Formel 1: Kritik nach PR-Desaster in Malaysia wird immer lauter
Das Regenrennen in Malaysia wurde zum Desaster für die Formel 1. Die Kritik an den neuen Motoren wird immer lauter. Die Probleme sind zahlreich. "Formel Farce" oder eine "völlig blamierte Formel 1": Die Schlagzeilen nach dem Formel-1-Rennen am vergangenen Wochenende in Malaysia bewiesen, was für ein Image-Desaster der WM-Lauf im Regen von Sepang für die Rennserie war. Das Rennen, das eigentlich schon im April in der Wüste von Bahrain hätte stattfinden sollen, aufgrund des Iran-Kriegs jedoch verlegt worden war, hatte erst mit über anderthalb Stunden Verspätung gestartet werden können. Grund dafür waren die starken Regenfälle in dem südostasiatischen Staat – und vor allem: Probleme an den neuen Motoren in der "Königsklasse des Motorsports". Die Software an den zu 50 Prozent elektronisch betriebenen Antriebseinheiten streikte unter den regnerischen Bedingungen. Auf der Einführungsrunde rollten zahlreiche Boliden plötzlich nur noch, einige blieben sogar komplett stehen. Erst nachdem die Verantwortlichen ein Software-Update installiert hatten, konnte das Rennen endlich gestartet werden. Es ist nicht das erste und einzige Problem mit den neuen Motoren. Die Kritik der Fahrer und Fans wird immer lauter. Stimmen zur Formel 1 in Sepang: "Peinlich" und "beispiellos" Panne bei Audi : Deutscher Formel-1-Pilot überfährt fast Mitarbeiter Rennen unter regnerischen Bedingungen sollen eigentlich zu den Highlights der Formel 1 zählen. Durch die rutschige Strecke wird der Faktor des besseren Autos nämlich in der Regel neutralisiert, in der sonst so durchtechnologisierten Formel 1 kann der Fahrer im Regen auf einmal wieder den Unterschied machen. Unfälle, Safety-Car-Phasen und schwache Teams, die sich auf einmal an der Spitze des Feldes wiederfinden: Sobald der Regen prasselt, setzen sich Formel-1-Fans aufrecht in den Sessel und verfolgen das Geschehen mit besonders großer Aufmerksamkeit – so zumindest die Theorie. In der jüngeren Vergangenheit war dies jedoch immer häufiger nicht der Fall. Immer schwerere Autos mit immer mehr Abtrieb verursachten im Regen immer mehr sogenannten Spray – also Wasser, das durch die Autos von der Strecke aufgewirbelt wird und als feiner, aber dichter Nebel in der Luft hängt. Das Problem: Genau dieser Spray beeinträchtigt die Sicht der Fahrer erheblich. In einer Formel 1, die seit dem Tod von Jules Bianchi nach einem Unfall beim regnerischen Japan-Rennen 2014 noch mehr Augenmerk auf die Sicherheit der Piloten richtet, führt das immer wieder dazu, dass Rennen bei starkem Regen unterbrochen oder gar nicht erst gestartet werden. So verzögerte sich der Start auch in Malaysia aufgrund des zu starken Regens bereits um über 40 Minuten. Als die Autos bei nachlassendem Regen dann endlich zur Aufwärmrunde losrollten, hofften die Fans schon auf ein spannendes wie chaotisches Rennen – doch dann spielte die Technik ihnen und vor allem den Fahrern einen Streich. Zunächst Pole-Setter Max Verstappen , dann auch die Ferraris um Lewis Hamilton und Charles Leclerc sowie andere mit Ferrari-Motoren betriebene Autos wie etwa der Cadillac von Sergio Pérez rollten plötzlich nur noch mit kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit über die Strecke. Einzelne – wie Hamilton – mussten sogar gänzlich anhalten und ihr Auto neu starten, bevor sie weiterfahren konnten. Software-Fehler legt die Autos lahm Die Reihenfolge der Autos geriet völlig durcheinander, teilweise rollten mehrere Boliden nebeneinander her. Um das Chaos neu zu ordnen, entschloss sich die Rennleitung, das Startprozedere abzubrechen. Alle Fahrer kehrten in die Boxengasse zurück – und die Fans mussten weiter ausharren. Erst mit insgesamt rund anderthalb Stunden Verspätung konnte das Rennen endlich starten. Doch warum genau konnten die Autos plötzlich kein Gas geben? Der Weltverband Fia erklärte sich nach dem Rennen – und gab dabei einen Einblick, wie hochgradig komplex die aktuellen Motoren sind. "Eine Kombination aus niedriger Drehzahl, geringer Haftung, Einstellungen für das Energiemanagement bei Regen und der Sektorkonfiguration der Strecke" hätten die Ausfälle bewirkt. Die Power aus der Batterie wird nämlich von einer Software gesteuert, die autonom funktioniert. Wie viel der elektrischen Energie abgegeben wird, variiert je nachdem, an welcher Stelle der Strecke sich das Auto befindet. Bei Nässe sei die Software nochmal anders eingestellt, um aus Sicherheitsgründen die Leistung in gewissen Bereichen zu reduzieren, erklärte die Fia. So soll verhindert werden, dass der Motor bei rutschiger Strecke plötzlich zu viel Energie abgibt und der Fahrer dadurch die Kontrolle über sein Auto verliert. Einige Autos seien auf der Einführungsrunde jedoch so langsam gefahren, dass das die Software durcheinandergebracht habe. So hätten sie dann nicht mehr richtig beschleunigen können. Während die Autos in der Boxengasse standen, sei dann ein Software-Update an die Teams ausgespielt