Ukraine greift Moskau an: Russen reagieren empört auf Drohnenattacke
Am Wochenende attackierte die Ukraine vor allem die Region Moskau mit Drohnen. Anwohner zeigen sich schockiert darüber, dass der Krieg nach Russland kommt. Nach den ukrainischen Drohnenangriffen auf Moskau haben Einwohner der russischen Hauptstadt Wut, Angst und Zweifel an der russischen Führung geäußert. Andere wiederum kritisierten die Ukraine und äußerten ihr Unverständnis für die Luftangriffe auf Moskau. Dabei greift Russland die Ukraine seit Jahren beinahe täglich mit immer größer werdenden Drohnenschwärmen an. In der Nacht zum 17. Mai fand derweil der bislang größte ukrainische Drohnenangriff auf Russland statt. Mehr als 550 Drohnen waren dabei wohl im Einsatz, wovon ein großer Teil die Region Moskau ins Visier nahm. Dabei trafen die Fluggeräte unter anderem Rüstungs- und Technologiebetriebe, aber auch zwei Wohnhäuser sowie die Moskauer Ölraffinerie im Bezirk Kapotnja. Russische Behörden meldeten mehrere Tote und Verletzte im Moskauer Umland. Nach Angaben des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin wurden am Kontrollpunkt der Ölraffinerie zwölf Arbeiter verletzt. Ukrainische Angriffe auf Russland: Putins Versprechen ist nun gebrochen Ukrainische Trendwende: Neue Waffe vernichtet Ziele mit 99-prozentiger Quote Videos in sozialen Netzwerken während und nach den Angriffen In den sozialen Netzwerken kursiert ein Video eines Russen, der sich im Zentrum Moskaus über die ukrainischen Angriffe echauffiert. "Warum bombardiert ihr uns?", fragt er wohl in Richtung der Ukraine. Eine Drohne sei nicht weit von seinem Wohnbezirk entfernt eingeschlagen, erklärt er. "Wofür? Warum tut ihr das? Was für schlimme Dinge haben wir euch angetan?" Es reiche nun, erklärt der Mann weiter. "Stopp! Hört auf, uns zu bombardieren." Am Morgen um 4 Uhr sei es am schlimmsten gewesen, so der Russe. Dem großangelegten Angriff der Ukrainer waren mehrere stundenlange Angriffe der Russen auf weite Teile der Ukraine Mitte vergangener Woche vorangegangen. Dabei griff Russland unter anderem Kiew von Mittwochabend bis in den Donnerstagmorgen hinein mit Drohnen und Raketen an. Insgesamt kamen mehr als 20 Menschen ums Leben, darunter auch Kinder. Auch andere Russen veröffentlichten in sozialen Netzwerken Videos der Angriffe auf Moskau und ihrer Reaktionen darauf. Eine Frau sagte: "Wir gehen zum Auto und hauen schleunigst ab." Eine Frau aus Selenograd erklärte: "Ich hätte nicht gedacht, dass uns der Krieg so treffen würde." Wer den Krieg in der Ukraine in Russland als Krieg bezeichnet, riskiert eine Strafe. Die offizielle Kreml-Sprachregelung lautet "spezielle Militäroperation". Eine weitere Frau erklärte ihren Bekannten in den sozialen Netzwerken: "Leute, bei uns heulen die Sirenen, es ist einfach die Hölle los." Sie wisse nicht, wohin sie laufen solle. "Ich habe Angst. Es ist einfach irre, unfassbar. Ich zittere am ganzen Körper, ich bin völlig fertig." Ein Mann wies in seinem Video auf die Sperren für mobiles Internet hin, die in Moskau gilt und eigentlich ukrainische Drohnenangriffe erschweren sollte. "Heute hat unser Gegner allen Bewohnern des Moskauer Umlands und Moskaus gezeigt, dass sie sich trotz der Blockaden der Mobilfunkverbindungen in Russland doch ziemlich wohlfühlen." In Moskau war auch der Stadtteil Selenograd für die ukrainische Armee ein wichtiges Ziel, weil dort mehr als ein Dutzend Betriebe der Rüstungsindustrie angesiedelt sind. Unter anderem wurden dort