Neu-Isenburg: Autokino Gravenbruch behauptet sich gegen Netflix
Vor 65 Jahren eröffnete das erste deutsche Autokino. Wie ein Mann aus Bad Orb es bis heute erfolgreich am Laufen hält – und was Netflix damit zu tun hat. Seit zwei Jahrzehnten führt Heiko Desch die Geschicke des Autokinos im Neu-Isenburger Stadtteil Gravenbruch bei Frankfurt am Main. Auf die Frage, was ihn an seinem Job besonders reizt, antwortet der 54-Jährige: "Es ist tatsächlich so, dass ich hier Kino machen kann von Anfang bis Ende. Und ich habe wirklich das Glück, dass mir auch kaum einer reinredet." Seine Liebe zum Film reicht bis in die Jugend zurück. Aufgewachsen im osthessischen Bad Orb, begann Desch schon mit 13 oder 14 Jahren als Platzanweiser in einem Kino zu arbeiten. Zwei Jahre später brachte man ihm dort das Vorführen an der 35-Millimeter-Projektion bei – eine Faszination, die bis heute anhält. Parallel zu einem klassischen Bürojob blieb er dem Kino stets treu. Auftakt einer deutschen Kinogeschichte 2002 führte ihn sein Weg schließlich nach Gravenbruch. Seither gehört ihm ein breites Aufgabenfeld: Er wählt die Filme aus, verhandelt mit den Verleihern, kümmert sich um die Homepage sowie um Lieferanten, erstellt Dienstpläne und ist für die Gehälter der 27 Mitarbeitenden zuständig. An manchen Abenden steht er sogar selbst an der Kasse oder in der Snackbar. Auf dem weitläufigen Gelände begann vor mehr als 65 Jahren ein Kapitel deutscher Filmgeschichte. Am 31. März 1960 öffnete an dieser Stelle das erste Autokino der Bundesrepublik seine Tore. Zur Eröffnung lief der Film "Der König und ich" mit Yul Brynner und Deborah Kerr über die große Leinwand. Schon in den ersten fünf Monaten strömten 250.000 Besucher auf das Gelände. Bis heute hat sich daran wenig geändert: Rund 650 Fahrzeuge finden nach wie vor Platz. Von den zahlreichen Erlebnissen, die er in seiner Zeit als Betriebsleiter gesammelt hat, erzählt Desch gerne. Immer wieder habe es Heiratsanträge auf dem Gelände gegeben, berichtet er. Besonders lebhaft ist ihm ein Moment in Erinnerung geblieben, bei dem ein selbstgedrehter Kurzfilm über die Leinwand lief – erst nach einer Weile erkannte die zukünftige Braut, dass die Geschichte von ihr handelte. Nicht jeder Abend verlief jedoch reibungslos: Dichter Nebel habe schon mehrfach dazu geführt, dass Vorstellungen abgebrochen werden mussten. Ein besonderes Kapitel stellt die Coronazeit dar. Während Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln galten, entwickelte sich das Autokino zu einer der wenigen verbliebenen Möglichkeiten, überhaupt noch Filme im öffentlichen Rahmen zu zeigen. Der organisatorische Aufwand sei zwar erheblich gewesen, doch der Betrieb habe größtenteils weiterlaufen können – anders als bei vielen anderen Akteuren aus Freizeit- und Gastronomiebranche. Rückblickend beschreibt Desch das als klaren Vorteil für sein Kino. Was zieht die Menschen ins Autokino? An einem milden Sommerabend steht in der Reihe "Summer Classics" der Musical-Klassiker "Mamma Mia!" auf dem Programm. Auf dem Parkplatz vor der Leinwand stehen Fahrzeuge mit Kennzeichen aus ganz unterschiedlichen Regionen. Das Einzugsgebiet des Kinos sei enorm, erklärt Desch – Besucher kämen aus einem Umkreis von etwa 100 Kilometern. Ein Besucher, der eigens aus der Gegend um Gießen angereist ist, beschreibt seinen Ausflug als ein kleines Abenteuer, das er mehrmals im Jahr wiederhole. Eine junge Frau aus Oberursel hebt hervor, wie sehr sich das Format vom klassischen Kinobesuch unterscheide – zudem würden hier Filme gezeigt, die andernorts nicht zu sehen seien. Für eine 54-jährige Besucherin aus der Nähe von Hattersheim ist der Abend eine echte Premiere: Reine Neugier habe sie hergeführt, dazu der Wunsch, einmal die besondere, an amerikanische Vorbilder erinnernde Atmosphäre selbst zu erleben. Auch außerhalb der warmen Jahreszeit läuft das Geschäft nach Auskunft von Desch solide. Da es im Winter früher dunkel wird, lassen sich an einem Abend sogar mehrere Filme hintereinander zeigen. Laut Angaben der Filmförderungsanstalt gab es Ende 2025 bundesweit noch 15 Autokinos. Die Ursprünge des Konzepts liegen jedoch weit vor der deutschen Premiere: Bereits im Sommer 1933 eröffnete im US-Bundesstaat New Jersey das weltweit erste Autokino, beworben mit dem Slogan "Jedem seine eigene Loge". Bis die Idee auch in Deutschland ankam, vergingen 27 Jahre – ausgerechnet in Gravenbruch, wo zu jener Zeit noch zahlreiche US-Soldaten im Rhein-Main-Gebiet stationiert waren. Wie steht es um das Autokino in Zeiten von Netflix und Co.? In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich Autokinos zu beliebten Treffpunkten für Paare, die in konservativeren Zeiten kaum Gelegenheit hatten, sich privat zu treffen. Manche steuerten gezielt die hintere Parkreihe an, die als "Love Lane" bekannt wurde – dem Autokino brachte das schnell den Spitznamen "Knutschkino" ein. Angesichts von Streamingdiensten wie Netflix mag das Konzept Autokino auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen wirken. Nach dem Reiz des Formats gefragt, verweist Desch auf die enge Verbindung der Deutschen zum eigenen Auto, die sich hier unmittelbar mit dem Kinoerlebnis verknüpfen lasse. Hinzu komme ein Plus an Privatsphäre gegenüber dem klassischen Kinosaal: Man könne die Füße hochlegen, sich ungestört mit dem Partner unterhalten und werde nicht durch raschelnde Chipstüten der Nachbarn gestört. Reine Filmvorführungen allein reichten heute jedoch nicht mehr aus, betont Desch – es brauche zusätzliche Anreize. Entsprechend lässt er sich immer wieder besondere Aktionen einfallen. An Halloween etwa laufen die Mitarbeitenden als Monster verkleidet über das Gelände, außerdem finden regelmäßig Tuning-Treffen statt. Am 22. August steht der Autofilm "The Driver" auf dem Programm, begleitet von einem Oldtimer-Treffen, und im Herbst ist eine Arthouse-Reihe geplant. Solange man innovativ bleibe und sich an neue Gegebenheiten anpasse, blicke er ohne Sorge in die Zukunft, so Desch.
