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Berliner Schülerin wohl zur Zwangsheirat verschleppt – Kampf um Rückkehr

Eine Berliner Schülerin verschwindet in den Sommerferien, um offenbar zwangsverheiratet zu werden. Der Kampf um ihre Rückkehr ist mühsam – und bislang erfolglos. Es ist ein Tag mitten in den Sommerferien. Paul Bernd*, Lehrer in einer Schule in Berlin, ist gerade mit seiner Familie im Urlaub, als eine WhatsApp-Nachricht auf seinem Handy aufploppt. Es ist eine seiner Schülerinnen. Was dann folgt, beschäftigt den Lehrer bis heute. "Sorry, dass ich Sie störe", schreibt Farah* ihrem Lehrer Bernd in der ersten Nachricht. Die Korrespondenz liegt t-online vor. Sie brauche Hilfe, so Farah weiter. Ihre Eltern hätten sie unter dem Vorwand, Urlaub zu machen, nach Syrien bringen wollen. Dort solle sie zur Heirat gezwungen werden. Doch der damals 16-Jährigen sei die Flucht gelungen, schreibt sie ihrem Lehrer. Ihre Eltern hätten ihr gesagt, sie würden an einen Strand in Beirut im Libanon fahren. "Als wir in Beirut angekommen sind, habe ich im Auto die Schilder nach Syrien gesehen", so Farah in einer WhatsApp-Nachricht. Sie habe gewartet, bis das Auto anhielt. "Dann bin ich abgehauen." 2017: 570 Fälle von Zwangsverheiratungen aus Berlin Farahs Schicksal ist kein Einzelfall. Laut einer neuen Studie des Forschungsinstituts "Camino" gaben zahlreiche befragte Einrichtungen an, mit Fällen von Zwangsverheiratung befasst gewesen zu sein. Insgesamt wurden für das Jahr 2024 181 Fälle angegeben, die einen Bezug zu Berlin aufweisen. Jedoch können dort auch Doppelzählungen vorkommen. Eine ältere Erhebung des Berliner Arbeitskreises zählte für 2017 insgesamt 570 Fälle von Zwangsverheiratungen in und aus Berlin. Rund ein Drittel der betroffenen Mädchen und Frauen sei minderjährig gewesen, heißt es in dem Bericht. In fast 90 Prozent der Fälle würden die Frauen ins Ausland gebracht und dort zwangsverheiratet. Farahs Fall ist ein Beispiel für den Begriff der Heiratsverschleppung. Laut der Definition des Bundesministeriums für Familie werden so Fälle bezeichnet, in denen eine junge Frau oder ein junger Mann in das Herkunftsland der Familie reist und "dort gegen den eigenen Willen verheiratet wird und leben soll". Dazu wird oft, wie auch in Farahs Fall, eine Ferienreise vorgetäuscht. Viele Frauen würden nach Angaben des Berliner Arbeitskreises trotz einer Vorahnung mit der Familie ins Ausland gehen. Sie glauben, sich vor Ort noch erfolgreich dagegen zur Wehr setzen zu können. "Dies ist aber in der Regel nicht der Fall: Ihnen werden Pass, Bargeld und Handy abgenommen", heißt es in dem Bericht des Arbeitskreises. Behördenkarussell: Farah sitzt im Libanon fest Auch Farahs Vater soll vor dem "Urlaub" ihren Reisepass an sich genommen haben, erzählt Farah ihrem Lehrer. Die Fachberatungsstelle Papatya, die mit Farah in Kontakt steht, bestätigt das t-online. Nach ihrer Flucht sei sie bei entfernten Verwandten untergekommen. Für Farah und ihren Lehrer habe dann eine Odyssee durch die Behörden begonnen. Jugendamt, Auswärtiges Amt, der Internationale Soziale Dienst, Papatya und die deutsche Botschaft im Libanon wurden eingeschaltet. Auf Nachfrage der Regionalredaktion von t-online in Berlin teilte die deutsche