BYD Dolphin mit Plug-in-Hybrid im Test: Hybridsystem für mehr als 1.000 km
Mehr als 1.000 Kilometer Reichweite in einem Kleinwagen? BYD verspricht genau das. Der Dolphin G DM-i zeigt im ersten Test, was wirklich in ihm steckt. "Ding-dong, ding-dong." Ein künstlicher Ton, irgendwo zwischen Microsoft-Teams-Benachrichtigung und Fehlermeldung. Er ertönt jedes Mal, wenn im BYD Dolphin G DM-i der Blinkerhebel betätigt wird – übrigens je nach Blinkrichtung als "ding-dong" oder als "dong-ding". Menschen mit empfindlichem Gehör könnten darauf mit einer Blinkverweigerung reagieren. Das wäre allerdings erstens nicht vereinbar mit der Straßenverkehrsordnung , und zweitens wird diese Beobachtung allein dem Kleinwagen nicht gerecht. Denn abgesehen von seinem eigenwilligen Sounddesign hinterlässt der neue Plug-in-Hybrid einen überraschend guten Eindruck. Vor allem eine Eigenschaft macht ihn interessant: BYD bringt Reichweiten von mehr als 1.000 Kilometern in ein Segment, in dem solche Werte bislang kaum eine Rolle spielen. Dabei geht es nicht nur um die reine Reichweite. Entscheidend ist vielmehr, wie oft der Dolphin tatsächlich elektrisch fährt. Dazu später mehr im t-online-Kurztest. Weniger verspielt, deutlich europäischer Wer die ersten Modelle von BYD kennt, merkt schnell, dass die Chinesen zugehört haben. Der Dolphin wirkt deutlich stärker auf europäische Geschmäcker zugeschnitten als viele frühere Fahrzeuge der Marke. Der 4,16 Meter lange Kleinwagen setzt auf klare Linien und nicht auf verspielte Designexperimente. Das gilt auch für den Innenraum. Es gibt klassisch verstellbare Lüftungsdüsen, haptische Tasten am Lenkrad und einen großen Zentralbildschirm. Das Smartphone lässt sich unkompliziert koppeln, die Menüs wirken logisch aufgebaut und wichtige Funktionen werden schnell gefunden. Für einen Kleinwagen macht das Cockpit insgesamt einen ordentlichen Eindruck. Gleichzeitig wird aber auch klar, an welchen Stellen BYD gespart hat. Der obere Bereich des Armaturenträgers besteht aus Hartplastik. Das untere Türfach wirkt recht dünnwandig. Auch einige Hochglanzflächen und der Becherhalter in der Mittelkonsole werfen Fragen zur Langzeitqualität auf: Manche Kunststoffe sehen schon jetzt so aus, als würden sie einem Schlüsselbund nicht besonders lange verzeihen. Ein großes Panoramadach bringt mehr Tageslicht in die getestete Comfort-Version. Praktisch ist auch die belüftete Smartphone-Ladeschale. Sie soll verhindern, dass das Handy beim Laden zu heiß wird. Bedienung: Fast alles läuft über den Bildschirm Die meisten Fahrzeugfunktionen werden über den großen Touchscreen gesteuert. Das klingt zunächst nach einer weiteren Digitalisierungsoffensive, funktioniert im Alltag aber gut. Sprachlich zeigt der Dolphin noch seinen chinesischen Pass. Die Bedienung ist zwar weitgehend intuitiv, einzelne Übersetzungen wirken aber unfreiwillig komisch. Wer Sitz- und Lenkradheizung gleichzeitig einschalten möchte, soll im Menü "Alle öffnen" auswählen. Nun gut, das lässt sich mit einem werksseitigen Software-Update beheben. Das Display vor dem Fahrer bietet verschiedene Ansichten für Fahrdaten und Assistenzsysteme, wirkt dabei aber etwas überladen. Viele Informationen konkurrieren gleichzeitig um Aufmerksamkeit, dazu fällt die Schrift recht klein aus. Zum Glück verfügt die getestete Comfort-Version über ein Head-up-Display. Die wichtigsten Informationen landen dadurch direkt im Sichtfeld und entzerren die Informationsflut merklich. Viel Platz vorn, ordentlicher Kofferraum Das Raumgefühl fällt für einen Kleinwagen recht großzügig aus. Vorn finden auch größere Fahrer problemlos eine passende Sitzposition. In der Comfort-Version lässt sich der Fahrersitz elektrisch verstellen und weit nach hinten schieben. Hinten wird es naturgemäß etwas enger, sobald vorn groß gewachsene Personen Platz nehmen. Für die Klasse geht das Platzangebot aber in Ordnung. Auch der Kofferraum kann sich sehen lassen. Bereits mit aufgestellter Rückbank fasst er 425 Liter. Werden die im Verhältnis 40:60 geteilten Lehnen umgelegt, wächst das Ladevolumen auf 1.225 Liter. Schade nur: Beim Umklappen entsteht eine deutliche Stufe. Filz kaschiert sie zwar etwas, komplett verdecken lässt sie sich dadurch aber nicht. Hinzu kommt eine recht