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Ukraine: Außenminister Wadephul in Charkiw – sie trotzen Putins Terror

Johann Wadephul reist nach Charkiw, direkt in die Nähe der Front im Ukraine-Krieg. Dort trifft er auf Menschen, die inmitten der Schrecken des Krieges versuchen, ihren Alltag zu leben – und die trotzdem den Mut nicht verlieren. Patrick Diekmann berichtet aus Charkiw in der Ukraine Die Ukraine ist groß, und doch wohnen in dem Land nicht sehr viele Menschen. Dieser Eindruck drängt sich auf dem Weg mit dem Auto von Kiew nach Charkiw im Nordosten des Landes häufig auf. Riesige Felder mit Sonnenblumen, Mais und Weizen säumen den Weg, auch viele Bäume. Größere Städte, gar Häuser, gibt es dagegen nur wenige. Erst kurz vor der Westgrenze der Stadt Charkiw ändert sich das Bild: Statt endlos scheinender Ackerflächen mehren sich rechts und links der Straße ausgebrannte Tankstellen. Die Zerstörung ist allgegenwärtig. An vielen dieser Tankstellen haben Explosionen nicht mehr viel übrig gelassen: Es fehlen Fenster, Dächer hängen herunter, das Wenige, was noch steht, ist meist schwarz verkohlt, vom Feuer gezeichnet. Schuld daran ist die geografische Nähe zu Russland . Es wirkt wie ein Rachefeldzug. Seit Monaten greift die Ukraine erfolgreich Russlands Rohstoffwirtschaft an. Die Logik des Kreml: Wenn die Ukraine für lange Schlangen an russischen Tankstellen sorgt, dann lässt der Kreml eben ukrainische Tankstellen mit ballistischen Raketen sprengen. Der Oblast Charkiw ist dafür ein logisches Ziel. Wenn eine russische Rakete am Himmel entdeckt wird, haben Menschen nur eine Minute Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Manchmal seien es auch nur 30 Sekunden, berichten Anwohner und Bürgermeister Ihor Terechow dem deutschen Außenminister Johann Wadephul und seiner Delegation am Sonntag. Wadephul ist seit seinem Amtsantritt das erste Mal direkt an die Front im Ukraine-Krieg gereist. Hier ist der Krieg seit Jahren fester Bestandteil des Alltags vieler Menschen. Leid und Zerstörung sind allgegenwärtig. Der Außenminister trifft auf Menschen, die vor diesem Schrecken trotzdem nicht fliehen. Die sich mit den Kriegsfolgen arrangieren und jeden Tag um einen geregelten Alltag kämpfen – immer bis zum nächsten Luftalarm. Wadephul in der Ukraine: Dann schlagen die Raketen ein Kriege und Krisen treffen Indien : "Die Abkehr findet längst statt" Millionenstadt in Angst Charkiw ist Frontstadt. Das wird schon bei der Einfahrt in die zweitgrößte Stadt der Ukraine deutlich. An vielen Straßen stehen große Panzersperren, es gibt Checkpoints, an denen Soldaten Autos kontrollieren. An einigen Straßen gibt es Türme mit Schießscharten und über einige Gebäude sind große Netze gespannt, die Drohnen abhalten sollen. Die Straßen sind auffallend leer. Es ist noch früh an diesem Sonntag, gerade einmal halb neun am Morgen. In der Stadt leben nach offiziellen Angaben trotz Krieg noch immer 1,4 Millionen Menschen. Die Nähe zu Russland und zum Krieg führt dazu, dass sie ihren Alltag vor allem zu Hause verbringen. Auf den Straßen ist viel Polizei. Militär und auch Geheimdienstangehörige melden umgehend jede Person, die verdächtig erscheint. Die Nerven der Menschen in Charkiw sind angespannt – und das ist durchaus berechtigt. Etwa alle 20 Minuten gibt es an diesem Tag Luftalarm. Der Alarm ertönt nicht nur über Mobiltelefone, sondern auch über große Sirenen, die quer durch die Stadt im Dauereinsatz sind. Nach Beginn der russischen Vollinvasion waren in der Region bis Mai 2022 sogar russische Heckenschützen im Einsatz. An diesem Sonntag feiert die Ukraine den "Tag der Staatsflagge". Um neun Uhr soll die ukrainische Flagge an einem riesigen Mast am Ufer des Lopan gehisst werden. Beim Festakt wird zunächst – wie es jeden Morgen um 9 Uhr in der Ukraine üblich ist – der gefallenen Soldaten gedacht. Etwa 40 Menschen, darunter Wadephul und Oberbürgermeister Terechow, sind zum Festakt gekommen. Einige Männer tragen Uniform, neben dem Fahnenmast stehen zwei Soldaten mit Maschinengewehr. Es wird salutiert. Regelmäßig ertönen die Sirenen, Luftalarm. Doch die Anwesenden reagieren darauf nicht. Stattdessen legen sie ihre Hand aufs Herz, als ihre Nationalhymne gespielt wird. Nach dem Ende des Festaktes bitten einige Teilnehmer Wadephul noch um ein Foto. Ein Mann in Uniform bedankt sich für die deutsche