Erkenntnis in Venedig macht deutsche Politik erträglicher
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, Reisen bildet, sagt der Volksmund, und was der Volksmund sagt, hat oftmals Hand und Fuß. Zu Fuß gelangt man zwar nicht nach Venedig, aber mit dem Zug, Auto oder Flieger klappt es prima und ist nicht allzu teuer. Ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen der Kanäle, Kirchen und Cicchetti-Häppchen. Venedig beherbergt auch die Biennale, eine der bedeutendsten Kunstausstellungen der Welt. Was man dort zu sehen bekommt, wirft so viele Fragen auf, das man aus dem Nachdenken tagelang nicht herauskommt. Damit meine ich nicht den Skandal, dass der Kreml-freundliche Biennale-Direktor Putins Propagandisten einlud, um die russische Kriegstreiberei mit Techno-Beats und Blumenschlachten zu feiern. Das war einfach nur dreist und die Reaktion der EU-Kommission folgerichtig: Sie hat ihren Millionenzuschuss für die Biennale gestrichen. Abgehakt. Bleibende Fragen werfen hingegen die Beiträge anderer Nationen auf. Zum Beispiel die Frage, was Kunst im 21. Jahrhundert noch zu sagen hat und wer das noch versteht. Ebenso die Frage, ob es überhaupt wichtig ist, dass man es versteht. Und falls nicht, ob womöglich gerade dieses Unverständnis, das ich in den Augen vieler Biennale-Besucher erspäht zu haben glaube, sowie das Rätseln, was das alles eigentlich soll, eine wichtige Erfahrung in unserer plakativen Welt darstellen. Wenn vom Regierungschef über den Journalisten bis zum Typen in der Schlange beim Bäcker jedermann jederzeit über alles genauestens Bescheid zu wissen meint und dies lauthals kundtut, fällt es zumindest auf, wenn mal etwas geschieht, das sich der sofortigen Deutung entzieht. So zum Beispiel im deutschen Pavillon auf der Biennale. Dort hängen Alltagsgegenstände aus der DDR und halbierte Stühle an mintgrünen Wänden. "Ruin" heißt die Installation, der Begleittext spricht von "einem Raum, in dem sich physische und soziale Strukturen, deutsche Ideologien und gelebte Biografien materiell überlagern und Architektur, Geschichte und Psychologie in ein produktives Spannungsverhältnis treten." So richtig schlau wurde ich weder aus dem Text noch aus der Installation, aber das liegt womöglich an meinem beschränkten Kunstwissen oder meiner der italienischen Sommerhitze geschuldeten Ungeduld. Irgendeine Bedeutung muss es haben, schließlich sponsert die Bundesregierung das Projekt mit 850.000 Euro Steuergeld. Einen kurzen Spaziergang später gelangt man zum österreichischen Pavillon. Dort ist eine Performance der Choreografin Florentina Holzinger zu sehen, die für viel Aufmerksamkeit und noch mehr Fragen sorgt. Man kann zwei splitternackten Frauen dabei zuschauen, wie sie in Zeitlupe an einer Eisenstange hoch- und runterklettern. In einem gläsernen Bottich sitzt eine weitere Nackte in geklärtem Wasser, das von einem Dixi-Klo gespeist wird. Besucher werden aufgefordert, das Klo rege zu benutzen. In einer Glocke über den Köpfen der Besucher pendelt zu jeder vollen Stunde noch eine Nackte kopfüber gegen das Gusseisen, um die Uhrzeit anzuschlagen. "In Holzingers Arbeiten trifft extreme Körperlichkeit auf theatralische Präzision – mit dem Ziel, die Grenzen dessen auszuloten, wozu Körper fähig sind", schreiben die Organisatoren. Das wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. "Und nu?" fragte ein Besucher neben mir verwirrt. Nachdenklich ging ich weiter zum niederländischen Pavillon. Dort wird das Publikum eingeschlossen und nimmt auf Hockern Platz. Dann gehen die Rollos vor den Fenstern runter. Eine asiatische Künstlerin stolziert durch den Raum und gibt Laute von sich, die an einen brünftigen Hirschen erinnern. Zum Abschluss brüllt sie immer wieder "Love yourself!" und "Enjoy your fucking life!" Als die