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Nobelpreisträger Aghion: "Wir sollten mit den Chinesen verhandeln"

In Deutschland ist es zum dominierenden Thema der Politik geworden: Wie erzielen wir wieder mehr Wachstum? Der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2025, Philippe Aghion, hat einige Ideen – und fordert radikale Veränderungen. Wenn man Wirtschaftswissenschaftler fragt, warum die Wirtschaft in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern stagniert, dann haben sie oft eine Variation derselben Antwort: Deutschland ist träge, die EU zu langsam, zu bürokratisch – kurzum, nicht innovativ genug. Einer, der sich damit besonders gut auskennt, ist der französische Ökonom Philippe Aghion. Vor fast genau einem Jahr hat er, gemeinsam mit Kollegen, den Wirtschaftsnobelpreis erhalten . Sein Forschungsthema: Warum man nur durch ständige Innovation zu dauerhaftem Wachstum kommt – und wie man dafür sorgt, dass alte den neuen Technologien Platz machen. Aghion war in der vergangenen Woche Hauptredner beim Leaders Collaboration Forum der BMW Foundation. t-online hat ihn dort fragen können, wie Deutschland und Europa wieder zur neuen Stärke finden können. Philippe Aghion, woran denken Sie, wenn Sie an Deutschland denken? Als Erstes denke ich an Karl Lagerfeld. (lacht) Wegen Ihrer Mutter, der Gründerin des Designerlabels Chloé, die Lagerfeld gefördert hat? Ja. Jede Biografie über Karl handelt auch von meiner Mutter, denn sie waren füreinander ungemein wichtig. Eine Biografie über Karl ohne meine Mutter kann man direkt wegwerfen. Ihre Beziehung war etwas ganz Besonderes. Karl brachte meiner Mutter seine Ideen, und sie sagte ihm dann: "Ich werde Ihren schlechten deutschen Geschmack in guten Geschmack verwandeln." Schlechten deutschen Geschmack – das verbinden Sie mit Deutschland? Ja! (lacht) Ich mache ein bisschen Spaß. Ich hoffe, Ihre Leser werden den Spaß verstehen. Die Franzosen hatten ohne meine Mutter und Karl Lagerfeld auch schlechten Geschmack. Wir wollten eigentlich nicht über Mode sprechen. Vergangenes Jahr haben Sie schließlich den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gewonnen. Wie war es, diesen Anruf zu bekommen? Ich war total überrascht. Im Jahr zuvor hatten sie den Preis für ein verwandtes Thema vergeben, nämlich Institutionen. Ich dachte, dass ich den Preis, falls ich ihn überhaupt jemals bekommen würde, erst in ferner Zukunft erhalten würde. Ich dachte nicht, dass es nie passieren würde. Ich war mir aber völlig sicher, dass es 2025 nicht passieren würde. Und dann kam doch der Anruf. Um 10.30 Uhr meiner Zeit klingelte das Telefon, und ich war überwältigt. Man kann das in der Pressekonferenz sehen, da haben sie mich aus Schweden dazugeschaltet. Da sage ich die ganze Zeit: "Ich bin sprachlos, ich bin sprachlos." Aber ich rede natürlich auch ununterbrochen. Später sagten sie zu mir: "Sie sind der gesprächigste Sprachlose, den wir je kennengelernt haben." Und wie waren die Reaktionen weltweit, bei Ihren Kollegen? Natürlich waren die meisten Reaktionen positiv. Ich habe nur einen sehr gemeinen Kommentar von einem Anhänger der Linksextremisten in Frankreich bekommen. Was war seine Kritik? Ich bin ein gemäßigter Linker, und es gibt für die Linksextremisten nichts Schlimmeres. Er war ein Anhänger von Jean-Luc Mélenchon, den ich für eine große Gefahr für Frankreich halte. Er ist, so deutlich muss man werden, ein Antisemit. Und ein Autokrat. Einer der Gründe, warum extreme Positionen wie die von Mélenchon so beliebt sind, ist das schwache Wirtschaftswachstum in unseren Ländern. Was das Problem in Europa? Es gibt zwei Wege zu wachsen. Man kann durch Aufholen wachsen oder durch Innovation. Zwischen 1945 und den späten 1980er-Jahren wuchs Europa insgesamt vor allem durch Aufholen. Wir haben unseren Kapitalstock wieder aufgebaut, der im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Doch dann kam Ende der 1980er-Jahre die IT-Revolution in den USA . Die USA gingen von Mitteltechnologie zu Hochtechnologie über. Europa blieb in der Mitteltechnologie stecken: Wir bauen bis heute vor allem Waschmaschinen und deutsche Autos, gehen aber nicht zu hochtechnologischen Durchbrüchen, wie KI oder Chiptechnologie, über. Warum ist es uns nicht gelungen? Wir haben unsere Politik nicht darauf ausgerichtet, Durchbruchsinnovatoren zu werden. Was braucht es dafür? Erstens muss Scheitern in unserer Kultur erlaubt sein. