China dringt immer mehr in Europas Autoindustrie ein – auf mehreren Ebenen
Die Debatte über chinesische Autos dreht sich oft um Preise und Zölle. Tatsächlich verändert sich die europäische Autoindustrie an vielen Stellen gleichzeitig. Chinesische Autobauer gewinnen in Europa Marktanteile. Doch ihre Expansion geht längst über den Verkauf von Autos hinaus. Noch vor wenigen Jahren spielten sie in Europa kaum eine Rolle, inzwischen gehören sie zu den Gewinnern des Wandels zur Elektromobilität. Nach Angaben des europäischen Herstellerverbands ACEA kamen reine Elektroautos in der Europäischen Union im ersten Quartal 2026 auf einen Marktanteil von 19,4 Prozent. Hybride lagen mit 38,6 Prozent sogar noch deutlich darüber und waren die meistverkaufte Antriebsart. Das spielt chinesischen Herstellern in die Karten. Ihre Modellpaletten bestehen längst nicht mehr nur aus Elektroautos. Nachdem die Europäische Union im Oktober 2024 Zusatzzölle auf Elektroautos aus China eingeführt hatte, verlagerten einige Hersteller ihren Schwerpunkt auf stärker gefragte Plug-in-Hybride und andere elektrifizierte Modelle. Diese sind von den Zusatzzöllen nicht betroffen. Marktanteile steigen In Europa kamen chinesische Marken im ersten Quartal 2026 auf einen Marktanteil von rund acht Prozent. In Deutschland lag der Anteil zuletzt bei etwas mehr als drei Prozent. Der Abstand zeigt, dass Deutschland innerhalb Europas eine Sonderrolle einnimmt. In Großbritannien , Spanien oder Norwegen haben chinesische Hersteller deutlich schneller Fuß gefasst und sich vor allem bei elektrifizierten Fahrzeugen einen festen Platz erarbeitet. Hierzulande treffen sie auf starke heimische Marken, große Händlernetze und eine Kundschaft, die neuen Anbietern oft zurückhaltender begegnet. Gleichzeitig ist Deutschland der größte Automarkt Europas und Heimat einiger der bekanntesten Hersteller der Welt. Wer sich hier etabliert, gewinnt Aufmerksamkeit weit über die Landesgrenzen hinaus. Deshalb investieren viele chinesische Hersteller trotz vergleichsweise geringer Marktanteile viel Geld in ihren Auftritt. Deutschland soll nicht nur Absatzmarkt sein, sondern auch ein Nachweis, dass eine Marke auch im restlichen Europa bestehen kann. Chinesische Marken passen sich den Marktbedürfnissen an Lange gingen viele Beobachter davon aus, chinesische Hersteller würden dem Vorbild von Tesla folgen und ihre Fahrzeuge vor allem online verkaufen. Doch wer erfolgreich sein will, investiert mittlerweile in klassische Vertriebsstrukturen. BYD plante bis Ende 2025 mit 1.000 Verkaufsstellen in Europa; in diesem Jahr sollen es doppelt so viele sein, sagte Europa-Managerin Maria Grazia Davino laut der Nachrichtenagentur Reuters Ende vergangenen Jahres. Chery setzt beim Start seiner Marken Omoda und Jaecoo ebenfalls auf lokale Vertragshändler, Werkstätten und Ersatzteillager. Der Aufwand ist beträchtlich. Händler müssen gewonnen, Mitarbeiter geschult und Ersatzteillager aufgebaut werden. Der Gedanke dahinter: Wenn der Käufer einen Ansprechpartner in der Nähe hat, gewinnt er schneller Vertrauen. Auch beim Personal setzen die Konzerne auf lokale Expertise. Auffällig viele chinesische Hersteller holen erfahrene Manager aus Europa an Bord. BYD verpflichtete die frühere Stellantis-Managerin Maria Grazia Davino für wichtige Aufgaben in Europa. Alfredo Altavilla, früher einer der einflussreichsten Manager bei Fiat Chrysler, berät den Konzern ebenfalls. Auch Chery verfolgt diesen Ansatz. Das Unternehmen hat für seine Europa-Expansion zahlreiche Führungskräfte mit Erfahrung bei europäischen Herstellern verpflichtet. Omoda und Jaecoo betonen offen, dass lokale Marktkenntnis beim Aufbau von Vertrieb, Service und Logistik eine zentrale Rolle spiele. Noch vor wenigen Jahren galt China als Lernender der Branche. Europäische Hersteller entsandten Ingenieure und Manager ins Land, bauten Werke auf und schulten Personal. Heute werben chinesische Hersteller gezielt um Führungskräfte aus Europa. Wie wichtig diese lokale Perspektive geworden ist, zeigt ein weiteres Beispiel von BYD. Konzernberater Alfredo Altavilla drängte laut Reuters intern darauf, neue Modelle in Europa nicht ausschließlich als Elektroautos, sondern verstärkt auch als Plug-in-Hybride anzubieten. Die Entscheidung fiel in eine Zeit, in der die Nachfrage nach reinen Elektroautos in mehreren europäischen Märkten hinter den Erwartungen zurückblieb. Das Beispiel zeigt, wie stark europäische Marktkenntnis inzwischen