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G7-Gipfel in Évian: Wie Donald Trump und die G7 eine ganze Region lahmlegen

Trump und der G7-Gipfel verwandeln Évian-les-Bains und die ganze Region in eine Hochsicherheitszone. Besucher und Bewohner erleben das Treffen der Mächtigen in Frankreich als Ausnahmezustand in einer kostspieligen Festung. Bastian Brauns berichtet aus Évian-les-Bains Als Donald Trump in Évian-les-Bains ankommt, fliegt er über die Köpfe von Marianne und Hans Deibele hinweg. Seinetwegen haben sie hier also in der Stadt kein Hotelzimmer mehr bekommen und mussten eine Ferienwohnung nehmen. "Wir wussten von nichts", sagt Marianne. Schon vor Monaten hatten sie diese Reise in die französischen Alpen gebucht. Damals hatten sie sich gewundert, warum fast alle Hotels ausgebucht waren und sie gerade noch ein Apartment finden konnten. Jetzt steht das Ehepaar aus Hamburg an diesem heißen Juninachmittag am Strand des Genfer Sees und sieht zu, wie der Präsidenten-Helikopter "Marine One" in den Landeanflug übergeht. "Man erkennt ihn daran, dass er auf der oberen Seite ganz weiß ist", sagt Hans. Zwei schwere Chinook-Transporthubschrauber flankieren die "Marine One". Es sind Tandemrotor-Kolosse, die man kaum überhören kann. Während die Chinooks über den See donnern, rätseln ein paar Einheimische, ob mit Trump auch Ärzte, Militärs, eine Kommunikationszentrale und der berüchtigte Atomkoffer anreisen. US-Präsidentenreisen bedeuten immer einen hohen logistischen Aufwand. Nicht nur eine große Delegation von Beratern und Mitarbeitern ist mit dabei; auch Massen an Sicherheitsequipment werden mitgeführt. Der Präsident soll an jedem Ort der Erde einsatzfähig und unverwundbar sein. Die Stadt hinter den Absperrgittern Das Spektakel um die Ankunft der Staats- und Regierungschefs in dem französischen Kurort ist ein kleiner Trost für die Entbehrungen bei dieser Reise. "Wir finden das schade. Die ganzen Attraktionen haben geschlossen", sagt Marianne. Tatsächlich hat alles zu: die berühmte Cachat-Quelle von Evian. Das Palais Lumière, der frühere Wohnsitz der Brüder Lumière, den Erfindern des Kinematographen. Hans wäre gerne mit der "funiculaire" gefahren, einer Standseilbahn aus der Jahrhundertwende. Auch zu. Wie dem Ehepaar aus Hamburg geht es vielen Touristen und erst recht den Stadtbewohnern von Évian-les-Bains. Der G7-Gipfel ist nicht nur ein diplomatischer Stresstest. Er belastet auch die Nerven von Anwohnern und Restaurantbesitzern. Das G7-Komitee gibt Gipfelbesuchern digitale Gutscheine im Wert von 150 Euro aus. Damit wenigstens sie in den Speiselokalen des Sperrbezirks essen gehen. Ein stilles Eingeständnis, wie sehr die Absperrungen den Alltag und das Geschäft lähmen. Doch die meisten können die oft weit entfernten und verteilten Veranstaltungszentren ohnehin kaum verlassen und werden dort verpflegt. "Wir sind seit einer Woche hier", sagt Marianne. Mit jedem weiteren Tag kamen neue Absperrgitter und Kontrollen hinzu. Die Zäune und Blockaden ziehen sich durch den ganzen Ort. Das beschauliche Évian gleicht in diesen Tagen einer Festung, eingeteilt in blaue und rote Zonen, in die kaum noch jemand hineinkommt. Marianne und Hans mussten ein Online-Formular ausfüllen, um zutrittsberechtigt zu sein. "Da hat der Link nicht funktioniert", sagt er. Vier Stunden haben sie gewartet, bis sich jemand vor Ort erbarmte und ihnen beim Ausfüllen half. "Es war verrückt. Wir hatten unsere Ferienwohnung drinnen, aber wir waren draußen." Marianne kommt nach dieser Erfahrung zu dem Schluss: "Die Franzosen sind mit ihrer Bürokratie deutscher als die Deutschen". Polizeikontrollen rund um die Uhr In der roten Buslinie 1, die von Thonon-les-Bains in Richtung Évian-les-Bains fährt, liegen die Nerven längst blank. Der Fahrer herrscht einen Journalisten an: Warum er glaube, dass er hier umsonst mitfahren könne, wenn es doch eigene Shuttlebusse für die Medien gebe? Als der Reporter einen Fahrschein kaufen will und sagt, die Shuttles würden nicht überall hinfahren, ranzt der Fahrer: "Ach gehen Sie schon rein". Bis hinten im Bus hört man ihn fluchen: "Ab Mittwoch ist alles vorbei. Dann ist alles wieder normal." Plötzlich bremst eine Polizeistreife den Bus aus. Die Sirene geht an. Fünf französische Polizisten betreten den Bus und verlangen die Sonderpapiere von jedem Fahrgast. Diese kontrollieren sie mit einem Scanner und entscheiden dann, wer aussteigen muss, weil er nicht zonenberechtigt ist. Der Busfahrer der Linie 1 versucht die Fassung zu wahren und wünscht einen schönen Tag. "Nur Mut", ruft ein Polizist beim Aussteigen in Richtung Fahrerkabine. Zugeklebte Mülleimer und 13.000 Polizisten Während sich am Fuß der Berge von Évian die Autos an der engen Seeuferstraße stauen, ist Trumps Hubschrauber oben auf dem Berg auf dem Rasen vor dem luxuriösen "Hôtel