Unterstützung im Krieg. Dann sagt er: "Wir werden nicht vergessen, was unser Nachbar uns angetan hat." Studierende leiden unter Krieg Der nächste Termin führt Wadephul in die Nationale Karasin-Universität. Auch die Studierenden sind Opfer des Krieges. Einige haben Verwandte, die ihr Leben als Soldaten verloren. Andere berichten darüber, wie sehr der Krieg ihren Alltag und ihr Studium bestimmt. Victoria Besedina ist 21. Sie studiert Germanistik und war im Rahmen ihres Studiums auch schon an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sie mag Deutschland, aber sie sei vor allem wegen ihrer Familie zurückgekommen. "Und, weil ich meine Heimat liebe", sagt sie. Charkiw sei sauber, es gebe schöne Parks und auch die Universität sei gut. Trotzdem leidet auch sie unter der Kriegssituation. Ein normales Leben ist für junge Erwachsene kaum möglich. Verleria Tryzna, die ebenfalls Germanistik studiert, erzählt, wie der Krieg ihren Alltag bestimmt. Mal steckt vor dem Hauseingang der 22-Jährigen ein Raketenteil im Boden, ein anderes Mal fliegt eine Drohne über dem Bus, in dem sie sitzt, und schießt plötzlich. "Ich hatte solche Angst." Tryzna macht gern Sport oder geht ins Kino. "Mein letzter Film war 'Spiderman'", erzählt die Studentin. Sie scherzt: "Manche Filme sind so lang, dass es gar nicht schlimm ist, wenn sie einige Minuten unterbrochen werden." Doch der Hintergrund ist ernst: Bei Luftalarm stoppen die Kinos in Charkiw den Film. Tryzna erzählt, dass sie dann sitzen bleibt, keinen Schutzraum aufsucht, sondern wartet, bis der Film fortgesetzt wird. Das ist ein Risiko, das viele so wie sie eingehen, um nicht verrückt zu werden. Würde jeder Alarm ernst genommen, könnte niemand mehr eine Nacht durchschlafen, sagt sie. Vor allem das Sozialleben leidet durch den Krieg. "Klubs gibt es hier nicht mehr", erzählt Besedina. Es gibt eine Sperrstunde in Charkiw. Die Menschen müssen spätestens um 0 Uhr zu Hause sein, vor 5 Uhr dürfen sie das Haus ohne Sondergenehmigung nicht mehr verlassen. "Wir haben uns an die Situation gewöhnt", sagt sie. Aber da auch Unikurse ausschließlich digital stattfinden, "bleiben alle immer zu Hause". Ein Dozent unterrichtet sogar aus Deutschland. Tryzna nickt: "Wir machen alles am Computer. Ich kenne niemanden aus meinem Masterprogramm." Dass das Studium ausschließlich online stattfindet, hat einen Grund: Die Karasin-Universität geriet 2024 direkt unter Beschuss. Eine Rakete schlug vor dem Hauptgebäude ein, viele Fenster barsten. Seither finden nur noch Studiengänge wie Medizin oder andere Naturwissenschaften in Präsenz statt, der Rest der rund 12.000 Studierenden sieht die Universität nur noch selten von innen. Ukraine als Vorbild Doch das soll sich bald ändern, wie die Universitätsleitung dem deutschen Außenminister bei seinem Besuch erklärt. Die Hochschule eröffnet im September einen neuen Gebäudekomplex. Unterricht in Präsenz kann dann für 2.500 Studierende unterirdisch stattfinden. Das ist keine langfristige Lösung, aber zumindest eine Erleichterung. Statt zurückzuweichen, kehrt man zurück. Wadephul beeindruckt das, wie er selbst sagt. Es ist eine zentrale Erkenntnis der Reise des deutschen Außenministers in den Nordosten der Ukraine: Nicht nur Luftverteidigungssysteme sind wichtig oder wer an der Front militärisch die Oberhand hat. Sondern auch, dass sich Städte wie Charkiw so gut wie möglich an die Situation anpassen und ihre Infrastruktur schützen. Das wird Wadephul auch beim nächsten Termin demonstriert. Erst fährt er zu einem Kraftwerk, welches mit dicken Mauern und Beton vor russischen Drohnen und Raketen geschützt wird. Danach besucht er ein U-Bahn-Depot, welches von 16 Iskander-Raketen zerstört wurde. Wadephul inspiziert eine getroffene U-Bahn, die Zerstörung ist verheerend. Auch dieses Depot wird die Ukraine unter die Erde verlegen. Wadephul ist überzeugt: Davon kann Deutschland lernen. Der Außenminister war in die Ukraine gekommen, um für mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit für das von Russland angegriffene Land zu werben. Aus Charkiw reist er auch mit dem Gefühl ab, dass sich viele europäische Länder mit Blick auf die Kreativität im Umgang mit Krisen, die Resilienz der Bevölkerung und den technologischen Fortschritt etwas von der Ukraine abschauen können. Genau diese Erkenntnis möchte er nun auch nach Deutschland tragen.