Strom gratis – nur mit Smart Meter: Das steckt dahinter
Dynamische Tarife versprechen Schnäppchen im 15-Minuten-Takt, besonders bei Sonne und an Feiertagen. Ohne Smart Meter und Steuerung wird das Sparmodell aber schnell zum Risiko. Die Stunden, in denen der Strompreis an der europäischen Strombörse unter null Cent pro Kilowattstunde (kWh) fällt, werden zahlreicher. Bis Mai war dies bereits an 242 Stunden der Fall. Damit traten negative Strompreise häufiger auf als in sechs der vergangenen zehn Gesamtjahre. Das berichtet der Energieanbieter 1Komma5°. Kunden, die einen dynamischen Stromtarif nutzen, könnten hiervon profitieren. Es gibt jedoch einige Haken. Negativer Strompreis Ein negativer Strompreis entsteht an der Strombörse, wenn das Stromangebot die Stromnachfrage übersteigt. Das ist etwa an sonnenreichen Tagen zur Mittagszeit der Fall, wenn Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) besonders viel Energie erzeugen können. Besonders an Feiertagen, wenn die Industrie wenig Strom abnimmt, kann der Strompreis ins Negative schlagen. So sank etwa am 1. Mai 2026 der Preis auf -50 Cent/kWh. Der Grund für diese Extremsituationen: Das Stromnetz ist zu unflexibel. Träge Kraftwerke, fehlende Speicher und zu wenige intelligente Steuerungen verhindern, dass Überschüsse sinnvoll verteilt werden . Erzeuger müssen dann Geld dafür bezahlen, dass ihr Strom überhaupt abgenommen wird. Verbraucher könnten profitieren – tun es aber selten Haushalte könnten theoretisch von diesen Preisschwankungen profitieren, indem sie einen dynamischen oder flexiblen Stromtarif nutzen. Hierfür sind ein intelligenter Stromzähler ( Smart Meter ) und ein passender Tarif notwendig. Beides ist jedoch nicht immer gegeben. Smart-Meter-Rollout stockt Da der negative Strompreis nur für einen kurzen Zeitraum gilt, müssen Haushalte, die ihn nutzen wollen, ihren Verbrauch in diese Zeiten verschieben. Im Alltag ist das kaum umsetzbar. Ohne intelligente Steuerungssysteme (Smart Meter plus Steuerungssoftware), die den Verbrauch automatisch in Niedrigpreisphasen lenken, kann ein dynamischer Tarif sogar zu unerwartet hohen Kosten führen. So teilte die Bundesnetzagentur mit, dass bis Ende 2025 gerade einmal 5,5 Prozent der Endverbraucherhaushalte mit einem Smart Meter ausgestattet waren – also lediglich ein Bruchteil der rund 50 Millionen Messstellen im Land. Zum Vergleich: In Ländern wie Dänemark , Schweden und den Niederlanden verfügt bereits fast jeder Haushalt über einen Smart Meter. Zwar wurde in Deutschland bei den sogenannten Pflichteinbaufällen die gesetzliche Pflichtquote von 20 Prozent mit 23,3 Prozent knapp übertroffen. Doch diese Pflichteinbaufälle betreffen nur Kunden mit einem besonders hohen Stromverbrauch , einer Solaranlage , einer Wärmepumpe oder einer Wallbox . In Relation zur Gesamtbevölkerung ist das nur ein Bruchteil. Manuell den eigenen Verbrauch in günstige Zeiten zu verschieben, ist im Alltag kaum umsetzbar. Interesse an flexiblen Tarifen wächst Ein weiteres Problem birgt die Tarifauswahl. So werden dynamische Tarife bei Vergleichsportalen oftmals nicht angezeigt. Und auch auf den Internetseiten der Anbieter sind die Tarife oft versteckt, merken Experten kritisch an. Ein Grund hierfür ist unter anderem, dass die dynamischen Tarife für die Versorger weniger lukrativ und somit weniger attraktiv sind als Festpreistarife. Dabei besteht bei Haushalten durchaus Interesse an dynamischen Stromtarifen. Das zeigt eine Statista-Umfrage im Auftrag von Eon. Dort gab jeder vierte Hausbesitzer (26 Prozent) mit Elektroauto , Wärmepumpe oder Solaranlage an, sich vorstellen zu können, auf einen dynamischen Tarif zu wechseln. Jeder Dritte (33 Prozent) würde einen Wechsel zu einem Festpreistarif mit flexiblem Zusatzservice in Erwägung ziehen. Durch diesen Schritt würden die Wechselwilligen von günstigen Börsenphasen profitieren, ohne das volle Preisrisiko zu tragen. Der Unterschied: dynamisch versus Festpreis mit Flexibilität Beim dynamischen Tarif ändert sich der Strompreis alle 15 Minuten entsprechend der Börsenlage – nach oben wie nach unten. Beim Festpreistarif mit flexiblem Zusatzservice zahlen Kunden weiterhin einen festen Preis pro Kilowattstunde. Zusätzlich erhalten sie einen Bonus, wenn ihre Geräte smart gesteuert in günstigen Zeiten laden. Das Preisrisiko bleibt beim Energieversorger. Beide Modelle setzen voraus, dass steuerbare Verbraucher wie E-Auto, Wärmepumpe oder Batteriespeicher bevorzugt dann geladen werden, wenn die Nachfrage gering und der Börsenstrompreis niedrig ist. E-Auto-Besitzer besonders wechselbereit Besonders großes Interesse an dynamischen Stromtarifen gibt es bei Hauseigentümern mit Elektroauto (66 Prozent; davon 34 Prozent Festpreistarif mit flexiblem Zusatzservice; 32 Prozent dynamischer Tarif), gefolgt von Wärmepumpenbesitzern (60 Prozent; davon 40 Prozent Festpreistarif mit flexiblem Zusatzservice, 20 Prozent dynamischer Tarif) und Solaranlagenbetreibern (55 Prozent; davon 30 Prozent Festpreistarif mit flexiblem Zusatzservice, 25 Prozent dynamischer Tarif). Auch wer die Anschaffung solcher Technologien erst plant, ist mehrheitlich für innovative Tarifmodelle offen. Die Zahlen verdeutlichen, dass es bei der Nutzung von dynamischen Tarifen nicht nur an der Auffindbarkeit, sondern auch an der Infrastruktur hapert. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet voran. Seit 2016 hat sich die Zahl negativer Strompreisstunden fast versechsfacht. Doch die Infrastruktur hält damit nicht Schritt. Ohne flächendeckenden Smart-Meter-Ausbau und intelligente Steuerung verbleibt ein Teil des günstigen Ökostroms ungenutzt.
