Fehlermeldung

Deprecated function: Array and string offset access syntax with curly braces is deprecated in include_once() (line 20 of /mnt/web715/a0/94/5496894/htdocs/automotivemedia-cms/includes/file.phar.inc).

Heizungsgesetz und die Debattenkultur: "Das ist doch Stammtischniveau"

Auf dringende Herausforderungen braucht es Antworten – doch politische Debatten kreisen oft um Probleme. Das kritisiert Autor David Nelles. Er erklärt, warum Polit-Talkshows ein "Brandbeschleuniger" sind und wie die Grünen beim Klimaschutz kommunikativ gescheitert sind. Empörung statt Lösungen: Der Autor David Nelles bemängelt, dass in der politischen Debatte Aufregung dominiert. Die Medien befeuerten die Dauer-Empörung, kritisiert Nelles im Interview mit t-online. In seinem aktuellen Buch "Politikzirkus" will er zeigen, wie man schwierige Themen wie Migration oder Wirtschaft ohne Hysterie diskutieren kann. Besonders am Herzen liegt ihm das Thema Klimaschutz, seit Jahren beschäftigt Nelles sich damit. Passend zum Weltumwelttag an diesem Freitag erklärt der Unternehmer, warum das Thema "politisch verbrannt" sei und was das mit dem früheren Wirtschaftsminister Robert Habeck und den Grünen zu tun hat. Trotzdem bleibt Nelles optimistisch: Klimaschutz kann wieder relevant werden. Doch dafür muss die Politik etwas Entscheidendes anders machen. t-online: Wer trägt die Verantwortung für die aufgeheizte Stimmung im Land: Die Politik oder die Medien? David Nelles: Beide. Insbesondere aber die Politik. Denn statt nach Lösungen zu suchen, trägt die Politik häufig nur Probleme vor. Ein Beispiel: In einer politischen Talkshow wurde über die Energiewende diskutiert. Ein Politiker sagte, er komme vom Land, da scheine nachts die Sonne nicht. Der nächste beklagte, dass es nicht genügend Speicher gebe. Das hat mich richtig wütend gemacht. Das ist doch Stammtischniveau. Die Probleme kennt jeder und das verbreitet nur noch mehr Hilflosigkeit. Wir müssen lernen, einen Schritt weiterzugehen und Antworten geben auf die Frage: Was könnte die Lösung sein? Sind politische Talkshows ein Motor der Demokratie – oder ein Brandbeschleuniger? Aktuell würde ich sagen: eher ein Brandbeschleuniger. Es steht immer das Problem im Fokus. Die Politiker müssten gefragt werden: Welche konkrete Lösung habt ihr im Angebot? Es darf eigentlich gar keine andere Frage geben. Ob man Pro-Israel oder Pro-Palästina ist, für oder gegen das Gendern, pro Klimaschutz oder pro Wirtschaft – das ist ja alles irrelevant. Es sollte nur darum gehen, was daraus als Konsequenz folgt. Sonst diskutieren wir uns in eine Sackgasse hinein. Was würde sich denn dann konkret ändern? Es gäbe weniger Aufregung und tatsächlich Bewegung. Das Problem vieler Politiker ist aktuell doch, dass sie glauben, sich mit Lösungen angreifbar zu machen. Deshalb scheuen sie davor zurück. Es fehlt einfach der Mut. Das ist fatal, weil wir dann nur den Zustand beschreiben. Und das hilft ja nicht. Aber auch Gesellschaft und Medien sind hier gefragt. Schauen wir auf die aktuelle Reformdebatte: Es ist klar, dass man bei Rente oder Krankenversicherung um bestimmte Maßnahmen nicht herumkommt. Der erste Reflex auf jeden Vorschlag darf dann aber nicht sein, den Haken zu suchen. Immer nur kritisieren, das bringt uns doch nicht weiter. Wir treten auf der Stelle. Stattdessen müssen wir wieder lernen, Kompromisse