Rollos wieder hochfahren, ertönt zögerliches Klatschen der, ja was, Leidensgenossen? Malträtierten? Auch hier bleiben mehr Fragen als sich an einem Tag oder gar in einem Morgen-Newsletter beantworten ließen. Ich will mich deshalb gar nicht erst an einer Antwort versuchen, was Gegenwartskunst Normalverbrauchern wie mir zu sagen hat. Das können andere besser als ich ( wobei ich nach der Lektüre der 25.000 Zeichen langen Biennale-Rezension in der "FAZ" auch nicht klüger bin ). Ich möchte Sie an dieser Stelle lediglich an einer kleinen Erkenntnis teilhaben lassen, die mir der Besuch der Biennale beschert hat. Sie ist fast banal und lautet ganz einfach: Verstehst du Dinge nicht sofort, gibt es keinen Grund, sie sogleich zu bewerten. Halte es aus, dass sie sind, wie sie sind, und denk in Ruhe darüber nach. Mir hilft diese Erkenntnis, und das tut richtig gut. Zurückgekehrt aus dem Urlaub, muss ich neben der Arbeit im Newsroom nun ja auch wieder das politische Geschehen kommentieren. Dabei ist vieles, was in Berlin vor sich geht, kaum noch zu erklären. Warum zum Beispiel stellen Politiker von CDU und SPD plötzlich die Beschlüsse zur Rentenreform in Frage, zu denen sie sich mühsam durchgerungen haben? Die ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten fordern, die abschlagsfreie Frührente entgegen der dringenden Empfehlung aller Experten doch nicht abzuschaffen und einen zentralen Bestandteil aus dem wichtigsten Reformpaket der Bundesregierung herauszubrechen. Führende SPD-Politiker stimmen fröhlich in den Abbruchchor ein. Tun sie das aus Opportunismus, Kurzsichtigkeit oder einfach nur aus Angst vor den Wählern? Mir scheint, die meisten Bürger haben längst verstanden, dass die Zeiten härter geworden sind, und sind bereit, den Gürtel enger zu schnallen, solange es gerecht dabei zugeht. Aber viele Politiker tun immer noch so, als sei der Steuersäckel ein unerschöpfliches Füllhorn, das sie nach Belieben ausschütten können. "Lässt man den Gutversorgten ihre Sonderregeln – wer soll dann noch bereit sein, die Belastungen der Reformen zu akzeptieren?", fragt der Ökonom Martin Werding. In der Tat, das erscheint unverständlich. Ebenso übrigens wie die Tatsache, dass die Chefs des Axel-Springer-Verlags zwar in ihren Sonntagsreden gern das hohe Lied der Demokratie singen, aber in ihrem "Bild"-Blatt die demokratische Diskussion um die Rente als "Chaos" runterschreiben. "Was soll das"? kann man sich auch dann fragen, wenn man an Hauswänden Parolen wie jene sieht, die mir gestern Abend in Berlin entgegenblitzte: "Wir sterben nicht für Deutschland!" Die meisten Leute, die ich kenne, wollen nicht sterben, egal für wen oder was. Soweit verständlich. Was mir hingegen nicht in den Kopf will, ist die Haltung, die hinter dem rotzigen Spruch steht und von Mitbürgern stammt, die partout keinen Wehrdienst und damit auch keinen Ersatzdienst leisten wollen. Wo kommen wir hin, wenn immer weniger Menschen bereit sind, sich für ihr Land zu engagieren? Die Bundeswehr hat schon jetzt Probleme, genügend Rekruten zu finden. Auch in Krankenhäusern, Kitas und Seniorenheimen fehlt es an Personal. "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt", hat John F. Kennedy gesagt. Ich glaube, der wusste Bescheid. Ich hingegen habe vor allem viele Fragen an dieses Land, an seine Politiker und auch an einige der lieben Mitbürger. Insofern trifft es sich gut, dass ich mich nun wieder in die Autorenriege des "Tagesanbruchs" einreihen muss. Allerdings bitte ich um Nachsicht, wenn meine Kommentare zum Auftakt etwas weniger gepfeffert als sonst daherkommen. Das Erlebnis in Venedig hat mich daran erinnert, dass man nicht alles sofort verurteilen sollte, was man nicht versteht. Manchmal ist es sogar besser, erst mal nur einige offene Gedanken zu notieren. Die