in die Strategie chinesischer Hersteller einfließt. Mit Erfolg: In Deutschland trug jeder zehnte Plug-in-Hybrid das BYD-Logo. Weiteres Beispiel: Auf Drängen der Europaverantwortlichen baute die Chery-Marke Jaecoo in ihr erstes SUV für Europa neue Türtafeln ein, die haptische Schalter für die elektrischen Fensterheber haben. Immer mehr Zusammenarbeit Europäische Hersteller galten lange als Vorbilder bei Entwicklung, Produktion und Fahrzeugtechnik. Diese Rollenverteilung gerät zunehmend ins Wanken. Volkswagen entwickelt in China gemeinsam mit Xpeng neue Elektronik- und Softwarearchitekturen – vor allem, um auf dem mittlerweile schwierigen chinesischen Markt zu bestehen. Renault nutzte nach eigenen Angaben chinesische Entwicklungsressourcen, um die Entwicklungszeit des neuen elektrischen Twingo deutlich zu verkürzen. Stellantis arbeitet eng mit Leapmotor zusammen und erhielt über die Beteiligung Zugang zu chinesischer Elektrotechnik. Unter anderem ist ein Opel-SUV mit Technik der Chinesen geplant . Gleichzeitig verschiebt sich die Wertschöpfung. Batterien, Software, Elektronikarchitekturen und teilweise ganze Fahrzeugplattformen stammen immer häufiger von chinesischen Unternehmen. Damit entsteht eine spannungsreiche Parallelität: Konkurrenten werden gleichzeitig zu Partnern. Chinesen in europäischen Werken Während viele europäische Hersteller mit sinkenden Margen und teilweise schlecht ausgelasteten Werken kämpfen, suchen chinesische Hersteller Produktionskapazitäten in Europa. BYD hat bereits eigene Werke in Ungarn und der Türkei , sucht aber weitere Möglichkeiten. Daraus entstehen Kooperationen, die vor wenigen Jahren noch ungewöhnlich erschienen wären. Die Opel-Mutter Stellantis plant, mehrere europäische Werke mit Modellen von Leapmotor und Dongfeng auszulasten. Der Auftragsfertiger Magna produziert bereits Fahrzeuge für Xpeng im österreichischen Graz. Nissan wiederum hat eine Vereinbarung mit Chery unterzeichnet, die eine Produktion im britischen Sunderland vorsieht. Auch bei Volkswagen wurde wiederholt darüber diskutiert, freie Kapazitäten gemeinsam mit chinesischen Partnern zu nutzen. Und MG will ab 2028 Fahrzeuge in Spanien fertigen. Hier sollen "Kooperationen mit europäischen Technologiepartnern, Forschungsinstituten und regionalen Zulieferern" intensiviert werden, heißt es. Die Europäer können also ihre Werke auslasten und Jobs bewahren, gleichzeitig schaffen sie der Konkurrenz eine einfache Möglichkeit, Importzölle zu vermeiden und ihre Fahrzeuge günstiger anzubieten. Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka bezeichnete die Zusammenarbeit chinesischer Hersteller mit europäischen Werken laut dem "Handelsblatt" als mögliches "trojanisches Pferd". Die Befürchtung: Kurzfristig helfen die Kooperationen den europäischen Standorten. Langfristig könnten sie Wettbewerber stärken, die ohnehin Marktanteile gewinnen. Viele Marken haben einen chinesischen Eigner Nicht nur chinesische Marken kommen nach Europa – auch viele bekannte Traditionshersteller gehören mittlerweile zu chinesischen Großkonzernen. Volvo gehört seit 2010 zum chinesischen Geely-Konzern, baut zahlreiche Modelle in China, einige in Schweden . Die traditionsreiche britische Marke MG ist Teil des chinesischen Staatskonzerns SAIC Motor. Projekte wie die Auferstehung der deutschen Traditionsmarke Borgward oder des italienischen Herstellers Itala (1934 in Konkurs gegangen) gehen einen anderen Weg: Hinter dem neuen SUV Itala 35 steckt Technik des chinesischen Herstellers GAC. Plattform, Antrieb und große Teile der Fahrzeugarchitektur stammen aus China. Design und Endmontage sollen dem Fahrzeug dagegen einen europäischen Charakter geben. Solche Projekte zeigen, wie stark sich die Branche verändert. Chinesische Unternehmen liefern Batterien, Plattformen, Software und Entwicklungsleistungen. Europäische Unternehmen steuern in einigen Fällen dann Marken, Design, Vertrieb oder Produktionskapazitäten bei. Wie ehrgeizig die Pläne der Chinesen sind, machte BYD-Berater Altavilla jüngst selbst deutlich. "Wir machen das nicht, um ein Ein-Prozent-Anbieter zu sein", sagte der frühere Fiat-Chrysler-Manager in einem Interview über die Europastrategie des Konzerns. Der Wettbewerb findet deshalb längst nicht mehr nur auf der Straße statt. Er reicht vom Autohaus über die Entwicklungsabteilung bis in die Fabriken. Chinesische Hersteller verkaufen in Europa nicht mehr nur Autos. Sie werden Teil der Industrie selbst.
