Aachen/Heerlen: Wie ein Arzt mit den täglichen Grenzkontrollen hadert
Sören Gärtner pendelt täglich von Aachen in die Niederlande. Auf dem Hinweg fährt er frei über die Grenze, auf dem Rückweg wartet oft der Stau. Sören Gärtner beendet seinen Arbeitstag im niederländischen Heerlen und macht sich auf den Heimweg nach Aachen. Der Arzt faltet seinen weißen Kittel zusammen. "Tot morgen" – bis morgen, sagt er zu seiner niederländischen Kollegin. Dann geht er durch die Eingangshalle des Zuyderland-Krankenhauses zum "parkeerplaats", wo sein Auto steht. "Eigentlich brauche ich von meiner Arbeit bis nach Hause nur 18 Minuten", sagt Gärtner. Eigentlich. Denn seit zwei Jahren kontrolliert Deutschland wieder an der Grenze. Der 58-Jährige macht seitdem an jeden Arbeitstag dieselbe Erfahrung: "Ich mache jetzt jeden Tag zweimal die ambivalente Reise, dass ich auf dem Hinweg das Schengen-System weiterhin in vollen Züge genieße und einfach durchfahre über eine Grenze, die es nicht gibt. Und abends stelle ich mich im Stau an." Dreiländereck: Pendler werden besonders hart getroffen Dabei hat Gärtner noch vergleichsweise kurze Wartezeiten. Weil er aus Heerlen und nicht aus Richtung Maastricht kommt, kann er einen großen Teil des Rückstaus umfahren. Auch an diesem Nachmittag stehen vor der deutschen Grenze wieder zahlreiche Autos. Gärtner nennt seine Parallelfahrbahn den "Seitenstreifen der Glückseligen". Erst kurz vor der Kontrolle wechselt er auf die A4 und reiht sich ein. Diesmal winken ihn Bundespolizisten nicht durch. Gärtner muss seinen Personalausweis zeigen. Rund fünf Minuten kostet ihn die Kontrolle. "Aber im Jahr sind das locker 1.000 Minuten. Ein Tag Freizeit im Jahr", sagt er. Andere Pendler warteten deutlich länger. Resolution des Stadtrats: Aachen fordert Ende der deutschen Grenzkontrollen Autobahnen bei Aachen: Niederländische Kritik an deutschen Grenzkontrollen wächst Martin Schulz: Politiker aus Aachen wird bei Grenzkontrollen deutlich Eigentlich mag der dreifache Familienvater seinen grenzüberschreitenden Alltag. Jeden Tag bewegt er sich zwischen zwei Ländern und zwei Sprachen. Für ihn ist das gelebtes Europa. Gärtner war bereits 40 Jahre alt, als er sich, wie er sagt, "in das Abenteuer Niederlande hineinstürzte". Sein Zuhause liegt auf der anderen Seite der Grenze. Gärtner wohnt in Aachen in einem Haus mit großem Garten, direkt am Dreiländereck mit den Niederlanden und Belgien. Lange spielte die Staatsgrenze auf seinem täglichen Arbeitsweg praktisch keine Rolle. Auf der A4 staut sich der Verkehr Eigentlich sollen die Grenzen innerhalb der Europäischen Union offen sein. Seit dem 16. September 2024 kontrolliert Deutschland jedoch wieder seine Grenzen. Das Bundesinnenministerium ordnete die Kontrollen an, um unerlaubte Einreisen stärker einzudämmen. Seitdem wurden sie dreimal verlängert, zuletzt bis Mitte März 2027. Die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) führte die Kontrollen ein. Ihr Nachfolger Alexander Dobrindt (CSU) weitete sie beim Amtsantritt der schwarz-roten Bundesregierung deutlich aus. Dobrindt begründet die Kontrollen mit der deutschen Migrationspolitik. Sie seien ein Signal für einen Kurswechsel und hätten ihm zufolge kriminellen Schleuserbanden einen erheblichen Schlag versetzt. An den kontrollierten Übergängen bilden sich immer wieder kilometerlange Staus. Für Aachen hat das besondere Bedeutung. Die westlichste deutsche Großstadt liegt unmittelbar an den Grenzen zu den Niederlanden und Belgien. Rund 260.000 Menschen leben hier. Im Juni forderte der Aachener Stadtrat deshalb mit großer Mehrheit ein Ende der Kontrollen. Fünf Gegenstimmen kamen von der AfD. In seiner Resolution verwies der Rat auf Aachens Rolle als europäisches Zentrum. Die Stadt sei auf offene Grenzen und reibungslose Mobilität angewiesen. Alexander Dobrindt verteidigt die Kontrollen Besonders deutlich zeigen sich die Folgen nach Einschätzung der Industrie- und Handelskammer Aachen auf der A4 aus Richtung Maastricht. Philipp Piecha, Teamleiter Standort und Infrastruktur bei der IHK Aachen, sagt: "Dort gibt es – im Vergleich zur A44 aus Belgien kommend – häufiger Rückstaus und Wartezeiten." Das betreffe nicht nur Menschen, die täglich über die Grenze zur Arbeit fahren. Piecha verweist auch auf Unternehmen, "die auf einen verlässlichen und planbaren Gütertransport über die Landesgrenzen hinweg angewiesen sind". Martin Schulz (SPD), ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments und in der Region Aachen zu Hause, bewertet die Maßnahmen anders. Er bezeichnet die Kontrollen als "pure Symbolpolitik" . Gegen flexible und stichprobenartige Kontrollen, wie es sie im Grenzgebiet immer gegeben habe, habe er nichts. Schulz kritisiert vielmehr die dauerhaften Kontrollen. "Wogegen ich bin, ist die Scheinpolitik ständiger Grenzkontrollen, weil sie sowieso nichts bringen, denn Schleuser und Drogenschmuggler wählen dann einfach eine andere Route." Martin Schulz: Grenzkontrollen bringen nichts Dass Kontrollen auch anders organisiert werden können, zeigt inzwischen die deutsch-niederländische Grenze in Niedersachsen. An der Autobahn 280 bei Bunde im ostfriesischen Landkreis Leer gibt es keine stationären Kontrollen mehr. Gleiches gilt für die Bundesstraße 402 bei Twist im Landkreis Emsland. Dort will die Bundespolizei stattdessen "verstärkt örtlich und zeitlich flexibel" kontrollieren. Gärtner hofft auf eine ähnliche Lösung für die A4 bei Aachen. Er möchte, dass die festen Kontrollen dort wieder verschwinden. "Wir haben hier in unseren Köpfen keine Grenze mehr, und all die Jahre bis 2024 war das eben auch auf der Autobahn so. Nein, ich möchte wirklich nicht, dass das ein Dauerzustand bleibt."
