EZB erhöht Zinsen: Ökonomen warnen vor schwerem Fehler
Höhere Zinsen sollen die Preise bremsen und die Inflation zurück auf zwei Prozent bringen. Viele Ökonomen fürchten jedoch, dass die Rechnung diesmal nicht aufgeht. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in der vergangenen Woche den Einlagenzins um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent angehoben. Die Entscheidung fiel einstimmig. Als Begründung verwies die Notenbank auf die Inflation im Euroraum, die im Mai bei 3,2 Prozent lag. Die Währungshüter der EU befürchten, dass das weltweite Ölangebot durch die politischen Spannungen im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormus dauerhaft sinken könnte. Wenn ein Gut knapper wird, steigen bei gleichbleibender Nachfrage normalerweise die Preise – und damit die Inflation. Doch viele Ökonomen bezweifeln, dass höhere Zinsen einen energiebedingten Preisschub überhaupt wirksam bekämpfen können. Hat die EZB die Lage falsch eingeschätzt? Experten warnen: Höhere Zinsen schaffen kein neues Öl Normalerweise sollen höhere Zinsen die Nachfrage bremsen. Kredite werden teurer, Unternehmen investieren weniger, und Verbraucher halten sich mit größeren Anschaffungen zurück. Dadurch sinkt die Nachfrage und der Preisdruck lässt nach. Im aktuellen Fall liegt die Ursache der Inflation auf der Angebotsseite. Auslöser waren der Konflikt mit dem Iran und die Blockade der Straße von Hormus. Laut Lena Dräger vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) könnten höhere Zinsen in Europa weder die Lieferketten reparieren noch die Ölförderung erhöhen. Eine Zinserhöhung werde den Ölpreis nicht senken. Zudem gilt Energie als unverzichtbar: Unternehmen müssen ihre Maschinen betreiben, Speditionen ihre Lkw bewegen, und Pendler zur Arbeit fahren. Niemand werde weniger tanken, nur weil die EZB den Leitzins erhöht hat. Die Nachfrage nach Energie lasse sich durch höhere Zinsen deshalb kaum bremsen. Die Folge seien stattdessen Belastungen für die Wirtschaft. Zwar argumentiert die EZB, dass eine wirtschaftliche Abkühlung der Preis sei, den man für stabile Preise zahlen müsse. Doch gerade Deutschland kämpft bereits mit einer schwachen Konjunktur. Unternehmen, die gleichzeitig hohe Energiekosten und steigende Finanzierungskosten schultern müssen, geraten stärker unter Druck. Im schlimmsten Fall drohen Insolvenzen und Arbeitsplatzverluste. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von Stagflation – einer Kombination aus stagnierender Wirtschaft und gleichzeitig hoher Inflation. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Zinserhöhungen wirken nicht sofort. Oft dauert es Monate, bis sie die Wirtschaft vollständig erreichen. Sollte sich ein geopolitischer Konflikt rasch entspannen, könnte die Zinserhöhung genau dann bremsend wirken, wenn das eigentliche Problem längst verschwunden ist. USA und Iran einigen sich – vorläufig Genau dieses Szenario scheint nun zumindest teilweise eingetreten zu sein. Am Wochenende kündigten die USA und der Iran an, ihren Konflikt beilegen zu wollen. Beide Staaten verständigten sich auf ein Friedensabkommen, das am kommenden Freitag unterzeichnet werden soll. Chance für Diplomatie: Rahmen für Weg zum Frieden im Iran – aber viele Fragen offen Bundesbank-Präsident Joachim Nagel stellt sich dennoch hinter den Kurs der EZB. Selbst bei einer Entspannung im Nahen Osten sei Vorsicht geboten. Nagel hält sogar eine weitere Zinserhöhung im Juli für möglich. Die EZB halte sich für die nächste geldpolitische Sitzung alle Optionen offen. "Selbst wenn die Meerenge von Hormus demnächst wieder befahrbar sein sollte, wird es Monate dauern, bis sich das Ölangebot wieder normalisiert", erklärte Nagel am Montag beim Frankfurt Euro Finance Summit. Produktionsanlagen seien teilweise beschädigt oder außer Betrieb. Zudem würden die Reserven kleiner. Gleichzeitig könnte der Preisdruck erneut steigen, wenn staatliche Entlastungsmaßnahmen bei den Energiepreisen auslaufen. Unterstützung erhält diese Einschätzung von weiteren Experten. Zwar fiel der Ölpreis nach der Einigung zwischen den USA und dem Iran deutlich. Vor Beginn des Konflikts lag der Preis für ein Fass Brent-Rohöl bei rund 70 Dollar. Derzeit bewegt er sich um die Marke von 80 Dollar. "Finanzinvestoren nehmen quasi künftige reale Lieferungen vorweg, was den aktuellen Rückgang der Ölpreise erklärt", sagt Tamas