König Charles III. trifft King Donald
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, der Mann muss ein Scheusal gewesen sein. Selbst wenn man die taktischen Übertreibungen der Historiker abzieht, passt sein Sündenregister auf keine Kuhhaut. In seinem grenzenlosen Machthunger ließ er seine Mutter und seinen Stiefbruder ermorden, später tötete er auch seine erste Frau, die zweite soll er in einem Wutanfall zu Tode getreten haben. Als ein Großbrand die Hauptstadt heimsuchte, schob er die Schuld einer Sekte in die Schuhe und ließ deren Anhänger brutal verfolgen. Das Blut an den Hinrichtungsstätten trocknete nicht mehr. Gleichzeitig ließ er sich gottähnlich verherrlichen. Stundenlang mussten Senatoren seinen theatralischen Darbietungen beiwohnen. Mitten in der Hauptstadt ließ er einen Prunkpalast zu seinen Ehren bauen und davor einen 30 Meter hohen Goldkoloss mit seinem Antlitz aufstellen. Mit seiner Verschwendungssucht trieb er den Staat an den Rand des Bankrotts und kannte selbst dann kein Halten, als das Volk zu murren begann. So überschritt er jedes Maß. Erst als seine Steigbügelhalter erkannten, dass ihr selbstsüchtiger Boss sie mit sich in den Abgrund reißen würde, erhoben sie sich endlich. Der Senat strengte ein Amtsenthebungsverfahren an und erklärte den Boss zum Staatsfeind. Hals über Kopf floh er aus der Hauptstadt und ließ sich schließlich in auswegloser Lage von seinem Privatsekretär einen Dolch in den Hals rammen. "Welch ein Künstler stirbt in mir!", soll er noch gehaucht haben. Ja, Nero war ein wüster Kerl. In den an grausamen Typen nicht armen römischen Annalen nimmt er einen Spitzenplatz ein. So tief schockierte der Kaiser im 1. Jahrhundert seine Zeitgenossen, aber auch die Nachwelt, dass die an der Stelle seines Palastes errichtete Kampfarena noch heute an den Namen seiner Goldstatue erinnert: Kolosseum. Antike, aber auch moderne Autoren haben sich ausgehend von seiner Person mit der Frage beschäftigt, wie man einen größenwahnsinnigen Herrscher loswird, wenn er erst einmal den Thron erklommen hat. Oder wie man ihn wenigstens so weit einhegt, dass er kein Unheil mehr stiften kann. Eine Frage, die nicht aktueller sein könnte. Vermutlich wissen Hobbyhistoriker unter den Tagesanbruch-Lesern das geflügelte Wort von der Geschichte zu zitieren, die sich nicht wiederholt. Belesene Köpfe mögen allerdings auch das Bonmot Mark Twains kennen, der feststellte, dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt – aber reimt. Und so wird eben doch ein Schuh draus, in dem wir geradewegs in die Gegenwart spazieren können. Nach Washington, genauer gesagt. Dort residiert nämlich ein Herrscher, der in puncto Größenwahn dem antiken Nero nachzueifern scheint. Schon richtig, Donald Trump hat keine Verwandten um die Ecke gebracht (soweit bekannt jedenfalls). Damit enden die Unterschiede aber schon. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass ein antikes Kaiserreich dem Oberboss andere Hebel zur Verfügung stellt als ein demokratischer Staat, findet man doch einige Parallelen. Auch der amtierende US-Präsident lässt Minderheiten verfolgen und nimmt es dabei mit Recht und Gesetz nicht allzu genau. Er beschimpft politische Gegner als "Verräter" und fordert: "Erhängt sie!" Verurteilte Verbrecher will er von Erschießungskommandos hinrichten lassen. Er hat der gesamten iranischen Zivilisation mit der Auslöschung gedroht. Er lässt sich gottähnlich verherrlichen und einen monströsen Triumphbogen zu seinen Ehren errichten. Er nutzt seine Macht schamlos aus, um sich und seine Familie zu