Machtkampf bei VW: Pfiffe für VW-Vorstand – "Volkswagen gehört auch uns"
Bei Volkswagen in Wolfsburg geht es zum Auftakt der Betriebsversammlungen hoch her. In der Stadt kämpfen die Menschen um mehr als nur ein Unternehmen. Wer eine Stadt sehen möchte, die mit einem Konzern untrennbar verschmolzen ist, der sollte nach Wolfsburg gehen. Am Dienstagvormittag, zu Beginn des Showdowns zwischen dem VW-Vorstand und der Belegschaft , ist das genauso gut zu beobachten wie an jedem anderen Tag. Das Stammwerk von Volkswagen ist das dominierende Gebäude der Stadt, die Türme des Werkes sind deutschlandweit bekannt. Hier leben 130.000 Menschen, allein bei VW arbeiten 60.000. Alles andere sortiert sich naturgemäß um dieses Werk herum. Es wimmelt in Wolfsburg von Fahrzeugen der VW Group, die Stadt gleicht teilweise einem einzigen, riesigen Parkplatz, um die Autos der Mitarbeitenden aufzunehmen. Am Bahnhof prangt Werbung für die aktuelle Produktlinie, in der örtlichen Touristeninformation gibt es allerlei VW-Merchandise zu kaufen: eine Thermoskanne, Modellautos in verschiedenen Ausführungen, Beutel, Hoodies. Im Sommer gehen die Wolfsburger im VW-Bad schwimmen oder besuchen das VW-Automuseum oder die Autostadt. Wolfsburg und Volkswagen sind so eng miteinander verzahnt, dass man die beiden im Kopf irgendwann durchmischt: Wolfswagen, ach nee, Volksburg. Volkswagen-Chef Blume will noch mal 50.000 Stellen abbauen In dieser Schicksalswoche geht es für die Wolfsburger deshalb um mehr als nur um ein Unternehmen. Es geht um das Wohlergehen ihrer Stadt und einer ganzen Region. Im Bundesland Niedersachsen arbeitet jeder Fünfte bei VW. Das soll sich nach den Wünschen der Konzernspitze jetzt ändern . 50.000 Stellen sollen konzernweit auf der Kippe stehen, zusätzlich zu dem bereits vereinbarten Stellenabbau von 50.000 bis 2030. Zudem sollen erstmals in Deutschland Werke geschlossen werden – das hatte der Vorstand 2024 noch ausgeschlossen. Die Standorte Emden , Zwickau , Hannover und Neckarsulm (Audi) haben demzufolge keine Zukunft. Am Dienstagmorgen sind deshalb zum Auftakt der außerordentlichen Betriebsversammlungen bei VW 10.000 Beschäftigte in die Zentrale gekommen, einige sogar, obwohl sie freihaben – eine Blechlawine ins Ungewisse. Kurz vor neun Uhr stauen sich vor dem VW-Tor Sandkamp die Autos, die Parkplätze rund um das Werk sind schon voll. Dabei gibt es extra Shuttlebusse für diejenigen, die von außerhalb anreisen. Doch auch die sind voll. Manche, die sonst mit dem Auto kommen, sind heute lieber mit Rad oder Roller unterwegs. Kaum einer der Beschäftigten will etwas zu seiner Stimmung sagen. "Na ja, wie soll die sein?", fragt einer, der auch lieber schnell weiterwill. Eine andere lacht nur und schüttelt den Kopf, als sie auf den Vorstand angesprochen wird. Ein dritter sagt, er sei erst jetzt aus dem Urlaub zurückgekehrt, es sei seitdem sein erster Tag im Werk. "Deswegen bin ich selbst auch gespannt, wie es wird." Namen will keiner nennen – die Jobs sind schon unsicher genug. Es ist, als hielte eine Stadt gespannt die Luft an. Kommt jetzt der große Knall? Buhrufe und Pfiffe für VW-Vorstand Um 9.30 Uhr ist es dann plötzlich wie ausgestorben. Wo sich eben noch Volkswagen an Volkswagen reihte, ist die Straße leer. In Halle 11 startet die Betriebsversammlung. Medien sind nicht zugelassen. Es gibt nicht ausreichend Platz für alle, einige müssen deshalb vor der Halle die Versammlung auf Bildschirmen verfolgen. Drinnen soll es dann sehr zur Sache gegangen sein, wie Teilnehmer später berichten. Als der Vorstand um Oliver Blume auf der Bühne erschien, habe es "Buhrufe und Pfiffe" gehagelt, erzählt ein Sprecher der Gewerkschaft IG Metall nach der Versammlung. In der Halle hätten Vertrauensleute, die sich in einer 60 Meter langen Schlange vor der Konzernführung aufgestellt hatten, Plakate in die Höhe gehalten: "Unsere Jobs sind nicht Eure Bilanzkorrektur", stand auf einem; "Wölfe sind Rudeltiere", auf einem anderen in Anspielung auf den Heimatort. Blumes Erklärungen fielen laut einer Mitteilung des Konzernbetriebsrats dürftig aus. Er habe kaum etwas gesagt, was nicht schon medial verbreitet