VW-Sparkurs: Weniger Modelle, weniger Optionen, mehr Gleichteile
Volkswagen will mit einem umfassenden Sparprogramm aus der Krise kommen. Die Folgen werden nicht nur die Beschäftigten spüren. Auch für Autokäufer ändert sich einiges. Der Volkswagen-Konzern treibt seinen Sparkurs voran. Der Aufsichtsrat hat dem Zukunftsplan 2030 des Vorstands einstimmig zugestimmt. Vorgesehen sind unter anderem der Abbau von rund 50.000 Stellen weltweit und geringere Investitionen. Für die Werke in Emden , Zwickau , Hannover und Neckarsulm (Audi) kann der Konzern zudem ab den Jahren 2031 bis 2034 keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gewährleisten. Die Veränderungen reichen jedoch bis zum einzelnen Neuwagen und dürften auch in Konfiguratoren und im Autohaus sichtbar werden. Diese VW-Modelle stehen vor dem Aus Das weltweite Modellprogramm außerhalb Chinas soll in den kommenden Jahren schrittweise halbiert werden. Der Umbau hat bereits begonnen. Den Familienvan Touran hat Volkswagen ohne Nachfolger eingestellt , das letzte Exemplar lief im April vom Band. Auch für den Touareg sieht es nach den bisherigen Planungen nicht nach einer weiteren Generation mit Verbrennungsmotor aus – denkbar ist hier aber eine Elektroversion . Das T-Roc Cabriolet wird ebenfalls eingestellt, während das geschlossene SUV in einer neuen Modellgeneration weiter angeboten wird. Daneben gelten zwei jüngere Modelle als gefährdet. Das elektrische SUV-Coupé ID.5 könnte entfallen, wenn das geplante Update des ID.4 kommt. Auch die Zukunft des Taigo ist fraglich. Der kleine Crossover und enge Verwandte von T-Cross und Polo wird ausschließlich mit Verbrennungsmotor angeboten, eine elektrische Variante gibt es nicht. Die Überprüfung der Modellprogramme könnte sich zudem nicht nur auf die Kernmarke Volkswagen beschränken, sondern sogar eine ganze Marke treffen: Unbestätigten Quellen zufolge könnte Seat bis 2029 vom Markt verschwinden. Auch bei den übrigen Konzernmarken stellt sich im Zuge der geplanten Verkleinerung des Angebots die Frage, welche Modelle ausreichend Käufer finden und wo sich Fahrzeuge aus dem eigenen Konzern gegenseitig Konkurrenz machen. Das bedeutet nicht, dass VW keine neuen Fahrzeuge mehr entwickelt. Rund zehn neue oder grundlegend überarbeitete Modelle sollen in den kommenden Jahren auf den Markt kommen. Sie sollen jedoch stärker als bisher auf gemeinsam genutzter Technik aufbauen. Weniger Auswahl im Konfigurator Nicht nur ganze Autos stehen zur Disposition. Volkswagen will auch die Zahl der Varianten innerhalb einzelner Modelle deutlich verringern. Die Anzahl der frei wählbaren Ausstattungsoptionen soll um bis zu 75 Prozent sinken. Statt zahlreicher Einzeloptionen will der Konzern stärker auf vorkonfigurierte Ausstattungspakete setzen. Damit verabschiedet sich Volkswagen zumindest teilweise von einem Prinzip, das deutsche Hersteller lange gepflegt haben: Kunden konnten ihr Auto mit einer großen Zahl von Einzeloptionen zusammenstellen. Diese Vielfalt verursacht jedoch Kosten. Unterschiedliche Ausstattungen müssen entwickelt, geprüft, produziert und vorgehalten werden. Hersteller wie Tesla und BYD verfolgen bereits seit Längerem ein anderes Prinzip. Sie beschränken ihr Angebot stärker auf wenige Modelle und Varianten und können dadurch größere Stückzahlen mit weitgehend identischer Technik produzieren. Eine Rolle spielt hier auch die wachsende Bedeutung der Software. Je einheitlicher die zugrunde liegende Hardware ist, desto geringer wird die Zahl unterschiedlicher technischer Konfigurationen, die ein Hersteller bei Entwicklung, Fehlerbehebung und Softwareupdates berücksichtigen muss. Standardisierung kann damit nicht nur die Produktion vereinfachen, sondern auch die Entwicklung der Fahrzeuge. VW reduziert Zahl der Sitze, Scheinwerfer und Felgen Noch deutlicher wird der Umbau bei Bauteilen, die Kunden teilweise gar nicht oder erst auf den zweiten Blick wahrnehmen. Nach Informationen aus einer Investorenpräsentation, über deren Details "Motor1" berichtete, will Volkswagen die Zahl verschiedener Bauteile reduzieren . Bei den Volumenmarken Volkswagen, Skoda, Seat, Cupra und VW Nutzfahrzeuge soll etwa die Zahl der Scheinwerferkomponenten um bis zu 60 Prozent sinken. Die Zahl unterschiedlicher Frontstoßfänger soll halbiert werden, bei den Hauptmodulen für Sitze ist eine Reduzierung um 30 Prozent vorgesehen. Bei einigen Premiummarken fallen die Einschnitte noch größer aus. Bei Audi , Bentley und Lamborghini soll die Zahl der Varianten von Sitzkomponenten laut der Präsentation um 90 Prozent sinken. Bei Lenkrädern ist eine Verringerung um 60 Prozent vorgesehen, die Auswahl an Leichtmetallrädern soll sich halbieren. Dahinter steckt das Prinzip der Gleichteile: Je häufiger Marken und Modelle dieselben Komponenten verwenden, desto weniger Varianten muss der Konzern entwickeln und produzieren. Das spart Kosten, aber gleichzeitig entsteht für den Konzern ein Balanceakt. Je stärker sich Fahrzeuge die technische Basis und einzelne Komponenten teilen, desto wichtiger wird deshalb ihre Unterscheidbarkeit an anderen Stellen. Design, Innenraum, Abstimmung, Ausstattung und Positionierung müssen gewährleisten, dass beispielsweise ein Volkswagen, Skoda, Cupra oder Audi für Kunden weiterhin als eigenständiges Angebot erkennbar bleibt. Der ID. Polo zeigt das neue Prinzip Was das für Kunden bedeuten kann, zeigt sich bereits beim neuen ID. Polo und seinen Verwandten wie ID. Cross oder Skoda Epiq. Bei ihnen werden etwa Schalter und Heizmatten für die Sitzheizung in alle Fahrzeuge eingebaut. Volkswagen benötigt dadurch nicht unterschiedliche Sitzvarianten für Autos mit und ohne diese Ausstattung. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Käufer die Sitzheizung automatisch nutzen kann. In der Basisversion kann die bereits eingebaute Technik zunächst deaktiviert bleiben. Wer die Funktion nutzen möchte, muss sie später kostenpflichtig freischalten. Der Sparkurs verändert damit nicht nur die Art und Weise, wie Volkswagen seine Autos entwickelt und produziert. Für Kunden wird er bereits bei einer viel einfacheren Frage sichtbar: welche Autos und welche Ausstattungen künftig überhaupt noch zur Auswahl stehen.
