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Trump-Entscheidung mit Folgen: Kleinstadt fürchtet US-Truppen-Abzug

Rund 30.000 Menschen leben auf dem US-Militärareal bei Vilseck. Ein Abzug der Stryker-Brigade würde die Region mit voller Wucht treffen. Thorsten Grädler dürfte sich auf den Mai gefreut haben. Seit dem 1. Mai ist der ehemalige stellvertretende Bürgermeister und langjährige Stadtrat nun Rathauschef in Vilseck, seiner Heimatstadt. Doch in der sonst beschaulichen Kleinstadt ist an Ruhe aktuell nicht zu denken, kaum einem ist zum Feiern zumute. Denn Vilseck liegt am Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Auf dem Militärareal der US-Armee leben rund 30.000 Menschen, Soldaten und ihre Angehörigen – und fast die Hälfte von ihnen könnte bald weg sein. US-Präsident Donald Trump will die US-Truppenpräsenz in Deutschland stark reduzieren. Experten gehen davon aus, dass das Pentagon die 5.000 Soldaten der Stryker-Brigade aus der oberpfälzischen Kleinstadt abziehen will , die auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr stationiert ist. Wenn sie und ihre Familien gehen, verliert die Region auf einen Schlag zwischen 12.000 und 15.000 Menschen, schätzt Grädler. "Zwei Drittel der Menschen, die hier leben, wären weg. Es war noch nie so extrem wie dieses Mal." Schon während Trumps erster Amtszeit standen die Stryker zur Debatte – Trump wurde allerdings abgewählt, bevor er die Truppen tatsächlich abziehen konnte. "Das hat sich Gott sei Dank in Wohlgefallen aufgelöst", sagt Grädler. Ob Vilseck auch diesmal Glück hat, ist offen. Vilseck ist ebenso oberpfälzisch, wie es amerikanisch ist. Wer sich ein Bild davon machen möchte, muss nur einmal durch die Kleinstadt fahren: Bushaltestellen sind auch als "Bus Stop" ausgezeichnet. Auf dem Edeka-Parkplatz reihen sich die amerikanischen Ausführungen deutscher Auto-Modelle. Die meisten Geschäfte bewerben sich selbst in ihren Vitrinen auf Deutsch und Englisch. Aushänge bewerben das Howdy-Festival im nahe gelegenen Auerbach. Eine Querstraße vom Rathaus entfernt steht eine inzwischen geschlossene Kirche der "New Testament Christian Church", einer kleinen, fundamentalistisch-evangelikalen christlichen Glaubensgemeinschaft mit Sitz in den USA , die nach eigenen Angaben rund 3.000 Mitglieder weltweit zählt. "Zu 95 Prozent von Amerikanern frequentiert" An der benachbarten Tankstelle tanken zwei junge Männer in Uniformen der US-Armee. Ein weiterer Amerikaner in Zivil hat zu kämpfen – seine Kreditkarte funktioniert nicht. "The fucking machine." Er stellt sich als "retired" vor, als Soldat im Ruhestand. Nach mehreren Versuchen gibt er auf und fragt nach der nächstgelegenen Tankstelle. Sie liegt in Sulzbach-Rosenberg. Ein ungläubiger Blick: "Fuck." Sulzbach-Rosenberg liegt mehr als zehn Kilometer entfernt. Die Wege hier, im sogenannten strukturschwachen Raum, sie sind lang. Für die oberpfälzische Kleinstadt wäre ein Abzug der US-Truppen "ein heftiger Einschnitt", sagt Grädlers Vorgänger, Ex-Bürgermeister Hans-Martin Schertl. Von 2004 bis Ende April 2026 saß er im Vilsecker Rathaus. Rund um den Armeestützpunkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine ganze Industrie entwickelt, erklärt Schertl: "Die Soldaten wollen ein Auto, natürlich amerikanisches Modell. Es wurden Wohnungen gebaut, Supermärkte in der Basis, aber auch außenherum." Schertl berichtet von einem Steakhouse, "das wird zu 95 Prozent von den Amerikanern frequentiert. Wenn die Soldaten weg wären, könnten die zusperren." Grädler untermauert das mit Zahlen: "Die Wirtschaftskraft, die vom