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Frankreich ist Scheitern nicht erlaubt. Man darf niemals scheitern. In den USA dagegen wird Scheitern sogar gefördert. Wenn man scheitert, dann, weil man es versucht hat. Und für Durchbruchsinnovation muss man große Risiken eingehen und dann auch mal scheitern können. Man braucht also eine Kultur und ein Ökosystem, das Scheitern fördert und nicht schon in der Schule bestraft. Was braucht es noch? Man braucht langfristige Finanzierung für Forschung. Für Start-ups braucht man Risikokapital . Und bei größeren Unternehmen braucht man Pensionsfonds, Investmentfonds – sogenannte institutionelle Investoren –, die die Risikobereitschaft größerer Unternehmen fördern. Dieses Ökosystem haben wir in Europa nicht. Ein Vorbild für uns sollte die Darpa sein, die Defense Advanced Research Projects Agency, eine Forschungs- und Entwicklungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums. Was meinen Sie damit? Die Darpa hatte in den 1950er-Jahren in den USA den Auftrag, innerhalb von zwei Jahren einen Mann auf den Mond zu bringen – um gegen die Sowjetunion ein Zeichen zu setzen. Die USA haben viel Geld in die Darpa gesteckt, den Wissenschaftlern und Ingenieuren aber viel Freiheit gelassen, was sie mit dem Geld machen. Ziel war es einfach, die eine Mission zu erfüllen. Das war eine große Quelle der Innovation. Viele Innovationen in den USA – das Internet, autonome Navigation, um zwei Beispiele zu nennen – kamen aus der Darpa hervor. So etwas gab es bei uns in Europa nie, weil wir im Namen der Wettbewerbspolitik jede Industriepolitik ausgeschlossen haben. Das war ein riesiger Fehler. Und leider glaube ich auch nicht, dass die EU jemals so etwas erschaffen wird. Warum nicht? Ich glaube nicht wirklich an die EU. Wie meinen Sie das? Ich sage nicht, dass wir die EU abschaffen sollten, aber Innovation wird nicht aus Brüssel kommen. Das sind Bürokraten. Was wir brauchen, ist eine Koalition der Willigen – ähnlich wie es sie schon für die Verteidigung der Ukraine gibt – also Länder, die gemeinsam etwas für unser innovatives Wachstum tun wollen. Und der Mann, der das versteht, ist Mark Carney, der kanadische Premierminister. Sie beziehen sich auf seine Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, als er die "Mittelmächte" zur Zusammenarbeit aufrief? Richtig, Mark Carney sagte: Wir sind eine Gruppe mittelgroßer entwickelter Länder – Kanada , Großbritannien , die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Australien , die Ukraine. Wir teilen dieselben Werte, wir glauben an Freiheit, wir glauben an Demokratie, wir glauben an den Sozialstaat, wir glauben an Umweltschutz. Diese Gruppe sollte gemeinsam eine Darpa-ähnliche Einrichtung schaffen, mit integrierten Technologiemärkten, gemeinsamen institutionellen Investoren. Wir könnten gemeinsam eine langfristige Forschungsfinanzierung aufbauen und dann mit den Mächten USA und China verhandeln, wann immer es für uns vorteilhaft ist. Wir sind aber der Kern, wir sind wir selbst. Das ist meine Vision. Das klingt ein bisschen wie die EU, wie sie mal gedacht war. Die EU ist zu langsam geworden. Sie muss etwas Neues werden. Sie haben den Nobelpreis für Ihre Theorie der "schöpferischen Zerstörung" gewonnen. Am Donnerstag haben sich Emmanuel Macron und Friedrich Merz darauf geeinigt, das Verbrenner-Aus noch weiter aufzuweichen. Versuchen die beiden damit, eine alte Technologie zu schützen, die nicht mehr zu retten ist – also deren Zerstörung zu verhindern? Ja, aber es wird nichts bringen. Der Schutz wird nicht lange anhalten. Er gibt den Autobauern nur etwas Luft zum Atmen. Aber was man tun sollte, ist, zur nächsten Stufe überzugehen. Ich glaube, wir sollten mit den Chinesen verhandeln . Sie haben sehr gute Elektroautos, sie brauchen aber einen Markt. Wir können ihnen einen Markt geben – aber nur, wenn in Europa die Autos hergestellt werden, und zwar mit europäischen