Varga vom Ölmakler PVM. "Die langsame Wiederaufnahme der Transporte dürfte jedoch 2026 insgesamt zu einem Angebotsdefizit führen." Experten gehen davon aus, dass die durch die Straße von Hormus transportierte Ölmenge nur langsam wieder das Vorkriegsniveau von rund 20 Millionen Barrel pro Tag erreichen wird. Die Schätzungen für eine vollständige Normalisierung reichen von mehreren Wochen bis hin zu Monaten. EZB hält sich alle Optionen offen Auch EZB-Ratsmitglied Martin Kocher will sich nach der jüngsten Zinserhöhung nicht auf den weiteren Kurs festlegen. "Bis zur nächsten Sitzung Ende Juli vergehen noch sechs Wochen, da kann sehr viel passieren", sagte Kocher vergangene Woche in Wien. Die Unsicherheit sei weiterhin außergewöhnlich hoch. Deshalb sei es richtig, sich nicht frühzeitig auf einen bestimmten Kurs festzulegen. "Wer weiß, welche Entwicklungen wir haben", erklärte er. In den kommenden Monaten werde sich zeigen, ob die aktuelle Zinshöhe ausreicht oder weitere Zinserhöhungen notwendig werden. Von Reuters befragte Ökonomen rechnen derzeit damit, dass die EZB im September erneut an der Zinsschraube drehen könnte. Gut für Sparer – Gefahr für Konsum und Investitionen Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, bewertet den Zinsschritt als notwendig, sieht aber auch Risiken. Profitieren könnten vor allem Sparer, deren Tages- und Festgeldzinsen leicht steigen. Auch für Kreditnehmer dürften die zusätzlichen Belastungen zunächst überschaubar bleiben. "Entscheidend ist vor allem die Signalwirkung: Die EZB macht deutlich, dass sie die Inflation weiterhin konsequent bekämpfen will", sagt Heise. Und bald noch mehr? Banken locken mit vier Prozent Zinsen auf Tagesgeld t-online-Zins-Check: 4-Prozent-Tagesgeld von Chase heizt den Wettbewerb an André Kühnlein sieht das deutlich kritischer. Der Finanzexperte spricht von einer "Versicherungs-Zinserhöhung", mit der die EZB vor allem Entschlossenheit demonstrieren wolle. In seiner Analyse für "Finanz und Wirtschaft" warnt er davor, dass sich der Schritt als Fehler erweisen könnte. Das Verbrauchervertrauen in der Eurozone sei bereits massiv eingebrochen, während die Aktivität im Privatsektor schrumpfe – besonders in Deutschland. Auch Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA), hält die Zinserhöhung laut "Wirtschaftswoche" für "verfrüht". Die deutsche Wirtschaft leide unter schwacher Nachfrage, zurückhaltenden Investitionen und hohen Kosten. Zusätzliche Finanzierungskosten könnten Investitionen weiter bremsen und damit Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung belasten. Ähnlich äußert sich Stefan Körzell, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Eine Zinserhöhung sei "in der gegenwärtigen Situation ein schwerer Fehler" und würde die wirtschaftliche Erholung "mutwillig noch weiter abwürgen", sagte er Reuters. Droht eine Wiederholung des Fehlers von 2011? Die Sorgen um die Konjunktur sind nicht unbegründet. Das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone schrumpfte im ersten Quartal um 0,2 Prozent. Damit steht der Währungsraum bereits mit einem Bein in der Rezession. Vor diesem Hintergrund hat Roger Rüegg von der Schweizer Bank ZKB/Swisscanto seine Konjunkturprognosen deutlich gesenkt. Für die Eurozone erwartet er weniger als ein Prozent Wachstum, für Deutschland nahezu eine Stagnation. Rüegg bezweifelt, dass eine straffere Geldpolitik die Inflation wirksam bremsen kann, ohne gleichzeitig die ohnehin angeschlagene Wirtschaft zusätzlich zu belasten. Unter diesen Bedingungen sieht er die Gefahr, dass sich die Ereignisse von 2011 wiederholen könnten. Damals erhöhte die EZB im Juli die Zinsen von 1,25 auf 1,5 Prozentpunkte, um die Inflation zu bekämpfen. Kurz darauf musste sie diesen Kurs jedoch korrigieren und die Zinsen aufgrund der schwachen Konjunktur wieder senken. Nun richtet sich der Blick auf die US-Notenbank Bevor die EZB erneut entscheidet, steht zunächst die nächste wichtige Notenbanksitzung an. Am Mittwoch, dem 17. Juni 2026, gibt die US-Notenbank Fed ihre Zinsentscheidung bekannt. Während die EZB zuletzt einen härteren Kurs im Kampf gegen die Inflation eingeschlagen hat, setzen die USA vorerst auf Stabilität. Nach aktuellen Daten des CME FedWatch Tools rechnen die Finanzmärkte fest damit, dass die Fed ihren Leitzins unverändert in einer Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen wird.
