Volkswagen gibt Vollgas
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, eine weitere Woche geht zu Ende, in der man als Mediennutzer in der Informationsflut zu ertrinken droht. So schnell folgen die Wellen berichtenswerter Ereignisse aufeinander, dass viele Menschen kaum noch zum Luftholen kommen. Bevor ein Geschehen verarbeitet oder gar verstanden ist, klingelt schon die nächste Eilmeldung auf dem Handy. Es geht Schlag auf Schlag. Das wichtigste deutsch-französische Luftverteidigungsprojekt ist gescheitert: irgendwie absehbar, entlarvt aber die militärische Orientierungslosigkeit der EU-Länder, was angesichts des russischen Säbelrasselns hochriskant erscheint. Prompt heißt es, Deutschland könne ja stattdessen mit Schweden und Spanien einen Kampfjet entwickeln – aber wie, zu welchen Kosten und bis wann, das steht in den Sternen. Kaum beginnt man darüber nachzudenken, folgt der nächste Nachrichtenhagel: Die USA und der Iran, Israel und die libanesische Hisbollah verstricken sich in neue Kämpfe, geloben plötzlich Waffenpausen, nur um diese gleich darauf wieder zu brechen. Unterdessen erringen an der Front in der Ukraine die Verteidiger die Oberhand gegen Russlands Invasionsarmee – doch Kremlchef Putin antwortet mit Terror gegen die Zivilbevölkerung und bereitet einen Großaufmarsch an der Grenze zu Finnland und Norwegen vor. Was geschieht dort, was bedeu … Oh! Schon kommt die nächste News: Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern treten nach ihrem Gipfeltreffen aus dem Kanzleramt, haben dort zwar noch nicht einmal einen Minimalkompromiss angebahnt, zeigen sich aber immerhin konziliant. Es folgt eine Meldung zu den getrübten Wirtschaftsaussichten, Ökonomen befürchten nun doch wieder ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaft … Moment, da steht noch mehr: Zum Jahresende könnte sich die Lage stabilisieren. Liegt das nun am Finanzpaket der Bundesregierung oder eher am … ring-riiing! klingelt die nächste Eilmeldung: Die Europäische Zentralbank erhöht erstmals seit fast drei Jahren den Leitzins, um die hochschnellende Inflation zu drosseln. Erfreulich für Sparer, schlecht für viele Unternehmen. Puh! Kommen Sie bei dem Stakkato noch hinterher? Ich beschäftige mich seit Jahren mit Nachrichten, aber selbst mir fällt es schwer, mit dem Informationsgalopp Schritt zu halten. Eine Meldung jagt die nächste, die Ereignisse verschwimmen zu einem Nebel, den die meisten Leute nicht mehr durchblicken. Das führt bei vielen Zeitgenossen zu Verunsicherung, Ohnmachtsgefühlen und einem Phänomen, das Wissenschaftler Negativitäts-Bias nennen: Irgendwann nimmt man nur noch Probleme, Konflikte und Katastrophen wahr und sieht Lichtblicke gar nicht mehr. Auch Grautöne verblassen; Neuigkeiten erscheinen in einer Eindeutigkeit, die sie in Wahrheit gar nicht haben. So wachsen Zynismus, Frust und Zukunftsangst. Abstinenz vom Nachrichtengeschehen erscheint mir trotzdem nicht die richtige Antwort zu sein. Wer sich vom politischen und wirtschaftlichen Treiben abwendet, kriegt es nicht mehr mit, wenn über seine Interessen verhandelt wird. Und schlecht informierte Bürger neigen zu kurzsichtigen Entscheidungen. Dranbleiben sollte man also schon. Aber aussieben darf man natürlich. Tatsächlich kann es wohltuend sein, nicht jede erregende Neuigkeit ins Oberstübchen hereinzulassen, sondern sich eher jenen Beiträgen zu widmen, die neben einem Informationswert auch einen Erkenntnisgewinn versprechen. Das sind meistens nicht die Aufreger, sondern die Aufklärer. Falls Sie das ähnlich sehen, habe ich heute etwas für Sie: Für den "Vorandenken"-Podcast von t-online habe ich mich mit einem der führenden deutschen Manager unterhalten. Martin Sander verantwortet als Vorstand bei Volkswagen den Vertrieb, das Marketing und die After-Sales-Dienstleistungen bei der wichtigsten deutschen Automarke. In der gegenwärtigen Lage ist das eine ebenso spannungsreiche wie spannende Aufgabe. Monatelang hat der VW-Konzern für schlechte Schlagzeilen gesorgt: sinkende Absatzzahlen, Gewinneinbruch, Massenentlastungen. Die VW-Aktie – einst Sinnbild der stolzen deutschen Automobilindustrie – hat in den vergangenen fünf Jahren fast zwei Drittel ihres Werts eingebüßt. Doch das größte deutsche Unternehmen stemmt sich gegen die Krise. Vor allem auf dem wichtigsten Zukunftsmarkt der Elektromobilität setzt VW nun mehrere Meilensteine. Was genau wird da entwickelt? Wie will sich VW gegen die Konkurrenz aus China behaupten – und lässt sich daraus etwas lernen, um die omnipräsente Stagnation in Deutschland zu überwinden? Darüber habe ich mit Martin Sander gesprochen. Seine Antworten hören Sie hier: Ja, auf den ersten