Brandanschläge in Großbritannien: Steckt Russland dahinter?
Nach Brandanschlägen auf Eigentum des britischen Premierministers Keir Starmer sind zwei Männer verurteilt worden. Eine BBC-Recherche legt nahe, dass hinter dem Fall mehr stecken könnte. Ein Londoner Gericht hat am Montag zwei Männer schuldig gesprochen. Der Vorwurf lautete: Verschwörung zu Brandanschlägen auf Eigentum mit Verbindung zum britischen Premierminister Keir Starmer . Nach Recherchen der BBC soll der Fall Teil einer größeren russischen Sabotage- und Propagandakampagne in Großbritannien gewesen sein. Großbritannien zählt seit Beginn des russischen Angriffskriegs zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine . Der 22-jährige Ukrainer Roman L. und der 27-jährige in der Ukraine geborene rumänische Staatsbürger Stanislav C. seien am Gericht Old Bailey verurteilt worden. Ein dritter Angeklagter, der 35-jährige Petro P., sei vom Vorwurf der Verschwörung zu Brandstiftung freigesprochen worden. Im Zentrum des Falls standen laut BBC drei Brandanschläge: auf ein Auto, das früher Starmer gehört habe, auf den Eingang eines Wohnhauses, in dem er früher gelebt habe, und auf den Eingang seines Privathauses, das nach seinem Umzug in die Downing Street, dem Sitz des britischen Regierungschefs, an seine Schwägerin vermietet worden sei. Die BBC hat zu den Hintergründen dieser Anschläge recherchiert und ist auf Spuren nach Russland gestoßen: Demnach wurde der Verurteilte L. über den Nachrichtendienst Telegram von einem anonymen Auftraggeber angeworben, der in seinem Telefon als "EL Money" gespeichert gewesen sei und online nur die Initialen "EL" genutzt habe. Dieser habe L. zunächst mit einfacheren Aufträgen wie Plakatieren und Graffiti beauftragt, später aber auch mit Brandstiftung. Vor Gericht sei es vor allem um ein finanzielles Motiv gegangen. Die Identität, Verbindungen und Motive des Auftraggebers seien dort nicht offengelegt worden. BBC sieht Hinweise auf russische Spur Die BBC berichtet, sie habe Hinweise gefunden, dass es sich bei "EL" um einen 23-jährigen russischen Diplomaten handeln könnte, der enge Kontakte zu den höchsten Machtkreisen in Moskau pflegt. Er sei demnach der Sohn eines hochrangigen russischen Beamten. Auf Fragen der BBC habe er nicht geantwortet. Sicher belegen lasse sich die Identität nach Angaben der BBC nicht. Die Rechercheure verweisen jedoch darauf, dass sie den Mann im Telegram-Chat der Gruppe "Direct Action" identifiziert hätten, seine Initialien mit seiner Identiät übereinstimmten und er an Schulungen zu Informationskrieg teilgenommen habe. Vor Gericht seien nur wenige Nachrichten von "EL" vorgelegt worden, in denen er formelles Russisch und deutlich weniger fließendes Ukrainisch schrieb. Mithilfe von Open-Source-Tools habe die BBC seine weiteren Aktivitäten aufdecken können. Die Ideologie und die Ziele von "EL" waren dem Bericht zufolge klar. Der mutmaßliche Auftraggeber habe in Telegram-Nachrichten den russischen Präsidenten Wladimir Putin verherrlicht und russische Propaganda verbreitet. In einem Chat habe er geschrieben: "Es ist offensichtlich, dass Putin der Führer der weißen Rasse ist." In anderen Gruppen habe er zu Angriffen auf Einberufungszentren in der Ukraine aufgerufen und später 1.000 Dollar sowie die russische Staatsbürgerschaft als Belohnung für Brandanschläge angeboten. Eine weitere Nachricht an den nun Veurteilten L. nach dem Angriff auf Starmers Haus habe gelautet: "Hör zu, du hast das Zuhause einer sehr hochrangigen Person in Großbritannien angegriffen. Ich schicke dir Geld, du musst die Stadt verlassen." Die russische Botschaft wies jede Verbindung zurück. Sie erklärte laut BBC: "Wir weisen jeden Versuch zurück, Russland oder sein Außenministerium mit rechtswidrigen Aktivitäten in Verbindung zu bringen." Russland stelle "keine Bedrohung für das Vereinigte Königreich oder seine Bevölkerung dar und hege keine aggressiven Absichten gegenüber Großbritannien". Gefälschte Gruppen, echte Schäden Laut den BBC-Recherchen sollen russische Akteure über soziale Medien und Telegram gefälschte rechte und muslimische Gruppen aufgebaut haben, um in Großbritannien Vandalismus zu organisieren und Spannungen zu schüren. Eine dieser Gruppen habe "Direct Action UK" geheißen. Sie habe sich als britische rechte Bewegung ausgegeben, aber Hinweise wie Moskauer Zeitstempel, kyrillische Buchstaben und