Neuer Millionen-Rückruf bei VW – doch das ist erst der Anfang
Immer mehr Rückrufe, immer mehr betroffene Fahrzeuge. Der Eindruck ist eindeutig: Unsere Autos werden schlechter und schlechter. Doch das Problem ist ein ganz anderes. Schon wieder müssen Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt. Der aktuelle Rückruf bei Volkswagen zeigt, welche weitreichenden Folgen ein einzelner Fehler in der modernen Autoindustrie haben kann. Doch der eigentliche Wandel liegt noch viel tiefer. Autos werden nicht schlechter – sie altern anders Früher alterte ein Auto vor allem mechanisch: Rost setzte der Karosserie zu, Lager verschlissen, Dichtungen wurden porös, Motoren verloren mit den Jahren an Substanz. Langlebigkeit bedeutete deshalb vor allem, wie gut ein Fahrzeug diesen Verschleiß überstand. Heute kommt eine zweite Dimension hinzu: die Software. In modernen Fahrzeugen stecken Hunderte Millionen Zeilen Code. Diese Zahl wird durch das autonome Fahren nochmals deutlich steigen. Und mit ihr auch die Anfälligkeit. Das Problem: Digitale Systeme veralten rasant. Mobilfunknetze werden abgeschaltet, Apps verlieren ihre Kompatibilität, und Hersteller stellen irgendwann den Support für ältere Steuergeräte ein. Selbst wenn ein Auto mechanisch noch in bestem Zustand ist, verliert es so schleichend an Funktion – und damit massiv an Wert. Vom Bauteil zum System Über Generationen hinweg war die Qualität eines Autos greifbar: Standfeste Motoren, robuste Karosserien und ein solides Fahrgefühl standen für Haltbarkeit. Vor allem deutsche Autos kaufte man im festen Glauben an ein mechanisches Langzeitgut. Ging etwas kaputt, ließ sich der Defekt meist an einem konkreten Bauteil festmachen. Eine verschlissene Kupplung wurde ersetzt, ein undichtes Lager ausgetauscht. Heute funktioniert das immer seltener. Das moderne Auto ist ein vernetztes System aus Mechanik, Sensoren, Steuergeräten, Software und Cloud. Fehler entstehen deshalb kaum noch isoliert. Sie ergeben sich oft erst aus dem komplexen Zusammenspiel der Komponenten und können sich darin sogar verändern. Denn Software altert nicht durch Abrieb. Sie altert, wenn sich ihre Umgebung verändert. So kann die Mechanik noch jahrelang perfekt funktionieren, während die digitale Infrastruktur längst an ihre Grenzen stößt. Damit verändert sich nicht nur die Art der Fehler und der Suche nach ihnen, sondern das gesamte Verständnis von Langlebigkeit. Software wird zum Qualitätsfaktor Wie stark Software die Wahrnehmung von Zuverlässigkeit prägt, zeigt eine aktuelle Untersuchung des Datenanalyseunternehmens J.D. Power. Darin stieg die Zahl der Mängelmeldungen nach drei Jahren Besitzzeit auf den höchsten Stand seit Jahren. Hauptursache dafür ist das Infotainment: Mit fast 57 Problemen pro 100 Fahrzeuge führt es die Mängelstatistik deutlich an. Volkswagen in schwerer Krise: Das schmerzhafte Ende einer deutschen Gewissheit Obwohl die Studie den US-Markt abbildet, zeigt sie eine globale Entwicklung: Fahrzeugqualität bemisst sich zunehmend an Konnektivität und Bedienlogik – und an deren Fehlern. Das Spektrum reicht von eingefrorenen Displays bis zu Steuergeräten, die nur per Update korrigiert werden können. Für Kunden fühlt sich das Auto dadurch fehlerhaft an, selbst wenn es mechanisch einwandfrei läuft. Updates schaffen neue Abhängigkeiten Digitale Aktualisierungen lösen diese Probleme nicht automatisch. Laut der Studie bemerkte die Mehrheit der Fahrer nach einem Update keine Besserung. Stattdessen gaben knapp 14 