E-Autos sind häufiger in bestimmte Unfälle als Verbrenner verwickelt
Elektroautos schneiden bei Unfällen insgesamt unauffällig ab. Eine neue Studie zeigt nun aber, dass sich bestimmte Unfallmuster deutlich unterscheiden. Dass Elektroautos nahezu geräuschlos unterwegs sind, gehört zu ihren größten Stärken aus Sicht ihrer Fahrer. Genau das könnte ihnen in bestimmten Situationen aber zum Nachteil werden: Wenn sie langsam anfahren, rückwärts ausparken oder abbiegen, geraten sie häufiger in Unfälle mit Fußgängern als vergleichbare Autos mit Verbrennungsmotor . Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV), für die knapp 500 schwere Verkehrsunfälle ausgewertet wurden. Leise – und manchmal zu spät wahrgenommen Den deutlichsten Unterschied fanden die Forscher dort, wo Autos nur langsam unterwegs sind. Besonders auffällig waren Unfälle beim Rückwärtsfahren, beim Anfahren oder beim langsamen Abbiegen – vor allem in der Dämmerung oder Dunkelheit sowie an Ein- und Ausfahrten. UDV-Leiterin Kirstin Zeidler: "Unsere Untersuchung bestätigt Hinweise darauf, dass Fußgängerinnen und Fußgänger E-Autos in solchen Situationen schlechter wahrnehmen." Eigentlich sollen künstliche Fahrgeräusche genau das verhindern. Seit 2021 müssen neu zugelassene Elektro- und Hybridfahrzeuge bei Geschwindigkeiten bis 20 km/h ein sogenanntes Acoustic Vehicle Alerting System (AVAS) nutzen. Es erzeugt künstliche Fahrgeräusche und soll andere Verkehrsteilnehmer warnen. Nach Einschätzung der Unfallforscher erfüllt das System diese Aufgabe bislang aber nicht immer ausreichend. "Die künstlichen Fahrgeräusche sind womöglich nicht hörbar genug oder lassen sich noch nicht eindeutig einem Pkw zuordnen", sagt Zeidler. Die Zahlen aus der Untersuchung stützen diesen Eindruck. Von den analysierten Fußgängerunfällen ereigneten sich bei Elektroautos 76 Prozent in Situationen, in denen das AVAS eigentlich eine Rolle spielen sollte. Bei vergleichbaren Verbrennern lag dieser Anteil bei 54 Prozent. Die zweite Auffälligkeit überraschte die Forscher Bei der Auswertung stießen die Wissenschaftler noch auf ein weiteres Muster: In neun der untersuchten Unfälle beschleunigten Elektroautos offenbar ungewollt beim Anfahren. Bei den vergleichbaren Verbrennern fanden die Forscher nur einen solchen Fall. Meist geschah das direkt aus dem Stand. Als mögliche Erklärung nennen die Autoren das sogenannte One-Pedal-Drive, das es bei zahlreichen, aber nicht allen E-Autos gibt. Dabei verzögert das Fahrzeug bereits deutlich, sobald der Fahrer den Fuß vom Fahrpedal nimmt – teilweise bis zum vollständigen Stillstand. Im Alltag macht das viele Bremsvorgänge überflüssig. In einer Gefahrensituation könnte genau diese Gewöhnung jedoch zum Problem werden. "Die Studie legt nahe, dass die Gewöhnung an diese Fahrweise in Notsituationen eine Pedalverwechslung begünstigen kann", sagt Zeidler. Fast jeder zweite Fahrer, der in der Untersuchung auf diese Weise verunglückte, war älter als 75 Jahre. Einen eindeutigen Beweis sehen die Autoren darin allerdings nicht. Sie sprechen bewusst von Hinweisen und fordern weitere Untersuchungen zum Einfluss des One-Pedal-Drive auf das Unfallgeschehen. Das höhere Gewicht schützt – und birgt Risiken Und wie steht es um die Sicherheit bei Unfällen? Vor allem kleinere E-Modelle schützen ihre Insassen nach Angaben der Studie besser als vergleichbare Verbrenner. Die Forscher führen das auf das höhere Fahrzeuggewicht und die meist modernere Sicherheitsausstattung zurück. Der Gewichtsvorteil hat allerdings auch eine Kehrseite. Stoßen zwei Fahrzeuge zusammen, erhöht ein großer Gewichtsunterschied das Verletzungsrisiko für die Insassen des leichteren Autos. Die UDV spricht deshalb von einem Zielkonflikt zwischen Eigen- und Partnerschutz. Insgesamt kein Sicherheitsproblem Trotz der Unterschiede ziehen die Forscher kein grundsätzlich kritisches Fazit zur Elektromobilität. Im Gegenteil: Fahrer von Elektroautos verloren in den ausgewerteten Unfällen seltener die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Die UDV betont deshalb ausdrücklich, dass die Ergebnisse kein Argument gegen Elektroautos seien. Insgesamt unterscheide sich die Schadenhäufigkeit kaum von der vergleichbarer Verbrenner. Auffällig seien vielmehr einzelne Unfallmuster, die Ansatzpunkte für Verbesserungen lieferten – etwa besser wahrnehmbare Fahrgeräusche oder Assistenzsysteme, die Unfälle beim Anfahren verhindern. Für ihre Untersuchung verglich die UDV knapp 500 schwere Unfälle mit Elektroautos und baugleichen Verbrennermodellen aus verschiedenen Fahrzeugklassen. Ergänzt wurde die Analyse durch eine Literaturrecherche und eine Onlinebefragung von 238 Fahrern. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass die Stichprobe nicht das gesamte Unfallgeschehen in Deutschland abbildet.
