Forscher: Der moderne Mensch kommuniziert immer mehr über digitale Kurznachrichten, Social-Media-Posts, E-Mails und so weiter. Er stiert und tippt täglich stundenlang in sein Smartphone, anstatt mit seinen Mitmenschen zu plaudern. Manche Leute scheinen regelrecht irritiert zu sein, wenn ihr Handy klingelt: Will da wirklich jemand direkt mit mir sprechen? Crazy. Ich muss gestehen: Ich bin ein Freund des Schweigens. Geschnatter geht mir schnell auf die Nerven. Die Studie der Psychologen finde ich trotzdem alarmierend. Gespräche sind der Kitt, der Gesellschaften zusammenhält. Wenn wir verlernen, wie wir empathisch miteinander reden, wenn immer mehr Menschen eher aufs Handy glotzen und Content-Schnipsel in sich aufsaugen, statt miteinander zu reden, dann geht etwas kaputt. "Der Mensch ist Mensch nur durch Sprache", hat Wilhelm von Humboldt gesagt. Ich denke, da hatte er recht. Deshalb finde ich es richtig, was heute in Frankreich geschieht: In Paris debattiert der Senat über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Es soll im September in Kraft treten – damit wäre Frankreich das erste EU-Land mit einem solchen Gesetz. Die Nationalversammlung hat es bereits durchgewunken. Es wird erwartet, dass die Senatoren ein paar Änderungen an der Vorlage verlangen; nach dem Vermittlungsausschuss könnten dann beide Parlamentskammern endgültig zustimmen. Mit den Eindrücken des durchdigitalisierten Shenzhen im Kopf meine ich: Deutschland sollte sich eher ein Vorbild an Frankreich als an China nehmen. JAHRESTAG Gedenken in Butscha Kurz nach Beginn ihres Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 fiel die russische Armee in Butscha ein. Rund einen Monat währte die Besetzung des Vororts von Kiew. Als die Invasoren abzogen, fanden die ukrainischen Befreier Leichen in den Straßen, teils mit gefesselten Händen. Dazu zerstörte Häuser und Wracks russischer Panzer. Angesichts von Hunderten ermordeten Zivilisten wurde die Kleinstadt zum Symbol für die russischen Kriegsverbrechen . Vier Jahre später tobt der Krieg zwar weiterhin, und die Ukraine hat einen Winter hinter sich, in dem die Infrastruktur des Landes zerbombt wurde. Doch mittlerweile scheint sich die europäische Öffentlichkeit an das Grauen gewöhnt zu haben, selbst Nachrichten von Drohnenangriffen auf Kinderspielplätze oder von Raketeneinschlägen in Krankenhäusern lösen keinen Aufschrei mehr aus . Zudem absorbiert der Iran-Krieg Aufmerksamkeit, macht sich durch gestiegene Energiepreise im Alltag bemerkbar und spielt Putin in die Hände. Immerhin: Zum heutigen 4. Jahrestag der Befreiung Butschas reisen die EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas und rund ein Dutzend europäische Außenminister zur Gedenkfeier an. Im Anschluss soll es um die weitere Unterstützung der Ukraine gehen. WILDER IM WESTEN Söder besucht Amerika Zum ersten Mal seit Edmund Stoiber vor fast 25 Jahren bereist wieder ein bayerischer Ministerpräsident die USA – und zwar Texas und South Carolina. "Power-Regionen" seien diese Bundesstaaten, meint Markus Söder und kündigt den Ausbau der "Raumfahrtachse Bayern-Texas" an. Nachdem der CSU-Chef schon Wohlfühl-Fototermine wie ein Barbecue mit Cowboyhut und einen Besuch im Nasa Mission Control Center in Houston absolviert hat, steht heute der Weiterflug nach Spartanburg auf dem Programm. Dort befindet sich das mit 11.000 Mitarbeitern weltweit größte Werk der BMW-Group, täglich laufen 1.500 Fahrzeuge vom Band. Mit dem designierten CEO Milan Nedeljković will Söder über das Auto der Zukunft und die Zukunft des Autos sprechen. Washington und die Trump-Administration bleiben auf dieser Reise außen vor. OSTSEE Weiter Wal-Drama Die tragische Odyssee des Buckelwals, der seit Wochen durch die Ostsee irrt, bewegt weiter die Gemüter. Gestern Abend keimte Hoffnung: In der Wismarer Bucht konnte das gestrandete Tier sich befreien. Zunächst schwamm es in Richtung des Hafens, statt aufs offene Meer. Später am Abend war der Wal dann doch seewärts unterwegs und tauchte schließlich ab. Die Einsatzkräfte kehrten an Land zurück und wollen nun unter anderem Sichtungen von Bürgern abwarten und sich dann wieder auf den Weg machen. Lesetipps Vergangene Woche war ich nicht in Berlin. Kein Problem, denn ich hatte einen formidablen Stellvertreter: Horst Schlämmer schaute vorbei und übernahm kurzerhand die Redaktionskonferenz. Artikel lesen. Eine Kommission hat Vorschläge gemacht, um die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen zu drosseln. Meine Kollegin Camilla Kohrs zeigt Ihnen, was der Sparplan bedeuten würde. Artikel lesen. Weitgehend im Verborgenen will die Bundesregierung an ihrem Reformpaket arbeiten. Der Prozess ist heikel und lässt den Frust über Markus Söder wachsen, berichtet unser Chefreporter Johannes Bebermeier. Artikel lesen. Jill Lepore zählt zu den brillantesten amerikanischen Historikerinnen. Im Interview mit meinem Kollegen Marc von Lüpke erklärt sie, warum den USA dramatische Zeiten bevorstehen. Artikel lesen. Ohrenschmaus In meiner Jugend verband man China vor allem mit einem Song. Ich habe ihn heute noch im Ohr . Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen gesunden Tag. Herzliche Grüße und bis morgen in aller Frische Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.