das Mikroelektronikwerk Angstrem und der benachbarte Technopark Elma getroffen, dessen Firmen ebenfalls Produkte der Mikro- und Radioelektronik herstellen. "Wann beruhigen die sich endlich?" Die 57-jährige Natalja berichtete dem unabhängigen russischen Portal "Bereg", sie sei gegen drei Uhr nachts von lauten Geräuschen aufgewacht. "Ich habe noch gedacht: Was donnert denn da so?", sagte sie. Dann fügte sie hinzu: "Wann beruhigen die sich endlich?!" Gemeint waren ukrainische Soldaten. Natalja sagte dem Portal, sie halte die Ukraine für den Auslöser des Kriegs; Russland habe "keine andere Wahl" gehabt, als mit der Vollinvasion in das Nachbarland zu beginnen. Dies entspricht der offiziellen russischen Erzählung, die den Angriff auf die Ukraine als Selbstverteidigung darstellt. Nachprüfbare Beweise für diese Darstellung gibt es jedoch nicht. Unterstützung für Russland: Peking macht den nächsten Schritt Putin trifft Xi Jinping : Der Sieger steht fest In Haus- und Stadtteilchats suchten Bewohner laut "Bereg" nach Informationen und Schutz. "Ist es schon Zeit, in der Badewanne zu sitzen?", fragte eine Frau angesichts von Empfehlungen, bei einer Drohnenattacke Schutz in einem fensterlosen Raum zu suchen – meist das Bad einer Wohnung. "Im Bett neben dem Fenster ist es irgendwie unruhig", schrieb die Bewohnerin demnach. Eine andere berichtete: "Ich habe den Kleinen in den Flur gelegt." Ein Dritter schrieb: "Wir sitzen im Treppenhaus." Ein älterer Mann aus Selenograd sagte "Bereg" mit Blick auf mögliche weitere Angriffe: "Die Ukrainer wollen auch noch Raketen auf uns schießen, dann sind wir richtig am Arsch. Ich weiß nicht, gibt es hier überhaupt Luftschutzkeller?" Dem Bericht nach schimpfte er nicht nur auf die Ukraine, sondern auch auf Kremlchef Wladimir Putin . "Anders als Putin hält Trump sein Wort", sagte er. "Putin redet nur Scheiße über seine 'Sarmats' und 'Oreschniks'." Er bezog sich damit auf russische Raketenprogramme, die seit Jahren in der Testphase stecken. Kritik an der Flugabwehr in Moskau Eine weitere Frau sagte dem Portal: "Stellen Sie sich vor, der Schlag war so heftig, dass ich das sogar im neunten Bezirk gehört habe." Eine andere berichtete: "Ich habe sogar gehört, wie sie geflogen sind. Als würden viele Motorräder fahren." Ein Mann in einem hellen T-Shirt reagierte spöttisch auf Putins Bewertung der Abwehr. "Wladimir Wladimirowitsch hat gestern gesagt, die Flugabwehr habe zufriedenstellend gearbeitet", sagte er. "Ich wäre beinahe ohnmächtig geworden." Eine Frau fragte daraufhin: "Vielleicht berichten sie ihm davon gar nicht? Das ist ja ein lokaler Vorfall, da weiß er es nicht." Der Mann blieb bei seiner Kritik: "Zufriedenstellend heißt eine Note 3. Was soll hier eine 3 sein?" Eine ältere Frau brachte die Unsicherheit vieler Bewohner auf den Punkt. "[Die Ukraine] sagt, wir verschleppen den Krieg, und wir sagen, sie verschleppen ihn", sagte sie. "Ich weiß es nicht, aber ich glaube niemandem. Unser Leben ist völlig unerträglich geworden. Wir sind müde vom Krieg." In Kapotnja im Südosten Moskaus beschrieben Anwohner im Gespräch mit "Bereg" die Angst vor einem Treffer auf die Ölraffinerie. Ein 22-Jähriger aus Rostow, der erst vor wenigen Monaten nach Moskau gezogen war, sagte: "Das ist doch Moskau, wie kann das sein!" Eine Frau an einer Bushaltestelle sagte dem Portal mit Blick auf die Raffinerie: "Ja, es hat hier gedonnert, aber weiter weg. Wenn dieses Werk explodiert wäre, hätte es halb Kapotnja weggerissen."