zu suchen und zu akzeptieren. Aber kritisch hinterfragen muss ja erlaubt sein. Auf jeden Fall. Aber das darf nicht zum Selbstzweck werden. Ich will nicht sagen, dass man keinesfalls Kritik an Vorschlägen üben darf. Im Gegenteil: Wir müssen den Finger in die Wunde legen. Aber da dürfen wir nicht stehen bleiben. Ich erwarte von Medien, kritisch zu sein, aber dann auch Vorschläge zu machen, wie es besser gehen kann. Ein Thema, mit dem Sie sich viel beschäftigt haben, ist der Klimaschutz. Vor einigen Jahren war das ein dominierendes Thema in der deutschen Politik, denken wir an die Proteste von Fridays for Future. Jetzt wirkt es, als wäre die Luft raus. Woran liegt das? Ich sehe zwei Gründe. Zum einen ist Klimaschutz politisch verbrannt. Erinnern wir uns an das Heizungsgesetz des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck. Da ging es in der öffentlichen Debatte dann nur noch um Verbote. Das schreckt bis heute ab. Zum anderen dominieren gerade andere Themen – die schlechte Wirtschaft, Kriege. Die öffentliche Aufmerksamkeitsspanne reicht meist für zwei, drei große Themen. Da ist das Klima hinten runtergefallen. Das ist aber normal bei gesellschaftlichen Entwicklungen. Auch Rechte für Minderheiten oder Feminismus – das sind alles Themen, die mal in den Fokus rücken, dann in den Hintergrund treten, um dann irgendwann wieder einen neuen Anlauf zu nehmen. Veränderung passiert in Wellenbewegungen, davon darf man sich nicht entmutigen lassen. Aber das Thema Klima ist ja nicht einfach nur in den Hintergrund gerückt. Viele Menschen reagieren darauf mit Abwehr oder offenem Widerstand. Das stimmt. Paradoxerweise liegt das in Deutschland daran, dass die Grünen zeitweise so erfolgreich waren. Dadurch mussten sich andere Parteien die Frage stellen, wie sie die Partei wieder kleinkriegen. Folglich wurde Klimaschutz zum parteipolitischen Spielball. Aber auch hier gilt wieder: Das Problem zu beschreiben, hilft uns jetzt nicht weiter. Die Frage lautet: Wie lässt sich das wieder ändern? Und da würde ich sogar so weit gehen, zu sagen, dass sich wieder was getan hat. Deutschland hat in den vergangenen Jahren die Ausbauziele von Photovoltaik eingehalten und den Ausbau der Windkraft verdreifacht. Und auch wenn wir bei der E-Mobilität noch hinten dran sind, steigen die Zulassungszahlen. Das zeigt: Wenn die Aufregung abflacht und Politik konstruktiv ist, zieht auch die Bevölkerung wieder mit. Die Euphorie hält sich dennoch in Grenzen. Für die aktuelle Regierung scheint Klimaschutz keine oberste Priorität zu haben – sicher auch, weil es kein Gewinnerthema ist. Was macht Sie so sicher, dass wir beim Klimaschutz gerade nur in einem Tal stecken und nicht am Ende einer Bewegung? Weil die Dynamik vor allem von wirtschaftlichen Faktoren getrieben wird. Erneuerbare Energien sind inzwischen so günstig, dass Photovoltaik- oder Windkraft weltweit etwa 90 Prozent der neu gebauten Stromerzeugungsanlagen ausmachen. Bei Elektroautos sehen wir ebenfalls stark sinkende Preise, nicht zuletzt durch chinesische Anbieter. Batteriekosten sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gefallen. Klimafreundliche Technologien rechnen sich inzwischen. Und selbst politische Akteure, die am Klimaschutz wenig Interesse haben, können diese Entwicklung kaum noch bremsen: Unter US-Präsident Donald Trump ist der Anteil der