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Propaganda-Offensive gegen Deutschland – Leak enthüllt Russlands Vorgehen

Der russische Machtapparat weitet seine verdeckten Operationen in Deutschland aus. Interne Dokumente geben einen tiefen Einblick. Es geht um Aktionen unter falscher Flagge – und eine manipulierte Wikipedia-Kopie. Die wichtigste Trollfabrik des Kremls hat ihr Portfolio erweitert: Sie versucht nun nicht mehr ausschließlich, mit Tausenden zentral gesteuerten Accounts in sozialen Medien die öffentliche Meinung in Deutschland und anderswo zu beeinflussen – sie verantwortet auch Aktionen unter falscher Flagge und arbeitet für Deutschland an einem Wikipedia-Klon, der Desinformation aus Russland in KI-Systeme einschleusen soll. Das geht aus brisanten internen Dokumenten und Nachrichten der Social Design Agency (SDA) hervor, die im Auftrag der Präsidialadministration von Machthaber Wladimir Putin arbeitet. t-online hat den aus einem Leak stammenden Datensatz auswerten können; dem Bundesamt für Verfassungsschutz liegt er ebenfalls vor. Darin enthalten: Chatverläufe, Projektpläne und -berichte sowie Memos, die einen tiefen Einblick in die Arbeit der Infokrieger gewähren. Erstmals machte die SDA im Westen mit der sogenannten Doppelgänger-Kampagne von sich reden, die t-online aufdeckte und für die sie seit Mitte 2023 unter EU-Sanktionen steht. Dabei fälscht sie die Nachrichtenseiten internationaler Medien, gewinnt auch in Deutschland immer wieder politisch prominente Interview-Partner und versucht, die Kreml-Propaganda dann über die sozialen Medien zu verbreiten. Experte hält Dokumente für "sehr plausibel" 2024 gelangten dazu weitere Informationen in Form interner Daten an die Öffentlichkeit. Sie belegten die engen Verbindungen der SDA zum Kreml und gaben einen Einblick in die Methoden, mit denen gesellschaftliche Konflikte angeheizt und AfD und BSW gestärkt werden sollen. Der neue Leak ist viel kleiner – und aus Sicht des Experten Thomas Rid dennoch "letztlich interessanter und aussagekräftiger", wie er t-online sagte. Rid ist Professor für Strategische Studien an der Johns Hopkins University und hat zu den 3.000 Dateien des ersten Leaks geforscht. Der erste Datensatz habe vor allem gefälschte Nachrichtenmeldungen, Social-Media-Beiträge und Tabellen zur Dokumentation enthalten – weniger interne Kommunikation. Das unterscheidet die Leaks gravierend: Unbekannte haben dieses Mal Screenshots gemacht, die die interne Kommunikation der SDA abbilden. Rid hat wenig Zweifel an deren Echtheit. "Ich gehe aufgrund der Umstände, der Inhalte und der Chronologie davon aus, dass das Leak echt ist. Es ist sehr plausibel, Informationen darin ergänzen andere Erkenntnisse." Angriff über KI-Plattformen Die Auswertung des Leaks macht klar: Die Agentur hat sich im Auftrag des russischen Staats neue Betätigungsfelder erschlossen. Dokumente in dem Datensatz führen zu Aktionen von Wegwerfagenten in Deutschland. Außerdem treibt die SDA den Aufbau eines Wikipedia-Klons für Deutschland voran, der russische Propaganda im seriösen Gewand verbreiten soll. Einer internen Projektplanung des Unternehmens zufolge wurden die Server für die "selbstaktualisierende Wissensdatenbank" bereits gestartet und Webseiten vorbereitet. Das entsprechende Dokument mit dem Titel "Projekte 2026" ist Metadaten zufolge am 15. Januar 2026 erstellt worden. Darin heißt es, das Projekt umfasse bislang über 200.000 Seiten. Sie sollen unter anderem dafür verwendet werden, mit den im Auftrag des Kremls bereitgestellten Desinformationen KI-Plattformen wie ChatGPT zu trainieren. Das Ziel: Bei Nutzeranfragen in deutscher Sprache sollen die öffentlich zugänglichen Sprachmodelle für ihre Antworten auf die in Russland erstellte Desinformation zurückgreifen. Dafür will die SDA monatlich rund 500 manuell redigierte Artikel in die KI-Plattformen einspeisen. Sie kann auf Erfahrungen in Russland aufbauen: Ruviki ist dort bereits als Kopie der russischsprachigen Wikipedia aufgebaut – bereinigt um Einträge und Darstellungen etwa zu Russlands Krieg in der Ukraine oder Alexander Navalny. Wie derartige "Redigaturen" aussehen, zeigen auch Unterlagen eines ähnlichen