Arbeitern. Im Gegenzug geben sie uns die Technologie. Und wenn China das ablehnt? Dann spielen wir hart und drohen mit Zöllen. Protektionismus sollte man als Drohung einsetzen. Nach dem, was Trump mit Putin gegen die Ukraine gemacht hat , müssen wir jetzt auch niemanden mehr um Erlaubnis bitten. Wir tun, was wir wollen – und müssen mit den Chinesen und den Amerikanern hart sein. Sie sprechen viel über die Kraft der Innovation, aber nicht über die Folgen – den Verlust von Arbeitsplätzen. In Deutschland sehen wir gerade, was dieser in der Autobranche bedeutet. Deshalb braucht man eine starke Arbeitsmarktpolitik. Ein gutes Beispiel ist das dänische Modell der Flexicurity: Wenn man in Dänemark seinen Job verliert, bekommt man zwei Jahre lang 90 Prozent seines alten Gehalts. Der Staat bildet einen weiter und hilft einem, einen neuen Job zu finden. Ich glaube, dass wir das überall brauchen – gerade wegen der KI, die Arbeitsplätze zerstören, aber auch neue schaffen wird. Sollte man die KI regulieren? Ja, aber nicht zu viel. Denn sonst verhindert man wieder Innovation. Und wir brauchen diese Innovation, wir brauchen KI. Glauben Sie, dass KI in der Schule eine Rolle spielen muss? Auf keinen Fall! Im Gegenteil: Tablets, Computer und Smartphones haben in der Schule nichts zu suchen . Nein, nein, nein – nicht in der Schule. Das ist eine sehr starke Reaktion. Ich weiß, das klingt reaktionär, aber tatsächlich ist es sehr progressiv, denn so kann jedes Kind aus jeder Familie in der Schule lernen, wie man lernt. Um zu wissen, wie man ein Problem angeht, muss man lernen, zu lernen. Kinder sollten Bücher haben, Papierbücher. Sie sollten lernen, ein Buch von A bis Z zu lesen und sich auf das Lesen eines Buches zu konzentrieren. Sie sollten das Lesen und Schreiben lernen, Grammatik lernen, Schreibfehler vermeiden. Sie müssen lernen, sich auf eine Rechnung ohne KI zu konzentrieren, einen Satz ohne KI zu beweisen. Auch das ist wichtig, um kluge Köpfe zu haben, die später innovatives Denken haben. Wir haben viel über die Probleme in der EU, in unseren Ländern gesprochen. Wo sind wir stark? Wir haben sehr gute Assets: Wir haben viel Geld, wir haben schlaue Köpfe und gute Bildungssysteme, wir haben Sozialsysteme, die die Schwächsten schützen, und wir haben billige Energie – zumindest, wenn man Atomkraft hat. Sie wissen: Die Deutschen sind keine Fans von Kernenergie. Ein riesiger Fehler, Deutschland sollte den Atomausstieg aufgeben . Ihr solltet Kernkraftwerke haben – neben erneuerbaren Energien, natürlich. Es gibt keine Erdbeben in Deutschland, es besteht keine Gefahr. Es wäre jetzt sehr teuer, neue AKW zu bauen. Der Bau wäre teuer, aber danach wird es viel billiger. Ihr könnt es euch leisten, dafür solltet ihr euer Sondervermögen nutzen. Das sollte Teil des Wiederaufbaus der Infrastruktur sein. Die Deutschen wären sicher nicht begeistert von der Idee, dafür Schulden aufzunehmen. Wer öffentliche Schulden senkt, erhöht die Last für die kommenden Generationen. Man sollte öffentliche Schulden und die Umweltschulden gemeinsam betrachten. Die Zukunft ist das, was Sie aus den öffentlichen Schulden machen. Wenn man öffentliche Schulden für Investitionen nutzt, bringt das morgen mehr Wachstum. Wenn ihr keine Kernkraftwerke baut, müssen künftige Generationen die Investition später tätigen. Das gilt ganz grundsätzlich für alle Investitionen in die Energiewende: Wer sie verzögert, macht es für spätere Generationen teurer. So sollten Sie darüber nachdenken. In Europa stecken wir seit mehreren Jahren in einer Krise. Stimmen Sie der Theorie zu, dass Krise zur Neuerfindung führt? Ja, aber ich stimme nicht zu, dass es eine echte Krise gibt. Sondern? Wir befinden uns in einer Phase niedrigen Wachstums. Es ist nicht dasselbe wie die globale Finanzkrise, bei der man wirklich ein Problem hatte. Wir haben nur langsames Wachstum, weil wir nicht genug innovieren. Um das zu überwinden, müssen wir tun, was die Chinesen tun: klug investieren, eine gezielte Industriepolitik betreiben, die innovations- und wettbewerbsfreundlich ist. Das brauchen wir. Wir haben auch alle Zutaten. Wir können es. Herr Aghion, vielen Dank für das Gespräch!