Blick mögen viele Nachrichten düster wirken. Bei eingehender Beschäftigung offenbaren sie jedoch Schattierungen – und manchmal auch einen überraschenden Lichtblick. Vielleicht ist es das, was einen gewöhnlichen Freitagmorgen zu einem besonderen Tag machen kann: die Einsicht, dass die Welt in Wahrheit viel heller ist, als sie oft erscheint. MEGA-AKTIENVERKAUF SpaceX startet an der Börse Elon Musk will es wissen: Der Tech-Milliardär bringt seine Weltraumfirma SpaceX in einer spektakulären Aktienplatzierung an die Börse. Bereits zum festgelegten Ausgabepreis von 135 Dollar pro Stück und bei einem Emissionsvolumen von rund 75 Milliarden Dollar soll das Unternehmen zum heutigen Debüt 1,8 Billionen Dollar wert sein. Das entspräche etwa dem 90-Fachen des Jahresumsatzes. Nicht umsonst halten viele Analysten den Preis der Aktie für überzogen. Trotzdem ist die Nachfrage enorm und übersteigt das Angebot um mehr als das Dreifache. Einmal mehr scheint der Tesla-Chef die Anleger erfolgreich mit dem Versprechen geködert zu haben, sich ein Stück Zukunft zu kaufen: Raketen, Satelliten-Internet, Künstliche Intelligenz und irgendwann vielleicht den Mars. Ob Musk Erfolg oder Misserfolg erntet, hat weitreichende Folgen, schreibt unser Finanzkolumnist Daniel Saurenz . Was der Börsengang für Millionen ETF-Anleger bedeutet, erklärt mein Kollege Leon Bensch . MIGRATION Asylreform tritt in Kraft Jahrelang wurde um sie gestritten, 2024 wurde sie beschlossen, heute tritt sie in Kraft: Mit der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) will die Europäische Union Asylverfahren vereinheitlichen, die Kontrolle der Außengrenzen verschärfen und die Verteilung von Schutzsuchenden auf die Mitgliedsländer regeln. Ein zentrales Element sind die Grenzverfahren, bei denen Asylanträge an den Außengrenzen binnen zwölf Wochen geprüft werden sollen. Im Fall einer Ablehnung schließt sich direkt ein Rückführungsverfahren an. Die Betroffenen, auch Familien mit Kindern, müssen währenddessen in geschlossenen Unterkünften ausharren. Für die Geflüchteten bedeutet das haftähnliche Bedingungen und einen geringeren Rechtsschutz . Forderungen der EU-Kommission, angesichts der verschärften Regeln die Grenzkontrollen im Schengenraum zu beenden, hat Innenminister Alexander Dobrindt abgelehnt. Der CSU-Ressortchef setzt heute einen anderen Akzent: Er nimmt an der Eröffnung einer speziellen Einrichtung zur Prüfung von Asylanträgen am Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg teil. Dort soll künftig das ebenfalls neue EU-einheitliche Screening stattfinden, bei dem unter anderem der Gesundheitszustand und ein mögliches Sicherheitsrisiko von Immigranten untersucht werden. Anschließend entscheiden Beamte, welches Verfahren einzuleiten ist: das Grenzverfahren mit Freiheitsbeschränkung wie an den EU-Außengrenzen, wenn die Erfolgsaussichten gering sind – oder das reguläre Asylverfahren im Inland. BUCKELWAL "TIMMY" Minister präsentiert Sender-Daten Die Rettungsaktion für den mehrfach gestrandeten Buckelwal in der Ostsee endete im Chaos. Bislang ist unklar, wie lange "Timmy" nach seiner Freisetzung am 2. Mai noch lebte. Nun aber sind die Ortungsdaten des Senders, der an dem Wal befestigt worden war, vollständig ausgewertet worden. Heute Vormittag will Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus das Ergebnis vorstellen – und kündigt "wichtige Erkenntnisse für die Gesamtbewertung des Falls" an . Unser Panorama-Team wird berichten. Lesetipps Friedrich Merz kann es nicht, die SPD steht auf der Bremse, der Reformgipfel mit Gewerkschaften und Arbeitgebern war ein Scheitern mit Ansage: Mäkeln und Mosern sind derzeit allgegenwärtig. Unser Politikchef Christoph Schwennicke versucht es mal anders. Artikel lesen Ein "Wir schaffen das" rutschte Kanzler Merz diesmal nicht raus: Die Botschaft an die Bundesbürger in seiner Regierungserklärung ist unbequemer, berichtet unser Chefreporter Johannes Bebermeier. Artikel lesen Wegen geplanter Kürzungen im Bundeshaushalt könnten die Rentenbeiträge früher steigen als erwartet. Das hätte Folgen für Millionen Beschäftigte, schreibt meine Kollegin Christine Holthoff. Artikel lesen Kaum zu glauben, aber wahr: Eine Mutter in Bayern hat zum dritten Mal Zwillinge zur Welt gebracht. Sie habe sich schon immer viele Kinder gewünscht, verkündet sie fröhlich. Auch der Vater ist happy. Artikel lesen Ohrenschmaus Wenn da plötzlich zwei statt einer sind, wie klingt das? So etwa . Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen optimistischen Tag und drücke als Italien-Freund heute Abend den Kanadiern die Daumen. Herzliche Grüße Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.