worden, das den Fehler behoben habe. Zwar konnte das Rennen im Anschluss ohne weitere Probleme stattfinden, doch die Kritik ist seither dennoch weiter gewachsen. Grundtenor: Die Technik der neuen Motoren ist mittlerweile so kompliziert, dass nicht mal die Macher sie verstehen. Die Probleme seien ihnen über den Kopf gewachsen. Kritik schon seit Saisonbeginn Schon seit Saisonbeginn gab es von den Fahrern immer wieder Kritik an der neuen Motorengeneration. Dabei handelt sich vor allem um Frustration, die das Energiemanagement betrifft. So ist das Batterievolumen der Motoren nicht ausreichend, um während einer Runde Konstant am Limit zu fahren. Immer wieder müssen die Fahrer verfrüht vom Gas, um die Batterie zu laden. Gerade im Qualifying, wo die Piloten die Autos am absoluten Limit bewegen sollen, um auch noch die letzte Tausendstelsekunde schneller zu sein, verhinderten die neuen Motoren genau das. Die Fahrer sind dadurch gezwungen, deutlich langsamer zu fahren, als es ihnen eigentlich möglich wäre. Entsprechend können sie selbst nicht mehr den Unterschied machen. "Selbst unser Koch kann das Auto mit dieser Geschwindigkeit fahren", beklagte etwa der zweifache Weltmeister Fernando Alonso . Die Fahrer störten sich zudem am Racing mit den neuen Motoren. Ferrari-Pilot Charles Leclerc verhöhnte etwa die zahlreichen Überholmanöver, die durch einen Elektro-Boost, den die Fahrer im Rennen in Zweikämpfen verwenden dürfen, ermöglicht werden. Für ihn haben die Manöver einen Charakter wie im Videospiel "Mario Kart", wo die Spieler mit einem "Turbo-Pilz" ebenfalls per Knopfdruck an ihren Konkurrenten vorbeiziehen können. Überholen hängt in den Augen der Kritiker nicht mehr so sehr vom fahrerischen Können ab, sondern nur noch von der Batterie. "Du boostest vorbei, dann geht dir auf der nächsten Geraden die Batterie aus und sie boosten wieder an dir vorbei", hatte auch schon Verstappen gemeckert. "Für mich ist das einfach ein Witz", so der Niederländer. Die Bedenken gegen die Elektromotoren gingen sogar so weit, dass die Sicherheit infrage gestellt wurde. Die Piloten befürchteten heftige Auffahrunfälle auf der Strecke. Weltmeister Lando Norris warnte etwa, durch unterschiedliche Batterieladung und den Überholboost könne es auf der Strecke zu Geschwindigkeitsunterschieden von bis zu 50 Kilometern pro Stunde kommen. "Es ist Chaos", sagte Norris nach dem Rennen in Australien: "Wir werden einen großen Unfall haben." Die Fahrer könnten "nur darauf warten, dass etwas passiert und etwas furchtbar schiefgeht, und das ist keine angenehme Situation". Befürchtungen wurden wahr Beim Großen Preis von Japan bewahrheiteten sich die Befürchtungen dann, als Haas-Pilot Oliver Bearman mit hohem Geschwindigkeitsüberschuss gerade noch dem vor ihm liegenden Franco Colapinto im Alpine ausweichen konnte, durch das Manöver aber die Kontrolle verlor und hart in die Streckenbegrenzung einschlug. Dabei zog er sich eine Knieprellung zu. Die Formel 1 war immer wieder zum Reagieren gezwungen, fand für einige der Probleme immerhin auch Lösungen durch kleinere technologische Anpassungen. So auch für das Problem in Malaysia: Unter der Woche teilte die Fia mit, dass beim kommenden Rennen in Singapur, wo wieder Regen erwartet wird, das Software-Update aus Malaysia ein weiteres Mal zum Einsatz kommen soll. Zudem werde für den folgenden Grand Prix Ende Oktober im US-amerikanischen Austin "ein weiteres Update der Regenwetter-Software veröffentlicht". Dennoch sahen sich die Verantwortlichen der Rennserie bereits in der Vergangenheit gezwungen, einzugestehen, dass sie es mit der Elektrifizierung der Motoren wohl übertrieben hatten. Schon zur kommenden Saison soll das Verhältnis zwischen Verbrenner und Elektromotor deshalb wieder angepasst werden. 60 Prozent der Leistung sollen dann vom Verbrenner kommen, nur noch 40 Prozent aus der Batterie. "Sollten dieses elektronische Zeug nicht im Auto haben" Das Rennen in Malaysia bewies aber einmal mehr, dass der Formel 1 mit den neuen Motoren immer wieder neue Probleme zu drohen scheinen, die keiner kommen sieht. Die Ungeduld der Fahrer und auch der Fans nimmt deshalb zu. Weltmeister Norris bezeichnete den Sonntag in Sepang etwa als "furchtbar, es beweist einfach, dass wir dieses elektronische Zeug nicht im Auto haben sollten". Laut Carlos Sainz sollte die Formel 1 "ganz genau in den Spiegel schauen und sich fragen, wie wir an diesen Punkt gelangt sind. Wer hat entschieden, dass dies die richtige Richtung für den Sport ist?" Nicht umsonst wird für die kommenden umfassenden Regeländerungen 2030 bereits eine vollständige Rückkehr zum Verbrenner diskutiert. Dieser soll dann, wie bereits der Verbrennerteil der aktuellen Motorengeneration, vollständig mit nachhaltigen Kraftstoffen betrieben werden. Vorerst muss die Formel 1 jedoch hoffen, dass die laut Fia-Angaben improvisierte und temporäre Lösung für das Motorenproblem aus Malaysia auch in Singapur funktioniert. Ansonsten droht ihr das nächste PR-Desaster.