eine russische Schreibweise von Währungsbeträgen hätten auf russische Urheber hingedeutet. Die Gruppe habe Videos verbreitet, in denen Starmer als Verräter dargestellt, Hass gegen Muslime geschürt und Geld für Gewalt, Brandstiftung sowie Angriffe auf Moscheen und Polizei angeboten worden sei. In London seien laut dem BBC-Bericht im vergangenen Jahr sechs Moscheen und eine islamische Schule mit islamfeindlichen Graffiti beschmiert worden, nachdem die Gruppe Geld für solche Taten angeboten habe. Auf Gebäude seien unter anderem Parolen wie "Remigration" und "Stop Islam" gesprüht worden. Die Organisation "Hope Not Hate", die sich in Großbritannien gegen Rassismus und Neofaschismus einsetzt, habe die Gruppe "Direct Action" untersucht und ihre Erkenntnisse nach eigenen Angaben bereits Monate vor den Brandanschlägen auf Starmer-bezogenes Eigentum an die Antiterrorpolizei weitergegeben. "Hope Not Hate" habe befürchtet, dass die Hinterleute Menschen in Großbritannien zu einem "Terrorangriff gegen eine Moschee oder ein erkennbar muslimisches Ziel im Vereinigten Königreich" anwerben könnten. Eine Antwort habe die Organisation nach Angaben ihres Geschäftsführers Nick Lowles nicht erhalten. Auch "Tell Mama", eine Organisation zur Beobachtung antimuslimischen Hasses, habe Hinweise an die Antiterrorpolizei übergeben. Geschäftsführerin Iman Atta sagte der BBC: "Das ist etwas, das zunächst online passiert, sich dann aber direkt in Sachbeschädigung und kriminelle Gewalttaten und Terrorismus auf unseren Straßen verlagert." Die Metropolitan Police erklärte der BBC, sie untersuche sieben Fälle von Sachbeschädigung als antimuslimische Hassverbrechen. Festnahmen habe es demnach nicht gegeben; die Polizei prüfe weiter, ob die Taten zusammenhingen. Propaganda nach den Bränden Nach den Angriffen auf Starmers Eigentum seien laut BBC auch Falschbehauptungen über das Motiv verbreitet worden. Russlandbasierte Accounts hätten behauptet, die drei ukrainischen Verdächtigen seien Sexarbeiter gewesen, verbunden mit der Andeutung eines persönlichen Skandals um Starmer. Die BBC schreibt, dies sei unwahr: Die Verdächtigen hätten den Premierminister nicht persönlich gekannt und seien keine Sexarbeiter gewesen. Der rechtsextreme antiislamische Aktivist Tommy Robinson, mit bürgerlichem Namen Stephen Yaxley-Lennon, habe die Behauptung auf X aufgegriffen und ein gefälschtes Bild Starmers mit den Verdächtigen veröffentlicht. Putins Sondergesandter Kirill Dimitriev habe einen seiner Beiträge zu dem Fall weiterverbreitet. Nach Darstellung der BBC passt der Fall in ein Muster russisch gestützter Sabotage in Europa, bei dem Menschen als sogenannte Stellvertreter angeworben würden. Der ukrainische Ermittler Vitalij Sowa sagte der BBC, Ukrainer würden dafür häufig angeworben, weil dies die Ukraine in den Augen europäischer Partner diskreditiere. Zugleich seien oft junge Menschen das Ziel solcher Anwerbungen, denen über soziale Medien "leichtes Geld" für zunächst niedrigschwellige Straftaten versprochen werde. Der frühere britische Verteidigungsminister Ben Wallace sagte der BBC, die vorgelegten Hinweise deuteten auf eine "sehr bewusste und eindeutige Eskalation gegen den britischen Staat" hin. Angriffe auf Eigentum mit Verbindung zum Premierminister seien ein Politikwechsel, der "nicht einfach von einer rangniedrigen Einzelperson gekommen wäre, sondern von ganz oben", sagte er. Antiterrorpolizei in London hat keine Beweise entdeckt Helen Flanagan, Leiterin der Londoner Antiterrorpolizei, erklärte dagegen, das Ziel der Angriffe sei zwar eindeutig gewesen, "Einschüchterung und Angst rund um den Premierminister zu erzeugen und das Vereinigte Königreich anzugreifen". Die Polizei habe aber weder die Identität von "EL" noch dessen Auftraggeber beweisen können. Man habe "keine Beweise, die darauf hindeuten, dass es sich um eine staatlich unterstützte Bedrohung handelte". Nach Angaben der BBC hätten Quellen berichtet, dass Behörden in Großbritannien und der Ukraine intern zu dem Schluss gekommen seien, Russland stecke hinter den Brandanschlägen. Wenige Stunden nachdem die BBC den angeblichen russischen Strippenzieher kontaktiert und ihn auf seine mutmaßliche Mitgliedschaft in einem Telegram-Kanal hingewiesen habe, sei dieser Kanal verschwunden; vier weitere von Rybar erstellte Kanäle zur Stimmungsmache in Großbritannien seien ebenfalls verschwunden.
