E20 in Indien: Autofahrer protestieren gegen Sprit-Pflicht an Tankstellen
Seit April verkaufen indische Tankstellen nur noch ein einziges Benzin-Ethanol-Gemisch. Millionen Fahrer bangen um ihre Motoren, fürchten hohe Kosten und gehen auf die Straße. Der Widerstand in Indien gegen den staatlich verordneten Treibstoff E20 wächst rasant. Autofahrer, Oppositionelle und sogar Wirtschaftsberater der Regierung protestieren gegen das Programm. Delhi will Abhängigkeit vom Ölmarkt brechen Die Führung in Delhi will mit einem 20-prozentigen Ethanol-Zusatz die Abhängigkeit vom internationalen Ölmarkt brechen. Denn Indien ist zwar reich an Bodenschätzen, besitzt aber kaum eigene Erdölvorkommen. Das Land importiert vier Fünftel seines Bedarfs aus dem Nahen Osten. Zudem verbrennt Ethanol sauberer als reines Benzin. Das soll den Dauersmog in Millionenstädten wie Delhi lindern. Der neue Sprit zerfrisst Motoren Doch viele Autofahrer zahlen drauf. Denn E20 liefert etwas weniger Energie als reines Benzin. Die Folge: Der Kraftstoff bewirkt eine geringere Reichweite. Trotzdem kostet das Gemisch an den Zapfsäulen so viel wie das alte Benzin. Das ist ungewöhnlich. Denn in Brasilien oder den USA ist Biosprit deutlich günstiger als herkömmliches Benzin. Hinzu kommt die Gefahr für die Technik: Der höhere Alkoholanteil zerfrisst Gummidichtungen und Kunststoffteile in Pumpen, Filtern und Leitungen. Zwar vertragen moderne Autos mindestens seit dem Baujahr 2023 das Gemisch problemlos. Ältere Wagen und Motorräder machen jedoch 77 Prozent aller benzinbetriebenen Fahrzeuge in Indien aus. Viele ihrer Besitzer müssen nun hohe Werkstattrechnungen für die Umrüstung bezahlen. Regierung streicht die Alternativen Ausweichen können sie nicht. Die Regierung hat reines Benzin und das alte E10-Gemisch komplett gestrichen. Mehrere Sorten parallel anzubieten, sei logistisch zu kompliziert, so die offizielle Begründung. Kritiker widersprechen und verweisen auf Brasilien: Dort wählen Autofahrer seit Jahrzehnten flexibel an der Zapfsäule. Opposition wirft Modi Einknicken vor Der Streit hat inzwischen die Politik erreicht. Oppositionsführer Rahul Gandhi wirft der Regierung vor, den Bürgern den Sprit aufzuzwingen. Arvind Kejriwal, Chef einer Oppositionspartei, führte einen großen Protestzug durch Delhi. Er bezichtigt Premierminister Narendra Modi, auf Druck der USA zu handeln. Washington wolle Indien eigenes Ethanol und Gen-Mais verkaufen. Die Sprit-Pflicht sei deshalb ein verdecktes Handelszugeständnis. Die Führung in Delhi blockte die Kritik anfangs ab. Inzwischen räumt sie zwar ein, dass ältere Motoren streiken und die Reichweite schrumpfen kann. Behörden verweisen jedoch auf den Fahrstil oder die Klimaanlage als weitere Faktoren für den Verbrauch. Zweifelhafte Vorteile für die Bauern Auch der vermeintliche Vorteil für die Landwirtschaft steht infrage. Zwar boomt die Biosprit-Industrie. Rund 500 Destillerien produzieren jährlich 10,5 Milliarden Liter. Und fast die Hälfte davon stammt aus Mais, der Rest aus Reis, Zuckerrohr und Melasse. Doch die Bauern spüren wenig vom Boom. Im Gegenteil: Indien importiert mittlerweile sogar Mais. Außerdem erhalten die Bauern für ihren Mais immer denselben Preis – ganz gleich, ob er beispielsweise als Tierfutter oder für Ethanol verwendet wird. Tank oder Teller Zudem entbrennt eine Debatte um Nahrungsmittel. Der Vorwurf: Rohstoffe landen im Tank statt auf dem Teller. In einem Land, das Hungersnöte erlebt hat, stößt Sprit aus Grundnahrungsmitteln auf harten Widerstand. Kritiker bemängeln zudem den enormen Durst der Pflanzen: Der Anbau verschlingt riesige Mengen an Wasser. Selbst der Chefberater der Regierung für Wirtschaftsfragen plädiert dafür, das alte E10-Gemisch vorübergehend wieder zuzulassen. Das soll gelten, bis die alten Autos umgerüstet sind. Die Regierung zeigt bislang jedoch keine Bereitschaft, vom E20-Programm abzurücken.