Projekts zur Wahlbeeinflussung in Armenien : Beispiele für die praktische Nutzung sind etwa die positive Darstellung eines russlandfreundlichen Politikers und die Diskreditierung eines russlandkritischen Politikers mithilfe "gefälschter kompromittierender Materialien". Im Falle der deutschen Datenbank sollen zusätzlich 200 Artikel pro Monat suchmaschinenoptimiert werden, sodass sie bei Nutzeranfragen zum Beispiel in Google-Ergebnissen prominenter platziert werden. Sabotage in Deutschland Der Plan reiht sich ein in mehrere weitere verdeckte Operationen, von denen ebenfalls in den Dokumenten die Rede ist: Diese enthalten erstmals Belege, dass die Agentur neben Desinformationsoffensiven auch Aktionen unter falscher Flagge in Europa organisiert – darunter mutmaßlich die Sabotage, bei der in Deutschland kurz vor der Bundestagswahl hunderte Autos mit Bauschaum stillgelegt wurden. Die Täter hatten damals eine falsche Fährte gelegt und an den Tatorten Aufkleber mit der Aufschrift "Sei Grüner!" und einem Foto des damaligen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck hinterlassen. Ziel war offenkundig, die Grünen im Wahlkampf zu diskreditieren. Davon geht die Staatsanwaltschaft Ulm derzeit ohnehin aus : Als Tatverdächtige hatte sie mehrere junge Männer und Frauen ermittelt, die aus Russland instruiert worden sein sollen. Ein Chatverlauf von SDA-Mitarbeitern stützt nun diese Version: Berichterstattung über die Sabotage und die Verhaftungen wurde im Gruppenchat geteilt. "Die Deutsche Welle schreibt über uns unter Bezugnahme auf Baerbock", kommentierte dazu ein Account und teilte eine Textpassage über die Festnahmen. Kurz darauf folgte eine weitere Nachricht – mit ähnlichen Plänen für Frankreich , die ebenfalls hunderte Autos zum Ziel hatten, aber nicht in die Tat umgesetzt wurden. Nahezu klassisch muten hingegen andere Projekte an: Neben neuen Telegram-Kanälen für Deutschland hat die Agentur Ende März auch eine englischsprachige Webseite eines vermeintlich politisch neutralen "Thinktanks" erstellt, der – nach Abschluss "technischer Arbeiten zur Verschleierung und Informationssicherheit" – ein entsprechendes Angebot in deutscher Sprache folgen soll. Der Name: "World Center for Strategic Studies" (WCSS). Ziel der Webseite ist es, "eine nachhaltige Präsenz von Narrativen, die für Russland von Vorteil sind, im europäischen Expertenfeld zu etablieren". Dabei solle sich das Projekt, abweichend vom bisherigen Vorgehen, "auf professionelle Standards, akademische Redlichkeit" stützen und ständig auf Primärquellen verweisen. Tatsächlich sollen durchgehend die Europäische Union und Regierungen ihrer Mitgliedstaaten diskreditiert werden. Russlands favorisierte Thesen In der Projektplanung dazu heißt es, die Veröffentlichungen sollten der Fachwelt Argumente liefern, folgende Thesen zu untermauern: 1. " Die Regierungen der EU-Länder sind überfordert, inkompetent oder handeln bewusst auf Anweisung von außen und setzen einen fremden strategischen Plan um" 2. " Die EU befindet sich in einer von außen gelenkten Krise" 3. "Die Mitgliedschaft in der EU schadet den nationalen Interessen" 4. "Nur die Wiederherstellung der Beziehungen zu Russland kann dem Land helfen, aus der Krise herauszukommen" Nicht nur die Europäische Union stellte die SDA 2023 unter Sanktionen. 2024 schaltete das US-Justizministerium zahlreiche Seiten der "Doppelgänger-Kampagne" ab und veröffentlichte interne Unterlagen, über die zuerst t-online berichtete . Aus ihnen ging hervor, dass vor allem AfD und BSW von der Einflussnahme profitieren sollten. Wenig später berichteten WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" über weitere interne Unterlagen, die aus dem damaligen SDA-Leak stammten. Die neuen Unterlagen, die nun t-online vorliegen, wurden über identische Wege wie damals verbreitet. Offenbar aufgrund darin geschilderter Projekte zur Beeinflussung der Wahlen in Armenien verhängte die britische Regierung am 11. Mai 2026 weitere Sanktionen gegen die SDA. Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz ist das Leak bekannt, "die Auswertung dauert noch an". Zu Authentizität und Inhalt könne das Amt bislang keine Stellung nehmen.