Russland-Bedrohung: So bereitet Estland Zivilisten auf einen Angriff vor
Die estnische Verteidigungseinheit Kaitseliit bildet Zivilisten an der Waffe aus. Im Falle eines russischen Angriffs sollen sie bei der Verteidigung des Landes helfen. Tobias Schibilla berichtet aus dem estnischen Rutja. Mit einem dumpfen "Fump" schießt die Granate in Richtung der Europaletten. Mait Sander Nõlvak lässt das Gewehr sinken, unter dessen Lauf ein 40-Millimeter-Granatwerfer angebracht ist und verzieht die Mundwinkel nach unten. Weit hinter den Paletten steigt orangefarbener Rauch auf, der Schuss mit der Trainingsgranate hat das Ziel deutlich verfehlt. Der 19-Jährige ist sichtlich unzufrieden mit seiner Leistung. Nõlvak gehört zum Kaitseliit, einer paramilitärischen Verteidigungseinheit. Unter der Aufsicht des estnischen Verteidigungsministeriums lernen Freiwillige dort den Umgang mit verschiedenen Waffen, militärischen Taktiken und Techniken, um in der Wildnis zu überleben. Der Kaitseliit ist dabei ein wichtiger Teil der estnischen Verteidigungsdoktrin. Er spielt im Falle eines befürchteten Angriffs durch Russland eine wichtige Rolle bei der Landesverteidigung, denn die Freiwilligeneinheit hat deutlich mehr Mitglieder als die professionelle Armee des kleinen Staates an der Ostflanke der Nato . Training bei eisigem Wind und Schneeregen Auf dem Rutja-Trainingsfeld, im Hinterland der Ostseeküste, trainieren die Freiwilligen der Kaitseliit mehrmals im Monat. Das Wetter ist an diesem Tag besonders schlecht. Bei einer Temperatur von etwa drei Grad peitscht der Wind Schneeregen über den ehemaligen Flughafen , der etwa auf halbem Weg zwischen der estnischen Hauptstadt Tallinn und der Grenze zu Russland liegt. Trotzdem sind etwa 30 Kaitseliit-Mitglieder zum Training erschienen. Sie sollen den Umgang mit Maschinengewehren, Blend- und Splittergranaten sowie dem Granatwerfer ihres Sturmgewehrs trainieren. Um sich einen Moment vor dem Wind zu schützen, steigt Mait Sander Nõlvak in ein Auto und befreit sich von Helm, Gesichtsmaske und der schweren militärischen Schutzweste. "Ich wurde schon patriotisch erzogen", sagt der 19-Jährige auf die Frage, warum er sich für ein Engagement in der Freiwilligeneinheit entschieden hat. "Als ich drei Jahre alt war, musste ich auf Spaziergängen mit meiner Familie immer dann Teile der Nationalhymne singen, wenn wir an einer estnischen Fahne vorbeigelaufen sind." Diese Erziehung habe dazu geführt, dass er schon als Jugendlicher Teil einer paramilitärischen Organisation werden wollte. Freiwilliger: Krieg gegen Ukraine hat Motivation gestärkt Angefangen habe er zunächst bei den Pfadfindern, erzählt Nõlvak. Dort habe er viele Fähigkeiten gelernt, die ihm auch heute noch im Kaitseliit helfen, etwa wie man ohne viel Ausrüstung ein Lager im Wald errichtet. Als Jugendlicher habe er dann mit drei weiteren Freunden eine Gruppe innerhalb der Noored Kotkad gegründet, der Jugendorganisation der Kaitseliit. "Mit dieser Gruppe haben wir dann auch mit den Ausbildern der Erwachsenen-Einheit der Kaitseliit zusammengearbeitet", erklärt der 19-Jährige. Kurz nach seinem 18. Geburtstag sei er dann von der Jugend- in die Erwachsenenorganisation übergewechselt. Seine Motivation zum Engagement bei der paramilitärischen Gruppe wurde durch den russischen Angriff auf die Ukraine deutlich gestärkt, erzählt Mait Sander Nõlvak. "Der Krieg hat uns gezeigt, wie wichtig es für uns Esten ist, regelmäßig an der Waffe zu trainieren und auf alles vorbereitet zu sein", sagt er. "Und hier bereiten wir uns jeden Tag auf einen möglichen Angriff vor". Der Kaitseliit: Keine kleine Hobbytruppe Hier auf dem Rutja-Trainingsfeld lässt sich nur erahnen, wie viel Kampfkraft der Kaitseliit wirklich hat: Er ist keine kleine Hobbytruppe, sondern eine landesweit verzahnte Freiwilligenorganisation mit mehr als 18.000 Mitgliedern im Kernverband und zusammen mit Frauen- und Jugendorganisationen mit deutlich über 30.000 Freiwilligen. Für einen Staat mit gut 1,3 Millionen Einwohnern ist das eine beachtliche Größe – und zugleich ein Hinweis darauf, wie stark der Wille in der Bevölkerung verankert ist, Estland zu verteidigen. Im Ernstfall soll der Kaitseliit die regulären Streitkräfte nicht ersetzen, sondern ergänzen. Die Ortsgruppen kennen ihre Umgebung sehr gut und können innerhalb von 24 Stunden mobilisiert werden, um die kritische Infrastruktur zu sichern, Verkehrswege zu stören, feindliche Angriffe zu verzögern und lokal Widerstand zu leisten. Großer Zulauf seit dem Ukraine-Krieg Genau darauf zielen auch die Übungen