Prozent der Befragten an, dass nach einem drahtlosen Over-the-Air-Update sogar mehr Probleme auftraten als vorher. Das liegt selten an den Updates selbst, sondern an der Natur vernetzter Systeme: Digitale Funktionen greifen eng ineinander. Eine Änderung an einer Stelle kann an ganz anderer Stelle unerwartete Folgen haben. Stürzt heute ein zentraler Bildschirm ab, betrifft das plötzlich auch Funktionen, die früher völlig unabhängig von der Software liefen. Fehler werden skalierbar Auch die Hardware folgt schon lange einer neuen Produktionslogik. Um Kosten zu senken, nutzen Hersteller identische Bauteile über viele Modellreihen und Marken hinweg. Das spart Geld, skaliert aber auch Fehler: Tritt in einem solchen Bauteil ein Fehler auf, betrifft er sofort riesige Fahrzeugbestände. Ein kleiner Mangel weitet sich so im Extremfall auf Millionen Fahrzeuge aus. Große Rückrufe der jüngsten Zeit sind deshalb kein Zufall und schon gar keine Ausnahme – im Gegenteil. Sie verdeutlichen ein Grundprinzip der modernen Produktion: Je stärker Marken auf gemeinsame Architekturen setzen, desto größer ist die Reichweite eines einzelnen Fehlers. Die neue Herausforderung für etablierte Hersteller Für traditionelle Hersteller ist dieser Wandel besonders schwierig. Sie müssen zwei völlig unterschiedliche Welten miteinander verbinden: die mechanische Fahrzeugentwicklung mit ihren langen Testzyklen und die digitale Produktwelt mit ihren kurzen Update-Zyklen. Etablierte Autobauer wie VW, Mercedes und BMW stehen deshalb vor einer gewaltigen Integrationsaufgabe. Sie müssen Software und neue Elektronik-Architekturen in historisch gewachsene Plattformen und Zulieferstrukturen integrieren. Jüngere Konkurrenten wie Tesla und die vielen chinesischen Herausforderer hatten es leichter: Sie haben ihre Fahrzeuge von Anfang an um einen Zentralcomputer herum gebaut. Für die Traditionsmarken bedeutet das nicht, dass ihre Ingenieurskunst wertlos wird. Sie müssen sie aber dringend erweitern. Denn wer Software zum Kern des Autos macht, muss auch deren Qualität beherrschen. Das Problem kommt beim Zweitbesitzer an Besonders spürbar wird diese Entwicklung nach einigen Jahren auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Denn moderne Fahrzeuge altern asymmetrisch: Karosserie und Antrieb überstehen bei guter Pflege Jahrzehnte, während die digitale Infrastruktur schon viel früher zum Problem wird. Navigationskarten erhalten keine Updates mehr, Apps verlieren ihre Kompatibilität, und veränderte Mobilfunkstandards schränken vernetzte Dienste ein. Damit wird die Technologiefrage des Herstellers zur wirtschaftlichen Frage für den Kunden. Auch Reparaturen verändern sich. Defekte Steuergeräte oder Displaymodule können teuer werden. Ersatzkomponenten müssen zudem je nach Fahrzeug und System über herstellerspezifische Diagnose- und Freischaltverfahren codiert oder angelernt werden. Für Zweit- und Drittbesitzer treibt das die Kosten in die Höhe. Es entsteht ein Paradoxon: Ein Fahrzeug kann mechanisch noch in bestem Zustand sein und verliert dennoch rasant an Attraktivität. Was Qualität künftig bedeutet Deshalb werden Autos im klassischen Sinne nicht schlechter. Die Art und Weise, wie sie altern, ist jedoch eine andere. Die Mechanik bleibt zwar die Basis. Als Kriterium für Langlebigkeit genügt sie aber nicht mehr. Für die Hersteller ergibt sich daraus eine neue Aufgabe: Sie müssen nicht mehr nur Fahrzeuge bauen, die lange fahren. Sie müssen Fahrzeuge bauen, die lange funktionieren.
