Nicht weit von Aachen: Wie Desiré Wilson Formel-1-Geschichte schrieb
Im belgischen Zolder, eine Autostunde von Aachen entfernt, überrascht eine junge Südafrikanerin 1977 ihre männlichen Konkurrenten. Drei Jahre später schreibt sie Formel-1-Geschichte. Es regnet auf der Rennstrecke von Zolder in Belgien. Die Fahrbahn ist nass, die Sicht schlecht. Elf Fahrer stehen auf den Startplätzen vor Desiré Wilson, als sie sich auf ihr erstes Rennen in Europa vorbereitet. Die 23-jährige Südafrikanerin hat noch nie ein Rennen im Regen bestritten. Außerdem kennt sie die Strecke kaum. Und sie weiß, dass sie sich als südafrikanischer "Underdog" in dem von europäischen Männern dominierten Sport einen Misserfolg eigentlich nicht leisten kann. Was dann passiert, wird zum ersten Kapitel einer wirklich außergewöhnlichen Motorsportkarriere. Wilson arbeitet sich von Startplatz zwölf bis auf den dritten Rang vor. Sie liefert sich harte Duelle mit ihren männlichen Konkurrenten, fährt die schnellste Rennrunde und steigt schließlich aufs Siegerpodest. Als sie ihren Helm abnimmt, erlebt der belgische Streckensprecher eine Überraschung. Der Fahrer "Wilson", dessen Aufholjagd er zuvor ganz begeistert kommentiert hat, ist eine Frau. An den verblüfften Ausruf "Wilson ist eine Frau!", sagt Desiré Wilson in Interviews, erinnere sich sich noch heute. Auf dem Circuit Zolder, der Motorsport-Rennstrecke bei Hasselt, rund eine Autostunde von Aachen entfernt, hat Desiré Wilson 1977 ihren ersten großen Auftritt im europäischen Motorsport erlebt. Drei Jahre später wird sie als erste und bis heute einzige Frau ein Rennen im Formel-1-Wagen gewinnen. Doch der Weg dorthin ist steinig, denn Männer entschieden in dem Sport über alles: Startplätze, Sponsoren und Karrieren. Mit fünf Jahren sitzt sie zum ersten Mal im Rennwagen Desiré Wilson kommt 1953 als Desiré Randall in Brakpan bei Johannesburg zur Welt. Ihr Vater Charles ist südafrikanischer Motorradmeister. Schon als kleines Mädchen verbringt sie viel Zeit in seiner Werkstatt. Mit fünf Jahren setzt sie sich dann zum ersten Mal selbst ans Steuer. Ihr Vater lässt sie sogenannte Micro-Midgets fahren, winzige Rennwagen für unbefestigte Ovalstrecken. Die Fahrzeuge erreichen Geschwindigkeiten von fast 100 Kilometern pro Stunde. Wilson ist meistens das jüngste und kleinste Kind im Feld. Ihre Gegner sind fast ausschließlich Jungs, manche doppelt so alt, viele fast doppelt so groß wie sie. Trotzdem gewinnt sie regelmäßig. Weil sie sich schon als Kind nicht gern übergehen lässt, bekommt sie ihren Spitznamen "Boots", auf Deutsch "Stiefel". Denn wenn Erwachsene über ihren Kopf hinwegreden, tritt sie ihnen gegen das Schienbein, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Mit acht Jahren stellt sie auf einer Rennstrecke in Benoni einen Rundenrekord auf. Mit zwölf verpasst sie die südafrikanische Meisterschaft der Micro-Midgets nur knapp. Danach unterbricht sie ihre Motorsportkarriere für kurze Zeit, versucht sich im Reitsport, später in der Leichtathletik. Drei Stunden täglich trainiert sie nach der Schule. Mit 18 Jahren kehrt sie zum Motorsport zurück. Ihr Vater organisiert ihr einen Formel-V-Rennwagen. Vor ihrer ersten Fahrt zeigt er ihr die wichtigsten Bedienelemente und teilt ihr den Streckenrekord des bisherigen Besitzers mit, um sie anzuspornen. Wilson, die bisher weder das Auto noch die Strecke kennt, fährt auf Anhieb schneller als der bisherige Besitzer des Wagens. Dieses Mal bleibt sie beim Motorsport: 1974 wird sie mit einem von ihrem Vater gebauten Auto südafrikanische Vizemeisterin in der Formel V. Desiré Wilson fuhr schneller als ihr Mann Alan Wilson Ein Jahr später lernt sie den Rennfahrer Alan Wilson kennen. Die beiden heiraten. Zunächst treten sie gegeneinander an. Doch bald zeigt sich, dass Desiré schneller ist