Tankrabatt gegen Spritpreise: Ein persönlicher Brief an alle Autofahrer
Mit einem Tankrabatt versucht die Bundesregierung, den hohen Spritpreisen etwas entgegenzusetzen. Dabei gäbe es andere Wege und Mittel – man muss nur wollen. Liebe Twingo-Fahrerin, lieber BMW-Pilot, ein herzlicher Gruß an alle, die gern Auto fahren, und an die, die auf ihr Auto angewiesen sind! Wir müssen reden. Über die Spritpreise und die Regierung. Über den Markt und die Macht. Merz und Klingbeil und ihre Koalition werfen gerade einen neuen Tankrabatt unters Volk, das ist sicher gut gemeint, aber verdammt teuer für die Staatskasse. Und eine Lösung des Problems ist es letztlich nicht, das sagen sie sogar selbst. Merz und Klingbeil sind nicht schuld an den hohen Preisen, wir sollten nicht allen Unmut bei der Regierung abladen. Nicht mal Aral und Shell sind die Bösen in diesem Spiel. Sondern Trump, die Mullahs, die Huthis, das wissen wir doch. Auf Trump und die ganze Kriegsbagage haben wir und unsere Regierung wenig bis keinen Einfluss. Also sind wir alle ohnmächtig dem Geschehen in der Straße von Hormus ausgeliefert? Nein! Wir haben die Macht, es denen zu zeigen. Wir, also Sie und ich. Wie bitte? Ich höre schon Ihre Frage: Hat der Elder Statesman den Verstand verloren? Gehen wir die Sache mal ganz logisch an, geradezu mathematisch, keine Sorge, Grundschule Berlin reicht. Dass der Sprit nicht billig ist, daran haben wir uns gewöhnt. Zwei Euro für den Liter, da sagen die meisten, geht so gerade noch. Aber 2,35 oder 2,40, das ist einfach drüber, das fühlt sich nach übler Abzocke an. Zwischen zwei Euro und 2,40 liegen zwanzig Prozent. Kennen Sie das Deutschlandticket? Jetzt die einfache Rechnung. Wenn Sie Ihr Auto in der Woche fünfmal aus der Garage holen, könnten Sie auch auf eine Fahrt verzichten? Oder, in größerem Maßstab: Sie sind es gewohnt, 10.000 Kilometer im Jahr zu fahren, vielleicht kommen Sie in den nächsten zwölf Monaten mit 8.000 Kilometern aus? Macht in jedem Fall 20 Prozent weniger Kilometer und 20 Prozent weniger Ausgaben für E10 oder Diesel. Trump und den Mullahs würden Sie signalisieren: Euer Krieg geht mir am Allerwertesten vorbei. Sie sind Berufspendler und können nicht einfach weniger fahren? Verstehe. Aber kennen Sie das Deutschlandticket? Kostet 63 Euro im Monat; falls Ihr Arbeitgeber mitspielt, nur 44,10 Euro. Auf jeden Fall weniger als eine Tankfüllung, Sie haben freie Fahrt mit Bus und Bahn. Ich weiß, die Bahn, da klappt doch nichts. Versuchen Sie einfach mal eine Fahrt mit so einem Regionalzug, ich verspreche Ihnen, das ist weniger schlimm, als Sie denken. Meistens bequem und sauber, oft pünktlich, es sind viele Vorurteile im Umlauf. Klar, es gibt Landstriche, da hält kein Regionalzug und die nächste Straßenbahn ist 50 Kilometer entfernt, der Bus fährt viermal am Tag – keine Chance zum Umsteigen. Aber ich vermute, dass das nicht alle Pendler trifft, auch wenn die Reporter im Fernsehen immer nur diese Beispiele zeigen. Das ist wie bei der Rente mit 63 , da sind wir plötzlich ein Volk von Dachdeckern. Falls Sie wirklich keine Alternative zum Auto haben: Lässt Ihr Chef über einen Tag Homeoffice in der Woche mit sich reden? Macht 20 Prozent weniger Spritverbrauch. Geringeres Tempo, geringerer Spritverbrauch Nicht alle, aber viele von uns können selbst dafür sorgen, dass die Spritpreise ihr Haushaltsbudget nicht zusätzlich belasten. Aber das reicht aus meiner Sicht nicht. Wir sollten auch Entscheidungen gemeinsam treffen, wir alle, Sie und ich. Dafür wählen wir ein Parlament und eine Regierung. Jedes Kind weiß, dass es einen sehr direkten Zusammenhang zwischen dem Tempo, mit dem wir fahren, und dem Spritverbrauch gibt. Das wird auch im Bundestag bekannt sein. Wenn wir