wurde, erzählt ein Betriebsrat. Nur die Info, dass etwa die Hälfte der 50.000 zu streichenden Stellen auf Deutschland entfallen solle, sei neu gewesen. "Sämtliche relevanten Informationen darüber, was der vom Vorstand vorangetriebene zusätzliche Personalabbau konkret für Marken und Gesellschaften und auch für das Stammwerk heißen soll, fehlen weiterhin", so der Betriebsrat. VW-Betriebsrat geht Vorstand hart an Während Blume ausgebuht und ausgepfiffen wurde, gab es laut Teilnehmern "tosenden Applaus" für die Ausführungen von Daniela Cavallo, der Betriebsratschefin bei VW. Sie teilte Blume unmissverständlich mit, was die Beschäftigten mittlerweile von ihm halten: "Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten." Sie kritisierte die fehlenden Details zum geplanten Stellenabbau , der "vielleicht an der Börse gut ankommt", aber vor der Belegschaft erklärungsbedürftig sei. Antworten auf drängende Fragen – wie, wo, wann und wer – fehlten. "Nein, das alles sagt man uns nicht. Aber man sagt: 50.000 wären es 'ohne Veränderung der Arbeitskosten'", so Cavallo weiter. Das bedeute eigentlich: "Liebe Beschäftigte, wenn Ihr es für die Hälfte der Bezahlung macht, wollen wir nur 25.000 rausschmeißen." Cavallo soll dem VW-Chef einen harten Kampf angekündigt haben: "Volkswagen gehört wegen seiner Geschichte auch uns, den Beschäftigten." Man habe ein Anrecht auf gute Arbeitsplätze, auf Perspektiven und Standortregionen. Auch dafür soll es langen Applaus gegeben haben. IG Metall braucht Volkswagen Aber nicht nur für die VW-Beschäftigten beginnt an diesem Dienstagvormittag der Kampf. Die Gewerkschaft IG Metall ist fast genauso eng mit Volkswagen verzahnt wie die Stadt Wolfsburg selbst. 90.000 Mitglieder gibt es nach Gewerkschaftsangaben in der Stadt, damit ist die Wolfsburger Geschäftsstelle, die direkt gegenüber vom VW-Werk liegt, die mitgliederstärkste in Deutschland. Während der Betriebsversammlung flackert dort auf einem riesigen Bildschirm ein Bild des VW-Werks mit der Aufschrift: "Vorstände versagen, Beschäftigte sollen zahlen. Nicht mit uns." Daneben ragt eine rote Faust in die Höhe. Deutlicher kann man kaum werden. Im IG-Metall-Büro ist zu dieser Zeit nur eine Sekretärin zu erreichen. Alle anderen sind im Werk, fühlen sich der Belegschaft zugehörig, als stünden sie selbst am Band. Für die Gewerkschaft geht es nicht nur um Arbeitsplätze und Standorte, sondern auch um ihre Macht, um ihr eigenes wirtschaftliches Überleben. Ohne die IG Metall passiert bei Volkswagen gar nichts, das ist die Botschaft. Aber das gilt auch andersherum: Ohne VW und die Beschäftigten des Unternehmens wäre die IG Metall nur ein Schatten ihrer selbst. Das erklärt auch, warum der VW-Vorstand Medienberichten zufolge eine Option vorbereiten soll, die die Macht der IG Metall begrenzen könnte . Am 4. September findet die nächste Aufsichtsratssitzung statt. Im Aufsichtsrat sitzen neben Vertretern der Anteilseigner und der Belegschaft auch drei der IG Metall. Sollte es dann keine Einigung geben, könnte Blume eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Das Ziel: die Sonderrechte der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen aushebeln. Ob das rechtlich geht, ist unklar. Der Kampf würde damit also auch die Gerichte beschäftigen. Zum Mittag ist es wieder still Um 11 Uhr ist die Versammlung schließlich vorbei, die Menschen strömen aus der Halle, gehen zurück an ihre Schreibtische, in die Werkshallen, einige haben sich für die Mittagspause etwas zu essen bestellt, der Pizzabote erscheint pünktlich am Werkstor. Diejenigen, die eigentlich freihaben, kehren zurück zu ihren Autos, zu den Shuttles, die sie wieder fortbringen. Um 11.15 Uhr herrscht wieder Stau auf Wolfsburgs Straßen. Kurz darauf sind die Straßen wieder leer. Für Blume geht es weiter zu den nächsten Versammlungen, Wolfsburg war erst der Anfang. Am Mittwoch folgen Emden und Zwickau. Die Ohrstöpsel, die dem Konzernvorstand im Vorfeld der ersten Betriebsversammlung übergeben wurden, hätte er dieses Mal nicht gebraucht, erzählen Teilnehmer. "Das wird an den anderen Standorten anders sein", glaubt der IG-Metall-Sprecher.