als ihr Mann. Alan Wilson beendet daraufhin seine eigene Karriere, verkauft seinen Rennwagen und investiert das Geld in ein besseres Auto für seine Frau. 1976 gewinnt Desiré Wilson mit diesem besseren Auto dann die südafrikanische Formel-Ford-Meisterschaft. Als Auszeichnung erhält sie den "Driver-to-Europe Award", der Nachwuchsfahrern den Einstieg in den europäischen Motorsport ermöglichen soll. Der Preis besteht allerdings nur aus zwei Flugtickets nach London und einem kleinen Geldbetrag. Die Wilsons verkaufen ihren Besitz und verlassen Südafrika. In Europa fehlte der jungen Sportlerin Geld In Europa hat allerdings niemand auf die junge Rennfahrerin gewartet. Hier hat sie sich noch keinen Ruf erarbeitet und noch kein Rennen gewonnen. Bei verschiedenen Rennwagenherstellern fragt das Ehepaar deshalb nach Unterstützung. Die Antwort war immer gleich: Wie viel Geld können Sie mitbringen? Hilfe finden die beiden schließlich in den Niederlanden. Der Rennwagenhändler Huub Vermeulen leiht dem Ehepaar ein Formel-Ford-2000-Fahrzeug. Im Gegenzug arbeiten beide für ihn. Desiré bespannt Tennisschläger und ihr Mann Alan lackiert sie. Nur am Wochenende fährt die Sportlerin Rennen. Durch Vermeulen kommt Wilson dann auch nach Zolder. Ihr dritter Platz beim ersten europäischen Auftritt zeigt, dass sie auch gegen erfahrene Konkurrenten in Europa bestehen kann. Doch Geld verdient sie immer noch kaum welches. Zurück nach Hause: Trotz aller Erfolge fehlt das Geld zum Leben Mitte der Saison 1977 ist das Geld dann beinahe aufgebraucht. Wilson und ihr Mann Alan können sich nur noch alle drei Tage eine richtige Mahlzeit leisten. Die übrige Zeit ernähren sie sich von kleinen Snacks. Am Ende ihrer ersten europäischen Saison stehen 26 Rennen, zwei Siege und vier Rundenrekorde. Geld haben die Wilsons trotzdem keines mehr. Deshalb sieht sich das Ehepaar gezwungen, zunächst in die Heimat zurückzukehren. Dort erreicht sie eine Einladung aus England. John Webb, Betreiber der Rennstrecke Brands Hatch, hat ihre Leistungen in Europa und Belgien bemerkt und will sie bei einem Rennen extra für Frauen starten lassen. Wilson gewinnt und erhält anschließend durch Webbs Unterstützung die Möglichkeit, mit ihrem Mann nach Großbritannien zu ziehen. Dort öffnet sich für sie endlich eine Tür, die lange verschlossen schien: Webb verschafft ihr ein Cockpit in der britischen Aurora-Serie, einer Meisterschaft, in der echte Formel-1-Wagen eingesetzt wurden. In Brands Hatch gelingt ihr der historische Sieg Am 7. April 1980 sitzt die inzwischen 26-Jährige auf der Rennstrecke Brands Hatch in einem Wolf WR4. Vor ihr liegt eines der wichtigsten Rennen ihrer Karriere. Wilson startet von Platz zwei und hat ein ungewöhnlich gutes Gefühl. Später erzählt sie der BBC, es gebe im Leben eines Rennfahrers vielleicht zehn Momente, in denen man schon vor dem Start wisse, dass einen an diesem Tag niemand schlagen könne. Damals sei es genauso gewesen. Sie hat sich vorgenommen, bereits in der ersten Kurve die Führung zu übernehmen. Tatsächlich gelingt ihr das, doch hinter ihr kommt es zu einem Unfall. Das Rennen muss abgebrochen und neu gestartet werden. Wilson ärgert sich, schließlich ist ihr Plan perfekt aufgegangen. Doch auch beim zweiten Start setzt sie sich sofort an die Spitze und bleibt dort. Runde um Runde baut sie ihren Vorsprung aus, bis sie schließlich als Erste die Ziellinie überquert. Auch die schnellste Rennrunde ging an sie. Desiré Wilson ist damit die erste und bis heute einzige Frau, die ein Rennen mit Formel-1-Wagen gewinnt: Über den Sieg sagt sie der BBC: "Aufs Podium zu steigen war das unglaublichste Gefühl, das ich je in meinem Leben hatte. Und die Zuschauer waren völlig aus dem Häuschen, weil sie vermutlich noch nie eine Frau irgendein Formel-1-Rennen hatten gewinnen sehen."
