25 Jahre nach 9/11: Wie ein Fotograf den 11. September in Manhattan erlebte
Holger Biermann war 27 und mit einem Journalistenstipendium in New York, als der Anschlag vom 11. September geschah. Wie er den Tag erlebte, schildert er hier. Es ist Zufall, dass ich am Morgen des 11. September ganz früh in die Redaktion gehe, um mit dem Chefredakteur des Mediums, für das ich als Freier schreibe, über mögliche Geschichten zu sprechen. Ein halbes Jahr ist seit meiner Ankunft in New York vergangen. Dass irgendetwas passiert sein muss, spüre ich schon in der U-Bahn. Im Waggon ist die Stimmung ernst und die Leute tuscheln. Es habe einen Unfall am World Trade Center gegeben. Ein Flugzeug sei verunglückt. Im Juli 1945 war so etwas schon einmal passiert. Damals war ein unbewaffneter B-25-Bomber bei dichtem Nebel versehentlich ins Empire State Building geflogen. In der Redaktion weiß man auch nicht viel mehr. Sie sagen mir, ich solle mal hingehen und mir das ansehen. Also mache ich kehrt und ziehe wieder los. Mit der U-Bahn fahre ich bis zur 18. Straße, wo der Zug plötzlich stoppt. Über die Lautsprecheranlage kommt die Durchsage, dass der gesamte Verkehr aufgrund technischer Störungen eingestellt ist. Also steige ich die Treppen hoch und laufe zu Fuß weiter gen Süden. Ich kenne die Strecke. Die Twin Towers habe ich erst vor ein paar Monaten besucht. Am letzten Montag im Mai, Memorial Day, bin ich allein hinauf auf die Besucherterrasse im 110. Stock gefahren und habe runter auf die City bei Nacht geschaut. Ein großartiger Anblick war das: Ich sah die vielen bekannten Wege, Unendlichkeit in alle Richtungen. Anschließend nutzte ich noch die Gelegenheit, um von dort einen Lichtgruß ins All zu senden – ein Service, der umsonst angeboten wurde. Ich schrieb "Danke Sonne", da mir nichts Besseres einfiel. Ein Turm brennt wie eine Fackel Jetzt, als ich im Gehen das World Trade Center in der Ferne erkenne, fehlen mir ebenfalls die Worte – aus anderem Grund: Ein Turm ist bereits gefallen, der andere brennt wie eine Fackel mit enormem Rauch. Es ist unfassbar. Mir ist klar, dass ich eigentlich umdrehen sollte, aber ich tue es nicht. Wie ferngesteuert laufe ich weiter an diesem Spätsommertag. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, es weht kein Wind. Überall stehen Menschen auf der Straße, fassungslos schweigend oder am Telefon. Autos fahren keine mehr, viele stehen geparkt am Rand, nur Rettungswagen peitschen vorbei. Das alles wirkt surreal. Noch immer frage ich mich: Was ist hier nur passiert? Mit meinem Presseausweis komme ich problemlos durch die Polizeisperre. Ich gehe einfach weiter, bis ich – in diesem Moment zwischen zwei Blocks – plötzlich das laute Aufschreien von Passanten höre. Der zweite Turm stürzt in sich zusammen. Kurz darauf stehe ich in einer enormen Staubwolke. Da erst wache ich auf. Ich ziehe mein T-Shirt über die Nase und will raus. Aber wie? Und wo bin ich? Ich weiß nicht mehr, in welche Richtung ich überhaupt laufe. Ich bewege mich durch den Nebel vorbei an Polizisten, die mit Masken an ihren Autos stehen, vorbei an News-Fotografen, die im Laufschritt die Straßenseiten kreuzen. Ich spüre keine Angst Völlig erschöpfte Feuerwehrleute kommen mir entgegen und dazwischen immer wieder frisch geföhnte Passanten – auf dem Weg zur Arbeit? Es scheint so absurd, und ich realisiere erst jetzt, dass ich zwar wie immer in New York die Kamera dabei, aber keinen Film mehr habe. In einem Deli an der Ecke finde ich kurz darauf fünf Rollen Dia-Farbfilm. Was für ein Glück! So beginne ich zu fotografieren, während ich wie Zehntausende andere langsam, schweigend und von Polizisten geleitet über die Brooklyn Bridge Downtown verlasse, hinter uns steht die enorme Rauchsäule. Es ist keine Angst, die ich spüre. Ich weiß nur, dass etwas grundlegend nicht stimmt. Hier und dort höre ich Sätze wie "Ein Anschlag auch in Washington" oder "Das gibt Krieg". Aber was wissen wir schon in dem Moment? Das Internet ist abgeschaltet und auch per Telefon kann man niemanden mehr erreichen. Die U-Bahn steht weiterhin still und so entscheide ich mich bald, über die nahe gelegene Manhattan Bridge wieder ins Zentrum zurückzulaufen. Ich komme noch einmal in die Nähe der Anschlagsstelle und sehe das Haus 7 des World Trade Center in sich zusammenfallen. Die Angst kommt erst später Dann mache ich mich auf den Weg gen Norden. Ab der 14. Straße sind die Caféterrassen voll besetzt. Es scheint, als sei der halbe Stadtteil auf den Beinen, um über das Unglaubliche zu reden. Am Times Square mache auch ich eine Pause und lese auf den großen News-Laufbändern die Schlagzeilen. Da erst merke ich, dass ich voller Staub bin und meine Haare komplett weiß sind. Ich frage mich: Was habe ich da nur eingeatmet? Die Angst kommt erst in meinem Appartement. Ich träume in der Nacht von einer Atombombe, die in New York explodiert. Schweißgebadet wache ich auf. Mitarbeiter der Redaktion sind vorübergehend sogar nach Upstate New York geflüchtet und kehren erst Tage später zurück. Wochenlang liegt danach dieser besondere Geruch über der Stadt, von Downtown bis weit über die 72. Straße, eine Mischung aus Verbranntem, Metall und Staub. Mich irritiert er immer wieder. Ebenso wie die Kampfflugzeuge, die zeitweise über Manhattan patrouillieren, und all die US-Flaggen, die plötzlich gehisst werden. Der Anschlag verändert die Stimmung in der Stadt. In der U-Bahn machen Halbstarke plötzlich älteren Damen Platz. "United we stand", heißt der überall plakatierte Slogan der Stunde. Und wirklich, die New Yorker rücken für eine gewisse Zeit näher zusammen.