Meinungen kommen dann früh genug. So gesehen freue ich mich auch wieder über Leserpost. MERZ UND DER OSTEN Zitat des Tages "Unter Friedrich Merz fühlt sich die CDU manchmal an wie eine Partei vor der Wende. (….) Er führt die Partei mit der Brille eines Sauerländers und ist in der alten Bundesrepublik verhaftet. Die CDU hat aber einen gesamtdeutschen Anspruch. (…) Wir müssen endlich anfangen, unsere eigenen Fehler im Umgang mit der Wende aufzuarbeiten. Dann habe ich die Hoffnung, dass wir perspektivisch auch wieder Wähler in Ostdeutschland zurückgewinnen können." Heiko Strohmann, CDU-Landesvorsitzender in Bremen, kritisiert im "Focus" den Kurs seiner Partei. MIGRATION EU zur Ceuta-Krise Die meisten marokkanischen Migranten, die in Ceuta eingedrungen waren, sind zurückgekehrt. 72 Menschen sollen bei dem Versuch gestorben sein, die spanische Exklave zu erreichen. Im Meer vor der Küstenstadt treibt nun eine 500 Meter lange aufblasbare Barriere, die illegale Einwanderer abwehren soll. Aufgearbeitet ist der Massenansturm damit noch nicht. Vor allem die Frage nach der Ursache – Falschinformationen auf Facebook, Streit zwischen Marokko und Spanien, gar eine Strafaktion Donald Trumps? – harrt der Klärung. Heute Morgen schalten sich deshalb die EU-Innenminister zur Videokonferenz zusammen. Gefordert haben die Aussprache sowohl Spaniens sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez als auch die Regierungschefs von 22 der 27 EU-Mitglieder – allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Während Länder wie Dänemark und Italien die Regierung in Madrid hart kritisieren, wirft Sánchez den Partnern eine "egoistische" und "rechtswidrige" Reaktion vor. Dabei sollte dieser Stresstest für das erst seit Juni geltende gemeinsame europäische Asylsystem GEAS doch vor allem eine Erkenntnis befördern: Europäische Migrationspolitik gelingt nur solidarisch und gemeinsam. Terror Ausschuss zum CSD-Anschlag Auch der tödliche Anschlag beim Berliner Christopher Street Day wirft noch Fragen auf: zum einen zum Ablauf, zum anderen zu den Konsequenzen. Inmitten der parlamentarischen Sommerpause schalten sich daher heute die Mitglieder des Bundestags-Innenausschusses zusammen. Innenminister Alexander Dobrindt soll die Abgeordneten über den Stand der Ermittlungen informieren. Welche Konsequenzen er für geboten hält, hat der CSU-Mann bereits umrissen: Er plädiert für den verstärkten Einsatz elektronischer Fußfesseln und eine bundesweite Regel zur Präventivhaft für Gefährder. Die Anwendung des Jugendstrafrechts bei erwachsenen Gefährdern nennt er "inakzeptabel". Ohrenschmaus Dieser Geburtstag ist ein Rätsel: Zeitlebens feierte Louis Armstrong am 4. Juli, also dem amerikanischen Nationalfeiertag. Das Taufregister in Louisiana nennt jedoch den 4. August 1901 als wahres Datum seiner Geburt. Das ist heute auf den Tag 125 Jahre her, was nicht nur ein rundes Jubiläum ergibt, sondern auch einen willkommenen Grund, einen meiner Lieblingssongs zu empfehlen. Lesetipps Fifa-Boss Gianni Infantino wollte den Fußball verkaufen. Das haben die Europäer verhindert – und es wird Folgen haben, meint unser Kolumnist Uwe Vorkötter. Artikel lesen Kritik an Friedrich Merz wird zum Volkssport, dem auch Provinznasen frönen dürfen. Unser Kolumnist Gerhard Spörl fragt sich, warum die Union ihren Status als Kanzlerwahlverein aufgegeben hat. Artikel lesen Während in Ceuta nach dem Ansturm Zehntausender Migranten Dutzende Leichen geborgen werden, weilt Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez im Urlaub auf Lanzarote. Nicht nur die Opposition ist empört, wie meine Kollegin Anna-Lena Janzen berichtet. Artikel lesen Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen ausgeglichenen Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Anthropic Opus.