ab, die laut Angaben der Truppe eine Schießausbildung, die Orientierung im Gelände und teils sogar Guerilla- und Überlebenstraining umfassen. Für Estland ist der Verband damit weniger Reserve im klassischen Sinn als vielmehr ein Element der Abschreckung – der Hinweis an einen möglichen Gegner, dass ein Angriff nicht nur auf die Armee, sondern auch auf eine organisierte Gesellschaft trifft. Das erklärt auch, warum junge Mitglieder wie Mait Sander Nõlvak den Dienst nicht als Nebensache verstehen, sondern als Teil einer breiten Verteidigungskultur. Der Krieg gegen die Ukraine hat diesen Gedanken in Estland noch einmal verstärkt und den Zulauf zum Kaitseliit deutlich erhöht. 2024 berichtete die "Deutsche Welle", seit Beginn des Angriffskrieges habe die Verteidigungstruppe rund 5.000 Freiwillige in allen Einheiten dazugewonnen – ein Zuwachs von rund 20 Prozent. Zwischen den Stellungen, den Waffen und dem eisigen Wind auf dem ehemaligen Flugfeld zeigt sich, dass das hier mehr ist als nur eine kleine militärische Übung: Hier trainiert ein Land dafür, im Krisenfall nicht überrollt zu werden, sondern organisiert Zeit zu gewinnen. Ausbilder: Drohnen sind Teil des Trainingsalltags Adel ist seit etwa sechs Jahren Ausbilder im Kaitseliit. Seinen richtigen Namen will der bullige Mann um die 50 nicht verraten, um im Zuge möglicher russischer Spionage nicht zum Ziel von Sabotageakten zu werden. Nach dem Angriff auf die Ukraine habe sich das Training des Kaitseliit grundlegend verändert, erzählt er im Gespräch mit t-online. "Drohnen sind bereits Teil unseres Trainingsalltags", sagt Adel. Jeden Tag erhalte der Kaitseliit über das estnische Verteidigungsministerium neue Informationen darüber, wie der Krieg zwischen Russland und der Ukraine verläuft. "Und jeden Tag passen wir unser Training und unsere Einsatzbereitschaft an diese Informationen an", so Adel weiter. Freiwilliger: Training hilft mir im zivilen Alltag Mait Sander Nõlvak helfen die erlernten Fähigkeiten allerdings auch im Leben außerhalb des Kaitseliit, wie er auf dem Trainingsplatz in Rutja erzählt. "Ich mache gerade meinen Schulabschluss und habe außerdem eine Firma gegründet", erzählt der 19-Jährige. Das Training helfe ihm dabei, besser mit stressigen Situationen umzugehen. Überdies sei es ein guter Ausgleich zum Alltag: "Wenn ich ein Wochenende hier verbringe, spüre ich die Natur und fordere mich selbst heraus. Wenn ich dann am Sonntag nach Hause gehe, fühlt es sich an, als hätte ich meinen Kopf zurückgesetzt und Kraft für neue Aufgaben". Der Kaitseliit übernimmt gesellschaftliche Aufgaben Die Freiwilligenorganisation ist in Estland tief im Alltag verankert: Nach eigenen Angaben hat sie Mitglieder in allen 79 Gemeinden des Landes, die Jugend- und Frauenorganisationen der Kaitseliit sind landesweit in 15 regionale Verbände gegliedert. Gerade in kleineren Orten, sagt Ausbilder Adel, entstehe über gemeinsame Ausbildung und Einsätze ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Diese Verankerung macht den Kaitseliit für die Zivilgesellschaft wichtig. Während der Corona-Pandemie halfen Mitglieder der Organisation etwa bei Fieberkontrollen und informierten über die aktuellen Beschränkungen an Flughäfen, Busbahnhöfen und im Hafen von Tallinn. Laut eigenem Anspruch ist die Selbstverteidigungsorganisation dabei eine Brücke zwischen Staat und Gesellschaft: Sie stärkt die Krisenvorsorge und fördert das Vertrauen der Bürger in ihren Staat. Genau diese Verbindung gibt dem Kaitseliit eine politische Bedeutung. Er ist Teil einer Verteidigungs- und Resilienzkultur, die viele Teile der Gesellschaft einschließt. Für junge Mitglieder wie Nõlvak ist das kein abstraktes Konzept, sondern gelebter Alltag: Wer hier mitmacht, trainiert nicht nur für den Krieg, sondern übt auch, sich als Teil einer wehrhaften Gesellschaft zu verstehen. Keine Angst vor einem Angriff Vor einem Angriff aus dem 120 Kilometer entfernten Russland hat Nõlvak deshalb auch keine Angst. "Der Gedanke, dass unser Nachbar verrückt werden und uns angreifen könnte, ist zwar immer da – aber wenn dieser Tag kommt, werden wir unser Land mit aller Härte verteidigen", sagt der 19-Jährige. Sein Training an diesem Tag beendet er dann mit einem Erfolgserlebnis. Nach den ersten, nicht so erfolgreichen Trainingsschüssen mit dem Granatwerfer legt er noch einmal an, zielt konzentriert und feuert die Übungsgranate in das Palettenziel, das in orangefarbenem Rauch verschwindet. Der 19-Jährige grinst und zeigt den erhobenen Daumen, bevor er das Trainingsfeld in Rutja verlässt.