Royal" gelandet. Hier oben auf dem Berg sind er und die anderen Staats- und Regierungschefs geschützt vor Randalierern und möglichen Anschlägen. Umgeben von ohnehin verschlungenen und nun auch abgesperrten Pfaden und Hundertschaften von Sicherheitskräften. In dieser roten Zone sind alle Mülleimer und Container zugeklebt und verplombt, damit in ihnen keine Bomben platziert werden können. Der G7-Gipfel verwandelt aber auch die ganze Region rund um Évian-les-Bains in eine Hochsicherheitszone. Die französische Regierung hat bis zum 17. Juni zwei Sicherheitsringe um Évian, Neuvecelle und Publier eingerichtet. Der Bahnhof von Évian bleibt während des Gipfels geschlossen, Zugverbindungen sind ausgesetzt. Für den Schutz der Staats- und Regierungschefs wurden mehr als 13.000 Polizisten im Departement Haute-Savoie mobilisiert, unterstützt von Soldaten, Zollbeamten, Feuerwehrkräften sowie einem Großaufgebot an Booten, Drohnen, Motorrad- und Hundestaffeln. Auf dem Genfersee glitzert die Sonne den ganzen Tag über. Wo sonst hunderte Boote fahren, ist nur das glatte Wasser zu sehen. "Mit dem Schiff können wir auch nicht fahren", sagt Hans am Hafen von Évian. Nur ein paar Sicherheitsboote patrouillieren hier. Die Fährverbindung nach Lausanne wurde vorübergehend eingestellt. Die Erwartungen sind gering Lohnt sich all dieser personelle und finanzielle Aufwand, der Hunderte Millionen Euro verschlingt? Vom G7-Gipfel jedenfalls erhoffen sich Hans und Marianne: "Nix." Es bringe doch kaum etwas, wenn sich Länder, die sich ohnehin in fast allem einig seien, auch noch treffen, um sich in ihren gemeinsamen Meinungen zu bestätigen, findet Hans. "Und Trump macht eh, was er will", sagt er. Marianne ist froh, dass sich beim Iran nun endlich etwas zu bewegen scheint. Nebenan, im schweizerischen Genf, sollen Vertreter aus den USA und Teheran am Freitag ein "Memorandum of Understanding" (Absichtserklärung) unterschreiben. US-Vizepräsident JD Vance soll anreisen. Vielleicht verlängert Trump dafür sogar seinen Europa-Aufenthalt. Das Sicherheitsaufkommen dürfte dann noch einmal hochgefahren werden. Hans empfindet es als gut, dass bei diesem Gipfel zumindest Länder wie Indien , Südkorea oder Brasilien eingeladen sind. "Allein können die westlichen Staaten doch nur wenig erreichen." Er wirkt nachdenklich. Dann, nach einer kurzen Pause: "Meine Vorfahren kommen von dort, wo heute Krieg ist." Hans' Familie stammt aus Mykolajiw, einer Stadt im Süden der Ukraine , nahe Odessa. Er sagt das ruhig, ohne Pathos. Dann fügt er hinzu, dass man eigentlich auch mit Russland oder China reden müsse. Damit dieser Krieg irgendwann ein Ende findet. Als Putin noch mit am Tisch saß Mit Putin reden galt in Évian-les-Bains nicht immer als undenkbar: Im Jahr 2003, als der Gipfel noch G8 hieß und auch hier stattfand, saß er mit am Tisch. Damals, nach den islamistischen Terroranschlägen vom 11. September 2001, hießen die Staats- und Regierungschefs noch George W. Bush , Jacques Chirac, Tony Blair, Silvio Berlusconi und Gerhard Schröder . Es war eine andere Zeit. Der Irak-Krieg der Vereinigten Staaten und der Briten spielte damals eine große Rolle. Im nahe gelegenen Genf in der Schweiz entluden sich die Proteste von Globalisierungs- und Kriegsgegnern in Gewalt. Die Täter legten Teile der Stadt in Schutt und Asche. Es brannte, und man schwor, dass sich solche Bilder nie mehr wiederholen dürften. Die Wut der Schweizer auf den heutigen französischen Präsidenten Emmanuel Macron ist darum groß. Wieder haben die Franzosen einen Gipfel an ihre Grenze gelegt. Nun gibt es Streit über die Kosten für das Sicherheitsaufkommen, das von Évian-les-Bains bis nach Genf reicht. Die betragen rund 20 Millionen Schweizer Franken – und weitere sechs Millionen, um Ladenbesitzer zu entschädigen. Es gibt Schweizer Politiker, die fordern finanzielle Entschädigungen von den Franzosen. Tausende Polizisten, Soldaten und Grenzbeamte wurden in Genf mobilisiert und mussten am Wochenende die Stadt gegen erneute Proteste absichern. Wieder gingen Scheiben zu Bruch und Autos brannten, wenn auch nicht im selben Ausmaß wie beim Gipfel von 2003. Der Ausgang ist ungewiss Hans und Marianne haben davon wenig mitbekommen. Während sich oben auf dem Berg die Staats- und Regierungschefs zum ersten Dinner im "Hôtel Royal" treffen, machen die beiden Deutschen aus Hamburg unten am ruhigen See noch einen Abendspaziergang. Der Duft von Blumen liegt schwer in der warmen Luft. Bald fahren auch sie wieder nach Hause, vorbei an Zäunen, Kontrollpunkten und zugeklebten Mülleimern, ganze Landstriche wurden tagelang lahmgelegt. Ob der Gipfel Frieden gebracht, Krisen entschärft oder die Welt sicherer gemacht hat, werden Hans und Marianne wohl erst aus den Nachrichten erfahren. An Trumps Helikopter über dem Strand von Évian werden sie sich dagegen noch lange erinnern.