Truppenübungsplatz ausgeht, beträgt 650 bis 700 Millionen Euro. Jährlich." Er zählt Wirtschaftszweige auf, die vom Truppenübungsplatz profitieren: Reinigungsfirmen, Gartenarbeiten, Baufirmen, Restaurants, Gaststätten, Kfz-Werkstätten, privater Lebensmittelkonsum, Reiseunternehmen. Bürgermeister Grädler greift sich an den Kopf. "Wir müssen Ersatz schaffen." Die Stadt erschließt aktuell ein Industriegebiet, seit Jahren kauft Vilseck dafür bereits Grundstücke auf – sieben Hektar, bezugsfertig im Herbst. Es ist eine Lektion aus Trumps erster Amtszeit. "Unser oberstes Ziel, und damit meines als neuer Bürgermeister, ist, dieses Gewerbegebiet mit Unternehmen zu besiedeln, um die Abhängigkeit vom Truppenübungsplatz ein Stück weit abzubauen." Ob das gelingt? "In der momentanen konjunkturellen Lage Deutschlands ist das nicht einfach", sagt Grädler. "Unternehmen investieren in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weniger. Das ist nun mal die Situation, in der wir stecken." Auch Susanne Hierl, CSU-Bundestagsabgeordnete für Amberg, warnt auf t-online-Anfrage: "Die Verlegung von 5.000 Soldaten der Stryker-Brigade vom Standort Vilseck muss verhindert werden." Sie sieht "erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft des Landkreises Amberg-Sulzbach und Bayerns. Fachleute beziffern den wirtschaftlichen Mehrwert auf ca. eine Milliarde Euro im Jahr." Weißwurstfrühstück mit den Generälen Der Stryker-Verband in Vilseck sei auch für die europäische Sicherheit von höchster Bedeutung, erklärt Hierl. "Wir haben es hier mit einem hochtechnisierten, schnell beweglichen und sehr gut ausgebildeten Kampfverband zu tun. Dies haben die Stryker im Januar 2022 unter Beweis gestellt, als sie mit wenig Vorlaufzeit die Nato-Ostflanke in Rumänien verstärkten. Diese militärischen Fähigkeiten wurden in den letzten Jahren im Zuge von Nato-Übungen in den südosteuropäischen Ländern vertieft. Mit einer Verlegung würde auch das Know-how der Nato verloren gehen." Die Amerikaner sind in Vilseck mehr als ein Wirtschaftsfaktor – sie sind Ehepartner, Mieter, Freunde, Sportkameraden, kulturell vollständig integriert. "Die können sogar Bierfässer anstechen inzwischen", schwärmt Schertl. "Wenn man denen bei der Kirchweih eine Maß Bier hinstellt, das ist das Höchste der Gefühle." Einige Feste, so Schertl, könnten sich ohne die amerikanischen Besucher kaum halten. Der langjährige Bürgermeister berichtet auch von einem regelmäßigen Frühstück im Rathaus, zu dem er die neuen Generäle nach Kommandowechseln einlud. "Es gab typisch bayerisches Weißwurstfrühstück mit Weizenbier. Wir haben ihnen gezeigt, wie man ein Weizen einschenkt, dass man das Glas schief und nicht gerade hält und so weiter. Alles, was die Kultur hier ausmacht." Daraus seien Freundschaften entstanden, mit vielen einst in Vilseck stationierten Generälen stehe er heute noch im Kontakt. Der Standort habe unter ambitionierten Generälen einen guten Ruf, so Schertl: "Viele bewerben sich aktiv hierhin." Sein Nachfolger Grädler erzählt von einem Satz, den er von den Soldaten immer wieder höre: Vilseck sei für sie "Home away from home", eine Heimat im Ausland. "Viele, die einmal hier waren, kommen gerne wieder. Wir haben sie immer mit offenem Herzen aufgenommen." Die Amerikaner seien gern gesehene Gäste in Vilseck, sagt Schertl: "Die lieben das Leben hier. Ich bin sicher, dass die auch gar nicht irgendwo anders hin versetzt werden wollen. Sie haben hier ja alles: Nürnberg ist eine Stunde entfernt, München zwei, die Alpen und Neuschwanstein auch nicht viel mehr. Wo sonst in Europa gäbe es das?"