beschließen: Solange die Straße von Hormus blockiert ist, fahren wir auf der Autobahn höchstens 120 Stundenkilometer, dann sparen viele von uns ein wenig und wir alle zusammen eine Menge Sprit. Man nennt es Tempolimit, so etwas gibt es in fast allen anderen Ländern der Welt, nur bei uns nicht. Unsere Autolobby sagt, wir sind auf der richtigen Spur, die anderen sind die Geisterfahrer. Ich glaube das nicht. Wie wäre es, wenn wir den Effekt noch verstärkten und uns auf der Landstraße höchstens 80 statt bisher 100 genehmigen und in der Stadt höchstens 40 statt 50? Haben wir noch nie gemacht, ich weiß. Halten Sie das für ein starkes Argument? Erst einmal weg mit der Kfz-Steuer für Betriebe Das Tempolimit würde auch dem deutschen Handwerk eine kleine Entlastung bringen. Die Transporter, mit denen unsere Installateure, Schreiner und Trockenbauer unterwegs sind, heißen ja nicht nur Sprinter, die machen ihrem Namen auch alle Ehre – was die auf der linken Spur so an Benzin oder Diesel raushauen! Aber zugegeben, das kann nicht die ganze Lösung für die Profis auf den Straßen sein, weder für die Handwerker noch für die Trucker oder die Pflegekräfte, die mit ihren Kleinwagen ohnehin schon kostensparend unterwegs sind. Da müssen wir uns noch was überlegen. Wir könnten alle, die ihr Auto gewerblich nutzen, von der Kfz-Steuer befreien – so lange, bis die Spritpreiskrise behoben ist. Also eine gezielte Hilfe für den wirtschaftlichen Mittelstand . Bei den Speditionen wäre die Entlastung auch über die Lkw-Maut möglich. Ich ahne, dass die Bürokraten in Berlin antworten: Also, was Sie da vorschlagen, das geht doch gar nicht, Paragraf soundso lässt das nicht zu, das wirft dieses oder jenes neue Problem auf ... Aber wenn der Bundeskanzler und der Finanzminister ihren Beamten sagen, so oder so ähnlich wollen wir die Wirtschaft entlasten, dann finden die einen Weg. Marktwirtschaft ist es leicht zu verstehen. Weil das Öl weltweit knapp ist, steigen die Preise. Der beste Schutz vor steigenden Preisen ist, weniger zu verbrauchen. Warum spielt diese Erkenntnis in der Politik überhaupt keine Rolle? In der ersten Ölkrise 1973 verhängte die Bundesregierung unter Willy Brandt an vier Sonntagen ein Fahrverbot. Eine drastische Maßnahme, die einerseits Sprit sparte und andererseits auch dem letzten Ignoranten klarmachte: Die Lage ist ernst. Merz und Klingbeil wollen die Menschen vor dem Ernst der Lage schützen. Obwohl sie schon im Frühjahr beim ersten Tankrabatt erkannt haben, dass das zu teuer und zu wenig zielgenau war. Im Herbst wiederholen sie den Fehler. Warum? Merz und Klingbeil überzeugen wir auch noch In Berlin sind auch Leute unterwegs, die behaupten, die Lösung des Problems liege in Russland . Falls Sie das glauben, schauen Sie sich die Bilder von den Schlangen an, die in Putins Reich vor den Tankstellen um ein paar Liter Sprit betteln. Diese Leute wollen Ihnen auch einreden, dass man nur ganz auf den Verbrenner und die fossilen Energien setzen müsse, dann werde alles wieder wie früher. So viel Dummheit macht mich fassungslos. Aber ich wollte hier eigentlich nicht über die Dummen schreiben. Sondern über Sie und mich und die Macht, die wir haben, wenn jeder für sich die richtigen Entscheidungen trifft und wenn wir uns alle zusammenschließen, in einem Akt der kollektiven Vernunft. Wir könnten zeigen, dass Deutschland eine starke Gemeinschaft ist, die Probleme löst statt verschleiert. Etwas weniger fahren und etwas langsamer fahren, darüber jammern wir nicht. Denen, die wirklich Hilfe brauchen, helfen wir, dafür reicht das Geld. Sind Sie dabei? Merz und Klingbeil überzeugen wir auch noch, die sind ja guten Willens, nur etwas ängstlich. In diesem Sinne, bleiben Sie mobil, Ihr Elder Statesman