Botschaft im Libanon mit, der Sachverhalt sei bei den zuständigen Stellen bekannt und befinde sich in Prüfung und Bearbeitung. Dennoch würden zu laufenden Vorgängen "grundsätzlich keine öffentlichen Auskünfte erteilt". Papatya ist eigenen Angaben zufolge vom Jugendamt und dem Lehrer Bernd eingeschaltet worden. Deren Aufgabe sei es gewesen, den Kontakt zur Schülerin aufrechtzuerhalten sowie Möglichkeiten der Rückführung mit den zuständigen Behörden abzuklären. Die Kommunikation habe sich sowohl für Papatya als auch für den Lehrer als teilweise schwierig erwiesen. "Ich wusste nie, ob sie sich am nächsten Tag noch einmal meldet" Farah soll für den Lehrer nur über WhatsApp erreichbar gewesen sein. "Ich wusste nie, ob sie sich am nächsten Tag noch einmal meldet", sagt Bernd. Nach wenigen Wochen habe das Jugendamt das Sorgerecht für Farah übernommen. Auch Papatya bestätigt das t-online. Mona Siegert*, Geschäftsführerin von Papatya, sagt: "Fälle von erfolgter Verschleppung ins Ausland gehören zu den schwierigsten und belastendsten Konstellationen in der Beratungsarbeit." Trotz der Bemühungen dauerte es laut dem Lehrer länger, bis Bewegung in den Fall kam. Aus Wochen seien Monate geworden. Siegert* sagt: "Ohne gültige Papiere war eine Ausreise aus dem Libanon nicht möglich". Schließlich bekam Farah neue Dokumente, mit denen sie nach Deutschland zurückkehren könnte. Keine Rückkehr möglich: "Das war ein Witz" Ein Lehrerkollege von Bernd buchte ihr daraufhin einen Flug. Doch Farah durfte nicht aus dem Libanon ausreisen. Der Grund: Als Minderjährige hätte sie die Erlaubnis ihres Vaters gebraucht. "Das war ein Witz", sagt Bernd. Die Zeit für eine Rückreise sei danach immer knapper geworden, denn die Dokumente waren nur für eine kurze Zeit gültig. Farah habe dann, so schreibt sie es Bernd via WhatsApp, wenig später auf eigene Faust versucht, einen Rückflug anzutreten. Sie fuhr erneut zum Flughafen. "Da hat man sie wieder weggeschickt", sagt Bernd. Ein Problem für die Rückkehr ist auch, dass Farah keine deutsche Staatsbürgerschaft hat. Damit verfügt die Botschaft über weniger Einfluss auf die libanesischen Behörden. Zwei Rückschläge: Farah war "komplett am Boden" Bernd erzählt, wie sich die Unsicherheiten auf Farah auswirkten. Nach dem zweiten Rückschlag sei sie "komplett am Boden" gewesen. Er sagt: "Das war emotionale Arbeit ohne Ende". Der Lehrer fühlt sich mitverantwortlich für seine Schülerin. Jetzt gehe es aber darum, dass die Botschaft ihr die neuen Dokumente ausstelle. Wann Farah wieder nach Deutschland kommen kann, bleibt ungewiss. Unklar ist außerdem, ob sie überhaupt nach Berlin zurückkommt. Bernd geht davon aus, dass Farah nach einer erfolgreichen Rückführung anonym im Bundesgebiet untergebracht werde. Denn auch Farahs Vater lebt wieder zeitweise in Berlin. "Ich weiß nicht, wie vernetzt er ist und ob er nicht einen Hinweis bekommen könnte, dass sie wieder da ist", sagt Bernd. Seit einem Jahr wartet Farah nun darauf, zurückkehren zu können. "Die Situation ist sehr frustrierend", sagt Bernd. Doch er bleibe weiter dran. "Ich muss noch ein Versprechen einlösen. Sie konnte ja nicht zum Abschlussball, das wird dann nachgeholt." *Alle Namen wurden aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.