Prozess im Fall Fabian: Anwalt von Gina H. spricht über Spuren
Im Mordfall Fabian wird der Vater des Jungen vor Gericht mehr als acht Stunden befragt. Es fallen Aussagen, die Gina H. schwer belasten. Doch ausgerechnet der Mann, der sie am besten kennt, glaubt fest an ihre Unschuld. Es war die überraschendste Aussage am dritten Prozesstag im Fall Fabian vor dem Landgericht Rostock : Die Angeklagte Gina H. und Fabians Vater, Matthias R., sind nach seinen Worten "wieder ein Paar". R. glaube fest an die Unschuld seiner Freundin, beteuerte er mehrfach. "Ich stehe offen und ehrlich hinter ihr", sagte er. Auf die Frage, wer seinen Sohn umgebracht haben könnte, wusste er nicht zu antworten. Doch im Laufe des Prozesstages kamen mehrere Indizien ans Licht, die Gina H. schwer belasten. Die Staatsanwaltschaft wirft der 30-Jährigen vor, den Jungen am 10. Oktober vergangenen Jahres mit sechs Messerstichen heimtückisch getötet zu haben. Sie sitzt seit Anfang November in Untersuchungshaft. Laut Anklage sollen Beziehungsprobleme mit Fabians Vater eine Rolle gespielt haben. Beide hatten sich im August 2025 getrennt und sich nach dem Tod des Jungen offenbar wieder angenähert. Für H. gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung. Welche Indizien und konkrete Spuren am Dienstag vor Gericht bekannt geworden sind. Zum Nachlesen: Mordfall Fabian – dritter Prozesstag im Liveticker "Sind wieder ein Paar": Fabians Vater löst mit Aussage Paukenschlag aus Fall Fabian: 1. Spur – Überwachungsaufnahmen Die Ermittler haben in den Wochen nach Fabians gewaltsamem Tod abertausende Chatnachrichten und Videos von Überwachungskameras ausgewertet. Eine Sequenz wurde im Gerichtsaal der Öffentlichkeit vorgespielt. Am 10. Oktober, dem Tattag, zeichnete eine solche Kamera an einem Elektrofachgeschäft nur rund 100 Meter von Fabians Zuhause entfernt auf, wie der orangefarbene Ford der Angeklagten in Richtung der Wohnung fuhr. Das war gegen 10.45 Uhr. Neun Minuten später, das zeigt das Video, fährt der Wagen wieder in die andere Richtung. Im selben Zeitraum deaktivierte sich Fabians Handydisplay. Das Handy ließ der Junge bei seinem Verschwinden zurück. Gina H. äußerte sich vor Gericht bislang nicht zu den Vorwürfen. Fabians Vater sagte jedoch, sie habe ihm gegenüber angegeben, sie wolle etwas bei der Bank erledigen und sei deshalb nach Güstrow gefahren. Tatsächlich erledigte H. diese Bankgeschäfte aber nicht, wie der Vorsitzende Richter feststellte. Fall Fabian: 2. Spur – Foto auf Gina H.s Handy Auf dem Handy der Angeklagten stellten die Ermittler ein Foto sicher, das laut Analyse nur rund 1.600 Meter Luftlinie vom Tatort, einem Tümpel bei Klein Upahl entfernt, aufgenommen worden war. Das war am Tattag um 11.19 Uhr. Fall Fabian: 3. Spur – Faserspuren im Wagen von Gina H. Im Wagen der Angeklagten wurden Faserspuren sichergestellt, die von einem solchen Pullover stammen, wie ihn auch Fabian getragen hatte. Außerdem wurde in dem orangefarbenen Auto eine mit Blut verschmierte Küchenrolle entdeckt. Fall Fabian: 4. Spur – Suchverlauf im Internet Gina H.s Handy wurde intensiv ausgewertet, auch ihr Suchverlauf bei Google. Die Angeklagte suchte demzufolge am 10. Oktober um 19.22 Uhr nach "vermisste Person Güstrow". Allerdings wusste sie zu diesem Zeitpunkt offiziell noch nichts von Fabians Verschwinden. Fabians Vater, Matthias R., hatte ihr laut Chatnachrichten erst etwa eine Stunde später davon erzählt, dass sein Sohn vermisst wird. Tatsächlich war Fabian zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Stunden tot, er soll laut Staatsanwaltschaft in den Vormittagsstunden umgebracht worden sein. Einen Tag nach dem Verschwinden – die Suche nach dem Vermissten war noch in vollem Gange – googelte Gina H. laut Auswertung ihres Handys "Fressen Wildschweine Menschen" sowie "Fressen Wildschweine tote Menschen". Fall Fabian: 5. Spur – Gina H. entdeckte die Leiche des Jungen Offiziell gab Gina H. an, die Leiche des Jungen am 14. Oktober zufällig bei einem Spaziergang gefunden zu haben. Tatsächlich bot sie einem Bekannten bereits zuvor per Chatnachricht an, an dieser Stelle nach dem Jungen zu suchen. Bereits da sollen sie fündig gewesen worden sein, zunächst aber nicht die Polizei alarmiert haben. Fall Fabian: 6. Spur – Chatverläufe und weitere Aussagen von Gina H. und Matthias R. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, Fabian sei ein Streitpunkt in der Beziehung zwischen Gina H. und Matthias R. gewesen. Mehrere Chat- und Sprachnachrichten, die in der Sitzung besprochen und gezeigt wurden, stützen diese Aussage. Vor Gericht sagte R. am Dienstag: "Für mich wäre nicht vorstellbar gewesen, dass Fabian nicht mehr bei mir ist." Doch offenbar war genau das Thema im Streit um die Beziehung der beiden. In einer Chatnachricht schrieb Gina H. an Matthias R.: "Wir haben uns viel wegen der Kinder gestritten, vor allem wegen Fabian." In einer weiteren Nachricht fragt R. Gina H.: "Soll ich Fabian aufgeben? Ich liebe Fabian genauso sehr wie dich." Gina H. antwortete: "Wir werden kein glückliches Paar mehr hier auf diesen Dörfern. Wenn, müssten wir weg und ein neues Leben anfangen, wo uns keiner kennt." Die Staatsanwaltschaft geht außerdem davon aus, dass die finanzielle Lage ein Motiv für die Tat gewesen sein könnte. Demnach war Gina H. von Matthias R. finanziell abhängig, weil sie auch wegen einer psychischen Erkrankung nicht arbeiten ging. R. machte am 12. November eine Aussage bei der Polizei: "Sie hat die Miete bezahlt, ich den Rest", sagte R. laut Protokoll. Am 5. Oktober schickte R. Gina H. eine Sprachnachricht: "Ich konnte dir nicht das bieten, was du wolltest." Am 14. Oktober gab Matthias R. einer Polizeibeamtin zu Protokoll, er würde Gina H. alles zutrauen. Sie sei von Eifersucht getrieben und habe die Trennung nicht verkraftet. An diesem Tag wurde die Leiche des Jungen offiziell entdeckt. Fall Fabian: 7. Spur – Gina H. redete schlecht über Fabian Über den Jungen soll Gina H. mehrfach schlecht geredet haben. Bereits am zweiten Prozesstag war eine Sprachnachricht eingespielt worden, in der sie Fabian als "fett" bezeichnet und die Familie des Jungen in ein negatives Licht rückt. Laut einem Protokoll von Jugendamtsmitarbeitern soll H. im November zudem gesagt haben, sie verstehe nicht, wieso "so ein Gewese gemacht wird und ein großer Trauergottesdienst, es würden doch täglich Kinder sterben oder vermisst werden". Nach dem Tod des Jungen war in Güstrow ein solcher Trauergottesdienst mit Hunderten Menschen abgehalten worden. Eine Trauerrede, die Gina H. für Matthias R. schrieb, fertigte sie mithilfe von ChatGPT an. Oberstaatsanwalt Harald Nowack kündigte auf Nachfrage von t-online beim Verlassen des Saales nach der Sitzung an: "Da kommt noch mehr." Es würden mit jeder Sitzung weitere Indizien und Beweise besprochen. Für Gina H. gilt Unschuldsvermutung – Anwalt äußert sich Allerdings: Gina H. gilt so lange als unschuldig, bis es ein rechtskräftiges Urteil gibt. Noch ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob sie tatsächlich die Mörderin des kleinen Fabian ist. Schlagkräftige Beweise wie etwa DNA, Fingerabdrücke oder auch die Tatwaffe hat die Staatsanwaltschaft bislang zumindest nicht präsentiert. Einer der Anwälte der 30-Jährigen, Andreas Ohm, sagte t-online nach dem Prozesstag: Die Faserspuren, die im Auto gefunden worden seien, stammten von einem Pullover, der in Massenware angefertigt sei und daher auch von Gina H.s eigenem Kind stammen könnten. Die Überwachungsvideos sind nach seinen Worten zwar "ein Indiz, aber kein Totschlagargument". Auch das Foto, das Gina H. rund 1.600 Meter Luftlinie vom Tatort machte, halte er für wenig beweiskräftig. Die Distanz sei zu groß, um einen Zusammenhang herzustellen, sagte er. Außerdem kündigte Ohm im Gespräch mit t-online weitere mögliche Überraschungen für die kommenden Prozesstage an: "Es gibt noch einige Hinweise, denen nicht nachgegangen wurde." Angeblicher Messerfund im Fall Fabian So kam die Verteidigung etwa auf ein angeblich im Dezember von einem Zeugen gefundenes Küchenmesser in einem Mülleimer auf einem Güstrower Parkplatz zu sprechen, das bisher offenbar nicht gesichert wurde. Der Richter nahm die Kontaktdaten des möglichen Zeugen und auch die Adresse des Mülleimers entgegen. Ob sich hieraus weitere Erkenntnisse ableiten lassen, ist derzeit aber noch offen. Die Tatwaffe im Fall Fabian wurde bis heute nicht gefunden, laut den Ermittlern handelt es sich um ein Messer mit einer Klingenlänge von rund zehn Zentimetern. Zentraler Zeuge glaubt an Unschuld von Gina H. Doch der, der Gina H. am meisten entlastet, ist Fabians Vater selbst. Matthias R., der mit ihr inzwischen wieder eine Beziehung führt, besucht die Angeklagte nach eigenen Angaben alle zwei Wochen im Gefängnis. Von Gina H.s Anwalt Thomas Löcker wurde er am dritten Prozesstag gefragt: "Wenn es denn Frau H. gewesen sein sollte: Warum?" R. antwortete: "Ich weiß kein Motiv, warum sie das hätte gemacht haben sollen. Dafür kenne ich diese Frau zu lange. So etwas könnte sie gar nicht bewerkstelligen." Außerdem fragte Löcker Fabians Vater, ob Gina H. tatsächlich finanziell abhängig von ihm war und deshalb Angst hatte, die Beziehung zu verlieren. "Kann man das mit den Worten Quatsch zusammenfassen?", fragte Löcker. Matthias R. antwortete: "Ja." Der Prozess im Mordfall Fabian wird am 13. Mai vor dem Landgericht Rostock fortgesetzt. Bis Anfang Juli sind noch 14 Prozesstage angesetzt. Bei einer Verurteilung wegen Mordes droht der Angeklagten eine lebenslange Haftstrafe.