hohe innere Ladekante. Einen höhenverstellbaren Ladeboden, mit dem sich beides zumindest teilweise ausgleichen ließe, gibt es nicht. So fährt der Dolphin G DM-i Die größte Stärke des Dolphin G DM-i zeigt sich im Alltag: Er fährt sehr oft rein elektrisch. BYD nennt das System "Super Hybrid". Hinter dem Marketingbegriff steckt ein Plug-in-Hybrid, bei dem der Elektromotor möglichst viel Arbeit übernehmen soll. Und das gelingt auch. Selbst bei kräftigerem Druck aufs Fahrpedal springt der 1,5-Liter-Benziner nicht sofort an. Stattdessen nutzt der Dolphin zunächst die Kraft des Elektromotors. Während der Testfahrt zeigte die Reichweitenanzeige rund 890 Kilometer an. Gleichzeitig blieb der Verbrenner über weite Strecken im Hintergrund. Ganz verschwinden kann er natürlich nicht. Wer an der Ampel zügig losfahren möchte, hört ein leichtes Brummeln aus dem Motorraum – und dabei bleibt es auch. Wer ganz darauf verzichten will, kann den Plug-in in den Elektromodus schalten. Das Fahrwerk passt gut zu diesem Charakter. Für einen Kleinwagen dieser Größe wirkt der Dolphin angenehm erwachsen. Schlaglöcher oder Querfugen werden ordentlich weggefiltert, ohne dass das Auto schwammig wirkt. Für den typischen Alltagseinsatz reicht das vollkommen aus. Weniger überzeugend ist die Lenkung. Sie vermittelt nur begrenzt, was an den Vorderrädern passiert. Auf der Testfahrt zeigte der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von bescheidenen 3,3 Litern an. Das ist vor allem ein Hinweis darauf, wie häufig der Dolphin elektrisch unterwegs war. Die Sache mit den Tönen Der angenehm leise Antrieb macht eine andere Eigenheit des Autos umso auffälliger: seine Geräuschkulisse. Nicht nur der Blinkerton fällt auf. Auch Tempowarner, Fahrerüberwachung und verschiedene Assistenzsysteme melden sich recht energisch zu Wort. Die Töne wirken teilweise künstlich und erinnern eher an Unterhaltungselektronik als an ein Auto. Die gute Nachricht: Die meisten Warntöne lassen sich abschalten. Die schlechte: Der Blinkerton bleibt, naturgemäß. Dabei ist vieles andere sehr gut gelungen. Das gilt beispielsweise für die Kameras. Die Bildqualität ist gestochen scharf, die Darstellung klar und hilfreich. Besonders praktisch ist die Taste am Lenkrad, mit der sich die Kameraansicht direkt aufrufen lässt. Gerade beim Rangieren oder in engen Parklücken ist das nützlich. Ebenfalls gelungen arbeitet der adaptive Tempomat. Einmal aktiviert, regelt das System unauffällig und harmonisch. Man muss weder ständig korrigieren noch lange nach den passenden Einstellungen suchen. Vier Varianten, ein wichtiger Unterschied BYD bietet den Dolphin G DM-i in vier Ausstattungsvarianten an: Der Einstieg erfolgt mit dem Active für 28.990 Euro. Das klingt zunächst attraktiv, allerdings spart BYD hier an den entscheidenden Stellen. Die Batterie fällt mit 7,4 kWh deutlich kleiner aus, die elektrische Reichweite liegt bei lediglich 40 Kilometern. Außerdem gibt es kein DC-Schnellladen und nur 3,3 kW AC-Ladeleistung. Zum Boost für 31.990 Euro beträgt der Aufpreis lediglich 3.000 Euro. Dafür gibt es die große 18,3-kWh-Batterie, bis zu 105 Kilometer elektrische Reichweite, DC-Schnellladen sowie zusätzliche Komfortausstattung. Für viele Käufer dürfte das die deutlich attraktivere Wahl sein. Der getestete Comfort kostet 33.490 Euro. Dafür kommen unter anderem Panoramadach, Head-up-Display, 360-Grad-Kamera und elektrische Sitzverstellung hinzu. Darüber rangiert noch der Sport für 34.990 Euro, der vor allem auf eine eigenständigere Optik setzt. Fazit BYD hat mit dem Plug-in-Kleinwagen vieles richtig gemacht. Der Innenraum wirkt deutlich europäischer als bei früheren Modellen. Das Platzangebot überzeugt, die Kameras hinterlassen einen sehr guten Eindruck und die Bedienung gelingt weitgehend intuitiv. Die größte Stärke ist jedoch der Antrieb. Der Dolphin fährt überraschend oft elektrisch und wirkt dadurch im Alltag eher wie ein Elektroauto mit Benzinreserve als wie ein klassischer Plug-in-Hybrid. Die Chinesen haben verstanden, dass viele europäische Kunden elektrisch fahren wollen, aber noch nicht vollelektrisch. Für diese Zielgruppe hat der Hersteller ein stimmiges Paket geschnürt. Auch wenn es unterwegs öfter mal "ding-dong" und andere Geräusche macht.