bereichern; dubiose Deals während des Iran-Kriegs sollen Börsenspekulanten viele Millionen Dollar beschert haben. Angesichts seiner jüngsten Volten stellen sich nicht wenige Beobachter die Frage: Ist Trump verrückt geworden? Oder dement? Obgleich man mit Ferndiagnosen vorsichtig sein sollte, glaubt der Altersforscher Michael Denkinger im Interview mit meiner Kollegin Lynn Zimmermann eher an eine Persönlichkeitsstörung und warnt: "Es ist davon auszugehen, dass es nicht besser wird." Das klingt nicht gut für eine Welt, die dringend der Besserung bedarf. Tatsächlich scheinen viele Zeitgenossen noch nicht verstanden zu haben, wie gravierend sich die vom US-Präsidenten verursachte Energiekrise entwickeln könnte. Der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus liegt immer noch weitgehend brach, die iranischen Milizen lassen nur wenige Tanker gegen Schutzgeld durch. Damit ist eine der beiden Venen der Weltwirtschaft so gut wie abgeklemmt. Das bringt viele Menschen in Bredouille und manche auf Ideen. Gestern hat der Finanzminister Indonesiens, das die andere Vene kontrolliert, ein Gedankenspiel zum Besten gegeben: Seine Regierung erwäge, nach dem Vorbild der Iraner auch für die Passage der Meerenge von Malakka eine "Maut" zu erheben, verkündete er. Das würfe ordentlich was ab, immerhin werden durch die Wasserstraße 40 Prozent des Welthandels verschifft. Für ungezählte Unternehmen und ihre Lieferketten käme dieser Würgegriff hingegen einem Albtraum gleich. Das sind sie also, die Folgen des Trumpismus. Mit seinem rücksichtslosen Gebaren – von den Zöllen bis zum Angriff auf den Iran – hat der Mann ein Gespenst heraufbeschworen, das die globalisierte Welt in die tiefste Krise seit Jahrzehnten stürzen kann: Der Protektionismus klingt harmlos, wirkt jedoch brutal, wenn er das Vertrauen zwischen Handelspartnern erst einmal zerstört hat und jedes Land nur noch für sich selbst sorgt. Für Exportnationen wie Deutschland ist es das pure Gift. Wer verklickert Trump, was er da anrichtet, wenn es seine eigenen Leute nicht tun? Wer vermag ihn von seinem zerstörerischen Kurs abzubringen, wenn ihn sogar das Murren seiner Anhänger kaltlässt? Vielleicht kann ja ein echter König helfen: Charles III. ist zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Washington eingetroffen. Auf dem Programm steht ein Staatsbankett, eine Rede vor dem US-Kongress – und ein ausführliches Treffen mit dem Präsidenten. Der britische Monarch habe sich akribisch auf die Begegnung mit dem selbsternannten MAGA-King vorbereitet, ist zu hören. "Er kommt nach Washington, um Trump zu umwerben", berichtet unser USA-Korrespondent Bastian Brauns. Man darf vermuten, dass zum britischen Beraterstab auch medizinisches Fachpersonal gehört. Im Umgang mit Menschen, die eine narzisstische Persönlichkeitsstörung aufweisen, ist Psychologen zufolge Vorsicht angeraten. Die Person zu ändern erscheint meist aussichtslos, stattdessen sollte man den Kontakt mit ihr so managen, dass man die eigenen Ziele erreicht. Das kann gelingen, indem man klare und unumstößliche Grenzen setzt: Man macht dem gestörten Menschen unmissverständlich klar, welches Verhalten man nicht akzeptiert, und zeigt sich bereit, die Konsequenzen durchzusetzen, falls er die Grenze überschreitet. Wäre das eine probate Methode im Umgang mit Trump? Leider haben die Europäer derzeit nicht die besten Karten. Aber im Grönland-Streit haben sie gezeigt, wozu sie in der Lage sind, wenn sie geschlossen auftreten. Angesichts des drohenden Handelsinfarkts sollten sie ihre Interessen gegenüber dem Nero im Weißen Haus selbstbewusster vertreten. Selbst wenn ihnen ein König vormachen muss, wie das geht. MORDFALL FABIAN Prozess beginnt Am 10. Oktober verschwand der achtjährige Fabian aus Güstrow. Vier Tage später wurde seine Leiche von einer Spaziergängerin an einem 15 Kilometer entfernten Tümpel entdeckt, die Obduktion ergab eine gewaltsame Tötung. Anfang November nahmen die Ermittler eine Tatverdächtige fest: ebenjene Spaziergängerin, die Ex-Freundin von Fabians Vater, Gina H. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat die damals 29-Jährige den Jungen zu Hause aufgesucht, in ihr Auto gelockt und an dem schlecht einsehbaren Teich mit mehreren Messerstichen getötet. Anschließend soll sie die Leiche angezündet haben, um Spuren zu verwischen. Wenn heute vor dem Landgericht Rostock der Mordprozess gegen Gina H. beginnt, sind einige offene Fragen zu klären, etwa die nach einem möglichen Motiv: War es Eifersucht? Oder Rache? Zudem fehlt bis heute die Tatwaffe als zentrales Beweismittel. Falls die Angeklagte weiterhin zu den Vorwürfen schweigt, ist mit einem langen Indizienprozess zu rechnen. Unser Reporter Leon Pollok ist zum Prozessauftakt vor Ort. DANIELA KLETTE Prozess vor Abschluss Mit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft biegt der erste Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette auf die Zielgerade. Vor dem Landgericht Verden geht es um Überfälle auf Geldtransporter und Supermärkte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, die die heute 67-Jährige zusammen mit ihren flüchtigen Komplizen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub begangen haben soll. Laut Anklage erbeutete das Trio zwischen 1999 und 2016 mehr als 2,7 Millionen Euro, um das Leben im Untergrund zu finanzieren. Das Urteil könnte Ende Mai ergehen; dann droht Klette noch ein weiteres Verfahren. Topspiel Bayern kicken in Paris Im Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Titelverteidiger Paris Saint-Germain muss der FC Bayern ab 21 Uhr ein Handicap verkraften: Cheftrainer Vincent Kompany darf die Mannschaft des deutschen Fußballmeisters nach drei Gelben Karten im laufenden Wettbewerb nicht am Spielfeldrand betreuen, sondern muss von der Tribüne aus zuschauen. Eine ungewohnte Hauptrolle wird daher seinem Assistenten Aaron Danks zukommen, der ihn in der Coaching-Zone vertritt. Unser Sportteam tickert live. Lesetipps In einer Art Lastkahn soll der Buckelwal in der Ostsee ab heute Richtung Atlantik transportiert werden. Der Meeresbiologe Fabian Ritter warnt im Interview mit meinem Kollegen Matti Hartmann vor großen Qualen für das Tier. Artikel lesen Nach dem versuchten Attentat auf Donald Trump kursieren im Internet Verschwörungstheorien. Mein Kollege Julian Alexander Fischer zeigt, wie leicht sie zu entkräften sind. Artikel lesen Piloten und Psychotherapeuten haben hochbezahlte Arbeitsplätze – und gehen trotzdem auf die Barrikaden. Muss das sein, fragt sich unser Kolumnist Uwe Vorkötter. Artikel lesen Staatsfinanzen, Gesundheitssystem, Bürgergeld: Unsere Reporter Johannes Bebermeier und Florian Schmidt zeigen, worauf sich die schwarz-roten Koalitionäre einigen könnten. Artikel lesen Ohrenschmaus Wer kann diese irre Weltlage schon erklären? Ich nicht. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Tag und bedanke mich für die Zuschriften zum Tagesanbruch über den Atomausstieg. Viel Zuspruch, viel Kritik, viele Gedanken. Wenn der Tagesanbruch solche Diskussionsimpulse setzt, ist alles richtig. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.