Kohleverstromung in seiner ersten Amtszeit klar gesunken, während der Anteil erneuerbarer Energien gestiegen ist. Sie argumentieren in Ihrem Buch, unser Gehirn tue sich schwer damit, sich die Zukunft vorzustellen. Deshalb konzentriert sich unser Handeln auf das Jetzt. Gleichzeitig arbeiten Klimaschützer seit Jahrzehnten mit Schreckensszenarien der Zukunft. Ist das ein kommunikativer Fehler? Mit Horrorszenarien kommen wir nicht weit. Ein Beispiel: Selbst wenn Menschen von einer Flutkatastrophe heimgesucht werden, also sogar selbst von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, zeigt die Forschung, dass die Bereitschaft für Veränderung schon ein halbes Jahr später schwindet. Daraus lernen wir, dass wir den Menschen Veränderung schmackhaft machen müssen. Sie müssen verstehen, was sie gewinnen können, um Bereitschaft für Veränderung zu entwickeln. Können Sie ein praktisches Beispiel nennen, wie man es besser machen kann? Es geht am besten über den Geldbeutel. Machen wir es konkret und reden über dynamische Stromtarife. Das heißt, der Strompreis passt sich je nachdem, wie die Sonne scheint, an. Mittags ist er dann zum Beispiel günstig – also eine gute Zeit, das E-Auto zu laden. Dadurch können Haushalte bis zu 3.000 Euro im Jahr sparen. Das begeistert Menschen, da sind sie dabei. Die Leute müssen Lust bekommen, mitzumachen. Ist das etwas, was die Grünen beim Thema Klimaschutz kommunikativ falsch gemacht haben? Der größte Fehler der Partei war, beim Klimaschutz immer zuerst zu erklären, was man vorhat und erst nachgelagert die soziale Frage zu beantworten. Andersherum wird ein Schuh draus. Das hat man beim Heizungsgesetz gesehen. Sobald die Frage, wie die Menschen sich das leisten können, nicht ab Sekunde eins mit erklärt wird, bekommen viele Panik. Grüner Kongress: Er macht alles anders als sie Beobachten Sie da bei den Grünen eine Lernkurve? Ich sehe insgesamt in der Politik, auch bei den Grünen, dass alle das theoretisch verstanden haben. Nur bei der Umsetzung hapert es gewaltig. Nehmen wir die CO2-Steuer, den Aufschlag auf die Nutzung fossiler Energieträger beim Heizen oder Autofahren. Da hat jeder gesagt: Wir dürfen die kleinen Leute nicht zusätzlich belasten. Aber das Klimageld, mit dem ein Teil des Geldes an Verbraucher zurückfließt, ist bis heute nicht gekommen. Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie man Leute gegen sich aufbringt. Es reicht nicht, kommunikativ die soziale Frage an erste Stelle zu setzen, und dann nicht zu liefern. Wir haben jetzt viel über Kritik an der Kommunikation in der Politik gesprochen. Können Sie auch ein aktuelles Beispiel nennen, wann zuletzt eine Politikerin oder ein Politiker mal richtig gut kommuniziert hat? Da denke ich an die Bertelsmann‑Rede von Finanzminister Lars Klingbeil zu den anstehenden Reformen. Der SPD-Politiker hat dort seinem eigenen Publikum einiges zugemutet, sehr offen über notwendige Veränderungen gesprochen und gleichzeitig einen Weg skizziert, wie es besser werden kann. Diese Kombination aus Ehrlichkeit, Komplexität und Orientierung ist aus meiner Sicht gelungene politische Kommunikation. Passiert ist bisher allerdings nicht so viel … Sie haben ja auch nach Kommunikation gefragt. Aber korrekt, da sind wir wieder am entscheidenden Punkt: Am Ende muss man natürlich auch liefern. Herr Nelles, vielen Dank für das Gespräch.